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Eine zärtliche Seele

Helene Böhlau: Eine zärtliche Seele - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine zärtliche Seele
authorHelene Böhlau
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleEine zärtliche Seele
pages247
created20140429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel

Jeder im Hause der zwölf Apostel hatte sein eigenes Schicksal, um das nur er sich kümmerte und niemand sonst.

Baron Wang und seine Gemahlin besaßen ihr rollendes Teetischchen, mancherlei kleine, gerettete Vornehmheiten, die große Gummibadewanne, Zigaretten, eine unnachahmliche Atmosphäre, die sie schützend umgab. Sie reisten einmal des Jahres zu gräflichen Verwandten. Ihre Gegenwart im wunderlichen Hause trugen sie gelassen inmitten des sonderbaren Volks, das ihnen unbegreiflicherweise verwandt war.

Jeder lebte so in sich hinein, als hätte er sich selbst wie eine Flasche zu füllen. Und in all diese Flaschen ergoß sich das Leben. In mancher gärte es noch. Manche waren ganz still geworden; die alten Mander und Weiberleut, im großen und ganzen.

Die Flasche, die Hans Luft »Tomm's Luder« nannte, gärte immer von neuem; es war etwas zuviel von dem alten, stärksten Gärstoff hineingekommen.

Die Flaschen, die man Herr und Frau Verwalter 114 nannte, waren gut imstande, der Inhalt der Verwalterinflasche hell, ruhig und aufgeklärt.

Die Flasche Kantioler, so groß und weit sie war, und hätte der Inhalt längst schon ausgegoren sein können, war aber immer wieder mit »Nuian« gefüllt, der gewaltig gluckste, pochte und polterte und nie Ruhe gab. Und in einem ähnlichen Zustand befand sich auch die Flasche Hans Luft. Das waren zwei immer gefährdete große Flaschen mit viel Treiberei und Unruh in sich.

Dann gab's noch die Flasche mit okkultem Inhalt. Still ging's in ihr zu, etwas trüb und undurchsichtig. Die Flaschen Gaki und Dada kennen wir. Und all die Flaschen mit jungem »Nuian«, in denen kochte es wie es sich gehört und wie es in der Ordnung ist, mehr oder weniger.

 

Heut ist wieder ein Statuten-Festtag.

»Schererei!« brummte der Verwalter, der schon etwas bequem geworden ist, zu seiner Frau. »Und gar um Mitternacht – das allerdümmste Fest! Begreife nit, wenn eins glücklich seine Krippen unter die Erde gebracht hat und Seel in ewige Glückseligkeit, was der noch hier herumzuwirtschaften hat. Über hundertfünfzigmal ist nun sein Stuhl bekränzt, als ob der alte Quengler geladen sei. Und seine Leibspeise grad so oft hergerichtet und Gott weiß von wem alles gefressen worden. Soll denn das in alle Ewigkeit fortgehen? Die Särg' mit den Sterbepfoaten stehen mir 115 herum in der Wirtschaft, nehmen den besten Platz ein – Schererei ohne End!«

»Versündige dich nicht!« sagte die Klosterfrau, »was geheiligt ist, ist geheiligt.«

»Geheiligt? Daß i nit lach! Wenn eine Dummheit hundertfünfzig Jahr alt ist, ist sie lang noch nit geheiligt.«

»Aber grauslig ist's,« meinte die Frau leise, »solang ich's nun miterlebt hab, daß der Stuhl so da steht an der Tafel, als sollte der Alte soeben sich drauf niedersetzen und zulangen . . . Vor nichts hab ich solch ein Grausen wie vor dem großen bekränzten Stuhl. Lieber noch geh ich ins Sarggewölb.«

»Ach geh! Schererei ist's bloß, mei Liabe! Und weshalb auch noch 'nen Gast? Wer hat den Hönigsmann geladen? Ich will nit, daß einer bei dem narreten Brauch zu Gast ist und die Pfotzen aufreißt.«

»Baron Wang hat dich ja gefragt. Die gehen doch hin und wieder zu dem Hönigsmann.«

»Ja, aber recht ist's mir nit.«

»Hättest's ihm gesagt! Weshalb denn nicht?«

»Weil der so daher kommt wie noch einmal einer. Schererei auch mit der gräflichen Verwandtschaft! Man möchte unter sich sein und ist's nit. – Als wären sie vom Mond: so ganz apart und ohne Fleisch und Blut wie wir.«

»Daß du dich nicht daran gewöhnen kannst!«

»An ihr Gespreiz und blaues Blut? I bin ein 116 Bürgersmann, soweit i warm bin – Adelssippe is mir Fisch! Ausschaun tut der Hönigsmann wie ein Herrenreiter, doch wett i, daß der Kerl nie auf 'nem Gaule saß – mir ein fataler Mensch. Die bleichen Augen, als hätte er kein Herz.«

»Geh – was bist du denn so aufgebracht? Das isch nit chrischtlich.«

»Chrischtlich oder nit – i mag ihn nit!«

 

Sommernacht. Der gestirnte Himmel wolkenlos. Das Sternenmeer in voller Pracht und das Schifflein Erde mitten darin, segelt seinen Weg in der Unendlichkeit.

