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Eine verhaengnisvolle Erbschaft

William Wilkie Collins: Eine verhaengnisvolle Erbschaft - Kapitel 2
Quellenangabe
typeshortstory
authorWilkie Collins
titleEine verhaengnisvolle Erbschaft
translatorstark@wilkiecollins.de
senderstark@wilkiecollins.de
modified20150827
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Der erste Teil

I

Eines schönen Morgens, es ist jetzt mehr als drei Monate her, rittest Du mit Deinem Bruder, Miss Anstell, im Hyde Park. Es war ein heißer Tag und ihr hattet Euren Pferden erlaubt, in den Paßgang zu fallen. Als Ihr an dem Geländer zu rechter Hand nahe den östlichen Ausläufern des Sees im Park vorbeirittet, hast weder Du noch Dein Bruder eine Frau bemerkt, die auf dem Fußpfad herumstand und die Reiter beobachtete, als ihr vorbeigeritten seid.

Die einsame Frau war mein altes Kindermädchen, Nancy Connell. Und dies waren die Worte, die zwischen Dir und Deinem Bruder gewechselt wurden, so wie sie sie gehört hatte, als Ihr langsam an ihr vorbeirittet.

Dein Bruder sagte: »Ist es wahr, daß Mary Brading und ihr Ehemann nach Amerika gegangen sind?«

Du hast gelacht, als würde Dich diese Frage amüsieren und geantwortet: »Völlig wahr.«

»Wie lange werden sie weg sein?« fragte Dein Bruder als nächstes.

»So lange sie leben«, antwortetest Du mit einem weiteren Lachen.

Zu diesem Zeitpunkt wart Ihr außerhalb Nancy Connells Hörweite geritten. Sie gesteht, Euren Pferden ein paar Schritte gefolgt zu sein, um zu hören, was als nächstes gesagt wurde. Sie schaute besonders auf Deinen Bruder. Er schien Deine Antwort sehr ernst zu nehmen und schien völlig überrascht davon zu sein.

»England verlassen und sich in Amerika niederlassen!« rief er aus, »Warum sollten sie das tun?«

»Wer kann schon sagen, warum?« hast Du gefragt, »Mary Bradings Mann ist verrückt und Mary Brading selbst ist nicht viel besser.«

Du hast Deinem Pferd die Peitsche gegeben und einen Augenblick später warst Du und Dein Bruder außerhalb der Hörweite meines Kindermädchens. Sie schrieb mir und erzählte kürzlich in einem Brief, was ich Dir hier erzähle. Ich habe in meinen freien Stunden ernsthafter über diese letzten Worte von Dir nachgedacht, als Du vielleicht annehmen würdest. Das Ergebnis von alledem ist, daß ich meine Feder nehme, um Dir zugunsten meines Mannes und mir die Geschichte unserer Heirat und den Grund für unsere Auswanderung in die Vereinigten Staaten zu erzählen.

Es spielt für mich oder ihn kaum oder gar keine Rolle, ob uns unsere Freunde in England für verrückt halten oder nicht. Ihre Meinungen, seien sie feindselig oder wohlgesinnt, sind für uns von keiner besonderen Bedeutung. Aber Du bist eine Ausnahme von der Regel. In vergangenen Schultagen waren wir treue und gute Freunde; und – was für mich sogar mehr als das ausschlaggebend ist – Du wurdest von meiner seligen Mutter innig geliebt und bewundert. Sie sprach auf ihrem Totenbett zärtlich von Dir. Verschiedene Ereignisse haben uns in den letzten Jahren getrennt. Aber ich kann die alten Zeiten nicht vergessen; und ich kann nicht gleichgültig gegen Deine Meinung von mir und meinem Ehemann sein, obwohl ein Ozean uns trennt und obwohl es nicht sehr wahrscheinlich ist, daß wir je den anderen wieder sehen werden. Ich wage zu sagen, daß es sehr töricht von mir ist, das, was Du in einem Deiner gedankenlosen Momente sagtest, von Herzen ernst zu nehmen. Ich kann nur als Entschuldigung anführen, daß ich durch sehr viel Elend gegangen bin, und daß ich immer (wie Du Dich erinnern wirst) eine Person von empfindlichem Temperament gewesen bin, die leicht aufgeregt und leicht niedergeschlagen war.

Genug davon. Tu mir den letzten Gefallen, um den ich Dich je bitten werde. Lies, was nun folgt und urteile selber, ob mein Ehemann und ich wirklich so verrückt sind, wie Du bereit warst, zu glauben, als Nancy Connell Dich mit Deinem Bruder im Hyde Park sprechen hörte.

II

Es ist nun mehr als ein Jahr her, als ich mit meinem Vater und meinem Bruder nach Eastbourne, das an der Küste von Sussex liegt, ging.

Mein Bruder war damals wieder, wie wir hofften, von den Auswirkungen eines Sturzes beim Jagen genesen. Er beklagte sich dennoch über einen Schmerz in seinem Kopf; und die Ärzte rieten uns, es mit etwas Seeluft zu versuchen. Wir zogen nach Eastbourne, ohne einen Verdacht zu hegen, von welch ernster Art die Verletzung war, die er davongetragen hatte. Ein paar Tage lang ging alles gut. Wir mochten den Ort; die Luft tat uns gut und wir beschlossen, unseren Aufenthalt auf die kommenden Wochen auszudehnen.

An unserem sechsten Tag an der See – ein denkwürdiger Tag für mich aus Gründen, die Du noch hören wirst – beklagte sich mein Bruder wieder über den alten Schmerz in seinem Kopf. Er und ich gingen zusammen weg, um herauszufinden, was für Bewegungen nötig sein würden, um seine Schmerzen zu lindern. Wir spazierten durch die Stadt bis zu dem Fort am einen Ende derselben und folgten sodann einem Fußpfad, der an der Meeresküste entlanglief, über eine triste Wüste aus Strandkies, die landeinwärts durch die Straße nach Hastings und jenseits davon vom sumpfigen Umland begrenzt war.

Wir hatten das Fort in einiger Entfernung hinter uns gelassen. Ich ging voraus und James folgte mir. Er sprach so leise wie gewöhnlich, als er plötzlich mitten im Satz anhielt. Ich drehte mich überrascht um und entdeckte, daß mein Bruder mit schrecklichen Krämpfen auf dem Pfad lag.

Es war der erste epileptische Anfall, dessen Zeuge ich gewesen war. Meine Geistesanwesenheit verließ mich völlig. Ich konnte nur noch meine Hände in Entsetzen ringen und um Hilfe schreien. Niemand erschien. Weder aus der Richtung des Forts noch der Hauptstraße. Ich war zu weit weg, nehme ich an, um mich hörbar zu machen. Als ich vor mir den Pfad entlangsah, erkannte ich zu meiner unendlichen Erleichterung eine männliche Person, die mir entgegenrannte. Als er näher kam, sah ich, daß er unverkennbar ein Gentleman war – jung und übereifrig, mir zu helfen.

