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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Achtes Kapitel.

Als ich in den Salon zurückkehrte, war die Gesellschaft augenscheinlich im Begriff, aufzubrechen. Diejenigen, welche sich um das Klavier gruppirt hatten, standen jetzt um den Erfrischungstisch, und die Kartenspieler, welche ihre Sitze verlassen, berechneten ihren Gewinn oder Verlust. Während ich nach meinem Hut suchte, den ich verlegt hatte, machte sich ein alter Herr, der am Gesichtsschmerz litt (der stolzeste und ärmste von allen Hidalgos des Berges), schüchtern an meine Seite. Er konnte das Honorar für ärztlichen Rath nicht erschwingen; aber der Schmerz hatte seinen Stolz gedemüthigt, und ich sah auf den ersten Blick, daß er sich aus dem gesellschaftlichen Verkehr einen Vortheil zu erschleichen und unentgeldlich zu einem ärztlichen Rath zu kommen beabsichtigte. Der alte Mann erblickte den Hut vor mir, bückte sich danach, nahm ihn auf und bot ihn mir mit einer der alten Schule entstammenden Verbeugung dar, während er mit der anderen Hand krampfhaft seine Wange drückte und seine Augen in stummer Bitte den meinigen begegneten. Der Instinkt des Berufs machte sich auch hier geltend. Ich konnte Niemand leiden sehen, ohne in dem Wunsche, Abhülfe zu leisten, alles Andere zu vergessen.

»Sie haben Schmerz,« sagte ich in sanftem Tone. »Setzen Sie sich und geben Sie mir eine Beschreibung. Ich bin allerdings nicht als Arzt hier; aber betrachten Sie mich als einen Freund, der gern doktert und etwas von der Sache versteht.«

Wir nahmen etwas abseits von den übrigen Gästen Platz, und nach einigen Fragen und Antworten erkannte ich mit Vergnügen, daß sein Gesichtsschmerz nicht zu den schwerheilbaren Formen dieser peinlichen Neuralgie gehörte. Ich war in der Behandlung ähnlicher Leiden, für die ich ein fast specifisches schmerzstillendes Mittel entdeckt hatte, besonders glücklich. Ich schrieb auf ein Blatt meines Taschenbuchs ein Recept, von dessen Wirksamkeit ich mir den besten Erfolg versprach, und als ich es herausriß und dem Kranken übergab, bemerkte ich bei zufälligem Aufschauen, daß das röthlich braune Auge meiner Wirthin mit einem milderen und wohlwollenderen Ausdruck auf mir haftete, als gewöhnlich in dem kalten, durchdringenden Glanz desselben zu bemerken war. In demselben Moment wurde jedoch ihre Aufmerksamkeit durch einen Diener in Anspruch genommen, der mit einem Billet eingetreten war und den ich in halblautem Tone die Worte: »Von Frau Ashleigh,« sprechen hörte.

Sie öffnete das Billet, las es hastig und wies den Diener an, vor der Thüre draußen zu warten. Dann begab sie sich nach ihrem Schreibtisch, der sich in der Nähe der Stelle befand, wo ich eben stand, unterstützte ihr Gesicht mit der Hand und schien nachzudenken. Dies hielt nicht lange an. Sie wandte den Kopf um und winkte zu meiner großen Ueberraschung mich herbei. Ich näherte mich ihr.

»Nehmen Sie Platz,« flüsterte sie, »und kehren Sie jenen Leuten, die uns ohne Zweifel bewachen, den Rücken zu. Lesen Sie dies.«

Sie drückte mir das Billet, das sie eben erhalten hatte, in die Hand; es enthielt nur einige Worte folgenden Inhalts:

»Meine liebe Margarethe!

Ich weiß mir nicht zu helfen. Seit ich Ihnen vor ein paar Stunden geschrieben habe, ist Lilian plötzlich und wie ich fürchte, sehr ernstlich erkrankt. Welchen Arzt soll ich berufen? Geben Sie meinem Diener den Namen und die Adresse.

A. A.«

Ich sprang von meinem Sitz auf.

»Halt!« sagte Frau Poyntz. »Würde es Ihnen sehr leid thun, wenn ich den Bedienten zu Doktor Jones schickte?«

»Ach, Madame, Sie sind grausam. Was habe ich gethan, daß Sie meine Feindin werden?«

»Feindin? Nein. Sie haben eben einem von meinen Freunden einen Liebesdienst erwiesen. In dieser Welt voll Thoren muß der Geist sich mit dem Geist verbinden. Nein, ich bin nicht Ihre Feindin; aber Sie haben mich noch nicht um meine Freundschaft gebeten.«

Sie übergab mir ein Billet, das sie während ihres Sprechens geschrieben hatte.

»Empfangen Sie hier Ihre Beglaubigung. Wenn Grund zur Unruhe vorhanden sein sollte, oder ich nützlich werden kann, so lassen Sie mich's wissen.« Sie nahm ihre unterbrochene Arbeit, aber mit zögernden unsicheren Fingern wieder auf und fügte bei: »So weit also wäre dies bereinigt. Nein, keinen Dank; es ist noch nicht viel, was ich als abgemacht betrachten kann.«

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