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Eine zärtliche Seele

Helene Böhlau: Eine zärtliche Seele - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine zärtliche Seele
authorHelene Böhlau
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleEine zärtliche Seele
pages247
created20140429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebtes Kapitel

Das Haus der Hönigsmanns ist ein altes düsteres Gebäude, nicht hochgelegen, wie das der zwölf Apostel und nahe dem Städtchen. Die Bahn fährt, nur von einem jungen Edelkastanienwald getrennt, an dem burgartigen Haus vorüber, hinter dem ein Bergabhang mit alten Bäumen parkartig, in Terrassen sich hinzieht. Inmitten der Burg liegt ein quadratischer, gepflasterter Hof, mit einem alten Brunnen. In das runde, rot marmorne Becken fließt aus einem vermoosten und verwitterten Steingesicht, das auf einer rohen Säule inmitten des Beckens aufsteigt, ein heller Wasserstrahl plätschernd nieder. Der Brunnenrand ist durch Jahrhunderte abgeschliffen von Mensch und Vieh.

Man tritt in den von vier Seiten geschlossenen Hof durch ein mächtiges Tor. Diese Seite des Hauses gehört der Landwirtschaft. Ställe, Speicher, eine Pächterwohnung. Und vor dem Tore draußen Schuppen und allerhand Gerümpel, Holzstöße, Dunghaufen. Stalltüren führen ins Freie, so daß der innere Hof von allem landwirtschaftlichen Getriebe frei ist.

141 Dies bäurisch-herrschaftliche Anwesen hatte sich Doktor von Hönigsmann vor etwa zehn Jahren erworben. Er lebte dort mit seiner Mutter, betrieb eine ärztliche Praxis und wußte seinen Grundbesitz außerordentlich zu vermehren.

Dem alten Schlosse hatten sich Höfe, Felder, Wiesen, Baugründe in der ganzen Umgegend angegliedert und wir wissen, daß der gespenstische Urahne Kantioler an seinem Festabend durchaus nicht gut auf Doktor von Hönigsmann zu sprechen war hinsichtlich der Verwaltung der angekauften Grundstücke. Auch gefiel es ihm nicht, daß der Mann als Arzt Handel trieb, kaufte und verkaufte.

Doktor von Hönigsmann hält heute Sprechstunde. Im schön ausgestatteten altertümlichen Wartezimmer sitzen Patienten; Leute aus dem Städtchen und Bauernweiber von den Berghöfen.

Mächtig hat der Krieg sich ausgebreitet. Wie ein Vogel in einer furchtbaren Riesenkralle, liegt Deutschland mit seinen Verbündeten in schwerer Bedrängnis. Alle Gewalten Europas haben sich auf die Minderheit gestürzt, die Übermacht auf die geringe Zahl.

Es hatte eine Fuchsjagd werden sollen. Ein gehetzter Fuchs und eine vornehme große Jagdgesellschaft mit ihrer Meute und allem, was auf Verfolgung, Fang, Vernichtung gerichtet ist. Doch wurde es eine Ungeheuerlichkeit. Sieg auf Sieg auf seiten der Minderheit, die ihre bedrohte 142 Heimat mit übermenschlichen Mächten an allen Grenzen verteidigte.

Der Vogel in der Riesenkralle hatte magische Kräfte bekommen – die Kräfte, die Berge versetzten. Die anderen hatten diese magischen Kräfte nicht – nicht die Feuergluten des allerinnersten Lebens, die ausbrechen, wenn die Not am höchsten ist. Größer als alle Welten sind die Seelen der Menschen, wenn das Übermenschliche Herr wird.

In der über alles Maß verteidigten Heimat sieht es düster aus. Dunkle, lastende Wolken ziehen darüber hin. Ängste und Sorgen um die kämpfenden Männer an allen Grenzen. Aus den schweren Gewittern ringsum brechen stündlich, Tag und Nacht, Blitze auf Blitze und fahren in angstvolle Herzen, bringen den Tod des Mannes, des Sohnes ins Haus und Sorgen und Nöte aller Art, heben sich hoch, je länger der Krieg währt.

So kam es, daß Doktor Hönigsmanns Sprechstunden mehr als früher von ratlosen Frauen aufgesucht wurden.

Er ist jetzt der einzige Arzt im weiten Umkreis. Vor dem Krieg war er der besonders bevorzugte Arzt der Wohlhabenden und wurde oft nach auswärts gerufen.

Das kleine Krankenhaus des Städtchens unterstand einem jüngeren Kollegen, der jetzt in ein Lazarett an die Front berufen worden war, und den er nun zu vertreten hatte.