»Bitte beruhigen Sie sich doch«, sagte er, nachdem er meinen Bruder gesehen hatte, »Es ist sehr schrecklich mitanzusehen, aber es ist nicht gefährlich. Wir müssen warten, bis die Krämpfe vorbei sind, dann kann ich Ihnen helfen.«

Er schien so viel davon zu wissen, daß ich dachte, er wäre ein Amtsarzt. Ich stellte ihm schlicht diese Frage.

Er errötete und schaute etwas verlegen.

»Ich bin kein Doktor«, sagte er, »ich habe Personen gesehen, die mit Epilepsie belastet sind und ich habe Ärzte gehört, die sagten, daß es nutzlos ist, sich einzumischen, bevor der Anfall vorbei ist. Sehen Sie!« fügte er hinzu. »Ihr Bruder ist schon leiser geworden. Er wird bald ein Gefühl der Erleichterung verspüren, was ihn mehr als entschädigen wird für das, was er durchgemacht hat. Ich werde ihm helfen, ins Fort zu kommen und sobald wir da sind, können wir nach einer Kutsche schicken, um ihn nach Hause zu bringen.«

Fünf Minuten später waren wir auf dem Weg zum Fort. Der Fremde stützte meinen Bruder so bedacht und sanft, als wäre er ein alter Freund gewesen. Als uns die Kutsche erreicht hatte, bestand er darauf, uns bis zu unserer Haustür zu begleiten für den Fall, daß seine Dienste uns noch nützen konnten. Er verließ uns, wobei er um Erlaubnis fragte, anzurufen und sich am nächsten Tag nach James Befinden erkundigen zu dürfen. Eine anständigere, vornehmere und bescheidenere Person habe ich nie getroffen. Er weckte nicht nur meine wärmste Dankbarkeit; ich interessierte mich für ihn schon bei unserem ersten Treffen.

Ich hebe den Eindruck, den dieser junge Mann auf mich machte, hervor- warum, wirst Du bald herausfinden.

Am nächsten Tag machte der Fremde seinen versprochenen Besuch und erkundigte sich nach meinem Bruder. Seine Karte, die er nach oben schickte, setzte uns davon in Kenntnis, daß sein Name Roland Cameron war. Mein Vater, der nicht leicht zu erfreuen ist, faßte sofort eine Zuneigung zu ihm. Sein Besuch wurde auf unsere Bitte hin ausgedehnt. Er sagte gerade genug, um uns davon zu überzeugen, daß wir eine Person empfingen, die mindestens den gleichen Rang wie wir besaß. Er war in eine schottischen Familie in England geboren worden und hatte beide Eltern verloren. Es war nicht lange her, daß er ein Vermögen von einem seiner Onkel geerbt hatte. Es erschien uns etwas seltsam, daß er von seinem Vermögen mit einer deutlichen Änderung der Stimme und seines Verhaltens sprach. Das Thema war für ihn offensichtlich aus irgendwelchen unbegreiflichen Gründen ekelerregend. Obwohl er reich war, räumte er ein, ein einfaches und einsames Leben zu führen. Er fand wenig Gefallen an Gesellschaft und hatte keine Vorlieben wie die anderen jungen Männer seines Alters. Aber er hatte seine eigenen unschuldigen Vergnügen und Beschäftigungen; und nicht zuletzt hatten ihn Kummer und Leid gelehrt, nicht zu viel vom Leben zu erwarten. Dies alles sprach er bescheiden mit einem gewinnenden Charme in seinem Blick und seiner Stimme, der mich unbeschreiblich anzog. Seine persönliche Erscheinung halfen dem günstigen Eindruck, den sein Verhalten und seine Redeweise auf mich machten. Er war von mittlerer Größe, leicht und stark gebaut, sein Teint blaß; seine Hände und Füße waren klein und zart geformt; sein natürliches braunes, gelocktes Haar, seine dunklen und großen Augen mit einer gelegentlichen Unentschlossenheit in ihrem Ausdruck, welche meiner Ansicht nach weit davon entfernt war, ein Bedenken für sie zu sein. Sie schien mit einer gelegentlichen Unentschlossenheit in seinen Worten zu harmonieren; während er fortfuhr, war ich geneigt, eine vorübergehende Unentschlossenheit in seinen Gedanken zu erkennen, deren Überwindung ihn immer eine kleine Anstrengung kostete. Überrascht es Dich zu hören, wie genau ich einen Mann beobachte, der nach unserem ersten Gespräch nur eine zufällige Bekanntschaft war? Oder erleuchtet Dich Dein Argwohn und Du sagst Dir, Sie hat sich in Mr. Roland Cameron auf den ersten Blick verliebt? Ich kann zu meiner eigenen Verteidigung sagen, daß ich nicht romantisch genug war, um so weit zu gehen. Aber ich gestehe, daß ich auf seinen nächsten Besuch mit einer Ungeduld wartete, die meines Wissens neu für mein nüchternes Selbst war. Und, was noch schlimmer ist: Als der Tag kam, wechselte ich meine Kleider dreimal, bevor meine neuentwickelte Eitelkeit mit dem Bild zufrieden war, das der Spiegel von mir zeigte.

Vierzehn Tage später begannen mein Vater und mein Bruder die tägliche Gesellschaft unseres neuen Freundes als eine alte Gewohnheit in ihrem Leben zu betrachten. Weitere zwei Wochen später waren Mr. Cameron und ich- obwohl keiner von uns wagte, es einzugestehen – so hingebungsvoll ineinander verliebt, wie es junge Menschen nur sein konnten. Ach, was für eine herrliche Zeit! und wie grausam unser Glück bald ein Ende fand!

Während der kurzen Zeit, die ich hier beschrieben habe, beobachtete ich gewisse Eigenheiten in Roland Camerons Verhalten, welche mich verblüfften und beunruhigten, sobald ich mich in meinen Gedanken mit ihm beschäftigte, wenn ich allein war.

Zum Beispiel verfiel er in seltsames Schweigen, wenn er und ich miteinander sprachen. Während dieser Momente nahmen seine Augen einen müden, abwesenden Blick ein, und seine Gedanken schienen wegzuwandern – weit von der Unterhaltung, weit von mir. Er war sich seiner eigenen Krankheit absolut nicht bewußt, er fiel unbewußt in sie und kam unbewußt aus ihr heraus. Wenn ich ihm gegenüber bemerkte, daß er mir nicht zugehört hatte oder wenn ich ihn fragte, warum er still gewesen war, konnte er überhaupt nicht verstehen, was ich meinte: ich verwirrte und beunruhigte ihn. Was er in diesen Schweigepausen dachte, war mir unmöglich zu erraten. Sein Gesicht, das zu anderen Zeiten außergewöhnlich beweglich und ausdrucksvoll war, wurde fast zu einem vollkommenen Nichts. Litt er an einem fürchterlichen Schicksalsschlag in einer vergangenen Zeit seines Lebens und war sein Geist nie davon befreit worden? Ich sehnte mich danach, ihm die Frage zu stellen und schreckte davor zurück, ich hatte so erbärmliche Angst, ihn zu quälen; oder um es in schlichtere Worte zu kleiden, ich war so wahrhaftig und zärtlich in ihn verliebt.

