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Eine zärtliche Seele

Helene Böhlau: Eine zärtliche Seele - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine zärtliche Seele
authorHelene Böhlau
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleEine zärtliche Seele
pages247
created20140429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Gaki war während Dorettchens kurzer schwerer Krankheit Doktor Hönigsmanns rechte Hand geblieben.

»Bleiben Sie mir mit der Gefühlswurst Dada vom Leibe!« hatte er gesagt, zu Gakis großer Befriedigung. Gaki hatte es auch durchaus für ihre Pflicht gehalten, Doktor Hönigsmann ihre Meinung über Dorettchen würdig und außerordentlich schonend mitzuteilen, so schonend, daß es Gaki fast schlecht dabei geworden war, denn sie liebte ehrliche Deutlichkeit in den Mitteilungen über die lieben Nächsten. Es war gar nicht leicht gewesen.

Gaki verzieh Dorettchen die Schönheit nicht, der Krankheit und Leid nichts anhaben konnte. Und wenn der törichte Mann, der Kantioler, ganz verzückt vor dem Krankenbett stand und in der Freude seines Herzens, daß es mit seinem Kinde wieder aufwärts ging, »Hoheit! – meine liebe Hoheit!« sagte, so hätte er es nicht andächtiger und ehrfurchtsvoller tun können, wenn er am Krankenlager einer gekrönten Hoheit, mit allen Verbriefungen und Stammbäumen, gestanden hätte.

165 Und der Ratz lächelte dann, als ob sie nur dem törichten Mann zuliebe lächelte und dies Lächeln erst abgrundtief herholen mußte. Gaki hätte ihr grad eine 'neinhauen können.

Und gar Hans Luft, der Esel! Sie waren wie losgelassen, die beiden, einer hergelaufenen Gitsch halber. Auch mit dem von ihr so sehr verehrten Doktor war sie nicht zufrieden. Er, der sie, die gestandene ehrenwerte Jungfrau, so erheblich auszeichnete, der Dadas Gansigkeit sofort klar erkannt hatte, tat es hie und da – nun ja, wie sich's gehört bei feinen Leuten, meinte Gaki – fast ein klein wenig den beiden Narren gleich – auch etwas auerhahnig – freilich nicht zu vergleichen mit ihrem elenden Gebalz.

Und um den Groschen vollzumachen, mit Gaki zu reden, kam auch noch die Frau Geheime Rätin von Hönigsmann und machte der kranken Gitsch ihre Aufwartung.

Auch Onkel Kantioler war erstaunt, als er die Fledermaus am Bette seines Kindes sitzen sah. Etwas gefiel ihm dabei nicht, doch war er sich's nicht klar. So ein Fledermäuschen ist eben etwas Seltsames. Er dachte an die breite, düstere Stube, an das sonderbare Bild und das ganze Geflatter. Sein Erlebnis in dem alten Haus war ihm aus dem Gedächtnis gekommen. Jetzt stand es wieder vor ihm.

Das Fledermäuschen hatte einen ordentlichen Hut auf, keine grauen, großen Ohren; auch das Flügelmäntelchen 166 hatte es mitsamt allen Sorgen und Sonderbarkeiten daheimgelassen. Das zerknitterte Elfengesichtlein sah menschlicher aus, weil die Ohren nicht darüber schwankten, der Zahnbund fehlte und die Edelsteinaugen hatten etwas Zärtliches, als blickten sie in eine Wiege. Sie sahen da etwas Junges, Hilfloses liegen.

Da wurde Onkel Kantioler die Fledermaus begreiflicher. Ein zartes Muttertier. Hätte die ihren Doktor im Steckkissen behalten können, wäre sie gewiß vortrefflich mit ihm ausgekommen. Solche Muttertierchen kennt man. Wenn ihre Säuglinge, die sie mit Schmerzen geboren, mit Vergnügen gesäugt und gewartet haben, groß werden, Menschen werden, umflattern diese Tierchen ihre Brut ängstlich, wie etwas Fremdes, Unbegreifliches. Sie sind immer in Trauer um ihren leibeigenen Säugling, um das Kind – als wäre es ihnen fortgenommen, als hätte der große, aufgewachsene, fremde Mensch ihn gewissermaßen gefressen. – Wo ist er hingekommen, der Säugling?

