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Einer bläst die Hirtenflöte

Victor Auburtin: Einer bläst die Hirtenflöte - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
authorVictor Auburtin
titleEiner bläst die Hirtenflöte
publisherHans von Hugo Verlag
editorWilmont Haacke
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070719
projectidbc5cee8a
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Der Schneeberg

Wenn im Dezember der Schnee vom Himmel rieselt, weicher, flockiger Schnee, der nicht schmilzt, sondern liegenbleibt ... wenn im Dezember der Schnee vom Himmel fällt, so wird er auf meinem Hofe zusammengefegt, wie das in der Ordnung ist. Und es kommt ein großer kristallener Berg zusammen, der gerade in der Mitte des Hofes steht und über den sich jeder Mensch freut. Und dieser Berg steht auch gerade mitten drauf auf dem Wege, den ich täglich viermal über den Hof hin und her zu machen habe. Denn ich wohne, wie sich das für einen stillen und nachdenklichen Mann versteht, im Hinterhause rechts vier Treppen.

Gehe ich also über den winterlichen Hof auf mein Hinterhaus zu, so mache ich einen kleinen Bogen um den weißen Berg herum. Und ist es Nacht, und ich kann den Berg nicht sehen, so mache ich trotzdem meinen kleinen Bogen ganz schlau und richtig gerade da, wo er gemacht werden muß; und noch nie bin ich etwa täppisch in den Berg hineingerannt.

Nun geht aber der Winter im März zu Ende, und mit ihm wird der Berg klein und kleiner. Und wenn im Garten draußen die Schwarzdrossel sechsmal gepfiffen hat, ist er Gott sei Dank endlich wieder weg, der graue, schmutzige Berg aus altem Dezemberschnee. Aber das Sonderbare ist nun: ich mache meinen Bogen immer weiter, genau so, als ob der Schneeberg noch da wäre. Ich wundere mich selbst darüber und ärgere mich nicht wenig, daß der Mensch so dumm ist und ein solches Gewohnheitstier, ... aber es hilft alles nichts. Bin ich über den Hof hinweg, so merke ich, daß ich wieder den Bogen gemacht habe, als sei das ganze Jahr Winter, und als gäbe es einen Frühling nun schon gar nicht mehr.

Wenn der Flieder blüht, wenn es vor Sommerhitze nicht mehr auszuhalten ist, wenn die Kirschen rot im Baume reifen ... Das ist mir alles gleich. Ich mache meinen Bogen um den Schnee herum, der nun wer weiß wo ist, der aber in meinem kalten Herzen immer da bleibt das ganze Jahr. Und das dauert so lange, bis allmählich ein neuer Winter herangedunkelt ist und der Portier auf dem Hofe wieder antritt mit seinen dicken Handschuhen und mit seiner großen Schneeschippe. Dann steht ein frischer Kristallberg da aus dem Schnee des jungen Dezember, und wenn ich nun meinen Bogen mache, so ist endlich wieder alles in Ordnung. Und dann freue ich mich, daß wieder einmal ein aufrechter Mann recht behalten hat; trotz der Schwarzdrossel, der Fliederblüte und der roten Kirschen, die allesamt keine Ahnung von der Welt haben.

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