143 Tag und Nacht rollten unaufhörlich Züge, die neue Heeresmassen an die Grenze und Verwundete, Verstümmelte und Kranke zurückbrachten, an dem Hause von Doktor Hönigsmann dröhnend vorüber, daß es in den uralten Mauern bebte.

In dem Warteraum der Patienten saß auch der Mann mit dem Stelzfuß. Als Doktor Hönigsmann durch die halbgeöffnete Tür seine Leute überschaute, erhob sich eine Frau mit einem Kinde auf dem Arm, das bis an die Nasenspitze in ein ärmliches Tuch gehüllt war. Ein mißbilligender Blick des Doktors traf das Gespenst des alten Herrn Kantiolers, das ihn vor einiger Zeit erschreckt und geärgert hatte. Dieser unverschämte besoffene Pfründner – was wollte der von ihm? Ein zweiter Blick blieb an der Frau mit dem Kinde haften.

»Nun, was gibt's?« sagte er zu dieser. »Lassen Sie ihn nur unausgewickelt – da ist nichts zu machen! Wie oft soll ich es Ihnen wiederholen? Haben wir jetzt Zeit, uns um solche Kinder täglich zu kümmern? Sagen Sie selbst, Frau!« Der Doktor war Österreicher, aber in Norddeutschland aufgewachsen und hatte die scharfe, unverbindliche Art der Norddeutschen, die in ein Südtiroler Ohr wie ein spitzer Winterwindstoß fährt.

Die Frau blickte scheu auf.

»Schiefgestellte Augen und die Zunge – wie oft soll ich es Ihnen noch vordemonstrieren? – 's ist eben kein 144 normales Kind. Und damit haben Sie sich abzufinden, meine Liebe!«

Wieder brauste und dröhnte ein Zug vorüber, der neue Kämpfer an die Grenze brachte, bestimmt für die mörderischen Eisregionen der Gletscher, in denen die Männer in ungeheuren Einsamkeiten in ihren durch das Eis getriebenen dunkeln Stollen ausharren sollten in großer Not des Leibes und der Seele – im Donner der Geschütze, der Lawinen, der zerschmetterten Eismassen – vom Tod in grausamsten Möglichkeiten umgeben.

Der Doktor deutete zum Fenster, das Haus erzitterte.

»Na also!«

Die Frau schlug traurig den Zipfel des Tuches über das Gesicht des Kindes.

»Vergelts Gott in Himmel aum – in Himmel aum – in Himmel aum.« Damit ging sie langsam zur Tür.

In der Tür stieß sie fast mit einer Dame zusammen, die Doktor Hönigsmann konsultieren wollte – einer seiner wohlsituierten Patienten.

Doktor Hönigsmann wurde etwas zugänglicher, nicht mehr ganz vom großen Geschehen der Gegenwart vereist. Er schmolz ein wenig und verschwand mit der Dame hinter der Tür seines Sprechzimmers, kam nach einer Weile verbindlich mit ihr zurück und geleitete sie durch das Wartezimmer.

145 Der Mann mit dem Stelzfuß erhob sich.

»Verzeihung, einen Augenblick! Ich komme nicht als Patient, sondern bitte Herrn Doktor, sich zu uns herauf zu bemühen. Wir haben eine Kranke.«

»Die Pfründner gehören in das Pfründnerressort meines Krankenhauses, mein Herr. Ist die Alte nicht fähig, sich dahin zu bemühen?«

»Kaum,« sagte Herr Kantioler. »Schwerkrank.«

»Ei, ei, ei – man lebt zu gut im Haus der zwölf Apostel, die ältesten Weiber klammern sich ans Dasein.«

»Man hat fürs erste nichts anderes zum Anklammern, Herr Doktor.«

»Ich werde kommen.«

Der Bote empfahl sich lächelnd und stelzfußschwenkend.

Auf der Treppe begegnete er einem zarten, grauen Wesen, der Frau Geheimrat von Hönigsmann. Soweit ein menschliches Geschöpf einem Fledermäuschen gleichen kann, soweit glich Frau Geheimrat diesem Nachttier: ein altes Elfengesichtchen, ein graues Tuch, ein Zahnbund um das Gesichtchen, die großen Zipfel des Tuches wie Riesenohren, kleine bewegliche Edelsteinaugen.

Ob sich's auch entfalten kann? dachte der Mann mit dem Stelzfuß. Grüßend schaute er, fast betroffen, auf das kleine Weib im alten Haus.

Der lebendige, freundliche Gruß des lebhaften Mannes 146 schien dem Gestältchen wohlzutun. Er mochte es angewärmt haben.