Dann wiederum, obwohl er gewöhnlich, wie ich aufrichtig glaube, der liebenswürdigste und reizendste Mensch war, gab es Gelegenheiten, wenn er mich mit heftigen Gefühlsausbrüchen überraschte, erregt von den reinsten Kleinigkeiten. Ein Hund, der plötzlich dicht hinter ihm bellte, oder ein Junge, der Steine auf die Straße warf, oder ein aufdringlicher Ladenbesitzer, der versuchte, ihm etwas zu verkaufen, was er nicht wollte, warfen ihn in eine wilde Raserei, die, ohne zu übertreiben, wirklich furchtbar anzusehen war. Er entschuldigte sich immer für diese Ausbrüche, in Worten, die zeigten, daß er sich aufrichtig für seine eigene Heftigkeit schämte. Aber er war nie darin erfolgreich, sich zu kontrollieren. Die Ausbrüche in diese Leidenschaft ergriffen ebenso wie die Ausbrüche in Schweigen Besitz von ihm, und taten mit ihm fürs erste gerade, was sie wollten.

Noch ein weiteres Beispiel für Rolands Eigentümlichkeiten und ich bin fertig. Das Merkwürdige in seinem Verhalten wurden von meinem Vater und meinem Bruder in diesem Fall ebenso wie von mir bemerkt.

Wenn Roland abends bei uns war, egal ob er zum Dinner oder zum Tee kam, er verließ uns ausnahmslos um genau neun Uhr. Was wir auch versuchten, ihn zu überreden, länger zu bleiben, er lehnte immer höflich, aber bestimmt ab. Nicht einmal ich hatte in dieser Angelegenheit Einfluß auf ihn. Wenn ich ihn drängte, zu bleiben und obwohl es ihn Mühe kostete, zog er sich exakt zum neunten Glockenschlag zurück. Er nannte keinen Grund für dieses seltsame Verfahren; er sagte nur, daß es eine seiner Gewohnheiten war und bat uns, darin mit ihm nachsichtig zu sein, ohne daß wir nach einer Erklärung verlangten. Meinem Vater und meinem Bruder gelang es (als Männer), ihre Neugier zu kontrollieren. Mich für meinen Teil (als Frau) machte jeder Tag, der vorüberging, mehr und mehr begierig darauf, dieses Geheimnis zu durchdringen. Ich entschloß mich heimlich, eine Zeit zu wählen, wenn Roland in einer teilweise zugänglichen Stimmung war und ihn dann um die Erklärung zu bitten, die er bisher abgelehnt hatte zu geben – zum Zeichen einer besonderen Zuneigung zu mir.

Zwei Tage später hatte ich meine Gelegenheit.

Ein paar unserer Freunde, die sich uns in Eastbourne angeschlossen hatten, schlugen eine Picknickparty auf dem berühmten benachbarten Felsen namens Beachey Head vor. Wir nahmen die Einladung an. Der Tag war schön und das ländliche Dinner war wie gewöhnlich einem Dinner innerhalb des Hauses (in gewisser Hinsicht) unendlich vorzuziehen. Gegen Abend teilte sich unsere kleine Versammlung in Gruppen von zwei und drei Personen, um die Umgebung zu erkunden. Roland und ich fanden selbstverständlich zusammen. Wir waren glücklich und wir waren allein. War es die richtige oder die falsche Zeit, ihm die unheilvolle Frage zu stellen ? Ich kann es nicht entscheiden; ich weiß nur, daß ich sie stellte.

III

»Mr. Cameron«, sagte ich, »werden Sie auf eine schwache Frau Rücksicht nehmen und mir etwas erzählen, das ich schrecklich gern wissen würde?«

Er tappte geradewegs in die Falle mit dieser vollständigen Abwesenheit von Schlagfertigkeit oder von geringstem Argwohn (Ich überlasse es Dir, den richtigen Ausdruck zu wählen), die so oft männlich, und so selten weiblich ist.

»Natürlich werde ich das«, antwortete er.

»Dann erzählen Sie mir,« fuhr ich fort, »warum Sie immer darauf bestehen, uns um neun Uhr zu verlassen?«

Er erschrak und schaute mich so traurig und so vorwurfsvoll an, daß ich alles, was ich besaß, gegeben hätte, um die unbesonnen Worte zurückzurufen, die eben über meine Lippen gekommen waren.

»Wenn ich es Ihnen erzähle,« antwortete er, nachdem er einen Augenblick mit sich gekämpft hatte, »darf ich Ihnen zuerst eine Frage stellen, und werden Sie mir versprechen, sie zu beantworten?«

Ich gab ihm mein Versprechen und wartete gespannt darauf, was als nächstes kommen würde.

»Miss Brading«, sagte er, »seien Sie ehrlich, denken Sie, ich bin verrückt?«

Es war unmöglich, ihn auszulachen: er sprach diese seltsamen Worte ernst – finster möchte ich fast sagen.

»Kein solcher Gedanke ist mir jemals in den Sinn gekommen.«, antwortete ich.

Er sah mich sehr ernst an.

»Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf?«

»Mein Ehrenwort.«

Ich antwortete mit vollkommener Aufrichtigkeit und ich stellte ihn offensichtlich dahingehend zufrieden, daß ich die Wahrheit gesprochen hatte. Er nahm meine Hand und führte sie dankbar an seine Lippen.

»Danke,« sagte er einfach. »Sie ermutigen mich, Ihnen eine sehr traurige Geschichte zu erzählen.«

»Ihre eigene Geschichte?« fragte ich.

»Ja, meine eigene Geschichte. Lassen Sie mich damit beginnen, wieso ich darauf bestehe, Ihr Haus immer zur selben Zeit zu verlassen. Immer wenn ich ausgehe, bin ich an ein Versprechen zu der Person gebunden, mit der ich in Eastbourne zusammenlebe, und zwar um viertel nach neun zurückzukehren.«

»Die Person, mit der Sie zusammenleben?« wiederholte ich. »Sie leben in einer Herberge, nicht wahr?«

»Ich lebe, Miss Brading, unter der Fürsorge eines Doktors, der ein Heim für Geisteskranke führt. Er hat sich ein Haus für seine wohlhabenderen Patienten an der Küste gekauft; und er erlaubt mir tagsüber Freiheit, unter der Bedingung, daß ich mein Versprechen abends treu erfülle. Es ist eine Viertelstunde Fußmarsch von Ihrem Haus zu dem des Doktors, und es ist eine Regel, daß die Patienten sich um halb zehn zurückziehen.«

Hier war also das Geheimnis, welches mich arg bestürzte, als es endlich gelüftet wurde! Die Enthüllung verschlug mir die Sprache. Unbewußt und instinktiv trat ich ein paar Schritte von ihm zurück. Er starrte mit seinen traurigen Augen mit einem ergreifenden Blick des Flehens auf mich.

