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Eine zärtliche Seele

Helene Böhlau: Eine zärtliche Seele - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleEine zärtliche Seele
authorHelene Böhlau
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleEine zärtliche Seele
pages247
created20140429
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Zwischenspiel

Drittes Kapitel

Ein südtiroler alter Edelsitz, mitten in Bergesstille, mitten im Sommerland, um ihn her Edelkastanien im goldenen Blütennetz, mit ihren vollen Schatten, ihren grünen mächtigen Laubkronen, ihren grauen gewundenen Felsenstämmen.

Jeder Baum eine lebendige Welt für sich, die ihre Nebenwelt nicht stört. Die längst vergangenen Menschen, die diese Bäume einst pflanzten, hatten sich nicht täuschen lassen von den schlanken jungen Gerten, die sie einst einsenkten. Die hatten die Kraft der Vorstellung gehabt, von gewaltigen Baumbergen, die sich ausbreiten wollten in der klaren Bergluft. Jeder sollte sein unbeschränktes Reich für sich haben.

Und diese Laubwelten standen auf trockenen, kurzen Bergrasen. Einen Blick haben sie ins Land, einen königlichen Blick. Alles schwimmt sonnentrunken im Lichte, Dolomitensäulen ragen bleich oder rosig oder ganz vom Lichtglanz eingezogen, leuchtende, schwimmende Schnee- und Eisfelder, so zart wie ein Hauch und lichte 34 Bergeszüge wie Meereswogen ziehen sich in die Unendlichkeit hinein.

Und diese schauenden, rauschenden Riesen stehen, Wächtern gleich, um ein weitläufiges Haus mit Nebengebäuden, Scheuern, mauerumgeben, mir großem, offenem Tor. Hinter den Mauern, um den Edelsitz, breiten sich Räume aus, Gärten mit Obstbäumen, die schon Last tragen, alles weit, breit und wuchtend.

Eine graue Kirche, mitten in der Umfriedung, schaut sagenhaft vor sich hin als hätte sie, solang die Welt steht, so gestanden in Gedanken versunken.

Grau, wie die Kirche, ist das Haus; auch wie gewachsen, nicht gebaut, aus dem Boden gerungen, das Schieferdach spitz und grau.

Wie es heutzutage aussieht, sah es auch vor etwa hundertfünfzig Jahren hier aus. Und zu jener Zeit, vor etwa hundertfünfzig Jahren, im gewölbten Saal, der im zweiten Stock durch die ganze Breite des Hauses geht, saßen zwei stattliche Herren.

Bogenfenster schließen den Saal nach Süden und Norden. Die gewölbte Decke ist farbenprächtig mit schwebenden und wandelnden Götterjünglingen und Göttinnen geziert, die, köstlich frisiert und gepudert, sich in heiteren Wolken erlustieren in purpurnen, blauen und rosigen Gewändern, in die ein Sturmwind bläst, um reizende Busen, Schultern, rosige Beine und Leiber freizugeben. In diesem Raum, 35 an einer langen massiven Tafel, die nach gewaltigen Gastmählern aussieht, saßen also zwei Personen, zu jener längst vergangenen Zeit, ein frohgemuter alter Herr, der sein Weinglas, gefüllt mit leuchtend rotem Wein, lebensfroh und wohlgelaunt mit der ringgeschmückten rundlichen Hand umschließt – zärtlich, als umschlösse er das Wesen und die Idee des Lebens, wie er sie im Augenblick empfindet. Er ist im Geschmack seiner Zeit hervorragend gekleidet, vornehm und doch nicht edelmännisch. Man spürt ihm an, er kommt aus tätigem, erfolgreichem Leben. Auch der fest gedrehte Zopf, die knappen, ebenso festen Flügellocken zeigen ihn als arbeitstüchtigen, lebensstarken Mann.

Ihm gegenüber, in Allongenperücke, schwarz gekleidet, offenbar eine Gerichtsperson. Auch dieser Mann hält sein gefülltes Weinglas liebevoll umspannt – auch er wohlhäbig, dem anderen nicht übelgesinnt, freundlich.