Im Göttersaal, in des Kaufherrn Kantiolers Sommerfrisch' ist alles vorbereitet zum mitternächtlichen Fest, die Tafel gedeckt, die Bogenfenster weit geöffnet.

Die Verwaltersfrau geht um die Tafel, zu schaun, ob alles in Ordnung ist. Der hohe, bekränzte Stuhl des toten Hausherrn steht majestätisch groß und schwer auf seinem Ehrenplatz mitten unter den schlichten, viel gebrauchten Sitzen der Nachkommen. Allemal mußte er vom Speicher zu diesem Nachtfest heruntergeschafft werden.

Die stille Klosterfrau geht an ihm vorüber, schaut nicht hin. Bald schlägt es Mitternacht, und die Gäste werden kommen, die Gestrengen, die Hochwohlgeborenen, die Hoheiten. Pünktlich sind sie zu erwarten.

Ja – und jetzt schlägt es schon unten vom Städtchen 117 herauf durch die klare, stille Nacht zwölfmal dumpf und deutlich. Die Klosterfrau steht mit niedergeschlagenen Augen. Unheimlich ist's ihr zumute wie jedesmal, wenn der tote Stifter erwartet wird.

Die Tür tut sich auf. Die Gestrengen treten ein. Sie halten zusammen. Ihre Verhutzeltheit ist gewissermaßen ihr Vereinszeichen. Niemand gesellt sich gern zu ihnen, als steckten sie an; jeder hält sich zu den jüngeren wie zu seinesgleichen. Aber immerhin – sie kommen zu allererst. Dann alle anderen; auch Herr von Hönigsmann mit Baron und Baronin Wang.

Die nächtliche Stunde liegt auf allen. Jeder gehört eigentlich in sein Bett. Besonders die Gestrengen sehen hinfällig aus. Aber es duftete belebend. Zwei Mägde schleppen die althergebrachten Herrlichkeiten, plentene Knödel in Riesenschüsseln, schön zerlegten Schweins- und Hasenbraten; der Magdalener steht in tüchtigen Flaschen rot funkelnd auf dem Tisch, nach alter Vorschrift.

Man setzt sich. Die Speisen werden herumgereicht. Der Verwalter hebt sein Glas – und spricht nach altem Brauch, einen Willkommensgruß, eine Aufforderung an den Stifter, die Versammelten mit seiner Gegenwart zu erfreuen. Zuletzt spricht er die Worte, die vom Stifter, dem fröhlichen Handelsherrn, selbst den Statuten beigefügt sind.

»O komm, du fröhlicher Kantioler! Du alter Weinschlürfer, du Lebensfreund, du Froher – du 118 Sommerfrischler! Tritt ein in deinen Göttersaal und iß und trink mit uns!

»Gott, dein gütiger Herr, gibt dich frei aus dem Meere der Toten. Such die Erdenfreude wieder hier im funkelnden Wein – in Erdenlust und Erdenewigkeit! –

»Nimm Platz!«

Da schlug es stark an die Türe, und herein tritt eine Gestalt. O Gott – im Sterbehemd! Der Kopf mit spitzer Kappe verhüllt – und schreitet mit herrischer Gebärde auf den bekränzten Stuhl zu – legt eine bleiche Hand auf dessen hohe Lehne, gibt ihm einen gewaltigen Ruck – und nimmt Platz.

Grauen.

Die Bissen liegen wie tot in jedem Munde.

»Oh!« ruft der Gast, »nur nit erschröcken!«

Damit stellt er eine bauchige Flasche auf den Tisch mit einem Wein, der den Magdalener an Glut der Farbe bei weitem übertrifft. Er hat unter seinem Sterbehemde schwer daran geschleppt.

Jetzt schiebt er die Kapuze zurück, und ein verstaubtes, wie von Spinnweben überzogenes, völlig unbekanntes Gesicht schaut lachend auf die Ärmsten, die den leblosen Bissen im Munde haben.

»Seid ihr doch Chrischten? – Was erschröcket ihr vor einem Wiederkehrenden, der hier geladen ist – und jeweils bei euch war – und endlich sichtbar kommt?«

119 Jetzt bemerkte Baron Wang, daß der Mann mit dem Stelzbein fehlte. Niemandem war das bisher aufgefallen. Er ging so oft seine eigenen Wege und erschien nicht bei den Mahlzeiten. Hans Luft aber war vorhanden und saß neben dem Gespenst.

Die Klosterfrau lag entsetzt an der breiten Brust ihres Mannes. Baron Wang, von dem spinnwebigen, verstaubten Gesicht ihm gegenüber so übel benommen, konnte nicht die Kraft finden, einige würdige verweisende Worte zu sprechen. So erging es einem jeden, es war soviel Grab, Vermoderung an die Tafel im Göttersaal gekommen.

»Scheußlich,« murmelte Herr von Hönigsmann.

