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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 90
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Neunundachtzigstes Kapitel.

Ich stieg in das Thal hinab und die Bewaffneten folgten mir. Der Pfad wand sich auf der Seite des Strombettes, die von den Flammen nicht erreicht worden war, durch grüne Wiesen und unbeschädigte Haine. An einer Wegwindung wurde ich des Platzes, den ich eben verlassen hatte, wieder ansichtig und sah die schwarze Bahre mit geschlossenen Vorhängen, daneben das verschleierte Weib, sich bergabwärts bewegen. Die Leichenprozession verlor sich jedoch bald aus meinen Augen, und die Gedanken daran wurden durch andere verdrängt. Die Wellen des menschlichen Gehirns gleichen denen des Meeres; sie stürzen dahin über die Trümmer der Schiffe, welche die Oberfläche trug, um nach dem Sturm in der Tiefe zu versinken. Ein Gedanke, welcher der Zukunft galt, überwältigte jetzt Alles, was sich auf die Vergangenheit bezog. »Traf ich Lilian noch lebend?« Von dem Vollgewicht dieser Frage gedrängt und von der quälenden Ungeduld meines Herzens gespornt, eilte ich dem langsamen Schritt der Bewaffneten weit voraus und kam auf dem halben Weg nach meiner Wohnung in das Dickicht, aus welchem in der Nacht, als Lilian meine Rückkehr erwartete, die Buschmänner gegen mich hervorgebrochen waren. Zu meinen Füßen breitete sich ein Teppich von kriechenden Pflanzen mit vielfarbigen Blumen aus, und den Himmel über mir bildeten die regungslosen Zweige der Pinien. Plötzlich stand, ich weiß nicht ob aus dem Gesträuch hervorgeschlüpft, oder von einem der Bäume niedergefallen, die weißgekleidete skeletartige Gestalt – Ayeshas Diener, der Würger – vor mir.

Ich sprang schaudernd vor ihm zurück, machte dann Halt und faßte ihn ins Auge. Das häßliche Geschöpf kroch hündisch gebückt auf mich zu und machte Zeichen freundlicher Gesinnung und demüthiger Unterwürfigkeit. Zornig und voll Abscheu wich ich abermals zurück, wandte mich meiner Wohnung zu und floh weiter. Schon glaubte ich seiner Nachstellung entronnen zu sein, als er ganz am Ende des Dickichts dicht hinter mir von einem Zweig sich auf meinen Pfad niederließ. Eh' ich mich umwenden konnte, fühlte ich mein Gesicht von einem Tuch bedeckt und an meiner Kehle ein ungestümes Zerren. Doch Ayeshas Worte hatten mich gewarnt. Rasch fuhr ich mit der einen Hand in die Schlinge, noch eh' sie zu fest zugeschnürt war und riß mit der anderen die blendende Kappe von meinen Augen; dann wandte ich mich gegen meinen hinterlistigen Feind um und versetzte ihm mit meinem Fuß einen Stoß, daß er zusammenbrach. Im Fallen entwischte die Schlinge seiner Hand; ich befreite meinen Hals von dem Knoten und eilte aus dem Gebüsch in die weite sonnige Ebene. Von den Bewaffneten und von dem Thug sah ich nichts mehr. Keuchend und athemlos hielt ich endlich vor dem blumigen Hag, das meine Heimath von dem freien Felde schied.

Die Fenster von Lilians Zimmer waren verhängt – im Hause selbst schien Alles still zu sein.

Dunkel und Schweigen in der Heimath, und überall um mich her das Licht und die frohen Stimmen des Tages! Gab es für mich noch eine Hoffnung in dem All? Das, worauf ich meine Hoffnung gebaut, war zusammengebrochen, die Anker, die ich geschmiedet hatte, um sie zurückzuhalten in dem Bette des Oceans und sie zu sichern gegen die Macht des Sturmes, waren abgeknickt wie das Schilf, das sich in die Seiten dessen bohrt, der sich auf seine Spitzen stützen will und der Kraft des Stengels vertraut. Keine Hoffnung in den trügerischen Hülfsquellen der anerkannten Wissenschaft! Keine Hoffnung in dem kühnen Ausflug des Geistes nach unbekannten Regionen! Die ruhige Gelehrsamkeit des erfahrenen Arztes ebenso eitel, wie die magischen Künste des seinem Schicksal erlegenen Zauberers. Ich hatte mich abgewandt von den alltäglichen Lehren der Natur, um in ihrem Schattenland Wundern nachzujagen, die mein Verstand verwarf. Kühn gemacht durch die Gewalt der Liebe, war ich furchtlos dem Schritt des Dämons entgegengetreten und, als die Vollendung nahe schien, in den Staub geworfen worden durch die Hufe der Heerden. Und dabei hatte ich stets die Hoffnung, die der alte Mann und das Kind, der Weise und die Unwissende, aus ihren Seelen schöpften, als einen Traum, weit abenteuerlicher als die Welt des Zauberers, von mir gewiesen! Ein Geist, nicht unedel, nicht ohne Geschicklichkeit, nicht verzagt, war auf gleiche Weise im Stich gelassen worden von Menschen und Teufeln – ebenso ein Herz, nicht schwach und selbstsüchtig, nicht todt für heroische Aufopferung, sondern bereit, jeden Tropfen Bluts zu vergießen für etwas, das ihm theurer als ein bloßes thierisches Leben! Was blieb – was blieb an menschlicher Hoffnung, nachdem Geist und Herz des Mannes ihr Alles erschöpft hatten, ohne ein anderes Resultat als Verzweiflung? Was blieb außer dem Geheimniß der Geheimnisse, das so klar ist dem Morgenroth der Kindheit wie dem Sonnenuntergang des Alters, und nur durch die Wolken getrübt wird, die es in der Mittagshöhe der Mannheit umfloren? Wo war noch Hoffnung zu finden? In der Seele, in ihrem alltäglichen Drang, Trost und Licht sich zu erflehen von dem Geber der Seele, wann immer das Herz betrübt und der Geist verdunkelt ist.

