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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 89
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Achtundachtzigstes Kapitel.

Ich erholte mich von der Erschütterung, und als meine Augen schwindlig umherschauten, war der Thiersturm vorübergesaust, so daß von den tollen Eindringlingen in den Zauberring nur noch die braune Todesotter vorhanden war, die dicht neben der Stelle, wo mein Kopf geruht, zusammen geringelt lag. Die Hufe hatten die erloschenen Lampen wirr umher gestreut, und jenseits des Wasserbetts, das dem Weitergreifen des Feuers Einhalt gethan, erstreckte sich die Ebene schwarz und öde wie das phlegräische Feld in der Hölle des Dichters. Aber im Walde wüthete der Brand noch fort. Weiße Flammen stiegen von den Stämmen der höchsten Bäume auf und bildeten in dem finsteren Schwarz des Rauches zahllose Feuersäulen, an die Hallen in der Stadt der Teufel erinnernd.

Mich aufraffend, wandte ich den Blick von dem schrecklich-schönen Schauspiel des brennenden Waldes ab und sah mich auf dem von Hufen zerstampften Rasen scheu nach meinen zwei Gefährten um.

Ayeshas dunkle Gestalt saß noch immer niedergebeugt da, wie ich sie zuletzt gesehen. Eine blasse Hand hielt matt den Rand des magischen Kessels umfaßt, der durch den Anprall der Thiere von seinem Dreifuß herabgestürzt worden war und ein paar Schritte von der verglimmenden Asche des Holzstoßes am Boden lag. Ich sah das unmächtige Winden einer schwachen, verlebten Gestalt, über welche die Verschleierte sich niederbeugte. Und als ich mit meinen zerbeulten Gliedern mich dem Platz näherte, bemerkte ich dicht neben den Lippen des sterbenden Magiers die funkelnde rubinrothe Essenz auf den Boden ausgegossen, wie sie zwischen den Büscheln der zerzausten Grashalme meteorartig blitzte.

Ich war jetzt neben Margrave angelangt und beugte mich wie die Verschleierte zu ihm nieder. Als ich ihn sanft aufzurichten suchte, wandte er sein Gesicht ab und stotterte wild: »Rühr mich nicht an; beraube mich nicht. Du mit mir theilen? Nie – nie. Diese herrlichen Tropfen gehören alle mir! Möge alles Andere sterben! Ich will leben – ich will leben!« Aus meinen mitleidigen Armen sich losmachend, tauchte er sein Gesicht in die schöne, spielende Flamme der Essenz, als wolle er sie, trotzdem, daß die unerträgliche Glut die Lippen sengte, vom Boden auflecken. Plötzlich sank er mit einem matten Schrei zurück, und sein dem meinigen zugekehrtes Gesicht trug unverkennbar die Marke des Todes.

Dann lüpfte Ayesha mit stummer Zärtlichkeit das jugendliche Haupt zu ihrem Schooß, und es verschwand hinter ihrem schwarzen Schleier.

Ich kniete an ihrer Seite nieder und flüsterte einige abgenützte Worte des Trostes; aber sie achtete nicht auf mich, sondern schwankte hin und her wie eine Mutter, die ihr Kind in Schlaf wiegt. Bald waren die flackernden Funken des verlorenen Elixirs in dem Gras erloschen und mit dem letzten diamantartigen Blitzen ihres zitternden Lichts erhob sich in der vollen Plötzlichkeit des australischen Tages die Sonne, die königlich über den Bergspitzen aufging und zürnend wie ein junger König auf sein rebellisches Volk auf den gemeineren Glanz des brennenden Waldes niederschaute. Und wie dort, wo das Buschfeuer gewüthet, Alles eine Oede, so war da, wohin die Wuth der Flamme nicht gedrungen, Alles ein Garten. In weiter Ferne am Fuß des Gebirgs grasten die flüchtigen Herden; die Kraniche, die zu den Wasserlachen zurückgekehrt waren, erneuerten die eigenthümliche Anmuth ihres Spiels; und der große Königsfischer, dessen halbheiteres, halbspöttisches Lachen den Chor des Morgens, der in Europa Nacht ist, zu eröffnen pflegt, ließ sich kühn auf das Dach der Höhle nieder, auf deren Boden noch immer die Knochen von Thiergeschlechtern glänzten – von Thiergeschlechtern, die schon ausgestorben waren, noch ehe der Mensch wurde, dieses Geschöpf so hülflos in seinen Instinkten und so königlich durch die Seele.

