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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 88
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebenundachtzigstes Kapitel.

Die fünfte Stunde war vorüber, als Ayesha zu mir sagte: »Der Ring erblaßt und die Lampen werden trübe. Sieh jetzt ohne Furcht in den Raum hinaus. Die Augen, die Dich schreckten, sind verschwunden gleich Blitzen, welche in den Wolken ersterben.«

Ich schaute auf und konnte von den Gespenstern nichts mehr wahrnehmen. Die Wolken am Himmel zeigten eine aus Roth und Schwarz gemischte Farbe. Ich frischte die Lampen und den Ring mit vorsichtiger Sparsamkeit wieder auf; als ich aber zu der sechsten Lampe kam, war auch der letzte Tropfen der Flüssigkeit verbraucht. Mit einem unbestimmten Schrecken sah ich mich nach der hinteren Hälfte des weiten Kreises um, in welchem die beiden Gestalten angelegentlich sich über den Kessel niederbeugten. Dort war der Ring bereits durchbrochen, indem das Licht nur noch stellenweis aufflackerte; die Lampen brannten zwar noch, aber matt gleich Sternen, deren Glanz vor dem Aufdämmern des Tages erblindet. Doch war es nicht das Erlöschen dieser Hälfte des Zauberrings, was mir Entsetzen einflößte und meinen Herzschlag zum Stillstand brachte, sondern das Buschland jenseits, das in Flammen stand. Vom Waldhintergrund her stieg Feuer und schwarzer Qualm auf, in dem die Lohe noch halb erstickt aufblitzte; aber über die ganze grasige Ebene hin, zwischen dem Rand des Forsts und dem Wasserbett unmittelbar unter der Plattform, auf der wir standen, wogte der Brand hell lodernd rasch näher und näher, die Feuerwellen klar und roth gegen die Felsenmassen im Hintergrund abstechend, einem Strom gleich, der durch die Nebel einer von Blitzen erhellten Alpe bricht.

Bei dem ersten Anblick einer Gefahr, die mein auf ungewöhnlichere Naturerscheinungen gefaßter Geist nicht geahnet hatte, aus meiner Betäubung aufgeweckt, kümmerte ich mich nicht mehr um Kreis und Lampen, sondern eilte mit dem Ruf zu Ayesha zurück: »Die Gespenster sind nach vorn wohl aus dem Raum gewichen, aber welcher Zauber kann dem rothen Marsch des Feindes Einhalt thun, der von hinten auf uns losstürzt? Während wir in den Lebenskessel schauten, naht uns unbeachtet von dieser Seite her der Untergang!«

Ayesha blickte auf und gab keine Antwort; wohl aber beugte sie in unwillkührlichem Drang ihr majestätisches Haupt, richtete es dann wieder auf und stellte sich unmittelbar vor die hinfällige Gestalt des jugendlichen Magiers, der ganz von seiner Hoffnung in Anspruch genommen, kein Auge von dem Kessel verwandte, als wolle sie ihn, wie der Vogel sein Junges, mit den Falten ihres Mantels schützen.

Während wir beide dem Feuermeer gegenüber so da standen, hörten wir hinter uns Margrave's Stimme murmeln: »Seht die hellen Blasen, wie sie funkeln und tanzen – ich werde leben, ich werde leben!« Diese Worte waren jedoch kaum in unseren Ohren verklungen, als die alten Bäume des Forstes krachend zusammenbrachen; und näher, immer näher gegen uns her durch das flackernde Gras kam das Gezisch von Schlangen, das Geschrei der Vögel und das Brüllen und Stampfen der Heerden, die wild durch die rothen Wellen ihrer Waidegründe brachen.

Ayesha schlang jetzt ihren Arm um Margrave und riß den Widerstrebenden von dem kochenden Kessel zurück. Als Erwiederung auf seine zornigen Ausrufe deutete sie auf den Lauf des Feuers, richtete einige Worte in ihrer eigenen Sprache an ihn und sagte dann zu mir:

»Ich habe ihm bemerklich gemacht, daß die Geister, die uns Widerstand leisten, einen Feind aufgeboten haben, welcher taub ist gegen meine Stimme, und –«