»Was sagen Sie nur?« begann es, schlug ein Mäntelchen wie Flügel auseinander, ja, und entfaltete sich, wurde breit wie fliegend. »Was wird denn noch werden? Wir schlafen kaum mehr, so rasseln die Züge auch des Nachts bei uns vorüber.«

»Oho!« sagte Herr Kantioler, »dafür schlafen Hunderttausende draußen im Felde und in den Bergen desto tiefer. Deshalb brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, gnädige Frau.«

»Aber die Gedanken – wenn die Züge so donnern!«

»Schadet nichts – Arbeitsteilung –. Die in den Zügen haben auch so ihre Gedanken. Haben Sie wen draußen?«

»Ach, nein.«

»Na, dann ist's ja gut!«

»Gut? Aber man leidet doch mit – und all die Mütter – wenn ich daran denk'!«

»Ich würde nicht drandenken!«

Das Fledermäuschen klappte sich wieder eng zusammen.

»Mutter sein ist schwer – schwer! Ich werd' es nicht wieder.«

»Da haben gnädige Frau recht. Das müssen Sie schon den Jüngeren überlassen – mögen die sich plagen!«

Frau Geheimrat Hönigsmann schnüffelte mit dem Näschen auf eine kleine, ungeduldige Art, als wollte sie sagen: 147 ›So mein' ich's ja natürlich nicht; aber mit Männern läßt sich über so etwas nicht reden.‹ »Ich meine – im nächsten Leben werde ich's nicht wieder.«

»So?« sagte Herr Kantioler und blickte auf die zierliche alte Frau, die ihr nächstes Leben auf Erden als eine sichere Tatsache aufzufassen schien.

»Haben gnädige Frau als Mutter schwere Erfahrungen gemacht?«

»Schwere? – Die besten – nur die besten!«

»Na also.«

»Aber auch die besten – die besten – sind – sind bergschwer.«

Aber Fledermäuschen! hätte der Mann mit dem Stelzfuß fast gesagt.

Da fuhr Frau Geheimrat fort: »Bergschwer.«

»Nun, ich denke, gnädige Frau, ihr Herr Sohn ist ein guter Doktor, nehmen wir an, und ein vorzüglicher Handelsmann – bringt was vor sich.«

»Ja – ja – das ist aber das wenigste! – Kommen Sie mit, Herr Kantioler.« Sie kannte den Mann mit dem Stelzfuß, ihm hingegen war das Fledermäuschen bisher nicht bewußt begegnet.

»Ich will Ihnen was zeigen, nur ein Kunstwerk meines Sohnes.«

»Ein Kunstwerk? Wieso?«

»Ja, bitte, kommen Sie nur.« Sie machte eine 148 einladende Bewegung mit dem einen grauen Mantelflügelchen, und er folgte ihr.

»Man ist so alleine im alten Haus, wissen Sie – und überhaupt. Tage und Wochen vergehen, und ich sehe keine Menschenseele. Und die schwere Zeit – und alles.« Sie seufzte. Sie traten in ein etwas düsteres, breites Zimmer ein.

»Mein Zimmer,« sagte die Fledermaus.

Es hatte einen Balkon, von dem aus man in den Terrassenpark blickte.

»Nun sehen Sie, Herr Kantioler, welch ein Künstler er ist!« Sie zeigte auf ein dunkles Gemälde, im dunklen Rahmen, das einem alten Heiligenbilde glich.

»Kunst ist nun mal das, was eine gute Mutter ihrem Kinde heiß ersehnen muß – alles andere ist nichts! Kunst ist eine so schöne stille Beschäftigung.«

»Oho!« brummte Herr Kantioler. »Ich kenne viel stillere Beschäftigungen: Schmied, Steinklopfer, Herrenreiter – Gott weiß was. Kunst! Sapperment, Frau – Kunst? Haben Sie 'ne Ahnung! Kunst würde ein guter Vater seinem Kinde am wenigsten wünschen. Herz- und Seelenaufwühlerei, Spektakel, wenn's nicht gelingt – Aufruhr und Spreizerei, wenn's gelingt – Teufelei an allen Ecken! Was glauben Sie denn, als ich meine rechte Flosse verlor und meine Kunst ein für allemal aufgeben mußte? – Selbstmord – Verzweiflung! – Und mein Herrgott in 149 mir mußte darüber lachen und wußte doch rein nicht, was mit dem armen Teufel beginnen. Na, und nun zeigen Sie mir mal, was ich sehen soll.«

Er hatte im Eifer vergessen, daß er schon vor einem scheinbar alten, dunklen Bilde stand, welches er besehen sollte.

»Hier ist es ja!« sagte das Fledermäuschen mit erregter Betonung.