Sie befinden sich beide guter Laune.

Ein mächtiges Tintenfaß steht zwischen ihnen, tintenbespritzt, ein vielgebrauchtes Werkzeug, Papiere, Schriftstücke, blaue Akten – und eine große Bouteille Wein.

Die goldene Stunde hier im Sonnenländchen, in der alles Leben aufleuchtet, ehe der Abend kommt.

»Oho!« sagt der fröhliche Mann, »mei Liaber, das machen wir nit! Soll ich hier in meiner Sommerfrisch' Facken – Schweinen das Dasein behaglich machen! 36 Gewiß nit. Wer kennt seine Nachkommenschaft? So wenig, mei Liaber, wie seine Zeitgenossen! Man muß sich auf alles gefaßt machen. Wenn ich mit Tode abgegangen bin, will ich keine Wüstenei hier sehen. Beileibe nit!«

»So – so!« sagte die Gerichtsperson.

»Ja, was meinscht du? Glaubst du, der Tod machte mich ganz stumm? Pfiat di Gott. Hier bin i und hier bleib i, hier kenn i mich aus, hier komm ich auch wieder! Von meiner Sommerfrisch reißt mich auch der Tod nit los – jetzt – so um die Zeit, wenn die Kastanien blühen und im Oktober, wenn sie stehen, wie aus leuchtender Bronze zur Weinleszeit im Mondenschein, wenn du mich dann etwa sprechen willst, komm nur getrost herauf, da geh ich spuken, mei Liaber und schau nach – und wehe dem!«

Da nahm er einen tüchtigen Schluck.

»Du sagst, ich soll da oben ein Waisenhaus gründen, oder eine Stiftung für alte Leuteln? Nein – und abermals nein – Und wenn nur ein Tröpfel von meinem Blut noch in den Adern meiner Nachkommen sich findet, in Gottes Namen, soll sich das Tröpfel noch hier freuen – wie ich mich freute! Herr du mein Gott! Was kann ich mehr als Junggesell verlangen, als daß meine Brüder und Schwestern mit Nachfahren mich so wohl versorgten. – Aber ohne weiteres sollen sie mir nicht kommen!

»Wie hält man den Daumen auf so eine Nachkommenschaft. – He? – Soviel ich weiß, nur wenn der Tod dem 37 Menschen auf der Krippen – dem Leibe – sitzt, fangen sie mit Denken und mit Leben an.«

»Das ist dem so,« bestätigte die Gerichtsperson.

»Also wer hat demnach recht mit dem Sarg?«

»Recht – recht! – Was heißt recht in diesem Falle – eine sonderbare Idee!«

»Es bleibt dabei; in die Statuten kommt, was schon geschrieben steht:

»Ein jeglicher Nachkomme meiner Brüder und Schwestern, Männlein wie Weiblein, Kindlein ausgenommen, wenn er Zuflucht im Hause der zwölf Apostel sucht, nachdem das Leben ihn gezaust und arm gemacht – erhält beim Eintritt in besagtes Haus seinen Sarg und sein Sterbekleid als Angebinde. Nun verdreh's im hochwohllöblichen Amtsstil, verehrter Freund, aber geschrieben bleibt's dem Sinne nach, Punktum!«

»Auch das,« frug die Gerichtsperson, »mit dem anständigen und gesitteten speisen? Wer soll darüber richten?«

»Wie ich schon sagte: ›eine zu wählende Person, die mit allen Rechten und Kräften auszustatten sei‹. Dazu bist du da, mein Liaber, um das in Form zu bringen.«

»Was stellst du dir vor? Gesetz und Recht in Form zu bringen – dazu gehören Jahrhunderte! Jahrtausende!«

»Kurz und gut, wer meiner Gebote nicht achtet, verliert Dach und Fach. Das ist: – Nahrung, Kleidung, 38 Zuflucht und Versorgung in diesem hochansehnlichen Stift und Haus. – Man wird sich's überlegen.