»Ha!« rief Margrave, nicht mehr mit matter keuchender Stimme, sondern in kräftigem Ton, welcher alle die mißtönigen Geräusche, die der Brand unten veranlaßt hatte, überbot, »diese Hexe, der ich vertraute, ist eine schnöde Sklavin und Betrügerin, die mich lieber todt als lebend zu sehen wünscht. Sie denkt, im Leben werde ich sie verschmähen und verlassen, im Tod aber meinen Athem in ihren Armen aushauchen. Fort mit Dir, Zaubererin! Bist Du eben jetzt nutz- und machtlos, wenn ich Deiner am meisten bedarf? Geh! Möge die Welt in einem einzigen Scheiterhaufen zusammenbrennen! Was kümmert die Welt mich, wenn ich zu Grunde gehen soll? Mein Leben ist meine Welt. Du weißt, daß meine letzte Hoffnung hierin beruht, und daß alle Kraft, welche mir für diese Nacht blieb, hinstirbt wie die Flamme jenes Kreises, wenn sie nicht durch das Elixir erneuert wird. Kühner Freund, treibe dieses Weib mit Fußtritten fort. Es mögen noch Stunden vergehen, eh' dieses Feuer uns etwas anhaben kann. Noch einige Minuten, und Leben ist gewonnen für Ihre Lilian und für mich.«

Mit diesen Worten wandte sich Margrave von uns ab und goß die letzte Essenz, die er dem jetzt leeren Koffer entnahm, in den Kessel.

Ayesha ließ schweigend den schwarzen Schleier über ihr Gesicht niederfallen und kehrte wie ihr Geliebter den Schrecken der Natur den Rücken zu, um an der Hoffnung, die ihn aufrecht hielt, theilzunehmen.

In solcher Weise allein gelassen, fühlte sich mein Verstand jetzt frei von allen zauberischen Einflüssen, und ich faßte ruhiger die Ausdehnung der wirklichen Gefahr, die uns bedrohte, ins Auge; sie schien mir so betrachtet minder groß zu sein.

Allerdings stand das Buschland hinter uns fast bis an das Strombett hin in Feuer, aber am entgegengesetzten Rand des letzteren hörte das Gras auf, das die Flamme so rasch weiter trug. An verschiedenen Stellen waren in demselben Wasserlachen zurückgeblieben, welche die über das Land hinflackernde Lohe wiederspiegelten, und selbst wo das Wasser fehlte, setzte der kiesige Grund des vertrockneten Bachs dem Brand eine Schranke entgegen. Wenn also nicht etwa ein Wind eintrat, der die Funken zu uns herüber wehte, so waren wir vor dem Feuer sicher, und unser Werk konnte vollbracht werden.

Ich theilte Ayesha den Schluß, zu dem ich gekommen, flüsternd mit.

»Meinst Du,« versetzte sie, ohne das wehmüthige Antlitz zu erheben, »daß diese Naturerscheinungen nur zufällige Bewegungen seien? Die Geister, die ich zu seinem Beistand aufbot, haben sich mit den angreifenden Schaaren verbündet. Ein mächtigeres Wesen, als ich bin, hat seinen Untergang beschlossen.«

Kaum waren diese Worte ihren Lippen entschlüpft, als Margrave ausrief: »Schau, wie die Rose des alchymistischen Traums ihre Blüte entfaltet aus ihrem Kelch! Ich werde leben, ich werde leben!«

Ich sah nach dem Kessel nieder und bemerkte, daß die darin enthaltene Flüssigkeit einen Glanz angenommen hatte, an dem alle von dem Glanz der Edelsteine geborgten Vergleichungen zu Schanden würden. Die vorherrschende Farbe war allerdings die des Rubins; aber aus der Masse des flüssigen Roths brachen Strahlungen in allen Tinten des Regenbogens hervor, so daß die kleinen Wellen selbst in ihrem wechselnden Spiel wie sich freuende lebende Wesen erschienen. Es war kein Schaum, kein Häutchen mehr auf der Oberfläche; nur hin und wieder erhob sich ein heller rosiger Dunst, der schnell in der von hinten anströmenden, schweren, trüben, von dem Brande heißen Luft sich verlor. Und diese Strahlungen bildeten auf der Oberfläche des flüssigen Rubins buchstäblich die Gestalt einer Rose, deren Blätter durch Funken von Smaragd, Diamant und Saphir sich abgrenzten.

Sogar beim Betrachten dieses lebenvollen flüssigen Leuchtens schien sich eine erhebende Wonne meinen Sinnen mitzutheilen. Alle die früheren Schreckbilder hatten ihren Einfluß verloren; die gespenstischen Heerschaaren, welche vor mir den weiten Raum erfüllten, waren vergessen, und ich hörte das Krachen der stürzenden Bäume hinten im Wald nicht mehr. Im Wiederstrahl dieser Glorie gewann auch Margraves eingefallenes Gesicht wieder die sonnige Klarheit wie zur Zeit, als ich es zum erstenmal in dem Blumenrahmen gesehen.

Während ich in solcher Entzückung zusah, berührte eine kalte Hand die meinige.