Da goß der uralte Stifter aus seiner großen Flasche sich sein Glas voll, wischte sich über das verstaubte Gesicht mit einem Tüchlein – da leuchteten die braunen, frohen Augen des lebenden Kantiolers und großen Schauspielers, der seine Flosse verloren, wie Hans Luft sagte, sein Bein, das nun in ihm spukte, und er streifte das Sterbekleid ab und die spitze Kappe.

»Ja, das meint ihr wohl!« rief er, stülpte sich den Kneifer am schwarzen Band schwunghaft auf die Nase in dem noch übelgemalten Totengesicht. »Und doch bin ich's, den ihr fürchtet! – Bin der Uralte, nur neu ei-n-ge-fl-eischt!« Dabei schnitt er eine so greuliche Grimasse, daß es jedem vor dem Worte grauste und kalt den Rücken hinunterlief. Mit schaurigen Dingen hatte er das Wort beladen. Sie 120 mochten alle anderes verstanden haben, Gott weiß was, und das bemalte Gesicht erinnerte auch fürchterlich daran.

Der Neu-Eingefleischte aber erhob sein Glas, wie er es schon vor hundertfünfzig Jahren gewöhnt war und schwenkte es dem Verwalter zu: »Gespenstern ist der Weg offen zu allem und jedem, mein Liaber!

»Ich grüße dich!«

Mit einer mächtigen Gebärde winkte er den braven Mann zu sich: »Leg deine Weibsbürde nieder, mein Freund, oder setze sie aufrecht hin.

»Kennst du diesen Duft von 1894, mein Liaber?«

»Um Gott!« rief der Verwalter und stützte seine liebe Klosterfrau und enteilte, denn ihm schwante, daß der durchtriebene Pfründner den Weg zu seinen edelsten Weinen gefunden hatte. Und wahrlich schlug ihm ein Duft entgegen, welcher der Flasche und dem Glase des Gespenstes entstiegen war, ein Duft – der alle Sonne, alle Blumen, alle Göttlichkeit jenes Sommers in sich trug.

»O du! – du Schlimmer!« Der Verwalter war im Grunde seiner Seele getroffen.

»Herrschaft! Solcher Urwein war's, den ich hier als Hausherr mit meinen Gästen zu trinken pflegte, nicht Schepps im Viertele. Jetzt blüht mein Blut! Jetzt bin ich's wieder! Gott Lob und Preis!«

Alle waren im Bann des wunderlichen Mannes. Er 121 konnte das Sterbekleid ruhig abstreifen und blieb, wie aus dem Grab gestiegen, mit seinem schaurig bemalten Gesicht.

»Komm, alter Schnüffler,« rief er und winkte dem Okkulten mit dem wenigen Gesicht, »hab dich öfter an den Schlüssellöchern göttlicher Geheimnisse schnüffeln und blinzeln gesehen. Aber es ist anders – anders! – als du meinst!

»Bezeuge aber diesen hier, daß ich der wahre Kantioler bin!«

Der Okkulte verbeugte sich, war ganz betroffen; ja, er glaubte ja längst schon selbst, daß es sich so verhielt und war beflissen, sich dem alten Handelsherrn so angenehm wie möglich zu machen.

»Freilich – freilich,« sagte er, »vom ersten Augenblick an, wo Euer Hochwohlgeboren eintrat, war mir's ja ganz unzweifelhaft. Und ich kann sagen: Mir ist das Archiv des Hauses zugänglich gewesen wie keinem sonst. Was ich weiß, weiß ich. – Und daß Hans Luft Euer Hochwohlgeboren Gerichtsperson ist, bezeuge ich auch hiermit.«

»Aber fälschlich!« donnerte das Gespenst. »Das eben kommt von Euer Hochwohlgeboren Schnüffelei! Das wäre geschmacklos, Herrschaft – so geht's bei uns drüben nicht zu, daß jeder Schnüffler seine Schlüsse ziehen kann: Setz Er sich!

»Und nun zum Mahle!«

122 Das Gespenst griff von der Schüssel, die gerade vor ihm stand, mächtig zu. »Hab lang pausiert!«

Und alle folgten seinem Beispiel und schluckten den toten Bissen endlich hinunter – und es folgten ihm viele lebendige. Hans Luft aber und Herr Kantioler sprachen ihrer Flasche duftenden Urweins mächtig zu. Sie saßen davor wie zwei streitbare Löwen, und niemand wagte sich so recht mit seinem Gläschen in die Nähe des fatal bemalten Gesichts.

Man begann sich an die Gegenwart des unangenehm zu betrachtenden Urahnen zu gewöhnen und ließ ihn gewähren mit samt seiner Gerichtsperson.

Da aber fiel dem Stifter und Handelsherrn etwas auf, was ihm nicht zu behagen schien. Der lange Doktor Hönigsmann hatte sich zu den Hoheiten verfügt und seinen Stuhl zwischen Dada und Dorettchen eingeschoben.