Sie war zärtlich mit Dorettchen.

Das erstemal, als Dorettchen wieder hinaus in Gottes freie Luft kam, ließ es sich der Mann mit dem Stelzfuß nicht nehmen und trug sein Kind auf den Armen hinaus und redete mit ihm, während er es an seinem Herzen hielt.

»Mut!« sagte er. »Und wenn dir jetzt alles ausgelöscht ist, vertraue den Geheimnissen des Lebens!«

Dorettchen aber legte ihm die Hand auf den Mund 167 und lächelte ihn traurig an, und er ließ sie auf den Lehnstuhl gleiten, in den späten Novembersonnenschein hinein, der sie ganz umflutete und etwas anwärmte.

 

Frau Geheimrat kam, als Dorettchen wieder bei Kräften war, mit dem Vorschlag und wendete sich auch damit an Gaki, das Mädchen zu sich als Gesellschafterin ins Haus zu nehmen. »Die Einsamkeit da unten ist so groß – und die schwere Zeit – so meinte mein Sohn, ich sollte etwas zur Gesellschaft haben.«

Gaki war einverstanden, und Dada mußte einverstanden sein. Ihr war aber, als sänke sie in eine dämmrige Kühle.

 

Onkel Kantioler hatte bald darauf sein Kind bis an das große Tor des alten Hauses gebracht. Sie sahen beide auf das Steingesicht inmitten des Hofes, das seinen klaren Wasserstrahl in das rötliche Marmorbecken sprudeln ließ.

So standen sie schweigend. Das Wasser plätscherte, Wasserperlen sprangen in die Höhe; runde, wogende Kreise bildeten sich um den starken Strahl, die zarter und weiter wurden und ein wenig Überschwall aus dem vollen Becken dem Rande zudrängten.

»Mach dich bald wieder davon, Beauté!« hatte Onkel Kantioler gesagt.

Als sie so still vor dem Tore standen und keine Worte 168 fanden und auch nicht recht wußten, was sie denken sollten, donnerte wieder einer der schmerzbeladenen Züge von der Grenze vorüber. Verwundete, Kranke, Zerstörte brausten an ihnen dröhnend dahin.

So kam Dorettchen in das alte Haus von Hönigsmanns. Eine zusammengetragene Pracht umfing sie. Die breiten, niederen Räume von alten, fremdartigen Möbeln und Luxusdingen fast überfüllt. Hohe, dunkle Schränke, im Treppenraum Teppiche, fremdartige Tische, Ruhebänke, Gegenstände aller Art, viel Goldschnitzerei, Kirchengeräte und fremdartig, geheimnisvoll Schimmerndes.

Wie in einem Traumhaus, dachte Dorettchen traurig.

Sie selbst lebte im Traum. Ein Verlorensein in der Welt. Wie fremd und verstoßen war sie nach ihrer Krankheit geblieben; noch schwach und matt, nur halb wieder erwacht, einer früh verlorenen, seligen Heimat nachblickend, – Jugend, in Leid verhaftet.

Frau Geheimrat von Hönigsmann war, als sie ihrem neuen Hausgenossen entgegenging, wieder zur Fledermaus geworden. Der Zahnbund, das graue Mäntelchen, hatten sich wieder eingefunden. Dorettchen schaute erstaunt auf das zierliche Frauenwesen, dem der Besuchshut, solide Schuhe etwas Bürgerliches gegeben hatten und der Blick, wie in eine Wiege, hatte dem Fledermausgesichtchen wunderlieb gestanden. Jetzt schaute aus den Edelsteinäuglein das sonderbare Seelchen, zerflattert und freundlich-hilflos.