»Ach, eine Madonna! Jawohl.«

»Aber, sehen Sie, Herr Kantioler – das ist ja doch gar keine Madonna, wie es so viel gibt! – Bewahre – sehen Sie nur genauer hin! –«

»Teufel auch!« rief Herr Kantioler und schwenkte seinen Kneifer auf die Nase. »Die beißt doch ihr Kind bei lebendigem Leibe, wenn ich nicht irre.«

»Mutterliebe nennt es mein Sohn,« sagte Frau Geheimrat leise.

»Malen tut er also auch?« Herr Kantioler war sehr zerstreut. »Und das hängt er Ihnen in die Stube?«

»Ja –. Mutterliebe ist für ihn so.«

»Arme Frau.«

»O bewahre!« sagte sie wieder leise. »Aber so schön ist's gemalt, gar so schön! Ein großes Kunstwerk, haben schon viele gesagt.«

»So so. – Ich verstehe davon nicht viel.«

»Aber ja, so ist er! – Es gibt mehr so derart Bilder 150 von ihm. Da gibt er sich – sonst kommt man ihm nicht nahe. Er ist voller Schwermut, glaub ich. Auch Liebe ist für ihn so etwas – so etwas . . .« Sie sann nach. »Wie nennt er's doch nur gleich? – So etwas – wie – eine Hormonvergiftung – glaub ich. – Ja – Hormonvergiftung – dächt ich – so nannte er es. Ja man kann sich irren. Das Leben greift den Kopf an auf die Länge. Aber ich glaube schon, so sagte er – Fremdworte!«

»Was?« fragte Herr Kantioler.

»An Liebe glaubt er nämlich gar nicht. – All das ist krank – für ihn Vergiftung – Hysterie – Epilepsie – so etwas. Meine Liebe zu ihm ist ihm ganz – ganz – –« Sie konnte es nicht benennen, mit aller Mühe nicht, die sie sich gab, was ihre Liebe zu ihm sein mochte. Aber in dem alten Elfengesichtchen zuckte es, und das Näschen schnüffelte ein wenig.

»Hysterie ist ihm eben alles bei der Frau. Er nimmt uns nicht ernst – Liebe ist nur so eine Art Fraß. Denken Sie – Fraß ist alles bei ihm – bei allen – bei Herren und auch bei Damen! – Und so ist's oft recht einsam hier, recht einsam – nicht gemütlich.

»Und wenn er ein wenig fröhlicher in sich wäre, –« sie nickte vor sich hin – »würden auch seine Anfälle ausbleiben – gewiß. Ach, er hat kein fröhlich Herz!«

»Armes Fledermäuschen!« Herr Kantioler sah es flattern, sah wie es ängstlich um ihren Doktor, den tüchtigen 151 Handelsmann und geheimnisvollen, sonderbaren und bösartigen Künstler, herumhuschte, sich und ihn ängstigte. »Ja,« meinte Herr Kantioler, »das sind so Dinge, gnädige Frau – da würde es wohl am besten sein, Herr Doktor heiratete. So ein älterer Junggeselle kommt auf allerhand.«

»Ja, wenn nur eine Ehe das Rechte für ihn ist, mein Herr. So ein Junggeselle liebt die Abwechslung. Und ärgerliche Erregungen, wie sie in der Ehe immer vorkommen, sind auch nicht sein Fall.«

»Schwieriger Herr!« Noch nie war ihm ein so vom Leben ausgesogenes Frauchen vorgekommen. Das war geradezu eine Fledermaus geworden. Seelenwanderung schon bei Lebzeiten. Eine geängstigte Seele hatte sich eine Körperlichkeit geschaffen, wie sie ihr paßte.

»Ja, schuldig bin ich ja,« sagte Frau Geheimrat Hönigsmann, »ich hätte ihm ein fröhlicher Herz mitgeben sollen.«

»Wieso? Das stand wohl nicht in Ihrer Macht?«

»Ach ja – man sagt doch mancherlei jetzt, daß die Mutter schon vor der Geburt ihr Kind beeinflussen soll; aber das war zu meiner Zeit noch nicht so bekannt und auch nicht Mode. Hätte ich's gewußt – ich hätte es gewiß gemacht. Zu meiner Zeit wußte man nicht so viel. Aber man glaubte viel mehr. Das haben die gelehrten Herren nun leider geändert – und dabei ist gar Vielen das fröhliche Herz abhanden gekommen, und man lebt so hin wie 152 in der Dämmerstunde, wenn die Sonne versank. Es ist nicht leicht, mit gelehrten Herren zu leben. Man wird so arm dabei.«