»Herrschaft!« brummte der Urahne und gab Hans Luft einen gelinden Rippenstoß. »Das geht nicht! Dieser Mann neben der kleinen Beauté und deiner Gralsschüssel – dieser Landaufkäufer, dieser eiskalte Hund. Überall hat er seine Fäden, das schöne Bauerngut, den Hof zum Umis – jetzt alles neu aufgeforstet – die besten Felder, das beste Wiesenland – Damit seine Kinder einmal sagen können: Guten Morgen, Feierabend! Lange treibt er's schon . . . Das Land verarmt durch solche kalte Schufte. – Herrschaft, dem leg ich's – der soll mir! Wart! Glaubst du, 123 so eine Beauté, so ein liebes Kerlchen, ist für dich gewachsen?« Sprach's und erhob sich, und wie sein Schatten folgte ihm der Mann mit dem Haarschopf todernst; denn sie hatten beide ihrem Urwein, wie sie ihn nannten, schon lebhaft zugesprochen, trotz der erzürnten Blicke des Verwalters.

Herr Kantioler, als großer Schauspieler, der er sicherlich war, denn er trug kaum mehr Zweifel in sich, daß er wirklich aus dem Grabe gestiegen, wirklich in seiner ureigenen Sommerfrisch' ein seliges Wiedersehen mit seinem Göttersaal feierte, wirklich sein vor hundertfünfzig Jahren selbst bestelltes Menü jetzt endlich verzehrt hatte und seinen alleredelsten Wein mit vollem Rechte trank.

Hans Luft blieb auf dem, ihm merkwürdig weit erscheinenden Weg bis zum Stuhl des Herrn von Hönigsmann stehen, rührte Nepomuk Kantioler an die Schulter und fragte: »Antworte mir, Euer Hochwohlgeboren: Ist der Weg heut ganz besonders – wie soll ich mich ausdrücken? – ausgedehnt im Saal? – Und ist es heut abend besonders scherzhaft hier?«

»Scherzhaft?« donnerte das Gespenst. »Wieso? Wie immer außerordentlich ledern – uns ausgenommen!«

»Bon!« sagte Hans Luft. »Ein unerhörter Wein!«

Über die Länge des Wegs äußerte sich das Gespenst nicht mehr; denn sie standen bereits hinter dem Stuhl des Herrn von Hönigsmann, wußten aber scheinbar nicht mehr 124 recht, was sie wollten; aber die bemalte blasse Totenhand lag auf Herrn von Hönigmanns Schulter schwer und fest.

Der schaute erstaunt und sah die beiden wunderlichen Heiligen, die sich aufgemacht hatten, ihn an irgend etwas zu hindern, was sie selbst nicht mehr wußten, unangenehm berührt an, blickte in das mit aller Kunst bemalte, halbverwischte Totenangesicht.

»Ist es recht,« fragte das Gespenst hohl und etwas lallend, »heiliges Ackerland aufzuforsten und eben desgleichen heiliges Wiesenland? Zu meiner Zeit war das Verrat am Vaterland. Man denkt jetzt wohl milder darüber, mein Herr?«

»Wollen Sie sich über Nationalökonomie unterhalten?« frug Herr von Hönigsmann kühl. »Dann wenden Sie sich, bitte, an den Herrn Verwalter! Der wird Ihnen über landwirtschaftliche Angelegenheiten und dergleichen besser Auskunft erteilen können als ich.«

Herrn von Hönigsmanns bleiche Augen wurden blasser als gewöhnlich, fast weißlich. Er war geärgert von diesem Pfründner. Das Gespenst, in seinem etwas unklaren Geisteszustand, erschrak vor diesem sonderbaren Blick, schüttelte den schauerlichen Kopf und zog sich zurück.

»Eiskalter Hund!« murmelte er leise – »mir unerträglich.«

Hans Luft meinte: »Euer Hochwohlgeboren hat es dem faden Kerl mit der Gralsschüssel ordentlich gesagt, daß 125 wir beiden Väter es uns verbitten! und so weiter – und so weiter!«

»Selbstverständlich.« Der Ahnherr schwenkte seinen Krückstock, schwenkte den Kneifer am schwarzen Band. Bald saßen sie wieder vor ihrer Flasche. Herr Kantioler aber bemerkte, daß Herr von Hönigsmann sich empfahl.

Kaum war dieser gegangen, erhob sich auch das Gespenst und schwenkte ihm nach. Hans Luft aber blieb als Wächter und Trinker noch vor der vorzüglichen Flasche sitzen. – –

 

In allererster Morgenfrühe nach dem Nachtfeste, wurde Dorettchen aus tiefem Schlaf geweckt.

»Hoheit!« hörte sie rufen. »Hoheit! Hoheit! Hoheit!« Es klang sonderbar – so wild – mit unmöglicher Stimme.

Das müde Kind sprang auf; es schwindelte ihr vor Müdigkeit.

»Hoheit! – Hoheit! – Hoheit! –« rief es wieder und wieder. »Hoheit!«

Nur Onkel Kantioler konnte das sein! Dorettchen schlüpfte in ihr Kleid, beugte sich aus dem Fenster in der grauen Morgendämmerung – und schaute gerade in das schauerlich verschattete Totengesicht ihres alten Freundes. Dorettchen schrie auf.