169 Einen Teetisch hatte sie decken lassen mit altem Silber und dem edelsten, ebenso alten Porzellan, in ihrem etwas düsteren Zimmer. Es war, als wollte die Frau ihrer kleinen Gesellschafterin zeigen, was das Haus vermochte; als hätte sie das Bedürfnis, ihre Person mit Pracht zu heben.

Zu jener Zeit ging alles schon kärglich streng im Lande zu. Hier aber blühten Dorettchen auf silberner Platte flockige Kuchenschnitte entgegen; Tee duftete, Weißbrot und Früchte, alles war vorhanden. Oben, im Haus der zwölf Apostel, wurde Brot schon sehr karg, und man hielt sich an Schwarzplente und Kukuruz, und mußte froh sein, wenn man sich damit einigermaßen sättigen durfte.

Die Geheimrätin zeigte auch Dorettchen das sonderbare Bild; sprach von ihrem Sohn und von der großen Last, das Hauswesen zu führen; daß die Dienstboten ihr nicht so gehorchten, wie sie es eigentlich müßten, daß der Sohn oft mißgestimmt und unzufrieden, daß Muttersein schwer sei. Dabei faßte sie Dorettchens Hand, als wollte sie sich daran halten, und blickte auf diese kleine Hand, die weiche, hingebende Finger hatte, die wie blasse, biegsame Blütenstengel in Frau von Hönigsmanns dünnknochigen Händen ruhten.

Sie blickte eine ganze Weile auf das matte, stille Händchen, lächelte müde und ihr Blick bekam wieder den Ausdruck, als schaute sie in eine Wiege. Ein Seufzer, als sänke eine Hoffnung dahin.

170 Die Türe tat sich auf und Doktor von Hönigsmann trat ein. Im weißen Ärztemantel. Er kam aus seiner Sprechstunde. »So«, sagte er zu seiner Patientin, in dem Ton, den er während seiner ärztlichen Besuche angewendet hatte. »Da sind wir ja! Nun, wie geht's der alten Pfründnerin?«

Dorettchen lächelte. Er nannte sie schon während ihrer Krankheit ›alte Pfründnerin‹.

»Wieso alt?« fragte Frau von Hönigsmann träumend.

»Der Mutter muß man alles außerordentlich deutlich sagen. Fräulein Dorettchen ist nämlich nicht alt, ganz im Gegenteil, unglaublich jung, habe mir mit deiner Erlaubnis einen Scherz erlaubt!«

»Einen Scherz?« – sagte Frau von Hönigsmann, höflich lächelnd, beistimmend. – »Man ist in jetziger Zeit nicht viel an Scherz gewöhnt.«

»Ja. Wenn's nach der Mutter ginge, würden wir hier so nach und nach zu Essig.«

»Nicht doch! – Ich liebe Scherz sehr. – Aber man ist gar soviel allein – oft ist's mir, als wären die Zimmer ganz besonders dunkel – und so voll sind sie – und was sonst noch alles.«

»Du malst es ihr ja recht einladend aus.«

Das Fledermäuschen spürte die Ermahnung, zuckte leicht zusammen, . . . Fledermäuschen sind schreckhaft.

»Die Mutter ist etwas nervös. Ich denke, Sie werden 171 hier allerhand zu tun finden, um es ihr ein wenig zu erleichtern.«

Dorettchen sagte, daß sie das gern tun wollte.

»Aber Mutter, nicht zuviel, sie ist noch Halbpatientin, ich habe noch Verantwortung für sie.« Da schaute Frau Hönigsmann wieder wie zart mütterlich auf das junge Geschöpf, mit einer hilflosen Güte, schwächlich und müde.

Herr von Hönigsmann wünschte eine Tasse Tee. »Aus Ihrer Hand, Fräulein Dorettchen! Ich sehe dann, ob Sie der Mutter schon etwas abnehmen können. Ich muß sofort wieder in die Sprechstunde zurück.«

Dorettchen tat es befangen, ihre Hand zitterte ein wenig, als sie ihm die Tasse reichte. Dasselbe, was sie im hohen Fieber empfunden, als er sie festhielt – eine dunkle Schwere empfand sie in seiner Nähe, etwas Unfreies.