»Nur Mut! Es wird auch wieder anders kommen – trotz aller gelehrten Herren!«

»Ist das wirklich Ihre Meinung, Herr Kantioler?«

»Meinung? Daß i net lach, sagen sie in Bayern. Na freilich.«

Herr Kantioler wußte nun nicht recht, was er weiter hier sollte, und so empfahl er sich. Helfen konnte er dem armen Geschöpfchen nicht, das in seinem eigenen Haus und eigenem Leben ängstlich umherflatterte. So ließ er die Frau mit ihrem Bilde, das sie so gläubig bewunderte, allein, um sich wieder hinauf zu dem Haus der zwölf Apostel zu begeben, gedankenvoll und mit Sorgen im Herzen. Und was es alles gibt, dachte er so leichthin, um das Leben unangenehm zu machen! Welch eine Auswahl von fatalen Zuständen und Möglichkeiten! Wenn Frauchen aber Fledermäuse werden – welch ein Durcheinander muß sich da ereignet haben!

Er fiel dann wieder in seine eigenen Sorgen zurück, die ihn in das Doktorhaus getrieben hatten, um dort Hilfe – ja Rettung zu suchen. – –

 

Während der Mann mit dem Stelzfuß ermüdet den Weg zum Haus der zwölf Apostel hinauftappte und frühe 153 Novemberdämmerung hereinbrach, saßen in Dadas und Gakis Häuschen neben der in Gedanken versunkenen alten Kirche, im ebenerdigen Stübchen, Dada und Hans Luft, der Architekt.

Im schmalen Bett atmete im schweren Fieber hart und fliegend Dorettchen. Ihre getreuen Väter hatten sie gefunden, wie man etwas Verlorenes auf dem Wege findet, als sie von später Bergfahrt vom Johannser Bauern kamen, wo sie einen schmächtigen Ehrentrunk als Ehrengäste mit dem alten Bauern getan, mitten in Kriegsknappheit und Strenge. Auch etliche Käschtenschalen waren unter dem Tisch zerstampft worden, daß es schwächlich gekrätscht hatte; alles gewissermaßen symbolisch zur Erinnerung an bessere Zeiten.

Auf ihrem Heimweg hatten sie Dorettchen gefunden, in feuchter Novembernacht, als es schon sachte dem Morgen zuging und der wunde, abnehmende Mond am Himmel stand, den man nicht gern sieht, der nicht wohltut, dem man ausweicht, vor dem man das Auge wegwendet – ja, der Übelkeit verursacht, weil er voll Trauer, Tod und Abnahme steckt, nächtliches Leiden in die Herzen gießt.

Zu dieser bösen urweltlichen Stunde hatten die beiden ihre kleine Hoheit gefunden, wie ein Bündel, das in dunkler Feuchte vergessen am Wege liegt.

Sie hatten das Bündel vorsichtig mit ihren Stöcken berührt, in unsicherem Halbdämmer – was es wohl sei.

154 Ein angstvoll gespenstischer Schrei war aufgefahren. Das scheinbar Leblose regte sich voll Schrecken – und sie beugten sich und hoben etwas, was sich an die kalte, feuchte Erde, wie an eine warme, schützende Brust, anklammerte. Und erkannten es.

Von da an waren die beiden sorglosen Pfründner zu zwei gehörigen Vätern geworden, wie sie es sich geschworen hatten, als der beseligte und geküßte Bettler durch die Rosenlauben zog.

»Laß mich, Onkel Kantioler!« hatte eine matte Stimme geflüstert, als sie von guten, lebhaften Armen, zu denen ein Stock gehörte, stumm umschlossen wurde.

»Hierlassen – meinst du, Hoheit? Wie kommst du denn in aller Welt hierher? Was ist denn mit dir?«

Da fühlte der gute Mann an seinem Ohr einen stachligen feuchten Schnurrbart kratzen – und es flüsterte in ihn hinein etwas von Gralsschüsselangelegenheiten, höchster Vorsicht und Diskretion . . .

»Esel!« brummte der Mann mit dem Stelzfuß. »Werden Euer Hochwohlgeboren nur nicht zu subtil, alter Borscht!« Sie waren wohlerprobte Freunde und konnten sich etwas bieten.

»Hoheitle, Hoheitle – auf der Stelle sagst du, wie kommst du hierher? – Kindel, Kindel – kleins Kindel! Was haben sie dir getan?«

Da aber fühlte er, als würde die zarte Gestalt in seinen 155 Armen schwerer, als rutschte sie ihm wieder der kalten Erde zu. Es schien ihm aber wie Eigensinn und Widerstreben. »Kindel, wo fehlt's denn?«

»Laß mich, Onkel Kantioler.«

»So laß sie doch!«

»Wo werd' ich!«

Es schien, daß sich die Väter streiten wollten. Die Stimmen schwollen an.