126 Und der Schauerliche vor dem Fenster sprach dunkel, mit mächtigem Pathos, jene Worte, die Dorettchen auf dem Kürbis gelesen:

»Eine Welt, die sich selbst frißt – nie auszumessendes Maß von Leid – wohl dir – wehe dir, daß du blind bist!

»Wie vermöchte wohl eine Welt, o Teurer, auf tieferem Grauen zu ruhen? Wie vermöchtest du wohl eine Welt zu ersinnen – grauenvoller als diese?

»Welten, die andere Welten verschlingen, selbst von anderen Welten verschlungen werden. – –

»– Wir bekommen Krieg! – Du, Kind! –. Ein hartes Wort! – Und es geht in Erfüllung, was mein Meister sagte: ›Eine Welt, die sich selbst frißt – nie auszumessendes Maß von Leid.‹«

Die Stimme wurde dunkler und schwer trunken.

Ein grauenvoller Bote stand vor dem ahnungslosen Dorettchen.

»Wo kommst du her?« frug sie zaghaft: »Aus dem Städtchen? vom Bahnhof – aus der Gans – aus dem Lamm?«

»Alles wach – nicht schlafen sind die Leute gegangen – – Krieg! Krieg! – Herrschaft!«

Das Gespenst mochte die Nacht weitergetrunken haben. Betäubt vor Grauen und Angst konnte Dorettchen nichts fragen.

»Und,« lallte der Schauerliche, »dem Hönigsmann, 127 dem Widerwärtigen, der unverschämt neben dir saß, Beauté, glaub ich einige 'naufgeschlagen zu haben – weehste Hoheit – bißchen totgeschlagen – macht nichts! – Herrschaft – da geht's jetzt anders los! – So 'n Hönigsmann! So 'n Leuteschinder! So 'n Ackerverderber! So 'n Verräter! Morden wird Mode, Kind! Daß i net lach!«

»Dada!« rief Dorettchen laut: »Dada, komm doch her!«

»Nun schrei auch noch, Beauté, und ruf die Leute zusammen! Mir ist's gleich – mögen sie mich finden!«

Da kam so etwas Wirkliches, Wahrhaftiges in die Stimme, daß Dorettchen zusammenfuhr, hinaus zu dem Schauerlichen lief, nicht mehr das entstellte Totengesicht sah – seine Hand faßte und bleich und bebend fragte: »Ist's wahr, Onkel Kantioler, hast du dem Hönigsmann was getan?«

»Wahr? freilich ist's wahr! Ganz verflucht ist's wahr! Laß mich auf eurer Verandabank mich niedersetzen. Ich kann nimmer!«

Und so geschah es; Dorettchen führte das ganz hilflose Gespenst die Veranda hinauf. Da sank es auf der Bank zusammen wie ein schlecht gefüllter Sack.

Dorettchen lief hinaus, um irgendwo Rat oder Hilfe zu finden, sah und hörte aber niemanden. Es mochte erst fünf Uhr morgens sein. Sie beschloß, hinunter ins Städtchen zu gehen, holte schleichend ihre Schuhe aus der Stube, 128 sah Onkel Kantioler zusammengesunken schlafen, hörte ihn schnarchen, strich sich über das Haar und rannte davon. Man mußte doch im Städtchen wissen, wenn dem Hönigsmann etwas geschehen wäre. Man mußte doch von allem Entsetzlichen etwas wissen!

Und wie sie eine Weile gelaufen war, sah sie eine Gestalt auf sich zukommen, haltlos lang, und wie eingezwängt in allzu knappe Kleidung. Hohe Reitstiefel waren das festeste in dieser Gestalt. – Das war doch der Hönigsmann –? Noch ein paar Schritte, da mußte er in den Weg einbiegen, auf dem er hinab zu seinem Haus gelangte. Da fiel ihr ein, er könnte auch einen Bruder haben. Vielleicht war er das?

Sie lief und holte ihn ein. »Sind Sie es, Herr von Hönigsmann? Sind Sie es selbst?«

»Ja, ist denn alles heut des Kuckucks? Das ist ja meine Nachbarin von heut nacht!«

Freilich war er es! Dorettchen atmete auf. Das hatte er sich eingebildet, der Onkel Kantioler, weil er gewiß den Hönigsmann nicht leiden konnte.

»Euer Gespenst aber, der verfluchte Kerl, hat mir aufgelauert, ich hätte den Tod vor Schreck haben können!« Das hörte Dorettchen kaum mehr.

»Und Krieg? – gibt es denn Krieg?« fragte sie schon ruhiger. War das eine nicht, war auch das andere nicht; Onkel Kantioler steckte doch aller Tollheiten voll.

129 »Krieg? Natürlich gibt's Krieg! Gottlob! – Faule Zeiten haben wir lang genug gehabt. Auffrischung. Für langen Frieden sind wir nicht gemacht. – Betrieb muß sein! Nur los! Muß mal alles durcheinanderkommen – Geschäfte und Leute.«

So sprach er in die Bergesstille hinein und schaute auf das schöne Mädchen mit seinen blassen Augen.