»Oho!« sagte Doktor Hönigsmann, »Sie zittern ja fast wie die Mutter. Das darf natürlich nicht sein! Wenn man erst ins Leben hinein will, geht das nicht. –

Also Mutter, zittre ihr nichts vor! So etwas steckt an. Zwei zitternde Pfründnerinnen kann ich nicht brauchen.«

»Bissel grob sind wir manchmal,« meinte Frau Geheimrat freundlich und liebenswürdig. Die Edelsteinäuglein glänzten. Die ganze kleine Person war Nachsicht, Duldsamkeit und forderte, wie es schien, das von jedem für den, den sie mit diesen gefährlichen Spezereien betäubte.

Dorettchen aber spürte das törichte Herz der kleinen, 172 matten Frau. Ein Gefühl von Scham überkam sie. Sie konnte Mutter und Sohn nicht ansehen. Etwas ganz Wunderliches in ihrer Weltverlorenheit: Sie hörte, wie in ihrem eigenen Herzen, aber als sagte es Onkel Kantioler, so würde er sich etwa ausgedrückt haben: »Ein Schwein von einem Engel!« doch hatte er es nie gesagt. Und sie verwunderte sich über sich selbst. Wie kam sie denn darauf? So kräftig klang das – so, wie Onkel Kantioler sprach. Sie träumte wohl bei Tag? Sie schlief in ihrer Sehnsucht. Alles war so weltverloren – und sie war sich selbst ganz weltverloren.

 

Als sie an diesem Abend zum erstenmal im fremden, nicht heimlichen Hause, sich zur Ruhe legte, hörte sie die Nachtzüge dröhnen, die das Fledermäuschen so ängstigten, die immer neuen mörderischen Grauenhaftigkeiten der Grenze zuschleppten. Jetzt wurde auch nachts im Städtchen geläutet, wenn wieder ein Zug mit Männern am Bahnhof hielt. Das war ein so herzbeklemmendes Läuten. Sie stand auf, öffnete das Fenster und blickte hinaus in die Winternacht. Der ausgestirnte Himmel funkelte. Sie fühlte sich auf der runden Erde, mitten in all den leuchtenden Welten, und dachte, ob all diese Welten, wie die unsere, so voll Schrecken und Verzweiflung, Einsamkeit und Tod stecken und so unbehütet und traurig im eisigen Raum sich drehen? Und daß überall im Weltenraum Herzen so lieben 173 können und so traurig sein können? Da wurde sie zu ganz wacher, trostloser Sehnsucht, wie damals, als der wunde, abnehmende Mond am Himmel stand. Sie fühlte, daß der, den das Schicksal ihr genommen, der einzige war, der zu ihr reden konnte. Von Kindheit an war sie ihm zugehörig gewesen. Jedes Wort von ihm war hell und stark und rein von etwas, das in ihm war, von einem Heimatslicht, das wie in einer Hütte brannte. Und leuchtete und sie war draußen vor der Hütte gestanden und hatte hineinschauen dürfen.

Hier im Haus brannte kein Licht. In der kleinen, gebrechlichen Hütte der Mutter mochte es ausgegangen sein. So stand sie im alten Haus, in das sie versetzt worden war, im Dunkeln voll Sehnsucht und Trauer. – –

 

Im Haus gab es zwei Mägde, die wunderlich schalteten und walteten, die zwischen den angehäuften altertümlichen Möbeln ihr Unwesen trieben und in Küche und Keller.

