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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 87
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsundachtzigstes Kapitel.

Eine Stunde entschwand. Die Holzstücke unter dem Kessel brannten hell in der dumpfen, schwülen Luft. Die Materialien begannen zu sieden, und ihre anfänglich dunkle, trübe Farbe ging in ein blasses Rosenroth über. Die Verschleierte legte von Zeit zu Zeit Brennstoff nach und setzte sich dann wieder auf die Erde, wobei sie den Kopf auf die Kniee niederlegte und das Gesicht unter ihrem Schleier verbarg.

Das Licht in den Lampen, auf dem Ring und auf den Linien der Dreiecke begann jetzt zu erbleichen, und ich erneute seinen Nährstoff aus dem Krystallgefäß. Bisher hatte noch nichts Ungewöhnliches jenseits des Rings mein Auge oder Ohr erschreckt. Bloß der rasselnde Flügelschlag der Lokuste, und in weiterer Entfernung das Geheul der nie bellenden Hunde im Wald ließ sich vernehmen. Nichts sichtbar, als die Bäume, die Bergkette, welche die vom Mond versilberte Ebene umschloß, und die Wölbung der Höhle mit den an den Seiten hinaufrankenden Blumen und im Innern den im Mondlicht glänzenden Thierknochen.

Die zweite Stunde verlief wie die erste. Ich war an Margrave's Seite getreten und beobachtete mit ihm den Prozeß im Kessel, als ich plötzlich unter mir ein leichtes Zittern des Bodens verspürte. Wie ich aufschaute, kam es mir vor, die Ebene jenseits des Kreises kräusle sich nach Art der Meereswellen, und auch in der Luft war ein deutliches Beben zu bemerken.

Ich legte meine Hand auf Margrave's Schulter und flüsterte: »Es kömmt mir vor, als ob Erde und Luft zittern. Ist es Ihnen auch so?«

»Ich weiß es nicht, kümmere mich nicht darum,« antwortete er ungestüm, »Die Essenz sprengt die Schale, von der sie umschlossen wird. Hier ist meine Luft und meine Erde! Stören Sie mich nicht. Sehen Sie nach dem Kreis und sorgen Sie für die Lampen, wenn die Flamme nachlassen will.«

Als ich auf eine Stelle des Rings zuging, wo das Licht nachließ, kam ich an der Verschleierten vorbei und flüsterte ihr dieselbe Frage zu, die ich an Margrave gerichtet hatte. Sie sah sich langsam um und antwortete:

»Dies geschieht stets, eh' die Unsichtbaren sich dem Auge bemerklich machen. Habe ich ihm nicht gesagt, er solle innehalten?«

Dann ließ sie den Kopf wieder auf die Brust sinken, und ihre Augen richteten sich abermals starr auf das Feuer.

Ich näherte mich dem Kreis und beugte mich, um das erblindende Licht aufzufrischen. Während ich dies that, kam mein Arm etwas über den Ring hinaus, und ich fühlte einen Schlag wie von einer Elektrisirmaschine. Mein Arm sank taub und kraftlos nieder und meiner Hand entfiel, aber innerhalb des Ringes, das Gefäß mit der Flüssigkeit. Von der Ueberraschung oder Betäubung mich erholend, griff ich hastig mit der anderen Hand das Gefäß wieder auf; aber einiges von dem spärlichen Inhalt war schon auf dem Rasen verschüttet, und ich bemerkte mit einem entsetzten Schauder, welcher sehr abstach gegen die ruhige Gleichgültigkeit, mit der ich bisher meinen Dienst erfüllt hatte, daß nur ein sehr kleiner Vorrath zurückgeblieben war.

Ich ging zu Margrave hin und sagte ihm von dem Schlag und dessen Wirkung auf den Inhalt des Gefäßes.

»Nehmen Sie sich in Acht,« versetzte er, »daß ja kein Zoll breit Ihres Armes oder Ihres Fußes über den Ring hinausreicht: und wenn die Flüssigkeit unglücklicher Weise so geschmälert wurde, so bewahren Sie, was noch vorhanden ist, für den Kreis und die zwölf äußeren Lampen auf. Sehen Sie, wie das große Werk voranschreitet und wie es im Kessel blutroth durchscheint durch das bedeckende Häutchen.«

Und nun waren vier von den sechs Stunden abgelaufen. Mein Arm hatte allmählig wieder seine frühere Kraft gewonnen. Weder an dem Ring noch an den Lampen war weiteres Nachgießen nöthig gewesen, da sich der Nährstoff vielleicht weniger schnell verzehrte, weil die kräftigen Strahlen des australischen Mondes nicht mehr auf ihn einwirkten. Es hatten sich nämlich Wolken an dem Himmel aufgethürmt, durch die das Gestirn der Nacht nur gelegentlich an einzelnen blauen Stellen ein trübes, nebeliges Licht niedergoß. Die Lokusten schnarrten nicht länger im Gras, und auch das Hundegeheul vom Wald her hatte aufgehört. Außerhalb des Kreises herrschte die tiefste Stille.