»So eine Pfründnerin aus dem Hause der zwölf Apostel lasse ich mir gefallen! Habt ihr zwischen euren Alten noch mehr solche? Schön wie der junge Morgen! Und so früh und so allein? Ei, ei, ei!«

In der Frage lag etwas, was Dorettchen noch nicht nahegekommen war. Sie verstand, daß er auf irgendeine Art nicht gut und freundlich von ihr dachte. Und dies »Eieiei« erschien ihr ganz besonders häßlich. Sie sah ihn bös an.

»Und wieso hab ich die Ehre, von so einem schönen Mädchen in aller Herrgottsfrühe angerufen zu werden? Ist das hier Sitte bei euch?«

»Gar nicht! Onkel Kantioler hat gestern zuviel getrunken, der Arme – und hat geglaubt, er hätt' Ihnen was getan.«

Mit diesen Worten lief sie davon. Ausgelöscht war im Nu das Bild dieses Mannes und die ganze Begebenheit in ihrer erschreckten Seele. Jeder Schritt, jeder Atemzug aber sagte zu ihr: Krieg – Krieg – Krieg.

130 Dunkel schien ihr der helle Morgen zu sein, als wäre ein Rauch aufgestiegen, der alles verschleierte. Nie in ihrem ganzen Leben hatte sie an Krieg gedacht – daß es in Wirklichkeit so etwas gab – so etwas Unmögliches – Unausdenkbares! –

 

Die unausdenkbaren Dinge des Lebens aber kommen für jeden einzelnen, für Völker, für Welten – alle Arten Untergang, alle Arten Tod und Not – und vertreiben das Gewohnte, das Alltägliche, was sich mechanisch fast hinleben läßt, aber ebenso Untergang und Tod ist, wie das Undenkbare. Wir sind's nur gewohnt, das heißt: Wir sind daran erstorben, bewußtlos geworden.

Das Undenkbare, Ungewohnte, Ungeheure bricht aber herein für jeden – erschreckt uns, wie aus tiefem Schlaf gerissen – und läßt uns denken, fühlen und leben.

So kam die unerwartete Zeit des Weltkriegs über die Menschen und packte sie mit gewaltigem Griff und schüttelte sie auf und ließ sie zum Bewußtsein kommen.

Da erschienen Anforderungen an jeden einzelnen, die der Sinn und das Ziel jedes Lebens sind. Sie kamen aber dahergebraust wie ein ungeheurer Orkan, der jedem wegreißt, was er halten will; der jeden in das hineinreißt, was er nicht will; der jedem das Schwerste zu tun heißt und nicht das Leichte und Angenehme.

Und so rasten über Völker und Länder die Gesetze des 131 Daseins unentrinnbar dahin, und alles neigte sich davor, wie Ährenfelder im Gewittersturm.

 

Über dem Bergland aber liegt die goldene Stunde, ehe der Tag dem Abend langsam zu sinkt: die Stunde, die alle Farben erhöht. Nur hier im Bergland, zwischen Süden und Norden, ist diese Stunde so berückend schön. Eine Stille auf Bergeshöhen sondergleichen. Alles ist wie zu Licht aufgelöst, zu goldenem, tiefem, wohltuendem Licht. Alle Schwere geschwunden – alles zu Licht geworden.

Über dem Städtchen liegt, auf schroffem Fels und hoch, ein uraltes Kloster, einst Burg und Hort des Minnesangs und seit Jahrhunderten schon zum Kloster geworden, zu einem Kloster der ewigen Anbetung.

Vom Haus der zwölf Apostel kann man das Kloster, ohne zu steigen, wenn man über ein breites Bergplateau geht, leicht erreichen. Über kurzes Berggras schreitet man unter uralten Kastanien dahin; ein schöner, edler Weg auf halber Höhe, einsam und unbegangen, weitschauend. Zum Kloster führt zuletzt ein schmaler Weg an einer waldigen Schlucht hin, in der ein Bergbach über Felsentrümmer lebhaft rauschend fließt.

Hand in Hand sind Peter Faltingoyer und Dorettchen über den kurzrasigen Boden, unter den feierlichbreiten Bäumen hingegangen – ganz still.

Beide tragen mit Tausenden, mit Ungezählten jetzt, 132 was über sie hereinbrach! Das Schwere, Nichtgeahnte, Unbegreifliche, den Abschied in Undenkbares hinein.

Horch!

Sie bleiben stehen. Oben, im geheimnisvollen Kloster der ewigen Anbetung, singt eine Nonne in der Kapelle. Die schmalen hohen Fenster blicken in die einsame Schlucht.

Es ist eine Stimme, die nichts Körperliches hat, eine weltferne, schwebende Stimme.

Sie gehen schweigend ihr näher – und beiden ist's, als sänge die Stimme für sie und wie in ihnen selbst. Das, was sie nicht sagen und denken können, weil es zu schwer für ihr junges Leben ist. Ihre Liebe zueinander, die so einfach, so selbstverständlich ist, wird zu etwas Großem, kaum Tragbarem – zu etwas, was dem Tode gleicht – ganz umgewandelt und drohend verhangen von Erschütterungen.