»Bst!« flüsterte Ayesha unter dem schwarzen Schleier hervor, der die Strahlen aus dem Kessel wirkungslos in sich sog. »Hinter uns ist das Licht des Rings erloschen; aber von daher sind wir geschützt gegen Alles, die seelenlosen Zerstörer aus der Thierwelt ausgenommen. Doch vor uns – vor uns – sieh! zwei von den Lampen sind erloschen – sieh die Lücke in dem Ring; diese hüte – denn hier werden die Dämonen eindringen.«

»Das Gefäß enthält keinen Tropfen mehr, den ich den Lampen in dem Kreis nachgießen könnte.«

»So tritt vor; du hast noch das Licht der Seele, und die Dämonen weichen vielleicht zurück vor einer Seele, die schuld- und furchtlos ist. Wo nicht, so sind drei verloren – anderenfalls nur Einer.«

So beschworen, trat ich unwillkührlich von dem Weib weg und schritt schweigend über die versengten Linien der Dreiecke, deren Licht längst erloschen war, bis an den Kreis vor. Bei dieser Bewegung stürmte über mir eine dunkle Wolke von Fittichen, ein Schwarm von Vögeln hin, die, aus dem Wald durch das Feuer vertrieben, voll Schrecken in mißtönigem Geschrei den fernsten Theil des Gebirgs zu gewinnen suchten; an meinen Füßen vorbei schossen Schlangen, durch die Flamme aus ihren Verstecken gescheucht, ohne bei ihrem Eindringen durch den Ring an den verlöschenden Lampen Schaden zu nehmen, zischend und mit funkelnden Augen, aber unschädlich vor Furcht, denn selbst die furchtbare Todesotter, auf die ich am Saume des Kreises trat, wandte sich nicht um zum Biß, sondern huschte harmlos weiter. Ich machte vor der Lücke zwischen den zwei erloschenen Lampen Halt und beugte mich nieder, um wieder nach dem Krystallgefäß zu sehen. Waren denn wirklich keine Paar Tropfen mehr darin, mit denen sich die Lampen noch für einige kostbare Minuten auffrischen ließen? Während ich so dastand, trat in die Lücke zwischen den zwei todten Lampen ein riesiger Fuß. Von der ganzen übrigen Gestalt sah ich nichts; aber da eine Rauchmasse um die andere von hinten her kam, so gewann es den Anschein, als wirble vor dem Ring eine Qualmsäule in die Höhe, aus der sich der riesige Fuß hervorstrecke; auch kam es mir vor, als sei sein Auftreten von einem Getöse gleich dem Rollen des Donners begleitet gewesen.

Mit einem Schrei, der durch die dicke Luft schnitt, fuhr ich zurück.

»Muth!« sagte die Stimme Ayeshas. »Zitternde Seele, weiche keinen Zoll vor dem Dämon!«

Aus dem Zauber, dem wundervollen Zauber in der Stimme des verschleierten Weibes schien mein Wille eine Kraft zu gewinnen, die er nicht aus sich selbst schöpfte. Ich faltete meine Arme über der Brust und stand wie eingewurzelt der Rauchsäule und dem Schritt des riesigen Fußes gegenüber. Und der Fuß hielt lautlos inne.

In der augenblicklichen Stille, die jetzt folgte, hörte ich eine Stimme – die Stimme Margrave's.

»Die letzte Stunde läuft ab – das Werk ist vollbracht! Kommt, kommt! – helft mir den Kessel von dem Feuer nehmen – hurtig, damit ja kein Tropfen mehr sich im Dampf verflüchtigt, nichts verloren geht von dem Elixir in dem Kessel!«

Bei diesem Ruf wich ich zurück, und der Fuß schritt vor.

Und im gleichen Augenblick wurde ich plötzlich unversehens von hinten niedergeschlagen. Wie ich so da lag, ging über mich eine Windsbraut von stampfenden Hufen und dahin schießenden Hörnern weg. Die Heerden hatten in ihrer Flucht aus dem brennenden Waideland das Strombett durchsetzt und das jähe Ufer erstiegen. Schnaubend und brüllend verfolgten sie blindlings den Weg nach dem Gebirge. Nur ein Schrei durchschnitt noch wilder, als ihr eigenes Geheul, den Qualm, durch welchen der Viehsturm dahinfegte. Als dieser Schrei der Wuth und Verzweiflung an mein Ohr schlug, versuchte ich mich zu erheben, wurde aber aufs Neue von den Hufen und Hörnern niedergeworfen. War es wohl eine traumartige Täuschung meiner verwirrten Sinne, oder sah ich wirklich, dicht umgeben von der tollen Heerde, jenen riesigen Fuß dahinschreiten? Hörte ich, deutlich unterschieden von dem Aufruhr des thierischen Schreckens, das dumpfe donnerartige Rollen, das dem Schritt dieses Fußes folgte?

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