Ungefähr um diese Zeit sah ich in der Ferne deutlich ein ungeheures Auge. Es kam näher und näher und schien vom Grund weg in der Höhe eines riesigen Körpers sich zu bewegen. Der Blick haftete auf mir, und mein Blut erstarrte vor dem zornigen Ausdruck dieses unheimlichen Balls, der im Näherkommen immer größer und größer wurde. Hinter ihm her kamen andere Augen, die aus dem Raum herauswuchsen, Schaaren auf Schaaren gleich den Speerspitzen einer morgenländischen Armee, welche die zum Untergang bestimmten Zinnenwächter aus der Ferne gegen sich anrücken sehen. Vor Grauen versagte mir lange Zeit die Stimme den Dienst; endlich durchbrach sie die Fessel und ich rief in schrillem Laute:

»Seht – seht! Diese schrecklichen Augen! Legionen auf Legionen! Und hört! Das Gestampf zahlloser Füße; sie sieht man nicht, aber die Höhlen der Erde hallen wieder von dem Ton ihres Marsches!«

Margrave, der mehr als je von dem Kessel in Anspruch genommen war und von Zeit zu Zeit Pulver und Essenzen aus seinem Koffer holte, um sie hineinzuwerfen, blickte wild und trotzig auf.

»Ihr kommt,« sagte er in dumpfem Gemurmel, und seine sonst so gewaltige Stimme klang hohl und keuchend, obschon keine Furcht daraus zu vernehmen war – »ihr kommt, nicht um zu siegen, eitle Rebellen! – ihr, deren schwarzen Häuptling ich zu meinen Füßen niederschlug in das Grab, aus dem mein Zauber den Geist eures ersten menschlichen Meisters, des Chaldäers, weckte! Erde und Luft haben ihre Heere, die mir noch treu sind, und ich erinnere mich noch des Kriegsgesangs, der sie aufbietet, um euch entgegenzutreten. – Ayesha, denk an die Schwüre, die wir uns leisteten unter Rosen; gedenke des schrecklichen Eids, durch den wir unsere Herrschaft vereinigten über Heere, welche Dich immer noch als Königin anerkennen, obgleich mein Scepter gebrochen und meine Stirne ihres Diadems beraubt ist!«

Die Verschleierte erhob sich bei dieser Beschwörung. Der Schleier war jetzt zurückgeschlagen, und die Flamme, die zwischen Margrave und ihr aufloderte, übergoß ihr schönes Antlitz mit einer Glut, daß es in der rosigen Blüte der Jugend erschien. Es war, als habe es sich abgelöst von der Gestalt im schwarzen Mantel, und die Dämpfe, die aus dem Kessel aufstiegen, bildeten einen Rahmen darum her wie Wolken, durch deren blauen Zwischenraum das Licht des Abendsterns bricht.

Durch den Dunstnebel klang nun ihre Stimme musikalischer und klagender, als ich sie je gehört hatte, viel weicher und zärtlicher, jedoch in ihrer fremden Zunge. Die Worte waren mir unbekannt, aber ihr Sinn wurde mir vielleicht verständlich durch die Liebe, welche für alle, die lieben, eine gemeinsame Sprache, einen gemeinsamen Blick hat – sie spricht unverkennbar in dem liebevollen Ton, unverkennbar aus dem liebenden Antlitz.

Sie kam von der anderen Seite des Kessels herüber, beugte sich gegen Margrave's aufwärts gerichtete Stirne und küßte sie mit feierlicher Ruhe; dann wurde ihr Gesicht wild, und sie erhob das Haupt einer Löwin gleich, die ihr Junges beschützt. Aus dem schwarzen Mantel streckte sich über das bleiche Antlitz, das sich wieder zum Kessel niederbeugte, ein Arm aus, hin gegen den spukhaften Raum mit seinen hohlklingenden Tönen, und diese Bewegung war von einer Geberde begleitet, als schwinge die Hand ein Scepter. Dann erscholl ihre Stimme in der Musik eines nicht lauten, aber doch weit reichenden Gesangs – so ergreifend, so süß und so feierlich, daß mir mit einemmal klar wurde, warum im Alterthum die Sage die Gewalt eines Zauberers mit der Macht des Gesangs in Verbindung bringen konnte. Alles, was mir von den sinneberückenden Wirkungen noch im Gedächtniß war, die Margrave's seltsame Lieder auf das entzückte Ohr machten, erschien nur wie der nachgeahmte Triller eines wilden Vogels in Vergleichung mit der Tiefe, der Kunst, der Seele der Sängerin, deren Stimme einen Zauber in sich schloß, welcher vollkommen geeignet war, alle Wesen der Schöpfung hinzureißen, gleichviel, ob sie auch die Worte so wenig verstehen mochten wie ich. Als der Gesang zu Ende war, vernahm ich hinter mir die nämlichen Töne, wie vor mir draußen im Raume: das Stampfen unsichtbarer Füße und das Schwirren unsichtbarer Flügel, als ob Heere auszögen gegen Heere zu vernichtendem Kampf.

»Sieh weder vorwärts noch rückwärts,« sagte Ayesha, »sondern wie er auf den Kessel nieder. Der Kreis und die Lampen brennen noch hell; ich will's Dir sagen, wenn es am Licht gebricht.«

Ich senkte meine Blicke gegen den Kessel.

»Sehen Sie dieses Funkeln?« flüsterte Margrave. »Endlich beginnt es aufzuwallen, und das Rosenroth wird dunkler – Zeichen, daß das Ende des Prozesses nahe ist.«

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