So stehen sie miteinander und hören auf die Stimme und die Stimme steigt ins Ungemessene, durch Weltenräume suchend. Und mitten in dem schweren Flug der Stimme bricht ein Jubel aus wie ein einsamer Adlerschrei in höchster Höhe – und der läßt die beiden erbeben. Es ist der Schrei der Liebe, der Gottesliebe – der Liebe der Menschheit – der Liebe!

Und die Stimme stößt diesen Schrei in Seligkeit und Entrücktheit aus – sie hat gefunden, sie war ganz Leid, ganz Suchen – sie fand ihre Heimat über Tod und Not und Erderschütterung.

133 Und Dorettchen, tränenüberströmt und lachend, schlingt die Arme um ihren Freund, dessen Wesen ihr Heimat ist. Ganz hat sie den Flug der weltentrückten Stimme in sich selbst empfunden.

Ihr so gern verschlossener, in sich selbst versteckter Freund fühlt die Erlösung mit ihr – wacht ganz in Liebe auf, in glückseliger junger Adlerschreiliebe, die der entrückten Stimme gleicht, die über unermeßliche Räume des Erdenleids in die Höhe steigt, in Seligkeit hinein.

So hatte die Stimme aus dem Kloster zur ewigen Anbetung zwei jungen Menschen Leid und Zeit vergessen gemacht.

Sie stiegen den steilen Weg miteinander hinab, in die tiefe Waldschlucht, zu den rauschenden Wassern.

»Peterle,« sagte das Mädchen weich, »Peterle, alles wird gut!«

So standen sie ganz ineinander versunken, und bebend küßte er sie. Er trank das wundervolle Geschöpf, im Kuß, wie in sich ein, auf wildem Weg sie stützend und Dorettchen wachte unter seinen Küssen zu einer Feuerbrandsfreude auf.

»Küsse mich nur!« rief sie – »Trari-trara! Halli, hallo!« jubelte sie auf. »Das hat meine kleine Mutter in der Hochzeitskutsche gerufen, wo sonst die Leute doch so ernst und schweigsam sitzen.«

»Woher weißt du das?« frug er ganz hingerissen.

»Das weiß ich! – Uns hat die Stimme da droben 134 getraut. Unsere Hochzeitskutsche ist der steile Weg und das Geröll, und die Hochzeitstafel mit den vielen Torten und Wein und den Lichtern ist unten im Wald irgendwo. Hab dich immer lieb gehabt!«

Er schloß ihr den Mund mit heißen Küssen. Sie gingen träumend, fest umschlungen. Das Wasser rauschte über mächtige Felsbrocken. Weglos gingen sie durch tiefen Wald. Ein klares, stilles Felsenbecken, mitten im steinigen Bachbett, das sich der wilde Bach ausgewaschen – verborgen und schön.

Peter Faltingoyer, der bereit war von ganzem Herzen, soweit er das konnte, sein Leben dem Vaterland zu geben, und morgen schon in das Fremde hinaus mußte, in Zustände, von denen er sich kaum ein Bild machen konnte, versank in glückselige Verwirrung und Vergessenheit. Er, der kaum gewagt hatte, Dorettchens ihm zu Herzen gehende Schönheit anzublicken, der das für einen Raub an seiner Kameradin gehalten hätte, versuchte mit bebender Hand, ihr das leichte Kleid zu lösen.

Sie blickte ihn verwundert an.

»Laß mich deine ganze Schönheit sehen! Gib sie mir mit!«

»Ja,« sagte sie leise – und froh, ihm geben zu dürfen. Sie war ganz Zärtlichkeit. Die Bitte, die ihn erbeben machte, die er nur im Rausche, in Erschütterung über die Lippen gebracht hatte, erschien ihr schön und natürlich.

135 »Hier hab ich oft schon gebadet.«

Sie schlüpfte hinter einen Fels, der ihr wohl schon manches Mal gedient hatte, ihre Kleider abzulegen und in ein paar Augenblicken stand sie in ihrer ganzen jungen Schönheit vor ihm.

Er, betroffen, erschrocken von dem Wunder, was er sah, kaum fähig, sich zu fassen.

Sie schaute befremdet auf ihn.

»Geh, eil dich und komm!« Und sie sprang in das klare Felsenbecken, durch das das wilde Wasser besänftigt zog. Bald war er bei ihr und wurde von ihr mit Wasserströmen empfangen.

»Herrgott, bist du schön!« rief er und hielt sie fest, und sie schnickte und tobte in wilder Wasserfreude. »Du bist mein – und ich bin dein!« rief sie mitten in ihrem Geplansch, dann sprang sie heraus: »Hu, kalt!« und schlüpfte in ihr Kleid, wie in ein Fell.

»Hier ist unser Haus und unser Fest!« lachte sie jubelnd.

