Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Eine zärtliche Seele

Helene Böhlau: Eine zärtliche Seele - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine zärtliche Seele
authorHelene Böhlau
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleEine zärtliche Seele
pages247
created20140429
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Versunken in Geplauder gehen zwei in sommerlicher Morgenfrische, ein junges Mädchen – die Augen leuchten ihr, flatternde blonde Löckchen um die schön geründete Stirn, der Hals fein und stolz, die ganze Person blühend, auch die Kleider stehen wie in Blüte. Ihr Begleiter feinknochig, schlank; er geht leicht dahin. Es ist der Peter Faltingoyer, der sein Leben nur wie in sich selbst halten möchte, der es halten möchte wie den Kern in der Nuß, einem Geheimnis gleich, in das niemand schauen darf.

Sie plaudern, obwohl sie den gepflasterten, steilen Bergweg aufwärts steigen, über Grasschöpfe hin, die von den Bergbauern auf den felsenharten Weg geworfen sind, um besser vorwärts zu kommen. Die Steine sind glatt gefahren und gegangen. Seit Jahrhunderten wetzen die zweiräderigen Bergwagen mit ihren Schleifstangen und wetzen glatte Rinnen in das Gestein. Und noch mehr glätten die urweltlich genagelten Schuhe der Bauern.

Die beiden jungen Menschen gehen an Berghöfen vorüber, die weltfern im Sommersonnenlicht liegen, in der 95 kühlen hohen Luft, in der jedes Herz leicht wird. Edelkastanien beschatten die alten Berghäuser.

»Zeit lassen, Zeit lassen!« ruft ihnen eine Bäuerin nach, die vor ihrer Türe steht. – Ob die wohl die Herrlichkeit, in die sie schauen, die im Sonnenglanz schwimmenden fernen Bergzüge, die segelnden weißen Wolkenschiffe auf blauem Himmelsmeer noch sieht, oder ob die Gewöhnung sie ihr weggezaubert hat, so, daß ihre Augen etwa, statt der ganzen Schöpferpracht ein krankes Kuheuter vor sich sehen, das ihr gerade Sorge macht. Die beiden jungen Leute schauen und spüren alles wie in der ersten Pracht vom ersten Tage.

So steigen sie miteinander in die Sonntagsfrühe hinein. Alles Freude – das Steigen, das Schauen, der Wind im Haar, jedes Wort, jeder Blick voll Vertrauen. Er kommt aus der Holzschnitzschule in Bozen. Seine Finger waren von jeher geschickt für alles mögliche, und er als Malerssohn schien dazu auserlesen, auch als Landeskind war ihm eine halbe Freistelle sicher gewesen.

Ihm war es recht.

Sie hatten soeben von seiner Holzschnitzerei gesprochen. »Freut dich's denn eigentlich?«

»Seinen Beruf muß man wie mit sich selbst durchdringen, dann ist jeder recht. Es freut mich auch.« Das sagte er auf eine ruhige Weise, fast abweisend, als sollte sie nicht in ihn eindringen.

96 Jetzt sagte sie: »Aber es soll dich mehr als nur freuen, du sollst ganz glückselig darüber sein.«

Sie sah ihn an. Die Augen leuchteten ihr, und das Haar stand im Augenblick, durch den Bergwind aufgeweht, als ein Flammenschein um ihr Gesicht.

Er sah ihre Schönheit; aber sein Blick streifte sie nur leicht. Er schlug die Augen nieder und blickte wie in sich selbst – und lächelte. »Das ist nicht nötig. Du willst immer glückselig sein. Ein Mann braucht das nicht.«

»Oh,« rief sie, »das glaubst du selbst nicht!« Und sie setzten sich am Wegrand nieder und schauten in die Ferne.

»Müde?«

»Nein – man rennt an allem vorüber. Ich weiß es doch, du möchtest ein Maler sein. Du tust jetzt das, was du nicht besonders gerne tust.«

»Maler?« sagte er. »Weshalb?«

»Weil du so wundervoll von Bildern redest. Weißt du noch, wie wir in Guffidaun am Walde saßen und die großen Wolken zogen und zogen und du sagtest: »Schau – da zieht Gottvater dahin« – und ich sah ihn – Dann kamen Propheten und wundervolle Frauen. Es zog alles am Himmel hin und verwandelte sich und wurde wieder ein ungeheures Bild.«

»Die Wolkenbilder!« – sagte er langsam und schaute vor sich hin. – »Einen gab es auf Erden, der so tief sah 97 und so ungeheuerlich war, daß seine Gestalten die Kraft und das unerhörte Leben und die Göttergröße von Wolkenbildern hatten, ewiger Geheimnisse, ewiger Kräfte voll. – So gab es einen – einen – aber sonst keinen mehr!