Aber hier auf dem Boden, auf dem das Elixir seine Kräfte verschwenderisch ausgegossen, hatte zwischen dem trüberen Rasen umher das Gras bereits ein so frisches Grün gewonnen, daß es sich wie eine liebliche Oase in der Wüste ausnahm. Und die wilden Blumen, deren kalte Farben das Auge am Tag zuvor kaum bemerkt haben würde, prunkten jetzt in nie gesehener Schöne. Der Stelle strömten Myriaden glücklicher Insekten zu, deren frohes Summen den Eindruck einer lauten Musik machte. Aber die Gestalt des lebensuchenden Zauberers lag starr und kalt da – blind gegen die Pracht der wilden Blumen, taub gegen das Geschwirr der Insekten, mit der einen Hand noch immer den Rand des leeren Kessels festhaltend und das Gesicht hinter dem schwarzen Schleier verborgen. Wie? hatte das wunderbare, mit so viel Hoffnung gesuchte und unter so vielen Schrecken fast errungene Elixir wieder zur Erde, welcher das Material entnommen worden, zurückkehren sollen? Es gab allerdings Blüte – aber nur den Pflanzen – es gab Lebenslust, aber nur den Insekten!

Und nun zog im frischen Sonnenglanz dieselbe barbarische Procession, welche im Strahl des Mondes thalwärts gegangen war, langsam den Abhang heran, der zu dem Kreise führte. Voran gingen die Bewaffneten, hoch und mannhaft, ihre Wämser prunkend von Scharlach und goldenen Borten, ihre Waffen lebhaft blitzend von blankem Silber. Nach ihnen kam die schwarze Tragbahre. Als sie auf dem Platz anlangten, redete Ayesha, ohne ihr Haupt aufzurichten, mit ihnen in der Sprache ihrer Heimath. Ein Wehklagen war ihre Antwort. Die Bewaffneten stürzten heran, und die Träger verließen ihre Bahre.

Alle sammelten sich um die todte Gestalt mit dem unter dem Schleier verborgenen Gesicht – alle knieten nieder und weinten. In der Ferne, am Fuß des blauen Gebirgs, war ein Schwarm von Eingeborenen wie aus der Erde hervorgestiegen; sie standen regungslos auf ihre Keulen und Speere gestützt und schauten nach der Stelle her, auf der wir uns befanden – ein seltsamer Zug in der Landschaft, als ob die wilden Bewohner jener Grenze, welche die Menschheit von der unvernünftigen Thierwelt scheidet, mittrauerten um das geheimnißvolle Kind der geheimnißvollen Natur! Und noch summten im Gras die kleinen Insekten, und noch lachte von der Höhle herab der große Königsfischer. Ich sagte zu Ayesha:

»Lebe wohl. Deine Liebe trauert um den Todten, die meinige ruft mich zu den Lebenden. Du bist jetzt unter deinen eigenen Leuten; sie mögen dich trösten. Sprich, ob ich dir in etwas Beistand leisten kann.«

»Für mich gibt es keinen Trost! Welcher Trauernde kann Trost finden, wenn der Todte gestorben ist für immer? Für ihn ist nichts mehr nöthig, als ein Grab, und dieses soll er finden in dem Land, wo der Gesang Ayeshas ihn zuerst in den Schlaf gelullt hat. Du mir beistehen – du – der weise Mann Europas! Von mir fordere Beistand. Welchen Weg willst du einschlagen nach deinem Haus?«

»Ich kenne nur einen, der durch das Labyrinth dieser Wildniß führt, denselben, auf dem wir hergekommen sind.«

»Auf diesem Weg lauert der Tod und wartet auf dich! Blinder Thor, konntest du glauben, daß, wenn das große Geheimniß des Lebens errungen worden wäre, der, dessen Haupt in meinem Schoß ruht, dir auch nur den kleinsten Tropfen von der Essenz abgelassen und so seinen Lebenvorrath um einen Moment verkürzt haben würde? Sogar mich, die ihn so innig liebte, hätte er erbarmenlos dem Strick meines Dieners, des Würgers, überantwortet, wenn ihm dadurch nur ein Haarbreit von der Spanne seines Daseins gewonnen worden wäre. Aber was kümmern mich seine Verbrechen oder sein Wahnsinn? Ich habe ihn geliebt – ich habe ihn geliebt!«

Sie beugte ihr verschleiertes Haupt tiefer und tiefer, vielleicht um unter dem Schleier die Lippen des Todten zu küssen. Dann sagte sie flüsternd:

»Dschuma, der Würger, der seinem Gebieter stets Wort gehalten hat und dessen Schlinge nie ihres Zieles verfehlte, harrt Deiner auf Deinem Rückweg! Doch Dein Tod kann jetzt dem geliebten Todten nichts mehr nützen. Und Du hast dem Mann Mitleid bewiesen, der Deine Hülfe mit Deinem Untergang lohnen wollte. Sein Leben ist dahin, das Deinige sei gerettet!«

Sie redete jetzt in einer Sprache, die ich nicht verstand. Es waren einige Worte, die sie ihren Begleitern zuflüsterte. Dann erhoben sich die noch immer weinenden Bewaffneten und gaben mir durch ein stummes Zeichen zu verstehen, daß ich mit ihnen kommen solle. Daraus entnahm ich, daß Ayesha sie angewiesen hatte, mich auf meinem Weg zu beschützen. Auf mein dankendes Lebewohl gab sie keine Antwort.

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