Das Gras strömte wie einen Atem in der Abenddämmerung noch Sonnenwärme aus. Als wäre ihre Liebe kein Raub – als stände die Welt nicht in Aufruhr und Glut, lagen sie ineinanderbrennend wie zwei Flammen, als wären sie nicht zwei arme Mücken im Liebessonnentanz, sondern gewaltige Meister ihres Geschicks.

Entflammte Seelen in Liebe.

Die Sommernacht sank schwer und schwül über die 136 Erde, deren Menschen, wie in Urweltstagen, unverändert auf Tod und Grauen sannen, daran waren, alles was sie scheinbar errungen an geistigen Kräften, in Qualen und Entsetzen für den Nächsten umzuwandeln, in Urweltfraß und Schrecken.

»Kennst du mich?« fragte sie im Dunkeln, versunken in einem Meer von Liebe.

»Ja – ja – ja!« antwortete er wie einen Schwur. »Ich bin der Gesegnetste der Menschen.«

»Sag das noch einmal.«

Und er sagte es: »Ich bin der Gesegnetste der Menschen.«

»Und ich kenne deine Seele – so ganz und gar!« sagte sie leise. »Nur was man kennt, kann man ganz lieben. Nun will ich still bei dir sein, sing mich ein!«

»Das, was du schon kennst, will ich dir sagen.«

Und er murmelte:

»Liegt man bei den leuchtend hellen
Stundenlosen Wasserfällen,
Wo die Wellenworte drängen,
Lauscht man ihren Rauschessängen.
Werden Weltenwunder kund,
Weltenwort ging nie verloren;
Alle Wellen haben Ohren
Und nun rauscht der Wellenmund. 137

Schau, der Wellen Vielgerinne
Strömt im einheitlichen Sinne!
Schau, der Wellen Nimmerruh
Strömt dem Meer der Ruhe zu!
Ringt die Kraft vom Vielheitwerden
Mit der Kraft vom Einheitssein? –
Sieh, die tausend Wellenherden
Dienen nur dem Strom allein.Aus den Gedichten meines Sohnes.«

»Wenn du stirbst,« sagte sie leise, »sterb auch ich, aber du stirbst nicht? – Nicht wahr – du?«

Er mußte lächeln. Es klang als hätte ein Kind es gesagt. Ergriffen empfand er, daß ein zartes Geschöpf sich an ihm leidenschaftlich festhielt – an ihm, der wie ein Blatt fortgetrieben wurde von einem mächtigen Strom, in das Ungewisse und Undenkbare hinein.

Sie aber ruht still wie ein Kind, ruht an seiner Brust, wie mitten in ihrer unvergänglichen Ewigkeit, als wollten sie mit ihrer Stille das Schicksal zwingen, alles Drohende verneinen. Um ihren Mund lag es wie weher Trotz.

Es war tief dunkel, da entschlossen sie sich aufzubrechen. Und sie gingen dann miteinander dem Städtchen zu, eng umschlungen.

»Wie ein einziger Mensch,« sagte sie.

138 Es begann zu läuten, schwer und tief – kein Abendläuten, es war auch schon dunkel.

»Feuer?« fragte sie.

Einer, der vorüberging, sagte: »Nit Feuer! Morgen gehen die ersten von hier, erbarm' sich Gott! Heut ist Gottesdienst zum Abschied – und die Glocken läuten auf eine sunderbare Art. Kommt's einem nur so vor, oder ist's anderschter als sunst.«

Da klammerte sich Dorettchen fest an den Arm ihres Liebsten und flüsterte angstvoll: »Nein – nein – ich kann nicht! Geh auch nicht! – Ich sage dir, so einen Gott, wie die Menschen glauben, gibt's nicht! Alles in meinem Herzen sagt: Nein – nie, nie! –

»Es gibt nur Liebe von Menschen zu Menschen, Liebe und Mitleid unter den Menschen. Einen Gott für uns, der uns liebt, gibt's nicht. Hast du das vergessen: ›Welten, die einander fressen! – und er läßt's geschehen!‹ Mein Vater war doch Pfarrer und hat ihn doch nie gefunden!«

»Doch, in dir!«

»Ach geh – in mir?«

»Ich bin doch nicht besonders mutig,« sagte er, ganz wie in sie hinein – »gar kein Held. Ich würde lieber jetzt schlicht leben und meinen Gedanken nachhängen. Soldat werden, mich dressieren lassen, ist mir greulich. Aber ich werde es doch mit einer Art Freude tun. Ich werde auch gewiß, was man so nennt, einen Helden abgeben. Nicht 139 weil's die anderen auch so machen – weil eine Stimme in mir ist, die sagt: ›Tu das Schwere, drück dich nicht!‹ Die Stimme kommt von Gott – von einem gewaltigen Element der Liebe – das uns in sich hineinhaben will, über alle Schrecken hindurch. Das heißt doch, wir können größer sein als alle Schrecken, als alle Welten, die sich fressen. Das heißt doch, wir können göttlich werden.«

»Ich wollte sein wie du – deshalb lieb ich dich so sehr. – Du wärst wohl gern zum Gottesdienst gegangen?«

»Nein,« sagte er, »wozu? Ich will noch bei dir sein.« 140

 

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