»Gralsschüsseln!« sagte Hans Luft vor sich hin, und in dieses eine Wort legte er alle Erfahrungen und Meinungen über das weibliche Geschlecht nieder.

»So hilf doch!«

Dorettchen sank ganz in sich zusammen, und Hans Luft hob sie auf seinen Arm aus den Armen des Stelzfüßigen.

»Sie ist nicht schwer,« meinte Hans Luft. »So ein schönes Mädel, meine ich, müßte schwerer sein.«

»Laßt mich gehen!« sagte eine leise, leise Stimme.

Und bald wandelte zwischen den beiden besorgten Pfründnern und Vätern ein schmaler Schatten, den sie stützten.

»Reh im Rosenkorb,« murmelte Hans Luft. Denn er hatte das Bedürfnis, etwas ausgesucht Zartes zu sagen. Aber der Schatten blieb stumm, die leichten Schritte waren matt; die Stummheit schwer und drückend.

Was gibt es denn, was solch ein Kind so verstummen läßt? dachte Herr Kantioler.

156 Sie fühlten ein Frösteln und Schütteln durch den zarten Körper gehen wie einen Krampf.

»Krank, krank,« meinte Hans Luft leise. Und nun nahm er das arme Geschöpf und trug es. Und es durfte geschehen – er fühlte kein Widerstreben mehr.

So kamen sie an Gakis und Dadas Heim. Da waren Fenster erleuchtet, da wachte man.

»Wart!« sagte Herr Kantioler und humpelte eilig über die Stufen, die zur Veranda führten, und trat in die erleuchtete Stube.

»Was ist mit Dorettchen?« frug er heftig.

Dada lag auf den Knien vor einem Heiligenbild und hatte gebetet. Ihre Hände hoben sich, im Schreck noch gefaltet. Gaki saß mit aufgestützten Armen und schaute bös.

»Seit einer Nacht nun und einem Tag ist dieser Ratz durch! Wohin, weiß kein Mensch. Und wir sitzen und lauern – und wollen kein Geschrei davon machen! Dabei krank und elend – so ein Balg!«

Dada war auf ihren Knien zu Gaki gerutscht, hob die Hand und legte sie ihr auf den Mund. Gaki aber schüttelte sie ab und schrie: »Meinst du denn, mit Schweigen kannst du's wieder gutmachen? Den Faltingoyer kannst du zum Leben nicht wieder wecken – den jungen, liederlichen Burschen. Der liegt verschüttet mit vierzehn anderen unter dem Eis der Marmaladagletscher. Und deinen Ratz – kannst du den etwa zu Ehren bringen? Hab ich's nicht immer 157 gesagt? Du aber, dumme Gans, warst glückselig – und du wußtest alles. Leugne nicht!«

»Ja – ja!« rief Dada. »Ich wußte es – und ich hab's ihnen gegönnt, den Armen! Und ich hab mich gefreut!«

»Nun muß sie's aber büßen!« sagte Gaki gerecht.

»Aber sie hatte es doch! Muß nun Schmerz um Liebe tragen – und wenn sie daran stirbt – ich gönn's ihr!« Dada war ganz Liebe.

»Wir bringen dir dein Kind, wir haben es gefunden,« und Onkel Kantioler eilte mit Dada hinaus.

Bebend bettete Dada ihr Kind und schaute dann in die Stube: »Kommen Sie, Onkel Kantioler! – Denken Sie, sie weiß nichts von sich – Und wie sie glüht und wie sie's schüttelt! Helfen Sie doch!«

Onkel Kantioler sagte: »Ich glaube, da müssen kalte Umschläge her. Gaki, besorgen Sie das. Dada muß bei dem Kinde bleiben.«

Und Gaki ging mürrisch hinaus.

Onkel Kantioler aber trat in Dorettchens Stübchen und sah auf sein Kind, über das Stürme gingen wie über einen blühender Rosenstrauch, und rissen an ihm.

Und Dada fühlte jeden Schauer mit ihrem Kind, jede Not. Sie sah durch die Fieberbewußtlosigkeit hindurch, die über dem großen Weh lag, das das arme Geschöpf in die Einsamkeit getrieben hatte, wie ein Tier vom Tod getrieben wird, sich zu verstecken. Und Dadas Herz erbebte.

158 Hans Luft saß in der Stube der zwei Frauen. So sehr er sich als Mitvater fühlte, so hielt ihn doch eine gewisse Befangenheit. Er hätte nicht gewagt, das Heiligtum zu betreten, in dem sein Mitvater und Dada schalteten.