Mein Vater nahm mich oft mit in die Sixtinische Kapelle, und wie ich dir die Wolken zeigte, so zeigte er mir die Gebilde und Schauungen. ›So,‹ sagte er, ›hat Gott die Welt und sich geschaut, so schuf er den Menschen sich zum Bilde. – So hatte er sich den Menschen verlangt – so hat er ihn sich ersehnt.‹

»Und wenn wir daheim in des Vaters Studio kamen, stand er vor seinen eigenen schönen Bildern und sagte: ›Unsere Gebilde von heute sind Leichen – hingebannt – und erstarrt!‹

»Nur einer – nur einer – und nie wieder einer hat Gottes Bilder geschaffen, die in Gott selbst leben. Geheimnis aller Geheimnisse.

»Mein Vater aber trug seine eigene Kunst wie eine Schmach.«

Das junge Geschöpf sah ihren Freund nachdenklich an. »Was ist dir? – Sind Väter alle so unglücklich?«

»Wieso?«

»Ich meine, wenn die Menschen alt sind, haben sie dann alle so eine Schmach?«

»Wieso?«

98 »Mein Vater starb und fühlte auch so etwas wie dein Vater. Der Kantioler sagte: – Mein Vater war ein armer Hund!«

»Geh, erzähle! das ist nicht so, wie du sagst.«

»Doch!«

Und sie erzählte – da gingen sie wieder Hand in Hand miteinander.

»Nun schau – er wurde doch ganz ruhig und froh durch dich, und immer war er nicht unglücklich; das mußt du dir nicht so vorstellen. Hin und wieder kam es über ihn – und das ist gut.«

Sie schaute in sein stilles, schlichtes Gesicht. »Ja,« sagte sie, »so wird es sein – das könnte sein. Ich denke oft an die Nacht damals. Weißt du, wenn ich mich fürchte, da höre ich ihn.«

Da wurde er lebendig, und seine Augen strahlten Wärme aus, und die leise Stimme bekam Klang.

»Denk daran, daß er durch dich selig starb und fürcht dich doch nicht. Durch deine Liebe. Denk, welches Wunder das ist, und sei froh!« Er hielt die kleine, warme Hand, von der aus Ströme der Verwirrung in ihn drangen, wie achtlos in der seinen. Die kleine Hand aber konnte nicht ruhig liegen, es zuckte in ihr.

Ein junges Weib in voller Schönheit, welch eine Herrlichkeit! Voll Ehrfurcht ging er neben ihr – Und wie er sie kannte! Glückseligkeiten schlummerten in ihr – der 99 Erweckerin. Und wie unsagbar lebendig war die leise bebende Hand in der seinen! Die seine aber lag wie ein kühles Tuch um sie geschlossen.

Er war in sich zusammengefaßt, so daß seine Hände kühl wurden.

»In der schönsten Sonne bekommst du kalte Hände – und ich glühe! Wir wollen abwärts gehen. Die Sonne brennt, und da laufen wir – da gibt's Wind! die Luft steht still, sogar hier oben.«

Sie liefen, sprangen von Stein zu Stein, von Grasschopf zu Grasschopf.

Da blieb sie stehen. »Peter – vielleicht hat doch jeder eine Schmach, wenn er groß ist und alt wird –«

»Wenn er schlicht lebt – weshalb? Er muß nur nicht in die Erde hineinwachsen – muß aufrecht bleiben, wie Gott ihn schuf.«

»Wie meinst du: in die Erde wachsen?« fragte sie ängstlich.

»Aufrecht hat Gott dich hingestellt wie einen Baum. Du sollst in die Höhe wachsen – nur deshalb hast du Erdenwurzeln. Du sollst blühen und leben. Aber daß du blühst und lebst und in die Höhe steigst, das macht die Erde. – Aber das Gleichnis vom Baum ist: Das, was wir vom Baum sehen, ist das Überirdische; was wir nicht sehen, das Irdische. Sei nun getrost, wenn's auch umgekehrt bei uns ist!«

100 Da liefen sie wieder.

Und nun kamen sie schon in den Bereich der zwölf Apostel! und gingen durch einen steil absteigenden Weingarten. Breite, unregelmäßige Steinplatten führten talwärts. Hin und wieder lagen die sonnenheißen Staffeln entlang Kürbisse, in ihren breiten Blättern und goldenen Blütenkelchen behaglich hingefläzt.