»Schleichen Sie sich nicht davon«, sagte er. »Sie denken nicht, daß ich verrückt bin.«

Ich war zu verwirrt und beunruhigt, um das Richtige zu sagen, und gleichzeitig hatte ich ihn zu gern, um auf seine Bitte nicht zu antworten. Ich nahm seine Hand und drückte sie schweigend. Er wendete seinen Kopf für einen Augenblick ab. Ich glaubte, eine Träne auf seiner Wange zu sehen. Ich fühlte seine Hand, die sich zitternd um meine schloß. Er beherrschte sich mit einer überraschenden Entschlossenheit; er sprach mit vollkommener Ruhe, als er mich wieder ansah.

»Wollen Sie meine Geschichte erfahren,« fragte er, »nach dem, was ich Ihnen gerade erzählt habe?«

»Ich bin begierig darauf, sie zu hören«, antwortete ich, »Sie wissen nicht, wieviel Mitgefühl ich für Sie habe. Ich bin zu bekümmert, um mich in Worten ausdrücken zu können.«

»Sie sind die freundlichste und liebenswürdigste Frau, die es gibt!«, sagte er mit größter Inbrunst und gleichzeitig mit dem äußersten Respekt.

Wir setzten uns in eine grasbedeckte Aushöhlung des Felsens, wobei wir auf den gewaltigen, grauen Ozean sahen. Das Tageslicht begann zu schwinden, als ich die Geschichte hörte, die mich zu Roland Camerons Frau machen sollte.

IV

»Meine Mutter starb, als ich noch ein Säugling war«, begann er. »Mein Vater war, solange ich mich erinnern kann, immer hart zu mir. Mir wurde erzählt, ich sei ein merkwürdiges Kind mit meinen eigenen seltsamen Gewohnheiten. Mein Vater haßte an den Persönlichkeiten und Gewohnheiten der Personen, die um ihn herum waren, alles, was kräftig ausgeprägt war und alles, was nicht gewöhnlich war. Er selbst lebte nach Regeln; und er beschloß, daß sein Sohn seinem Beispiel folgen sollte. Ich wurde in der Schule strenger Disziplin ausgesetzt, und ich wurde später im College sorgfältig beobachtet. Wenn ich auf mein früheres Leben zurückblicke, kann ich keine Spuren von Glück erkennen und finde keine Anzeichen von Zuneigung. Eine traurige Ergebenheit in ein hartes Schicksal, ein müdes Wandern über unfreundliche Straßen – das ist meine Lebensgeschichte, im Alter von zehn bis zwanzig Jahren.

Ich verbrachte einen Herbsturlaub an den Seen von Cumberland; und dort traf ich zufällig eine französische Dame. Das Ergebnis dieses Treffens entschied mein ganzes späteres Leben.

Sie bekleidete die Stelle eines Kinderfräuleins im Haus eines wohlhabenden Engländers. Ich hatte häufig Gelegenheit, sie zu sehen. Es machte uns in der Gesellschaft des anderen Spaß. Ihre geringe Erfahrung war seltsamerweise wie die meine. Zwischen uns herrschte eine perfekte Harmonie von Denken und Fühlen. Wir liebten uns, oder dachten zumindest, wir liebten uns. Ich war noch keine einundzwanzig und sie war noch nicht achtzehn, als ich sie bat, meine Frau zu werden.

Ich kann meine Torheit jetzt verstehen und darüber lachen oder mich darüber beklagen, zu was mich meine Laune gerade treibt. Und doch muß ich mich bemitleiden, wenn ich auf mich in dieser Zeit zurückschaue- ich war so jung, so hungrig nach ein wenig Zuneigung, so müde meines einsamen Lebens ohne Freunde. Nun, alles in der Welt ist relativ. Ich würde bald diesem Leben ohne Freunde nachtrauern, schmerzlich nachtrauern, so unglücklich es auch war.

Der Arbeitgeber des armen Mädchens entdeckte unsere Verbindung durch seine Frau. Er setzte sich sofort mit meinem Vater in Verbindung.

Mein Vater hatte nur ein Wort zu sagen – er bestand darauf, daß ich ins Ausland gehe und es ihm zu überlassen, mich von meiner absurden Verpflichtung während meiner Abwesenheit zu entbinden. Ich antwortete ihm, daß ich in ein paar Monaten alt genug war und ich fest entschlossen war, das Mädchen zu heiraten. Er gab mir drei Tage, um diesen Entschluß zu überdenken. Ich blieb bei meinem Entschluß. Eine Woche später wurde ich von zwei Ärzten für geisteskrank erklärt; und wurde von meinem Vater in eine Irrenanstalt gesteckt.

War es eine Tat der Geisteskrankheit von dem Sohn eines Gentleman mit großen Erwartungen, einem Kinderfräulein die Heirat vorzuschlagen? Ich muß schon sagen, der Himmel ist mein Zeuge, ich weiß von keiner anderen von mir begangenen Tat, die meinen Vater und die Ärzte berechtigen könnte, mich in Gewahrsam zu nehmen.

Ich war drei Jahre in dieser Irrenanstalt. Es wurde amtlich berichtet, daß mir die Luft nicht zuträglich war. Ich wurde für weitere zwei Jahre in eine andere Irrenanstalt in einem entlegenen Teil Englands gebracht. Die besten fünf Jahre meines Lebens wurde ich mit Verrückten zusammengetrieben – und mein Verstand hat es überlebt. Den Eindruck, den ich auf Sie, auf Ihren Vater, auf Ihren Bruder und auf alle Ihre Freunde mache, ist, daß ich ebenso vernünftig bin wie der Rest meiner Mitmenschen. Dränge ich zu einer übereilten Folgerung, wenn ich von mir behaupte, daß ich ein gesunder Mensch bin und schon immer war?

Am Schluß dieser fünf Jahre willkürlicher Gefangenschaft in einem freien Land, zum Glück für mich – Ich schäme mich, es zu sagen, aber ich muß die Wahrheit sagen – zum Glück für mich starb mein erbarmungsloser Vater. Seine Treuhänder, denen ich nun übergeben wurde, hatten etwas Mitleid mit mir. Sie konnten die Verantwortung, mir meine Freiheit ganz zu gewähren, nicht übernehmen. Aber sie gaben mich in die Obhut eines Chirurgen, der mich in seinen privaten Landsitz aufnahm und der mir freie Bewegung in der frischen Luft erlaubte.