Aber als er von Dada hörte, daß ein wenig Ruhe im heißen Sturm nach den kalten Umschlägen eingetreten war, nach geraumem Hin-und-Her-Überlegen und Zaudern, wagte er sich näher zur offenen Tür.

Er sah eine rührende Gestalt in wirrem blondem Haar im Bette kauern und mit den Armen im hohen, weißen Federdeckbett wühlen und schaffen.

Dada kniete mit ausgebreiteten Armen vor dem Bett, und sein guter Kamerad stand, wie etwa bei einem Begräbnis, ehrfürchtig die Hände über dem Krückstock gefaltet, und schaute.

Der Mann an der Tür sah, wie das junge Geschöpf vom Fieber geschüttelt wurde, wie sie im Frost erschauerte.

»Halt nur still!« rief Dorettchen. »Ich seh dich doch durchs Eis! – ich komm schon! – ich komm schon! – Nur noch ein winzig, winzig – winzig! Gleich bin ich da! Da ist noch so ein großes Trumm!« Sie hob mit beiden Fäusten das schwere Deckbett. »Eis – meilenhoch! – Aber ich komm! – Wart nur! Ich mach's – sei nur ruhig! – Hab mich durchgekratzt! – Dann trockne ich dein liebes Gesichtel und mach dich warm. Ich bin so heiß wie ein Bolzen.« Sie schrie wirr auf: »Ich schmelz' mich durch, durch alle 159 Gletscher – und alle die dunkeln Gänge – und feurigen Spalten und durch die blauen Schauerlichkeiten – bis wo du bist. –

»Ich schmelze mich durch alle Einsamkeiten. Und das muß ich ganz alleine machen. – Da schmelz sich einer durch!« schluchzte das arme Kind. »Da gehörte wohl ein guter Gott her! Menschen und Tiere sind verlassen –. Der Tod kann alles mit ihnen machen, was ihm grad einfällt – aber ich bin wenigstens da! – Ich!« schreit sie auf. »Aber noch ein bissel, bisselchen warten! – Du mußt schon jetzt spüren, wie ich all das Eis durchglühe. – Bis zu dir schmelz' ich mich!«

Da nahm ihr guter Vater Kantioler das glühende Kind erbarmungsvoll in seine Arme. Aber sie riß sich los. »Was nimmt mich denn da fort?« schrie sie wild. »Nur ich bin da, die wühlt – Wer holt ihn sonst herauf?«

Und wieder ging sie an ihre Arbeit.

Er hielt sie nicht mehr. Man mußte sie lassen.

»Du arms, gottloses Kindel!« schluchzte Dada und berührte sie mit einem kleinen Kruzifix, das sie von der Wand genommen, und machte das Kreuz über sie.

Sie aber wühlte und grub und schmolz. Und wie ihr Vater einst in Sternennacht in das Grab seiner Geliebten zärtlich hineingeflüstert in seiner Gottverlassenheit und Sehnsucht, so sprach jetzt sein Kind in den urweltlichen Gletscher hinein, plauderte und tröstete – und schrie – 160 und sah ihn im Eise – und schmolz eine Welt von Eis mit ihrer Schmerzensglut und Fieberglut – ganz verlassen von jedem Trost.

Der Mann mit dem Haarschopf hatte seine Scheu verloren und sprach in die Fieberglut des armen Geschöpfes allerhand tröstliches, wunderliches Zeug mit großer Zärtlichkeit – sprach es in die leere Luft. Fieber und Herzensqual hatten das Menschenwesen aus Zeit und Raum getan, in eine Welt, der man nicht nahekommen konnte.

Die aber hier schauten und hörten, erlebten Wirklichkeiten, die sie tief erschütterten durch die große Kraft eines Herzens. Das Federbett wurde auch ihnen zum unergründlichen, ewigen Gletscher. Im Stübchen breiten sich ewige Einsamkeiten, ungeheures Schweigen, Gottverlassenheit und Grauen aus; dunkle Gänge, in urweltliches Eis gehauen, in denen erschütterte Menschen hockten und litten, versanken und verschüttet wurden.

Sie sahen in Wahrheit das junge Geschöpf sich gletschertief hinabschmelzen in ihrer Schmerzensglut.

Gaki, die im Städtchen ihre Seele schon etwas befreit hatte, stand jetzt an der Türe und schaute und konnte einer Ergriffenheit nicht wehren, die sie überkam, obgleich sie bei Bekannten schon allerhand hatte verlauten lassen über den Ratz.

Mit Staunen schaute sie auf die große Schönheit des 161 jungen Geschöpfes – wie die leuchtete in Liebe, wie Krankheit und Fieber sie immer mehr erhöhten.