Die Worte Ayeshas vergegenwärtigten sich mir wieder: »Welcher Trauernde kann getröstet werden, wenn der Todte gestorben ist für immer?« In jedem meiner Pulse klopfte diese schreckliche Frage. Die ganze umgebende Natur schien sie mir zuzuflüstern. Und plötzlich wie ein Strahl vom Himmel ging die großartige Wahrheit von Fabers großartiger Beweisführung in mir auf und wurde mir zu einer inneren und äußeren Leuchte. Von allen Erdenkreaturen fragt der Mensch allein: »Kann man im Tode sterben für immer?« und der Instinkt, der zu der Frage drängt, ist Gottes Antwort an den Menschen. Kein Instinkt ist vergeblich verliehen.

Und geboren mit dem Instinkt der Seele ist es eben dieser Instinkt, der die Seele vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, von der Zeit zur Ewigkeit, von dem Strom, der dem Ocean des Todes zuschäumt, zur Quelle des Stroms weit über dem Ocean leitet.

»Erkenne dich selbst,« sagte die Pythia des Alterthums. »Diese Vorschrift ist vom Himmel herabgekommen.« Erkenne dich selbst! ist dieser Lehrsatz weise? Wenn es der Fall, so lerne deine Seele kennen. Aber noch nie ist der Mensch zu der vollen Ueberzeugung von der Seele gekommen, ohne daß ihm die unbedingte Nothwendigkeit des Gebets zur Gewißheit wurde. In meiner heiligen Scheu, meinem Entzücken schienen alle meine Gedanken größere Ausdehnung, Klarheit und Erhabenheit gewonnen zu haben. Ich betete – meine ganze Seele, so kam es mir vor, war nur Ein Gebet. Meine Vergangenheit mit ihrem Stolz, ihrer Anmaßung und ihrer Thorheit that sich vor mir auf in der Gestalt eines Reuigen, der um Gnade fleht, ehe er die zu einem Heiligthum gelobte Wallfahrt antritt. Und wahrlich, aus den Tiefen einer Seele, die sich mir zuerst in den Worten geoffenbart hatte, daß der Todte nicht sterbe für immer, erhob sich meine menschliche Liebe weit über den Bereich ihrer kurzen Prüfungszeit von Schrecken und Kummer. Ohne es zu wagen, von der himmlischen Weisheit zu erflehen, daß Lilian um meinetwillen erhalten bleiben möge auf Erden, betete ich für meine Seele um Kraft, ergebungsvoll zu tragen, was immer mein Schöpfer mir aufzuerlegen für gut fand – um Leitung meiner Schritte, damit ich sie, ohne die kein Strahl jener materiellen Sonne einen Morgen meines Erdenlebens wieder zur Freude erwärmen konnte, dereinst wieder finde und mit ihr vereinigt bleibe auf immer!