»Leni, spar ein bißchen!« hörte man Frau Geheimrat hin und wieder sagen, und: »Urschi, sei ein bißchen akkurat!« Manchmal rückt auch das Fledermäuschen selbst einen Stuhl oder irgendein leichtes Möbel von der Wand, stand dann bekümmert vor einem seit Monaten angesammelten Staubvorrat, der sich in trockenen Wolkenschichten dort eingenistet hatte und wie ein winziges Gewitter unter 174 dem Möbelstück hervorgebrochen war, so daß Frau Geheimrat der ersten Anzeichen des grauen Ausbruchs mit der Brille gewahr wurde.

»O Himmel! o Himmel!« sagte sie dann leise und sanft und klingelte nach Urschi, die grundsätzlich erst auf den zweiten und dritten Klingelangstruf gekränkt erschien.

»Sehen Sie, Urschi – was ist denn das aber doch?« fragte die kleine norddeutsche Frau Geheimrat. Urschi blieb gleichmütig.

»Soviel unfein ischt's – soviel Sach – – da gibt's Dreck!«

Da seufzte Frau Geheimrat, und Urschi machte das undurchdringlichst muffigste Gesicht. Kam das Fledermäuschen in die Küche, sah sie ihre beiden Widersacher beim Kaffee, aufgestützt mit allen vier Ellbogen und voll Kraft des Widerstandes und der Behauptung auf den zwei gewölbten Buckeln, mächtige Bissen zwischen den Zähnen. Geschlürf und breites Geschmatz. – Selbstbehauptung in jedem Ruck.

Und wenn Frau Geheimrat aus ihrem geringen Mutvorrat zaghaft ein wenig Mut nahm, um nach irgend etwas zu fragen, was beschmutzt, zerbrochen oder unerklärlich verschwand, gurgelte eine der beiden in die halbvolle Kaffeetasse eine fast erstickte Antwort, die geheimnisvoll etwa lautete: »Das ischt halt, wia's ischt!« Oder sonst 175 etwas, wie aus tiefem Schlaf und dumpfer Unverschämtheit heraus.

Die beiden waren durch Fledermäuschens zaghafte Behandlung zu zwei verschlossenen Schränken geworden, zu denen das Fledermäuschen die Schlüssel nicht mehr hatte und an denen sie mit ihren schwachen Kräften hin und wieder etwas zu rütteln versuchte.

Oder sie fand in der Küche, daß Leni irgendeine eiskalte Verschwendung trieb, während eine Welt in Not, Kriegsstrenge und Kargheit schmachtete.

»Aber nein!« schluchzte dann Frau Geheimrat auf und spürte die starre Ichgewalt, die von der Köchin ausging und in böser Kälte drohte. So hatten sich im Hause nicht nur zwei verschlossene Schränke, sondern in besonderen Fällen zwei starre Schicksalsfelsen durch Fledermäuschens Nachsicht gebildet, an die der rührende Wille der alten Frau schwach anbrandete. Sei nachsichtig – und du wirst das Nachsehen haben . . .

 

So wurde Dorettchen aus einem Traumleben erster Jugend in ein Haus getan, in dem sich Kräfte wie in einer Gewitterwolke angesammelt hatten. Allerlei, was schloßen, stürmen, gießen, blitzen wollte.

So sind die Häuser dieser Erde –: Gewitterwolken gleich – wenn sie auch harmlos aussehen, daß man meint, es geht darin langweilig genug zu. Das Haus Doktor 176 Hönigsmanns war keine ganz besondere Ausnahme. Ein Arzt, gegen den nur das Gespenst des alten Kantioler etwas einwenden konnte. Eine liebevolle Mutter, die auch nur Herr Kantioler Fledermäuschen nannte; jeder vernünftige Mensch nannte sie mit Vorliebe gnädige Frau oder Frau Geheimrat. Zwei stattliche Dienstmädchen, die dem Hause zur Ehre gereichten. Und ein schönes junges Mädchen, das hier gewissermaßen eine Lücke ausfüllen sollte. –

Alles schön und gut.

 

Zeiten vergingen, Wochen, Monate. Ein Winter – und nun ward's vollaubiger, duftender und blühender Vorsommer.