Ja, was ist denn das? dachte Gaki. Es ging von dem jungen Geschöpf wie eine Herrlichkeit aus. –

 

Doktor Hönigsmann kam bald. Eigentlich hätte er sich nicht so zu beeilen brauchen wegen einer alten Pfründnerin, die wehleidiger sind als andere Patienten. Aber das Gespenst des Urkantiolers war ihm damals in jener Nacht sehr unangenehm geworden. Wer weiß, was der unsinnige Mensch sich wieder ausdachte, wenn er warten ließ.

Jetzt stand Doktor Hönigsmann neben Gaki und sagte:

»Ist das dort die Alte, zu der ich gerufen wurde?«

»Herr Doktor meinten wohl, es sei eine von uns? Aber behüt uns Gott! Nein, gottlob nicht!«

Der Doktor lächelte. Der Mann mit dem Stelzfuß sprach ein paar Worte mit dem Doktor. Der stand bald darauf am Bett der Kranken, schaute prüfend auf sie, faßte ihre Hand, die sie ihm entriß. Dann beugte er sich über sie, legte sie, die niemand mehr zu berühren und zu zwingen gewagt hatte, ruhig und sicher in ihre Kissen. Das Sachliche seines Wesens, das sich in seinem Verhalten aussprach, schien die Kranke fast lähmend zur Ruhe zu bringen.

Er untersuchte sie, winkte sich Gaki heran, die Kranke zu halten und zu stützen. Die übrigen hieß er sich entfernen. 162 Er hatte ganz richtig in Gaki die nicht beunruhigten Nerven gespürt. Dada aber schaute wie entgeistert, daß sie fortgeschickt wurde. Gaki benahm sich geschickt, war geehrt und hielt den Ratz ohne jedes Mitgefühl.

»Gottlob!« sagte Doktor von Hönigsmann. »Ein vernünftiger Mensch unter all den zappligen Pfründnern! Wir haben es mit zweiseitiger Lungenentzündung zu tun. An Sie halte ich mich, daß alles vernünftig geschieht, was ich verordnen werde.«

So wurde Gaki vom Lob des Doktors angefeuert, wurde zu einer guten Krankenschwester, mit grad so viel Güte und Hingebung, wie es notwendig war. Daß sie auch tatkräftig sein konnte, sagte ihr energisches Zufassen.

Hans Luft, der Architekt, hatte von der anderen Stube aus Gaki beobachtet und brummelte: »Sieh nur, wie sie tüchtig ist!«

Der Doktor kümmerte sich, nachdem er Gaki seine Verordnung gegeben hatte, um keinen der übrigen Anwesenden.

»Ich halte mich an Sie!« wiederholte er.

Als Gaki an Dada vorüberging, konnte sie nicht umhin, mit dem Fuß ein wenig nach hinten zu treten, was soviel heißen sollte als: – »Da hast du's!« – Dada errötete tief.

Gaki begleitete Doktor Hönigsmann zur Tür und spreizte sich vor Vortrefflichkeit.

»Wer ist das schöne Mädchen eigentlich?« fragte der Doktor, als er die Veranda betrat. »Ich glaube sie schon 163 einmal hier oben bemerkt zu haben. Gehört sie in das Haus der zwölf Apostel?«

»Schön? – Herr Doktor, sagen Sie – Sie sind zu gütig! – Gehören sollte sie aber schon nicht mehr hierher – längst hätte sie nach was ausschauen dürfen – aber – aber . . . Sie wird hier so hin und wieder ein bißchen vom Verwalter beschäftigt, als ob das genug wäre. So eine Waise sollte etwas Gehöriges zu tun bekommen.«

»Nun,« meinte Herr von Hönigsmann, »jetzt soll sie erst einmal wieder gesund werden.« Dada war, als Gaki wieder in die Stube trat, zaghaft zu ihrem Kinde bis an die Tür geschlüpft und schaute.

Das lag in seiner tiefen Fieberglut jetzt still, als wäre etwas über sie hingegangen, was stärker war als sie selbst, als spürte sie auch im Fieber, daß sie das Gletschereis nicht durchschmelzen konnte – daß alle Glut in ihr nichts ausrichtete – daß verloren verloren ist – und tot tot ist. Das Fieber hatte sie aus Zeit und Raum getan – da gab es keine Schranken. Die sachliche Welt aber hatte sich über sie gebeugt, und sie war von ihr hart angepackt worden, gleichgültig und fest, wie Gaki anpackt. Da war aller Fiebertraum wie in sich zusammengefallen, und Todestraurigkeit glühte ihr in den Adern. 164

 

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