Ein Jahr dieser neuen Lebensweise stellte den Chirurgen zufrieden, und es stellte jeden zufrieden, der das geringste Interesse an mir hatte, so daß ich vollkommen dazu bereit war, meine Freiheit zu genießen. Ich wurde von allen Beschränkungen befreit und mir wurde erlaubt, bei einem meiner nahen Verwandten zu leben, in genau demselben Landstrich, wo sich mein unheilvolles Treffen mit dem französischen Mädchen sechs Jahre zuvor ereignet hatte.

 

Der zweite Teil

V

»Ich lebte glücklich in dem Haus meines Verwandten, zufrieden mit den gewöhnlichen Jagden eines Landedelmanns. Die Zeit hatte mich schon lange von meiner jungenhaften Verliebtheit in das Kinderfräulein geheilt. Ich konnte mit vollkommener Ruhe wieder die Wege entlanggehen, die ich mit ihr gegangen war, den See besuchen, auf dem wir zusammen gesegelt waren. Als ich zufällig hörte, daß sie in ihrem Land geheiratet hatte, konnte ich ihr alles mögliche Glück wünschen, mit der nüchternen Freundlichkeit eines unbeteiligten Freundes. Was für ein seltsamer Faden der Ironie läuft durch das Gewebe des einfachsten Menschenlebens! Die erste Liebe, für die ich mich so aufgeopfert und ich so gelitten hatte, wurde mir nun in ihrem wahren Licht enthüllt, als eine vorübergehende Einbildung eines Jungen!

Drei Jahre friedlicher Freiheit vergingen; eine Freiheit, die ich, nach dem unbestrittenen Zeugnis respektabler Zeugen, nie mißbrauchte. Nun, diese lange und glückliche Zeit kam, wie alle Zeiten, zu ihrem Ende – und dann fiel das große Unheil meines Lebens auf mich. Einer meiner Onkel starb und hinterließ mir als Erbe sein ganzes Vermögen. Ich allein bekam unter Ausschluß der anderen Erben nicht nur ein hohes Einkommen, das auf die Landgüter zurückzuführen war, sondern auch siebzigtausend Pfund Bargeld.

Die abscheuliche Verleumdung, durch die erklärt wurde, ich sei verrückt, wurde nun von jenen Schuften wiederbelebt, die Interesse daran hatten, zwischen mich und meine Erbschaft zu treten. Vor einem Jahr wurde ich in die Anstalt zurückgeschickt, in der ich zuletzt gefangengehalten wurde. Der Vorwand, mich einzukerkern, wurde schnell in einem ›Akt der Gewalttätigkeit‹ (wie es genannt wurde), gefunden, den ich in einem flüchtigen Ausbruch von Zorn begangen hatte, und welcher zu keinen schwerwiegenden Ergebnissen geführt hat. Nachdem sie mich in die Anstalt gebracht hatten, fuhren die Verschwörer fort, ihr Werk zu beenden. Ein Gutachten, ich sei irrsinnig, wurde gegen mich vorgebracht. Die Kommission wurde von einem einzigen Kommissar gehalten, ohne eine Jury und ohne die Anwesenheit eines Anwalts, um meine Interessen zu vertreten. Durch die Entscheidung eines einzigen Mannes wurde ich für unzurechnungsfähig erklärt. Die Verwahrung meiner Person ebenso wie die Verwaltung meines Vermögens wurden Leuten anvertraut, die unter den Verschwörern ausgewählt wurden, die mich für verrückt erklärt hatten. Ich bin hier aufgrund der Gunst des Anstaltsbesitzers, der mir Ferien an der See zugestanden hat, und der mir menschlicherweise meine Freiheit anvertraut hat, wie Sie sehen können. Mit kaum 30 Jahren bin ich des freien Gebrauchs meines Geldes und der freien Verwaltung meiner Angelegenheiten beraubt. Mit kaum 30 Jahren bin ich offiziell für lebenslang verrückt erklärt!«

VI

Er machte eine Pause; sein Kopf sank auf seine Brust; seine Geschichte war erzählt.

Ich habe diese Worte so genau wiedergegeben, wie ich mich daran erinnern kann; aber ich kann beim besten Willen nicht beschreiben, mit welch bescheidener und rührender Ergebung er sprach. Zu sagen, daß ich ihn von ganzem Herzen bemitleidete, wäre untertrieben. Ich liebte ihn von ganzem Herzen – und ich kann es jetzt zugeben!

»Oh, Mr. Cameron«, sagte ich, sobald ich glaubte, sprechen zu können, »kann denn nichts für Sie getan werden? Gibt es keine Hoffnung?«

»Es gibt immer Hoffnung«, antwortete er, ohne seinen Kopf zu erheben.»Ich muß Ihnen dafür danken, Miss Brading, daß Sie mich das gelehrt haben.«

»Mir danken?« wiederholte ich. »Wie habe ich sie gelehrt zu hoffen?«

»Sie haben mein trauriges Leben erhellt. Wenn ich bei Ihnen bin, verlassen mich all meine bitteren Erinnerungen. Ich bin wieder ein glücklicher Mensch; und ein glücklicher Mensch kann immer hoffen. Ich träume jetzt davon, etwas zu finden, was ich bis jetzt nie hatte – einen lieben und treuen Freund, der die Kraft wiedererweckt, die mich während des Martyriums, das ich erduldete, verlassen hat. Warum unterwerfe ich mich dem Verlust meiner Rechte und meiner Freiheit ohne einen Versuch, sie wiederzuerlangen? Ich war allein auf der Welt, bis ich Sie traf. Ich hatte keine freundliche Hand, die mich aufrichtete, keine freundliche Stimme, die mich ermutigte. Werde ich diese Hand je finden? Werde ich diese Stimme je hören? Wenn ich bei Ihnen bin, antwortet mir die Hoffnung, die Sie mich gelehrt haben: Ja. Wenn ich mit mir allein bin, kommt die alte Hoffnungslosigkeit zurück und sagt: Nein.«

»Wir kennen uns erst seit einer kurzen Zeit,« sagte ich; »und eine Frau ist nur ein schwacher Verbündeter in solch einer schrecklichen Lage wie der Ihren. Aber so nutzlos es auch sein mag, zählen Sie auf mich, jetzt und immer, als Ihr Freund – «

Er rückte näher zu mir, bevor ich noch mehr sagen konnte und nahm meine Hand. Er murmelte in mein Ohr:

»Darf ich damit rechnen, daß Sie eines Tages der nächste und liebste Freund von allen sind? Werden Sie mir vergeben, Mary, wenn ich gestehe, daß ich Sie liebe? Sie haben mich gelehrt zu lieben, wie Sie mich gelehrt haben, zu hoffen. Es liegt in Ihrer Macht, mein hartes Los zu erleichtern. Sie können mich für all das entschädigen, was ich erlitten habe; Sie können mich aufrütteln, um für meine Freiheit und meine Rechte zu kämpfen. Seien Sie der gute Engel meines Lebens! Vergeben Sie mir, lieben Sie mich, retten Sie mich – werden Sie meine Frau!«

Ich weiß nicht, wie es geschah. Ich fand mich in seinen Armen wieder – und ich antwortete ihm mit einem Kuß. Wenn ich all die Umstände in Betracht ziehe, wage ich zu sagen, daß ich schuldig war, seinen Antrag in einer der hastigsten Handlungen anzunehmen, die je eine Frau begangen hatte. Nun gut. Ich bereute es damals nicht – und ich bereue es jetzt nicht. Ich war damals und ich bin jetzt die glücklichste Frau, die je lebte.