»Da liegen sie,« sagte Dorettchen, »die Bücher der zwölf Apostel! Gucken wir, ob schon wer seinen Spruch darauf gekritzelt hat!«

Und nun suchten sie und fanden lange nichts.

»Fällt ihnen nichts ein – aber schreiben müssen sie! Und wenn sie noch lange warten, wächst die Schrift nicht mehr mit, und keiner kann's lesen.«

»Oho, da hat Graf Wang geschrieben mit voller Namensunterschrift: ›Durch!‹ Der tut sich leicht!« Peter Faltingoyer lächelte.

»Durch!« sagte auch Dorettchen. »Das schreibt er immer – er und sein Wahlspruch sind eins. Aber ›durch‹ sieht er nicht aus. Weißt du, er lebt in seinen Vorfahren, die waren vielleicht ›durch‹.«

Die alten Mander und die alten Weiberleute aber hatten ihre Sprüchlein schon geschrieben. Sie baten fast alle um ein seliges Sterbestündlein, wann's zum Himmeln kommt. »Der Totentruchen kimmt keins aus«, hatte ein altes Mander geschrieben.

101 »Sei guat un liab, auch wenn dich neamend sieht!« Das war ein altes Weiberleut.

Dada aber hatte auch schon geschrieben:

»Schön ist die Lieb auf Erden.
Schön wie ein Rosenbusch.«

»So eine alte Jungfer, die Dada,« lächelte Peter Faltingoyer.

»Die ist ganz aus Liebe gemacht! Das glaubst du nicht, wie Dada voll Liebe ist! Und wenn ich in sie hineinspringen würde – ich fänd keinen Grund.«

»So lieb hat sie dich?«

»Ja, weißt du, Liebe muß endlos sein.« Das sagte das junge Mädchen ernst und stark. »Aber schau, was Kantioler schrieb!«

»Eine Welt, die sich selbst frißt – nie auszumessendes Maß voll Leid – wohl dir, wehe dir, daß du blind bist! –

»Wie vermöchte wohl eine Welt auf tieferem Grauen zu ruhen? Wie vermöchtest du wohl eine Welt zu ersinnen, grauenvoller als diese?

»Welten, die andere Welten verschlingen, selbst von anderen Welten verschlungen werden.«

»Und so ein Kürbis liegt in der Sonne und quillt auf!« sagte Dorettchen und lachte.

»Und so ein Mann,« rief Peter Faltingoyer, »läuft in 102 der Welt umher mit den lustigsten Augen, – ist des Teufels, voll Leben und Tollheiten. Glaubst du, der hat keinen Trost?«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht, Peter, man weiß nichts.«

»Sieh!« rief er. »Das hat ein wunderlieb Weiblein geschrieben:

»Ich komme, weiß nit woher,
Ich gehe, weiß nit wohin,
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.«

»Geh du nur getrost durch alle Welten, die sich fressen! Die fröhliche Flamme brennt in dir, – das ist ein größeres Wunder wie alle Schrecken um dich her. Nun schreib du was auf deinen Kürbis, und ich such mir auch einen. Meins aber liest du nicht!«

Das Mädchen suchte sich einen kleinen Kürbis, der ganz versteckt unter hohen Blättern lag, schrieb aber nicht. Er aber kritzelte, hatte sich ein Stäbchen zurecht geschnitzt und war ganz in sein Tun versunken. Sie aber saß, die Hände um die Knie geschlungen und blickte auf ihn ruhig, wie man auf das Liebste im Leben blickt.

Er spürte ihren Blick, schaute lachend auf: »Derglotz mi nit!« sagte er glückselig.

Sie ließ sich nicht aus ihrer Ruhe bringen und lächelte, als hätte er ihr Wundersüßes gesagt.

103 Und er schrieb auf seinen Kürbis:

»Licht, Sonne, Blüten, warme Worte und Liebe fallen über mich!« – und verkritzelte es wieder eifrig.

Nachdenklich saß er mit seinem Stäbchen.

Dorettchen fragte nicht, was er geschrieben. Sie sollte es nicht lesen. Solange sie sich kannten, war etwas Heimisches, Sicheres zwischen ihnen. Dorettchen war rückhaltlos zu ihren Kameraden immer gewesen, offen und ehrlich in der großen Lebhaftigkeit ihrer Natur.