 

»Wie befindest du dich, Hoheit, mein Kind?« rief Onkel Kantioler. Hans Luft und er hatten auf Dorettchen im terrassenförmigen Garten gewartet. Dorettchen kam ihnen entgegen – zu der Stunde, die sie ausgemacht hatten, um öfter miteinander ungestört zu sprechen. Das war so eingerichtet worden; denn, sagte Onkel Kantioler, unser Feind ist zwar der, der uns angerempelt hat – nicht der, den wir anrempelten.

»Nun sind wir lange schon einsam droben, Hoheit. Was machen Urschi und Leni? Kommst du mit ihnen besser zurecht? Folgt dir das Gespann?«

»Ach, Onkel Kantioler, die sind zu stark! Es ist alles so 177 stark hier: die vielen Sachen – das Haus – die alte Frau. Grad weil sie so hilflos ist, ist sie so stark.«

»Meinst du immer noch, daß sie gut ist?«

»Gut? Sie zerreißt sich für ihren Sohn und möchte, daß sich alle mit ihr für ihn zerrissen.«

»Unsinn! – Nun, – und Doktor Hönigsmann? Der Herrenreiter ohne Gaul, der Handelsmann und verrückte Maler, der seiner Mutter das liebenswürdige Bild in die Stube gehängt hat, das sie so bewundert?«

»Ein armer Mensch.«

»Ein armer Mensch, sagst du?« fuhr Onkel Kantioler wild auf.

»Er ist arm, glaub mir! Wie Dunkelheit geht's von ihm aus.«

»Werd mir nicht mitleidig, du! – Wir – wir kennen die Geschichte vom wüsten Bettelmann.«

Dorettchen wußte nicht, von was er sprach, erinnerte sich nicht. »Weshalb nicht mitleidig?«

»Im Ganzen und Großen machen wir uns beide, Luft und ich, nicht viel aus Mitleid. Da gehört ein ganzer, großer Kerl dazu. Wenn sich die Kleinen damit abgeben, die Hühnchen, die nicht reif dazu sind, pfuschen sie greulich – dann gibt's verwöhnte Bengel, unordentlicher Hausstand – und unersättliche Proleten, Unheil aller Art.«

Es war ein so schöner, sanfter Abend. Vogelstimmen, frischer Laubgeruch, laue sonnengewärmte Luft, als wäre 178 die Erde ein Paradies. Das schöne junge Geschöpf, die beiden wohlgemuten Pfründner, die im Sommerländchen in den Bergen umherschweiften, in der sicheren Beschränktheit ihres Lebens.

Da donnerte es am alten Haus vorüber, daß es im Grund erzitterte, daß die Erde zitterte, auf der die drei Menschen standen und plauderten – da raste das Unheil der Erde von der Grenze her: Schmerzbeladene, Zerstörte, maßlos Gequälte, die nie, was sie erlebt hatten, aussprechen konnten.

Onkel Kantioler und der Architekt nahmen die verwetterten Hüte ab, standen ehrfürchtig und hielten, während der Zug vorüberbrauste, Dorettchens Hände zum Abschied und wie zum Troste. – Zusammengehörigkeit auf dieser geheimnisvollen unerforschlichen Welt.

Die beiden Väter gingen heute von ihrem Stelldichein schweigsam heim.

»Sie ist mir zu geduldig.« Onkel Kantioler war sorgenvoll. So ein Haus ist wie ein Saugapparat, – zieht in seinem Sog ein, was es gefaßt hat.

»Nun wir wissen, wie sie getroffen wurde – und jetzt ist sie eine kleine Gesellschafterin!«

»Ich hatte gewollt, daß nichts Spießiges an sie rührte – und nun, lauter verpfuschtes Menschenvolk! – Diese Mutter! – Dieser ausgedörrte Doktor, der sich nicht genug tun kann, Vorteil aus den windigen Dingen dieser 179 Welt zu ziehn! Ein erstorbener Kerl – und das Gespann von Mägden, diesen Riesinnen an dunkler Volkskraft und Tücke. –

»Kannst du vergessen, wie sie sich durchschmolz! Herrgott, lieb ich das Kind!«

»Schöner Vater,« brummte Hans Luft.