»Und zu dem Sargpräsent, wart – nit unterbrechen! – gehört: Ein jeder im Hause der zwölf Apostel. Am Jahrestage meines Todes, den der allergnädigste Gott soweit als möglich hinauszurücken belieben möge,« hier hob der Kaufherr und Junggeselle sein Glas, »hat im Sterbehemd von morgens früh an zu erscheinen. Im Sterbehemd soll er seine Mahlzeiten mit allen Versammelten halten. In der Pfoaten, in diesem Hemd soll er zur Arbeit gehen, in der Sterbepfoaten sein ganzes Tagwerk tun und nachts sich zur Ruhe legen. Und wie er – so alle. Punktum.«

»Der tausend,« rief die Gerichtsperson, »mein hoch zu verehrender Freund Kantioler, alles was recht ist, lobe Gott, den Herrn!«

»Das ischt recht und billig!« meinte der Kaufherr ruhig. »Die Bestien sollen an den Tod denken! Herrgott noch einmal, mit was sonsten wollen wir sie denn regieren? – Macht es unser Herrgott etwa anders?

»Den Tod hat er gesetzt über das Leben. Wenn es ihnen gar zu wohl ginge, würde kein Stein meiner Sommerfrische auf dem andern bleiben.

»Und außerdem die Formen! – die Formen! – das anständige Speisen haben wir schon. Sie sollen sich anständig aufführen – nicht fressen. Einen Fackenstall mag i nit. So muß es auch gesetzliche Anreden geben, auch bei Strafe 39 und Versorgungsverlust. Ich spüre im voraus,« sagte der frohe Mann, »daß die Welt nachlässiger und schlampiger werden wird, so soll unverrückbar, wie in unserer alleinseligmachenden Kirche, die einmal erwählte Form bestehen und unantastbar bleiben.

»Ich bestimme hiermit: – Daß das mit Recht so unbeliebte Alter mit ›Euer Gestrengen‹ anzureden sei. Die jüngeren Personen bis zu fünfzig ›Euer Hochwohlgeboren‹ – und die Kinder ›Euer Hoheit‹.«

Die Gerichtsperson sagte, räusperte sich: »Die verfluchten Buben ›Euer Hoheit‹, – mein liaber Freund Kantioler – wird das auch dienlich sein?«

»Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Euer Gestrengen für die Alten genau so recht und falsch wie Euer Hoheit für die Buben. – Was sie nicht sind, so seien sie angeredet. Die Hochwohlgeborenen sind auch danach.«

So saßen die beiden fröhlichen Gesetzgeber, der zukünftige Erblasser und die Gerichtsperson vor langen Zeiten fröhlich beieinander, tranken Wein, und der Junggeselle und reiche Handelsherr ließ den Tod einen guten Mann sein und erlustierte sich mit dieser wahrhaft gestrengen Person, als ginge sie ihn – ganz und gar nichts an.

Und wie er so unter seiner gewölbten Decke mit den gemalten leichtfertigen Göttinnen und Jünglingen saß und die bauschigen Seidengewänder von einem frivolen 40 Stürmlein den schönen Herrschaften von den rosigen Gliedern geweht wurden und er sein Glas wieder und wieder hob, voll Laune und Heiterkeit, und die braunen Sonnenaugen, die viel Sonne ihr Lebtag getrunken, voll Humor und in Überschwang der goldenen Stunde leuchteten, ging ihn der Tod freilich nichts an, trotz Testament und Gerichtsperson, und er hatte hier schon das ewige Leben.

»Und nun zu den Festen!« sagte er fröhlich, nachdem sie manches hochwichtige Paragraphlein durchgenommen, »denn Feste müssen sein, und zwar gesetzmäßige Feste. Übergehungen derselben fallen unter die Paragraphen, Bestrafungen betreffend.