»Glaub mir – ich gehe für das, was du denkst und sagst und tust, durchs Feuer!« Er lächelte.

»Du fragtest doch, haben alle, wenn sie groß und alt werden, eine Schmach?«

Da hielt sie ihm den Mund zu mit einer so liebenden Gebärde voller Kraft und Unschuld. »Geh, – du wirst nie eine Schmach haben!«

Er machte sanft seinen Mund von ihrer Hand frei.

»Du, verzeih!« sagte sie weich: »Aber es ist nun so: Lieb hab ich, was du sagst und denkst und tust.«

»Du – vielleicht – und das ist ein großes Glück. Aber Kunst ist eine furchtbare, herrliche Sache. Ich hab dir doch gesagt: Einer – Einer – und vielleicht noch Einer – und noch Einer – und alle anderen sind nicht wie Gott sie wollte – alle die Tausende und aber Tausende. Wünsch mir es nicht, Dorettchen! Ich möchte frei sein – ganz ohne Schmach! Nicht bedrückt – nicht halb! – Nicht 104 grübeln, ob ich wer bin oder nicht – ich will ein glücklicher Mensch sein, stolz und froh – Ja, dir will ich meine Dummheiten sagen, weil du dich dran freust.«

Peter Faltingoyer brachte Dorettchen nach Hause, und als auch er sich auf den Heimweg machte, war er wie träumend, sah nichts als seine ihm so wohlbekannte Kameradin. Die Welt war für ihn versunken, wie sie vor der Bäuerin oben in der hohen Bergluft vielleicht verschwunden war.

Er sah Dorettchen, wie ein Liebender seine Geliebte sieht; sie erfüllte mit ihrer schönen Jugend seine Gedanken, Gefühle und Wünsche. Er wollte Wundervolles finden, ihr zu sagen; doch fand er nichts – nur das Unmittelbarste. – Ich liebe dich unendlich! Und immer ist dies Wunder zum erstenmal geschehen auf Erden – wie jeder Tod zum erstenmal erlitten wird. Nichts, was aus Gott fließt, ist unewig durch Ewigkeiten geworden, keine Wonne und kein Leid – alles in jedem zum ersten Male geschehen.

 

An diesem selben Tag zog ein Hochgewitter auf. Drückend war die Luft geworden. Blau und dunkel standen die nahen Berge; die fernen waren im tiefen Wolkenmeer versunken. Es zog heran – alles, was lebt, bedrängend.

Gaki brummte. Sie war heute zur Lehrerin hinunter ins Städtchen geladen und konnte nicht gehen, weil der Tuifel am Himmel stand. Dada ward es angst, weil das 105 Kind gleich nach Tisch in das drohende Unwetter hineingerannt war. Gott weiß, wo sie sein mochte.

»Der Ratz wird frech!« brummte Gaki. »Du wirst schon sehen – vernarrt sind alle in sie. Was meinst du denn, der alte Kantioler mit seiner dummen ›Hoheit!‹ – Hoheit! Längst ist sie keine Hoheit mehr, der Ratz! Überhaupt diese Albernheit.

»Hoheit für die Bälger! Muß das ein Esel gewesen sein, der Alte! Aus ist's mit der Hoheit! Der Narr, der Kantioler, aber läßt nit ab. Geradesogut könnte er uns Hoheit titulieren.«

Dada lächelte. »Das tut er aber nit, mei Liabe. So zwei alte Gitschen, – da hat sich was mit Hoheit! aber ich weiß nit. Mich dünkt, sie ist wirklich noch eine Hoheit – unschuldig, wie sie ist!«

»Narrete Kuh,« sagte Gaki. Gaki war oft vom ledigen Unwillen geplagt und wurde dann grob. »Der Ratz sollte längst irgendwo sein in irgendeiner Stellung und hockt immer noch hier. Siebzehn ist sie schon.«

»So vergunns ihr doch!«

»Ihr werdet was erleben! Waren wir je so albern jung? So, daß jeder 's Maul aufreißt vor Verwunderung, als hätt er noch nie ne junge Gans gesehen?«

»Ja,« sagte Dada leise. »Man hat uns wenig bemerkt. Wir sind so in die alten Jahr hineingerutscht – wir wußten nit wie.«

106 »Du vielleicht – mag sein!«

»Ja, ich gewiß. Hat mich je einer gwollt?«

»Mit mir war es, gottlob, anders! An allen Fingern hätt ich einen haben können, so wahr Gott lebt.«