So wanderten beide Väter einträchtig heimwärts. Als Dorettchen von ihnen verlassen war und langsam in Frühlingsdämmerung dem Hause wieder zuging, begegnete ihr Doktor von Hönigsmann.

»Nun, Fräulein Dorettchen. Sie bekommen ja oft Besuch von den Herren Pfründnern. Weshalb aber immer so hoch hinauf? Wir haben bequemere Plätze in der Nähe des Hauses, wenn die Herren nicht eintreten wollen. Sind's denn so große Geheimnisse?«

»Wir haben keine Geheimnisse, Herr Doktor.«

»Jedes schöne Mädchen hat seine Geheimnisse.« Doktor Hönigsmann sprach tändelnd, wie's gebräuchlich ist, mit jungen Mädchen zu sprechen. »So ganz ohne Geheimnisse – das gibt's ja gar nicht! – Und die Geheimnisse einer gewissen jungen Dame möchte ich ganz gern einmal wirklich erfahren – sind mir vielleicht nicht einmal ganz unbekannt.«

Dorettchen blickte ihn wie von fern an. »Sie haben mich in der Krankheit behandelt,« sagte sie leise. »Vielleicht hab' ich im Fieber davon gesprochen?«

180 »Was würden Sie sagen, Fräulein Dorettchen, wenn ich um Ihr Geheimnis wüßte?«

Sie antwortete nicht, hatte es kaum gehört und nicht erfaßt.

»So gleichgültig, Fräulein Dorettchen? Anderen jungen Damen würde das kaum gleichgültig sein. – Ei-ei-ei! – das ist ja sehr merkwürdig!«

Da stand Dorettchen ihre erste Begegnung mit Doktor von Hönigsmann vor der Seele. Damals hatte sie in seiner Art und Weise etwas gespürt, was sie wie Mißachtung berührte. Jetzt hatte sie dieses törichte »Ei-ei-ei« wieder gehört. Sie war damals davongelaufen und hatte alles sogleich wieder vergessen. Heute konnte sie ihn nicht so bös anblicken – und lief nicht davon. Sie trug eine Schmerzenslast und hatte keine Kraft, sich zu wehren, ihn stehenzulassen wie damals. Im Halbtraum erlebte sie jetzt.

Sie waren nahe am Haus, da nahm er ihre Hand, führte sie an die Lippen und küßte sie mit einer fast ehrfürchtigen Innigkeit, hielt aber die kleine Hand so wunderlich fest – erschreckend fest – und seine Lippen brannten auf der kühlen Haut.

Das Mädchen, verwirrt und beängstigt, entzog sie ihm nicht heftig, wie sie es wollte – heftig in Abwehr. Es war eine matte Bewegung geworden, undeutlich für den, dem sie galt.

Und so fühlte er sich bewogen, beide Hände zu fassen 181 und zu halten. Da aber kam Wille in sie. Sie entzog sie ihm heftig und trat eilig in das Haus ein.

Er lächelte ihr nach. –

 

Beim Abendmahl war Doktor Hönigsmann verstimmt. Urschi servierte, hatte das Salz vergessen; die Servietten fehlten. Der Doktor bemerkte beides.

»Merkwürdig, – drei Frauenzimmer, und nie ist der Tisch vollständig! – Verzeihung! Arbeitete ich in meinem Beruf wie drei Frauen, die einen Tisch miteinander decken, hätten wir in der Umgegend statt Menschen Leichen.«

Das gleichgültige Magdgesicht kümmerte sich nicht weiter um des Doktors Auseinandersetzungen. Urschi dachte: Was geht's mi an? Für was ischt die da? Mir ischt's gleich!