VII

Es war notwendig, daß entweder er oder ich meinem Vater erzählte, was zwischen uns vorgefallen war. Nachdem ich darüber nachgedacht hatte, hielt ich es für das beste, daß ich es bekanntgeben sollte. An dem Tag nach dem Picknick erzählte ich meinem Vater Rolands traurige Geschichte als ein notwendiges Vorwort zur Bekanntgabe, daß ich versprochen hatte, Rolands Frau zu werden.

Mein Vater hatte offensichtliche Bedenken gegen unsere Heirat. Er warnte mich vor der Unvorsichtigkeit, über die ich nachgedacht hatte, indem er diese aufs schärfste beanstandete. Unsere Aussicht auf Glück, wenn wir heirateten, würde völlig von unserer Fähigkeit abhängen, das Vorgehen der Gutachtenskommission auf legalem Weg zu beseitigen. Erfolg war in diesem mühsamen Unterfangen gelinde gesagt unsicher. Die gewöhnlichste Klugheit wies auf die Schicklichkeit hin, unsere Heirat zu verschieben, bis der zweifelhafte Versuch auf die Probe gestellt worden war.

Diese Überlegungen waren unwiderlegbar. Dennoch waren sie an mich vollständig verschwendet worden.

Wann hörte eine verliebte Frau jemals auf die Vernunft? Ich glaube, dafür ist nirgends ein Beweis verzeichnet. Die weisen Worte der Vernunft meines Vaters hatten keine Chance gegenüber Rolands leidenschaftlichem Flehen. Die Tage seines Aufenthalts in Eastbourne rückten einem Ende näher. Wenn ich ihn als einen unverheirateten Mann in die Anstalt zurückkehren ließ, würden Monate, möglicherweise Jahre vergehen, bis unsere Heirat stattfinden konnte. Konnte ich von ihm erwarten, konnte ich überhaupt von irgendeinem Mann erwarten, diese grausame Trennung und diese ununterbrochene Ungewißheit zu erdulden? Seine Vernunft war schon bitter auf die Probe gestellt worden; sein Verstand könnte dabei zerbrechen. Dies waren die Argumente, die meiner Meinung nach Gewicht hatten! Ich war alt genug und frei, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Du kannst mich gerne für die dümmste und eigensinnigste Frau halten, wenn Du willst. Sechzehn Tage nach unserem Picknick wurden Roland und ich heimlich in Eastbourne getraut.

Mein Vater – eher bekümmert denn zornig, der arme Mann – lehnte es ab, der Zeremonie beizuwohnen; um sich gerecht zu werden. Mein Bruder führte mich zum Altar.

Roland und ich verbrachten den Nachmittag unseres Hochzeitstages und den früheren Teil des Abends zusammen. Um neun Uhr kehrte er zum Haus des Doktors zurück, pünktlich wie gewöhnlich; er hatte mir zuvor erklärt, daß er in der Gewalt des Verwaltungsgerichts war, und daß es eine ernsthafte Notwendigkeit war, die Heirat streng geheimzuhalten, bis wir die Berichte der Gutachtenskommission widerlegt hatten. Mein Mann und ich küßten uns und verabschiedeten uns bis morgen, als die Uhr die volle Stunde schlug. Als ich ihm von der Haustür aus nachsah, dachte ich nicht, daß Monate um Monate vergehen würden, bis ich Roland wiedersehen würde.

Eine hastige Mitteilung meines Mannes erreichte mich am nächsten Morgen. Unsere Heirat war entdeckt worden (wir konnten nie feststellen, von wem) und wir waren an den Doktor verraten worden. Roland war bereits auf dem Weg zurück in die Anstalt. Er war gewarnt worden, daß Gewalt angewendet werden sollte, falls er sich widersetzte. Da er wußte, daß in seinem Fall Widerstand als ein neuerlicher Ausbruch von Verrücktheit gedeutet werden würde, hatte er vernünftigerweise gehorcht. »Ich habe das Opfer gebracht,« schloß der Brief; »es ist jetzt an Dir, mir zu helfen. Fechte das Gutachten an und tu es schnell!«

Wir verloren keine Zeit, unseren Angriff vorzubereiten. Am Tag, als ich die Neuigkeiten unseres Unglücks erhielt, reisten wir von Eastbourne nach London und ergriffen sofort Maßnahmen, um den besten juristischen Rat zu erhalten.

Mein lieber Vater – obwohl ich weit davon entfernt war, seine Freundlichkeit zu verdienen – betrachtete die Sache mit ganzem Herzen. Zur gegebenen Zeit legten wir dem Lordkanzler eine Petition vor, in der wir baten, die Entscheidung der Gutachtenskommission abzuschaffen.

Wir unterstützten unsere Petition, indem wir die Aussagen von Rolands Freunden und Nachbarn während seines dreijährigen Aufenthalts in Lake County als freier Mann als Beweis anführten. Diese angesehenen Leute (die vor die Gutachtenskommission gerufen wurden) hatten alle darin übereingestimmt, daß er ihrer Erfahrung und ihrem Urteil nach absolut still, harmlos und gesund war. Viele von ihnen waren mit ihm auf die Jagd gegangen. Andere hatten ihn oft bei Segelfahrten auf dem See begleitet. Trauen Menschen einem Verrückten mit einer Waffe und bei der Handhabung eines Boots? Mit dem Gewaltakt, der den gesetzlichen Erben und nächsten Verwandten die Mittel in die Hand gab, Roland im Irrenhaus einzusperren, verhielt es sich folgendermaßen: er hatte seine Beherrschung verloren und einen Mann niedergeschlagen, der ihn gekränkt hatte. Zweifellos sehr verkehrt; aber wenn das ein Beweis von Verrücktheit ist, wieviel tausende Verrückte sind noch auf freiem Fuß! Ein anderes Beispiel, um seine Geisteskrankheit zu beweisen, war noch absurder. Es war allgemein bekannt, daß er ein Bild der Jungfrau Maria in sein Boot legte, wenn er seine Segelausflüge machte! Ich habe dieses Bild gesehen – es war ein sehr schönes Kunstwerk. War Roland verrückt, weil er es bewunderte und weil er es mitnahm? Seine religiösen Anschauungen neigten zum Katholizismus. Wenn er Geisteskrankheit verriet, indem er sein Boot mit einem Bild der Jungfrau Maria schmückte, wie ist dann die Geistesverfassung der meisten Damen im Christentum, die das Kreuz als Schmuck um ihren Hals tragen? Wir brachten diese Argumente in unserer Petition vor, nachdem wir die Zeugenaussagen angeführt hatten. Und noch mehr als das: wir gingen so weit, aus Respekt vor dem Gericht zuzugeben, daß mein armer Mann in einigen seiner Meinungen und Gewohnheiten wunderlich sein könnte. Jedoch vertrauten wir es den Sachverständigen an, ob nicht bessere Ergebnisse erwartet werden würden, wenn er unter die Obhut einer Frau, die ihn liebte, gestellt wurde und die er liebte, als wenn er in einer Anstalt unter unheilbar Verrückten als seine Lebensgefährten eingesperrt wurde.