»Versündige dich nicht! An allen Fingern?«

»Na, gezählt habe ich sie nicht.«

»Weißt du,« sagte Dada, »seit Dorettchen da ist, ist neues Leben in mich gekommen. Sie hat soviel davon. Denk dran, damals mit dem Christus – du warst zwar bös, – und daß sie die Luft zum Essen zaubern wollte! – Haben wir je so was gedacht? Ich denk nur grad jetzt daran.«

»Eine hingehaut hätt ich ihr. Du wirst noch narret. Und was hab ich gelesen von dir? – Ja, da guckst du: Ganz ausgeschamt – und auf den Kürbis naufgemalt: ›Schön ist die Lieb auf Erden – schön wie ein Rosenbusch.‹ Gaki lachte laut: »Mannstoll mit fünfundfünfzig auf dem Buckel!«

Da machte Dada Augen und wußte nicht, was zu erwidern wäre. –

»Mannstoll?« frug sie klanglos. »Ja, bist du denn –?«

»Oder geht es auf den Ratz? – Mutterglück oder was? Mach dich nicht lächerlich!«

Da kam der erste große Donnerschlag und schloß Gakis schlimmes Maul und ließ Dadas Tränen fließen wie draußen den Regen.

107 Und nun folgte Schlag auf Schlag. Zuckende Blitze, und Wasserströme entluden sich, während die beiden, Gaki und Dada, ängstlich unter der Gewalt des Hochgewitters nun schweigend beieinander saßen, hatte Gaki zwei Kerzen angebrannt und war kleinlaut geworden; den Rosenkranz hatte sie aus dem Sack gezogen und betete murmelnd:

»Heilige Mutter Gottes, bitt für uns.«

Der Ratz aber schweifte glückselig in wilden Strömen, Blitzen und Grollen. Ihre erste Liebe oder Freundschaft, Hingebung oder junge Bewunderung und Freude an dem, den sie liebte, ließ sie in Sturm, Donner und Blitz und Wasserströmen wie einen Fisch herumschnalzen. Naß wurde sie bis auf die Haut. Auf ihr blondes lockiges Fellchen droschen Regen und Schloßen, ihr Gesicht wurde gewaschen und überflutet.

Jene vergessenen armen Knöchelchen – das bißchen Moder, das im Schatten der alten Dorfkirche tief in der Erde lag – lebten in diesem quellenden Blute ein neues Leben; stärker, aufstrebender, denn dies Leben wurzelte in dem frohen, sonnenhaften Wesen der Mutter und in den suchenden, dunklen Kräften des Vaters.

Doppeltes Bewegen gibt Wellenaufruhr, Spritzer und Wirbel.

So begegnete Peter Faltingoyer seiner Kameradin. Auch 108 ihn hatte es nicht daheim geduldet. Auch er mußte hinaus ins wilde Wetter. Und wohin anders; als um sie zu finden?

»Oho!« rief er, als sie aufeinander zukamen, drückte ihr ein Blatt Papier in die Hand, das er in seiner Tasche gegen Regen und Sturm geborgen hatte – und lief weiter, entschwand ihr in Schloßen und Wassertreiben.

Da stand sie betroffen. – Wo war er hingerannt – was war das?

Sie versuchte das zusammengefaltete Blatt zu öffnen; aber naß in Nässe von oben und unten und von allen Seiten – das Wetter stand auf der Höhe. Sie troff – wußte nicht wohin mit dem geheimnisvollen Blatt – Endlich hatte sie die nassen Seiten auseinander gebracht und las, was Peter Faltingoyer mit Bleistift geschrieben hatte: »Ich habe dich unendlich lieb!«

Der Regen aber floß darüber hin. Ein wunderlicher kleiner scharfer Schrei, als hätte ihn ein wilder Vogel, der seine Kreise zieht, ganz oben in hoher Luft ausgestoßen – freiheitsfroh und überselig, – von einer Seligkeit, die keiner auf Erden, der ohne Flügel ist, kennt.

Wie sie das inhaltsreiche nasse Blatt bebend wieder zusammenlegte, ihr windiges Fähnchen auf der Brust öffnete und den Brief an ihrem Herzen hastig barg wie einen Raub – und damit zu Neste flog, um ihn vor Wetter und Regen zu schützen.

109 So stand sie atemlos vor der urweltlichen Veranda. Gaki und Dada waren soeben zaghaft in die Tür getreten, um ängstlich ein wenig Ausschau zu halten, da gewahrte Gaki den Ratz.