Doktor Hönigsmann hatte sich in Ärger geredet, Urschi befand sich nicht mehr im Zimmer, und er sprach weiter über die Nachlässigkeit der Frauen. Dorettchen, im Gefühl, daß er recht hatte, daß im Haus viel Unordnung zu finden war und sie selbst keinen rechten Begriff von Ordnung besaß, war bedrückt und beschämt. Wie eine Gespenstererscheinung erschien ihr, daß der Doktor ihre Hände vor wenigen Minuten so fest gepackt und geküßt hatte. Das war wie nicht geschehen, wenn sie ihn jetzt so sitzen sah – so trocken, dunkel, lichtlos und angefüllt mit 182 Unzufriedenheit, als gäbe es auf der Welt nichts als Nachlässigkeit der Frauen, häusliche Unordnung, Staub und vergessene Salzfässer. So kamen die gewaltigen bürgerlichen Kräfte und Anforderungen einer ganzen von Menschen geschaffenen Welt auf das harmlose Geschöpf angerückt, – das, was das Wesentliche undeutlich macht, ganz fortnimmt mit der Zeit, dem nur wenige widerstehen.

Sie fühlte, er hatte recht. Sie vergaß fast über ihrer Scham den Schreck, daß er so gewaltsam ihre Hände gepackt und geküßt hatte – da er doch sagte, er wisse von ihrem großen Leid.

 

Der schöne, weichlaubige Frühsommer neigte sich in Farben und Düften dem Sommer zu. Das Laub flüsterte nicht mehr hilflos weich. Die Bäume begannen im neuen Gewande königlich zu rauschen, und auch die Vogelstimmen waren nicht mehr körperlos liebend, selig. Sie haben einen häuslicheren Klang bekommen, erdenhaftiger, mit Nestangelegenheiten beladen.

Vor dem Wirtschaftsflügel des alten Hauses sitzen die Mägde, Leni und Urschi, der Sohn des alten Rapaunzers, des Pächters. Sie sitzen miteinander auf einem Haufen alter Balken, die Doktor Hönigsmann bei einem Hausabbruch gekauft hat, um Brennholz zu sparen.

183 Das erste Mondviertel am Himmel. So stehen die Gemüter im Zeichen des wachsenden Mondes. Etwas wächst ihnen zu. Sie sind guter Dinge.

Leni und Urschi machen der Silbermondsichel drei Kreuze und drei Knickse und wünschen sich was, äugeln dabei mit dem jungen Rapaunzer.

Der lacht: »Weiberleut, narrete – wenn enk der wachsende Mond nur nöt – mit dem is nöt guat spaßen, vor d'Weiber!«

»Halts Maul!«

»Man werd do no reden derfen?«

»Mach die durch, talketer Bua! Da brauchst koa Angst nöt habn, mir sein verassekuriert – verstiast?«

Dann sprachen sie davon, daß der Doktor dem Fräulein nachsteige.

»Un wia!« meinte Urschi. »Ganz narret ischt der alte Bock.« Sie lachte. »I sag's wia's ischt, mei Liaber. Die Pfründner droben wissen a davon: die alte Gitsch, die Gaki, das Laschter. Mit dem Faltingoyer hat se's gehabt, das Fräulein – so a windige, mei Liaber! Ingalling wird de noch Frau Doktor – pfiat di Gott! De kennt sie aus – de woll –, De bringt ihn rum – da gibt's nix, – verrecken, wann er tat – die will akkrad Frau Doktor sein! Inseroans war nöt so an Bloch – aber i sag' s: Die Herrischen san gscheit!«

»I!« – meinte der junge Rapaunzer verschmitzt. »Die 184 Gscheitheit alloanig? – De macht's a nöt! – Vertuifelt fein ischt die Gitsch – koa Trum nöt!«

»Steigts mir an Buckel, mir ischt's gleich. A Windige ischt's, mei Liaber!«

Urschi war bös. »Wann du meinscht, daß i a Trumm bin?«

»Koa Red is davon!«

So plauderten sie in den schönen stillen Abend hinein. 185

 

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