So lautete unsere Petition, soweit ich fähig bin, sie wiederzugeben.

Die Entscheidung lag in den Händen der Lordrichter. Sie entschieden gegen uns.

Während sie ein taubes Ohr für unsere Zeugen und Argumente hatten, erklärten diese erbarmungslosen Juristen, daß die individuelle Behauptung des Doktors von der Verrücktheit meines Mannes ausreichend für sie war. Sie meinten, daß für Roland in der Anstalt mit einem Taschengeld von sechshundert Pfund im Jahr genügend Komfort bereitgestellt wurde – und übergaben ihn für den Rest seines Lebens der Anstalt.

Soweit es mich betraf, wurde ich der Stellung als Rolands Frau infolge dieses niederträchtigen Urteils beraubt; kein Verrückter ist nämlich fähig, eine gesetzliche Ehe zu schließen. Soweit es meinen Mann betraf, wird das Ergebnis am besten in der Sprache einer bekannten Tageszeitung wiedergegeben sein, die einen Artikel zu diesem Fall veröffentlichte: »Es ist möglich« (sagte der Artikel – ich wünschte, ich könnte dem Mann, der ihn schrieb, persönlich danken!) »daß das Kanzleigericht einen Mann, der ein großes Vermögen hat, im besten Alter, aber ein wenig bekloppt ist, gefangennimmt und einen Affen aus ihm macht, und dann sich selbst unterstellt, daß für den Komfort und das Glück des Verrückten bei einem Aufwand von sechshundert Pfund im Jahr wirksam Vorsorge getroffen wurde.«

Roland war dennoch entschlossen, daß sie keinen Affen aus ihm machen sollten – und, wie Du Dir denken kannst, auch ich war es!

Aber uns blieb eine Alternative. Die Richter des Kanzleigerichts sind (innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs) die tyrannischsten Richter auf der Erdoberfläche. Unsere einzige Hoffnung lag in der Flucht. Der Preis unserer Freiheit, als Bürger von England, war Exil von unserem Geburtsland, und den völligen Verzicht auf Rolands Vermögen. Wir akzeptierten diese harten Bedingungen. Das gastfreundliche Amerika bot uns Schutz, jenseits der Reichweite von Irrenärzten und Lordrichtern. Zum gastlichen Amerika wandten sich unsere Herzen als unserem zweiten Heimatland. Die bedeutende Frage war: Wie würden wir dort hingelangen?

Wir hatten versucht, per Brief in Verbindung zu treten, und es war mißlungen. Unsere Briefe waren entdeckt worden und vom Anstaltsleiter beschlagnahmt worden. Glücklicherweise hatten wir die Vorkehrung getroffen, in einer Geheimschrift nach Rolands Erfindung zu schreiben, die er mir vor unserer Hochzeit beigebracht hatte. Obwohl unsere Briefe unleserlich waren, wurde unsere Absicht selbstverständlich vermutet; und ein Auge wurde Tag und Nacht auf meinen Mann geworfen.

Während unser erster Versuch, heimlich Verabredungen für unsere Flucht zu treffen, vereitelt worden war, setzten wir unsere Korrespondenz (immer noch in Geheimschrift) mittels Anzeigen in den Tageszeitungen fort. Dieser zweite Versuch war seinerseits entdeckt worden. Roland wurde es verboten, die Zeitungen zu abonnieren und den Leseraum der Anstalt zu betreten. Diese tyrannischen Verbote kamen zu spät. Unsere Pläne hatten wir uns schon mitgeteilt; wir verstanden einander, und wir hatten jetzt nur noch unsere Zeit abzuwarten. Wir hatten veranlaßt, daß mein Bruder und einer seiner Freunde, auf dessen Diskretion wir uns gänzlich verlassen konnten, abwechselnd jeden Abend zu einer bestimmten Zeit an einem vereinbarten Treffpunkt, drei Meilen entfernt von der Anstalt Wache halten sollten. Der Flecken war sorgfältig ausgewählt worden. Er war auf der Bank eines einsamen Wasserlaufs und nahe dem Rand eines dichten Waldes. Ein wasserfester Rucksack, der Wäsche zum Wechseln enthielt, ein falscher Bart und eine Perücke und ein paar Brötchen und Büchsenfleisch war in einem hohlen Baum versteckt. Mein Bruder und sein Freund nahmen immer ihre Angelruten mit und gaben sich zu jedem Fremden, der zufällig in ihre Sichtweite kommen konnte, als wären sie mit der unschuldigen Beschäftigung des Angelns befaßt. Einmal ritt der Anstaltsleiter selbst zu meinem Bruder, auf der entgegengesetzten Bank des Baches und fragte höflich, ob sie anbissen!

Vierzehn Tage lang lösten diese unsere stillen Verbündeten einander von der Wache ab – und kein Zeichen eines Flüchtigen erschien. Am fünfzehnten Abend, als die Dämmerung in die Nacht überging und als mein Bruder (der an der Reihe war) gerade entschieden hatte, den Ort zu verlassen, traf Roland ihn auf der Bank des Flußlaufs.

Ohne einen Augenblick mit Worten zu verlieren, betraten die zwei den Wald und nahmen den Rucksack aus seinem Versteck in dem hohlen Baum. Nach zehn Minuten hatte mein Ehemann einen Satz Arbeitskleidung angezogen und wurde weiterhin mit der Perücke und dem Bart maskiert. Die zwei brachen, dem Flußlauf folgend, auf, wobei sie sich im Schatten des Waldes hielten, bis die Nacht eingebrochen war und die Dunkelheit sie verbarg. Die Nacht war wolkig; es gab keinen Mond. Nachdem sie zwei Meilen oder etwas mehr gegangen waren, änderten sie ihre Richtung und gingen auf die Hauptstraße nach Manchester zu, bis sie sie an einem Punkt dreißig Meilen von der Stadt entfernt betraten.

Auf ihrem Weg fort vom Wald beschrieb Roland die Art und Weise, in der er seine Flucht bewerkstelligt hatte.