»Wirst du wohl!« rief sie. »Du triefst ja – und die Dreckschuh! – Daß du nicht so in die Stube kommst! Fack!«

Da geschah etwas, daß Gaki der Mund offen stehen blieb. Eins – zwei – drei! – Das nasse, windige Fähnchen ward herabgerissen, lag zu einem unansehnlichen Häufchen mitsamt der Hemdhose in tiefer Nässe. Zwei Schuhe flogen im großen Bogen in den Rasen von den bloßen Füßen geschnickt. Ein Blatt Papier zwischen den Zähnen, stand ein wundervolles Geschöpf Gottes nackt und fröhlich im Regen und sprang in großen Sätzen Dada zu, fiel ihr um den Hals.

Gaki schrie –. Sie schrie und schrie. Sie war außer sich – empört – ratlos: »Nackt! Pfuiteufel! Schwein!«

Mitten im Geschrei der ganz überrumpelten Seele flüsterte das nasse Geschöpf, hatte das weich gewordene Blatt von den Lippen genommen: »Ein Liebesbrief, Dada! – Ein heiliger Liebesbrief!«

»Ach, geh – Unsinn!«

»Kein Unsinn!«

»Vom Verwalterssohn?« fragte Dada leise.

Gakis Empörung umstürmte die beiden.

110 Sie konnten im Schutze von Gakis wildem Geschrei sich einander eilig vertrauen.

»Nein! Nein, nicht von dem Depp! – Von dem einen! – Dem einen – dem einzigen, den es nur einmal gibt!« –

»Alle gibt's nur einmal – geh und trockne dich! Ich sag's, 's ist Einbildung!« Dada hatte in ihrem Leben keinen Liebesbrief bekommen und konnte sich's auch nicht vorstellen. Sie blickte ganz verlegen auf ihr schönes Kind.

Gaki aber machte eine wunderliche, sehr verständliche Gebärde, als wollte sie die unschuldige Jugendgestalt schlagen.

»Nicht! – Nicht! –« rief Dada. Und zu Dorettchen, ganz angstvoll: »Mach, geh und zieh dich an!«

Dorettchen verschwand wie ein Lichtstrahl in ihrer Nacktheit und ließ die beiden alten Jungfern im Dämmer. Aber auf Dadas Gesicht blieb ein Abglanz von Dorettchens Schönheit zurück.

*     *     *

Durch den nassen, vom Wetter ganz durchtränkten Liebesbrief mit seinen wenigen Worten, war es geschehen, das Erwachen. Die jungen Menschen standen in Flammen wie Hölzer, die lange geglimmt, ein Luftzug hat sie entfacht.

Und sie wollten miteinander brennen. Sie wußten sich 111 zu finden. Heut standen sie am Weiher und schauten beide in den Himmelsabgrund hinein. Dorettchen hatte erzählt, wie sie zum erstenmal das Wunder gesehen. Was hatten sie nicht alles gesprochen, als kämen sie aus den größten, tiefsten Geheimnissen; als müßten sie sich Ereignisse aus unendlichen Leben und Toten erzählen – als müßten sie Unendliches ergründen und hätten nur wenige Augenblicke Zeit.

»An dich dachte ich, wie du so geworden bist: so leicht und doch so schwer, in einem so dunkel und so hell – und mir ist klar geworden – und ich fand auch Worte für dich.

»Soll ich dir's sagen?

Im starken Trieb,
Aus fremdem Leib
Von Mann und Weib
Der Brut zugut
Kommt Eigenschaft und Kraft vom Gegensatz
Dem Einheitsschatz!«Aus den Gedichten meines Sohnes.

»Ich verstehe es – Du meinst meinen Vater und meine Mutter und mich. Wenn du jetzt etwa gesagt hättest: Mein Haar wär wie Seide, meine Augen wie Sterne, schön wär ich wie ein Karnickel – – Depp! würde ich sagen – eine hinhauen würde ich dir – lieb hätt ich dich 112 nicht die Spur! – Aber so bist du mein Geheimnis. Ich kann mich in dich hineinstürzen – ich kann in dich hineinsehen wie in den Weiher!«

Er lächelte. »Auch in Dada willst du dich hineinstürzen.«

»Ja – das kann ich auch! Gottlob! – Totfallen würde ich mich, wenn du nicht tief wärst, daß man nie auf den Grund käme. So kann ich nur einen Menschen lieben.« 113

 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.