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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 82
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Einundachtzigstes Kapitel.

Margrave stieg nun in die Sänfte und das verschleierte Weib zog die schwarzen Vorhänge vor. Als Führer ging ich einige Schritte voraus. Die Luft war still, schwer und heiß von dem Hauch des australischen Sirocco.

Wir bewegten uns über das mit schlummernden Heerden besäte Waideland hin, folgten einem Zweig des Stromes, der bis zu seiner Quelle im Gebirg manchen träufelnden Wasserfall bildete, gelangten in den düsteren Schatten von verkümmerten Bäumen, deren knorrige klebrige Rinde eines der Anzeichen ist, daß man sich über der goldführenden Bodenschichte befindet, und endlich glänzte unter dem Heer der Sterne der Mond in seiner vollen Pracht durch die Spalten der Höhle, deren Boden mit den Ueberresten antediluvianischer Thiergeschlechter bestreut war, oder goß sein Silberlicht über die Vertiefungen in dem vulkanischen Gestein, die Büsche rauhen Grases und die ausgedehnteren Striche blässeren Rasengrundes aus, unter dem das Gold verborgen war – Gold, das stumme Symbol für das große Geheimniß der organisirten Materie, das an sich schon, je nachdem der Geist, der Beherrscher des Stoffs, es zu nutzen weiß, Schlimmes oder Gutes, Fluch oder Segen in sich birgt.

Bisher hatte das verschleierte Weib mit dem weißgekleideten Skelet, das so unversehens an meine Seite geschlichen war, die Nachhut gebildet, so daß ich, als ich an den schwierigen Windungen des Wegs den Zug überblickte, hinter mir zuerst der zwei Bewaffneten, dann der Tragbahre und zuletzt der Schwarzverschleierten und ihres gerippartigen Begleiters ansichtig wurde.

Jetzt aber, als ich auf dem Tafelland, hinter mir den Berg und nach vorn das Thal, Halt machte, verließ das Weib ihren Gefährten, kam an der Sänfte und den Bewaffneten vorbei und trat in der Mündung der mondhellen Höhle an meine Seite.

Hier blieb sie einen Augenblick schweigend stehen, überschaute den Zug, der sich langsam aufwärts arbeitete, schlug dann den Schleier zurück und wandte sich gegen mich.

Ihr Gesicht zeigte eine wunderbare Schönheit, aber zugleich eine scheugebietende Strenge. Es war weder Jugend noch Alter darin zu erkennen, nur die gereifte Schönheit und Majestät einer marmornen Demeter.

»Du glaubst an das, was Du suchst?« fragte sie in ihrem fremden, melodischen, schwermüthigen Accent.

»Von Glauben ist nicht die Rede,« lautete meine Antwort. »Die wahre Wissenschaft kennt keinen; sie forscht nach den Dingen und nimmt nichts auf Treue und Glauben hin. Für sie gibt es nur drei Gemüthsstimmungen – Verwerfen, Ueberzeugung und jenen unendlich großen Zwischenraum zwischen beiden, welcher nicht Glauben, sondern nur ein Ansichhalten mit dem Urtheil ist.«

Das Weib ließ ihren Schleier fallen, trat von mir zurück und setzte sich auf einen Felsblock zwischen dem Berg und der Wasserrinne, die sich, als ich zum erstenmal die Goldhaltigkeit des Bodens entdeckte, wie ein Wasserfall ausgenommen hatte, jetzt aber unter dem heißen Himmel nur als trockenes Kiesbett erschien.

Die Sänfte war nun heraufgekommen, und die Träger machten Halt. Eine dürre Hand schob die Vorhänge zurück und Margrave stieg heraus, diesmal nicht von der schwarzverschleierten Frau, sondern von dem Skelet im weißen Gewand unterstützt.

Da stand er nun, seine welke Gestalt voll vom Monde beleuchtet, während aus seinem Gesicht trotz der Furchen und der kranken Farbe Entschlossenheit, Freude und Stolz strahlte. Er richtete den Kopf auf, begann in einer mir unbekannten Sprache zu reden, und die bewaffneten Männer und die Sänftenträger sammelten sich um ihn, den Körper tief beugend und die Augen zu Boden geschlagen. Die Verschleierte erhob sich langsam, trat an seine Seite und gab der gespenstischen Gestalt, auf welche er sich lehnte, durch einen stummen Wink zu verstehen, daß sie ihren Gebieter loslasse, worauf sie selbst ihn mit ihrem stützenden Arm umschlang. Margrave sprach wieder; doch konnte ich den Inhalt seiner Worte nicht einmal errathen. Nachdem er zu Ende war, knieten die Bewaffneten und die Sänftenträger vor ihm nieder und küßten seine Hand; dann erhoben sie sich und nahmen aus der Tragbahre den Koffer und den Brennstoff heraus. Sobald dies geschehen, belasteten sie sich abermals mit der Sänfte und bewegten sich, die Bewaffneten voran, thalabwärts.

Jetzt flüsterte Margrave dem häßlichen Geschöpf, das der Verschleierten Platz gemacht hatte, einiges ins Ohr. Das grämliche Gerippe beugte den Kopf unterwürfig und ging durch das lange Gras von hinnen, so leichtfüßig, daß die Halme nach seinem Hingleiten sich wieder aufrichteten, als hätten sie sich nur vor dem Hauche des Windes gebeugt. Auch er verschwand im Thal unten, so daß nur noch wir drei, Margrave, ich und das verschleierte Weib, uns aus der Tafelebene des Berges befanden.

Letztere setzte sich wieder seitwärts auf den grauen Felsblock über dem trockenen Strombette. Er stand unter dem Eingang der Höhle, an dessen Seiten parasitische Pflanzen mit Blumen von allen Farben hinaufwucherten – Pflanzen, die zum Theil ihre duftigen Kelche nur bei Nacht öffneten, so daß er mir im Lichte des Monds vor dem tiefschattigen Hintergrund der Höhle wieder wie von einem Blumenrahmen umfaßt erschien, nur nicht wie damals strahlend von Lust und Leben, sondern bleich und hingewelkt.

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