»Da haben wir zum ersten: Den ›Nuian‹! Das Fest des neuen Weins. Das Törkelfest mit allem Drum und Dran. Beim höchstgelegenen Weinbauern zu feiern.

»Da sollen sie hinaufziehen, die Nachkommen, in die Bergesklarheit, daß ihnen aller Sack und Pack abfällt, auf daß sie neu geboren werden. – Da sollen sie in der engen Felsenbergbauernstube sitzen, aneinandergedrängt wie die Erbsen in der Schote – die Arme aufgestützt, den perlenden Nuian vor sich – die Haufen gerösteter Käschten mitten auf dem Tisch aufgeschüttet. Die Kästenschalen unter den Tisch und drauf getrampelt, daß es krätscht. Und: ›Da rumple ma! rumple ma! rumple ma‹! sollen sie singen!«

»Das werden sie sich nit zweimal sagen lassen, mein lieber Freund Kantioler,« meinte die Gerichtsperson.

41 »Und nun mein Liaber: Das Kürbesspruchfest!«

»Was? Kürbes? Kürbes? Wieso?«

»Sie sollen sich auch nach meinem Wunsche geistig betätigen. An den Weingartenhängen siehst du die Kürbisse liegen, jahraus, jahrein. Manch kräftiges Sprüchlein findest du darauf, von den vorübergehenden Bauern eingeritzt, das mit den Kürbissen zusammenwuchs und deutlich wurde.

»Und so soll ein jeder meiner Nachkommen,« er sagte meiner Nachkommen, »allsommerlich in einen Kürbis ein Sprüchlein ritzen, das mit dem Kürbis wächst und gedeiht – und zur spätesten Weinlese, wenn auch der Kürbes vollkommen gereift ist und das Sprüchlein mit ihm, soll ein jeglicher sein Produkt nach Hause tragen, oder rollen, oder wälzen – und wäre die Frucht groß wie ein Kuhbauch.

»Beim fröhlichen Mahle am Abend haben sie den Kürbes vor sich zu legen, wenn abgetafelt ist und der Wein allein noch die Tafel beherrscht, dann haben sie die Sprüchlein vorzulesen, die den Sommer über in der Sonne reiften. Eine verantwortliche Sach, mein Liaber, denn sie wissen nun jahraus, jahrein, wes Geistes Kind sie sind.«

Und so kamen die beiden Mander, die Gerichtsperson und der Junggeselle, auf die letzten Feste, die zu feiern waren: Das heilige Weihnachtsfest als das Fest der Feste, 42 an dem die Bestien, wie der Erblasser sich ausdrückte, sich Präsente machen sollen.

Und nun zum letzten.

»Ich will,« sagte Herr Kantioler ernst, »daß am Jahrestag der Stiftung ich selbst geladen sei.

»Es soll am Tische ein Platz für mich bereitstehen, bekränzt soll mein Stuhl sein – da will ich mit meinen Nachkommen tafeln. Plentene Knödel, Hasenbraten und Schweinsbraten. Magdalener Wein wollen wir trinken! – Und nachts zwölf Uhr soll's sein, damit auf alle Fälle mir Gelegenheit gegeben ist, zu erscheinen.«

So wurde in gar verschiedenen Sitzungen, bei Terlaner und Magdalener, Herrn Kantiolers köstliche Sommerfrisch', die Stiftung für seine Nachkommen, wie er sie nun einmal nannte, gar reichlich fundiert.

Und noch bei Lebzeiten des fröhlichen Stifters ward eine Marmortafel mit allen Verfügungen und Statuten, in der großen gewölbten, farbenreichen Götterhalle im Beisein des Stifters und der Gerichtsperson und fröhlicher Gäste in die Mauer eingefügt und nach getaner Arbeit mit Weinlaub bekränzt.

Heute noch ist die Halle zu sehen, die Tafel und die fröhlichen Götter und Göttinnen und auch die Nachkommen des frohen Herrn Kantiolers haben sich zu allen Zeiten im Hause zu den zwölf Aposteln eingefunden. 43

 

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