Wie gewöhnlich erschienen mir nun die zauberhaften Räthsel, die mir noch vor kurzer Zeit eine so feierliche Ehrfurcht eingeflößt hatten. Was lag bei den unendlichen Interessen, welche eine klare Erkenntniß der Seele und eines Jenseits in sich schloß, daran, ob meinen körperlichen Sinnen für einen Augenblick das Antlitz der Natur, das ich dereinst geistig schauen sollte, verdunkelt war oder nicht? Ohne Zweifel vermochte Fabers ruhiger Verstand die Gesichte und Töne, welche mich in der letzten Nacht umspukten, ihres magischen Scheins zu entkleiden; – die Augen im Raum und der Fuß in dem Kreis gehörten vielleicht nicht einem schrecklichen Dämon, sondern den Kindern der Wildniß an, die ich im Lichte des Morgens gesehen hatte, wie sie in stummer Neugierde Halt machten. Das Erbeben des Grundes, wenn es nicht eine Illusion meiner aufgeregten Sinne war, ließ sich wohl als die natürliche Wirkung der Elemente erklären, die noch unter einem augenscheinlich von Vulkanen durchsetzten Boden fortarbeiteten. Die leuchtenden Atome, die in dem Kessel zusammenschmolzen, enthielten vielleicht eben so wenig ein Lebenselixir, als die blassen Lichter der Naphtha und des Phosphors. Wie die Sache stand, hatte der Hexenprozeß zu keinem magischen Resultat geführt. Der Zauberer war nicht Glied für Glied von den Teufeln zerrissen worden, sondern aus so natürlichen Ursachen, als nur je eine dem Erlöschen des Lebensfunkens in der gebrechlichen Lampe von Thon zu Grunde lag, außer Sicht, unter dem schwarzen Schleier gestorben.

Was kümmerte es hinfort bei den weit großartigeren Fragen und Antworten den Glauben, ob der Verstand in Faber oder die Einbildungskraft in mir die wahrscheinlichere Vermuthung über eine Hieroglyphe lieferte, die in ihrer richtigen Deutung nur ein wenig besagendes Wort in der mystischen Sprache der Natur war? Wenn alle die von der Fabel umgetragenen Zauberkünste durch Thatsachen bestätigt würden, welche die Gelehrten anzuerkennen genöthigt wären, so würden die Gelehrten früher oder später für solche Dinge eine nicht übernatürliche Ursache finden. Aber welcher Gelehrte kann ohne eine übernatürliche Ursache, sei sie nun außer oder in ihm, sich die Wunder erklären, welche in dem Wachsen eines Grashalms oder in den Farben eines Insektenflügels ihm entgegentreten? Was immer menschliche Kunst im Laufe der Zeiten zu vollbringen vermag, ist der menschliche Verstand auch zeitlich zu erklären in der Lage. Aber die Wunder Gottes? Sie gehören dem Unendlichen an und werden, o Unsterblicher, nur neue Wunder auf Wunder entwickeln, auch wenn das Auge das eines Geistes und die zur Lösung dir zugemessene Muße eine Ewigkeit wäre.

Als ich mein Angesicht von den gefalteten Händen aufrichtete, begegneten meine Augen einer Gestalt, die in der offenen Thüre stand. Dort, wo ich in jener Nacht, von welcher an Lilians langer Kampf um Verstand und Leben seinen Anfang genommen, in dem zweifelhaften Licht des erblindenden Mondes und einer noch nebeligen Dämmerung den leuchtenden Schatten erblickt hatte – dort auf der Schwelle befand sich, um seine hellen Locken die Strahlenglorie der herrlichen Sonne sammelnd, das gesegnete Kind Amy! Und wie ich, kein Auge verwendend von diesem Bild des Friedens auf der Schwelle des schweigenden Hauses, näher und näher trat, fühlte ich, daß die Hoffnung mir an der Thüre entgegen kam – Hoffnung in dem ruhigen Blick des Kindes – Hoffnung in seinem bewillkommnenden Lächeln!

»Ich habe auf Sie gewartet,« flüsterte Amy. »Es steht Alles gut.«

»Sie lebt noch – sie lebt! Gott sei Dank – Gott sei Dank!«

»Sie lebt – sie wird genesen!« sagte eine andere Stimme, und mein Haupt sank an Fabers Schulter. »In der Nacht war ihr Schlaf einige Stunden verstört – krampfhaft. Ich fürchtete das Schlimmste. Unmittelbar vor Tagesanbruch aber rief sie, noch immer im Schlaf, plötzlich laut aus: ›Der kalte und schwarze Schatten ist weg von mir und von Allen – weg von uns beiden für immer!‹ Und von diesem Augenblick an verließ sie das Fieber. Ihr Athem wurde leicht, ihr Puls ruhig, und ihre Wange röthete sich allmählig. Die Krisis ist vorüber. Der gütige Herr der Natur hat der Natur gestattet, Ihre holde Gefährtin dem Leben zurückzugeben, das Herz dem Herzen, den Geist dem Geiste –«

»Und die Seele der Seele!« rief ich in meiner feierlichen Freude. »Droben wie hier unten, die Seele der Seele!«

Auf ein Zeichen von Faber ergriff mich nun das Kind bei der Hand und führte mich die Treppe hinauf in Lilians Zimmer. Wieder umschlangen mich jene theuren Arme mit weiblicher heiliger Liebe und die treuen Lippen küßten meine Thränen weg. Selbst jetzt noch, eine Reihe von Jahren nach jenem glücklichen Morgen, während ich die letzten Worte dieser seltsamen Geschichte niederschreibe, umschlingen mich dieselben treuen Arme, und dieselben zarten Lippen küssen mir die Thränen weg.

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