Die Geschichte war einfach genug. Er hatte vorgetäuscht, an Nervenkrankheit zu leiden und gebeten, sein Essen in seinem Zimmer einzunehmen. Die ersten vierzehn Tage verabredeten sich zwei Männer, nacheinander auf ihn zu warten, Woche für Woche, die aber beide stärker als seinesgleichen waren. Der dritte dazu eingestellte Mann zu Beginn der dritten Woche war körperlich eine weniger gewaltige Person als seine Vorgänger. Als Roland das sah, entschied er bei Einbruch des Abends, einen weiteren Gewaltakt zu begehen. In schlichten Worten: er sprang auf den Aufseher, der in seinem Raum auf ihn wartete und knebelte und fesselte den Mann.

Nachdem dies getan war, legte er den unglücklichen Wärter mit dem Gesicht zur Wand auf sein eigenes Bett und bedeckte ihn mit seinem eigenen Mantel, so daß jeder, der den Raum betrat, vermuten würde, daß er sich zum Schlafen hingelegt hatte. Er hatte zuvor die Vorsichtsmaßnahme getroffen, die Laken von seinem Bett abzuziehen und hatte sie nun nur zusammenzuknoten und aus dem Fenster seines Zimmers zu fliehen, das im oberen Stock des Hauses lag. Die Sonne ging unter und die Insassen der Anstalt waren beim Tee. Nachdem er knapp einer Entdeckung von einem der Arbeiter, die im Erdgeschoß tätig waren, entwichen war, war er über die Gartenmauer geklettert und hatte sich auf die andere Seite fallen lassen – als freier Mann!

Auf der Hauptstraße nach Manchester angekommen, trennten sich mein Mann und mein Bruder.

Roland, der ein ausgezeichneter Fußgänger war, brach nach Manchester zu Fuß auf. Er hatte Essen in seinem Rucksack und nahm sich vor, ungefähr zwölf oder fünfzehn Meilen auf der Straße zu laufen, bevor er in einer Stadt oder einem Dorf haltmachte. Mein Bruder, der körperlich nicht imstande war, ihn zu begleiten, kehrte zu dem Ort zurück, in dem ich damals wohnte, um mir die gute Neuigkeit zu erzählen.

Am nächsten Morgen reiste ich mit dem ersten Zug nach Manchester und nahm Unterkunft in einem Vorort der Stadt, der meinem Ehemann ebensogut wie mir bekannt war. Ein steifer, dunstiger Platz war in der unmittelbaren Nachbarschaft gelegen; und wir hatten vereinbart, daß, wer immer von uns als erstes in Manchester eintreffen sollte, um den Platz spazierte, zwischen elf und eins nachmittags und zwischen sechs und sieben abends. Am Abend hielt ich die Vereinbarung ein. Ein staubiger, fußkranker Mann in schäbigen Kleidern mit einem scheußlichen Bart und einem Rucksack auf dem Rücken traf mich bei meinem ersten Rundgang. Er lächelte, als ich ihn ansah. Ah! Ich erkannte dieses Lächeln trotz aller Maskierungen. Trotz des Kanzleigerichts und der Lordrichter, lag ich wieder in den Armen meines Mannes.

Still lebten wir in unserem Schlupfwinkel einen Monat lang . Während dieser Zeit ließen (wie ich aus Briefen meines Bruders erfuhr) der Anstaltsleiter und die Personen, die mit Roland zu tun hatten, nichts, was mit Geld und Gerissenheit getan werden konnte, unversucht. Aber welche Gerissenheit kann einen Mann aufspüren, der nachts verkleidet flieht, der weder Eisenbahn noch Kutsche getraut hat und der Zuflucht in einer riesigen Stadt sucht, in der er keine Freunde hat? Am Ende unseres Monats in Manchester reisten wir nordwärts, überquerten den Kanal nach Irland und verbrachten angenehme zwei Wochen in Dublin. Als wir dies wieder verließen, machten wir uns auf den Weg nach Cork und Queenstown und gingen an letztgenanntem Ort (in einer Menge von Schiffspassagieren) an Bord eines Dampfschiffes nach Amerika.

Meine Geschichte ist erzählt. Ich schreibe diese Zeilen in einer Farm im Westen der Vereinigten Staaten. Unsere Nachbarn mögen freundlich sein; aber der rauheste von allen ist liebenswürdiger als ein Irrendoktor oder ein Lordrichter. Roland liebt diese landwirtschaftlichen Beschäftigungen, die immer seine Lieblingsbeschäftigungen waren; und ich bin glücklich mit Roland. Unser einziger Reichtum besteht aus meinem wenigen Vermögen, das ich von meiner lieben Mutter geerbt hatte. Nach Abzug unserer Reiseausgaben beläuft sich die Summe auf zwischen sieben- und achthundert Pfund; und das ist, wie wir finden, reichlich genug, um uns das neue Leben angenehm aufzubauen, das wir gewählt hatten. Wir erwarten meinen Vater und meinen Bruder nächsten Sommer zu Besuch und ich denke, es ist möglich, daß sie unseren Familienkreis um ein neues Mitglied in langen Kleidern bereichert finden werden. Gibt es hier keine Entschädigungen für das Exil von England und den Verlust eines Vermögens? Wir denken doch! Aber dann, meine liebe Miss Anstell, »Mary Bradings Mann ist verrückt und Mary Brading selbst ist nicht viel besser«.

Wenn Du Dich geneigt fühlst, Deine Meinung zu ändern und Dich an unsere alten Schultage ebenso zärtlich wie ich erinnerst, schreibe mir und erzähle es mir. Dein Brief wird weitergeleitet werden, wenn Du ihn an die beigelegte Adresse in New York sendest.

Währenddessen scheint die Moral unserer Geschichte eine ernsthafte Überlegung wert zu sein. Ein gewisser Engländer erbt legal ein großes Vermögen. Zur Zeit seiner Erbschaft lebte er drei Jahre lang als freier Mann – ohne einmal seine Freiheit zu mißbrauchen und mit der ausdrücklichen Billigung eines Chefarztes, der für ihn die Verantwortung trug. Seine nächsten Verwandten und seine gesetzlichen Erben (die vom Erbe ausgeschlossen worden waren) sahen mit habgierigen Augen auf das Geld und entschieden, dessen Verwaltung und unumschränkten Besitz zu erlangen. Sie wurden von einem Arzt unterstützt, dessen Kompetenz und Ehrlichkeit in Zweifel gezogen werden muß, und diese eigennützigen Personen können in diesem neunzehnten Jahrhundert des Fortschritts ihren Verwandten legal lebenslang einkerkern, in einem Land, das sich selbst frei nennt und das verkündet, daß seine Justiz jeden gleich behandelt.

 

*

 

NACHWORT – Der Leser wird hier darüber in Kenntnis gesetzt, daß diese Geschichte in allen wesentlichen Umständen auf einem Fall basiert, der sich vor acht Jahren tatsächlich in England ereignet hat.

Wilkie Collins

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