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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 80
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Neunundsiebenzigstes Kapitel.

Die Zusammenkunft war vorüber, und ich sah mich wieder von Lilians Zimmer verbannt; die Aufregung, die Freude des Wiedersehens hatten zu überwältigend auf ihre schwachen Nerven gewirkt. Unserem kurzen Austausch süßer und bitterer Gedanken folgte ein convulsivisches Zittern ihres ganzen Körpers und ein heftiges Schluchzen. Faber, der mich von ihrer Seite fortriß, erklärte mir streng und gebieterisch, daß man bloß hoffen dürfe, ihr Leben zu erhalten, wenn man sie vor der Aufregung bewahre, die durch meine Anwesenheit hervorgerufen werde. Dann nahm er mit Amy wieder den Platz an ihrer Seite ein. Sogar die Mutter war in das Verbannungsurtheil eingeschlossen. Frau Ashleigh und ich saßen daher in dem unteren Zimmer einander gegenüber. Auf mir lag eine bleierne Betäubung, und ich glaubte wie aus weiter Ferne oder im Traum das leise Jammern der Mutter zu vernehmen:

»Sie stirbt – sie stirbt! Ihre Augen haben denselben himmlischen Blick wie die meines Gilbert an dem Tag, an welchem er sie für immer schloß. Sogar ihre Worte waren die seinigen: ›Vergib mir Alles, womit ich mich gegen Dich verfehlt habe.‹ Sie wird sterben – sie wird sterben.«

So entschwanden die Stunden. Endlich trat Faber in das Gemach. Er sprach zuerst mit Frau Ashleigh – inhaltsleere Trostworte, wie man sie von den Lippen Aller hört, welche aus einem Sterbezimmer in den Kreis der Trauernden treten; sie wissen, daß es ihnen nicht ernst ist, wenn sie von Hoffnung sprechen, und doch würde jetzt schon der Rath, sich darein zu finden, wie Hohn klingen.

Dann führte er sie nach ihrem eigenen Zimmer, und sie folgte ihm wie ein gehorsames Kind, das man zu Bett bringen will. Nach kurzem Verzug kehrte er zu mir zurück und drückte mich wie ein Vater an seine Brust.

»Keine Hoffnung – keine Hoffnung!« sagte ich, mich seiner Umarmung erwehrend. »Sie verstummen. Reden Sie – lassen Sie mich das Schlimmste hören.«

»Ich habe noch Hoffnung, wage es aber kaum, Sie zur Theilnahme daran einzuladen, denn sie quillt eher aus meinem menschlichen Herzen als aus meiner ärztlichen Erfahrung. Ich kann mir nicht denken, daß ihre Seele mit der Erde so versöhnt sein würde und sie so ernstlich sich an dieses sterbliche Leben anklammern könnte, wenn sie schon im Begriff wäre, daraus zu scheiden. Sie wissen, wie häufig Diejenigen, welche den Tod am meisten gefürchtet haben, Ergebung finden, wenn er sichtbar aus dem Schatten heraustritt, in welchem man seine Gestalt nur ahnungsvoll, nicht aber deutlich erkannte. Es gilt für ein schlimmes Zeichen, wenn ein Kranker alle Lust zum Leben verloren hat; aber eben so gibt es Hoffnung, wenn ein noch junger Patient, bei dem keines von den großen Lebenscentren grundhaft gestört ist (mögen auch schwere Stürme die Festen angegriffen haben), fest an Wiedergenesung glaubt, vielleicht (wer kann dies wissen?) weil seiner Seele Einflüsterungen von oben zugehen.

»Ich vermag mich nicht in den Gedanken zu finden, daß alle die Nutzungen, für welche ein auch in seinen Irrthümern so liebenswürdiger Verstand wieder zurückkehren durfte, schon erfüllt sind. Es kömmt mir vor, als ziele eure bis jetzt so unvollkommene Vereinigung noch immer auf jenes heilige Erdenleben ab, durch welches zwei sterbliche Wesen sich wechselseitig kräftigen für eine Daseinsphäre, für die es nur eine geistige Vorstufe ist. Auf Ihnen beruht meine Hoffnung für sie. Mit Kräften begabt, die Ihnen eine hohe Stellung anweisen in der mannigfaltigen Gliederung der Menschheit, denkend, thätig und muthig; mit einem Herzen, das jeder edlen menschlichen Regung offen steht; selbst im Irren gewissenhaft und mitten im Blendwerk nach Wahrheit ringend; im Zorn nachsichtig; im Unrecht wieder gut zu machen strebend und, was das Beste von Allem, stark in einer Liebe, die ein gemeiner Sinn nicht zu vertheidigen gewagt haben würde gegen den Giftzahn der Lästerung – einer Liebe, die sich über die Sinnlichkeit erhob und als reines Gold hervorging aus dem Läuterungsfeuer der Trübsal; mit allen diesen edlen Beweisen in Ihnen, daß das Dasein nicht hier zu enden bestimmt ist, hat Ihr Leben inne gehalten in seinen Nutzungen, und selbst Ihr Geist wurde triftig wie eine Barke ohne Ruder und Lotsen auf küstenlosen Meeren und unter einem Himmel ohne Sterne. Und warum? Weil der Geist, auf den Sie sich so viel zu gut thaten, nichts wissen wollte von einer Gemeinschaft mit der Seele und ihren Lehren.

»Und deßhalb beruht in Ihnen meine Hoffnung, daß sie dem Leben erhalten bleiben werde. Bei ihr hat sich die Seele in Irrgänge verstrickt, weil sie nicht der Schranken und des bestimmten Zieles achtete, welche der Geist ihr während ihres Erdenwallens vorgezeichnet hat; denn der Geist entnimmt die Gedanken der wirklichen und sichtbaren Welt, während die Seele nur unbestimmte Streiflichter und Winke aus dem Instinkt ihres schließlichen Erbes aufgreift. Jedes von euch beiden erscheint mir als eine Halbheit, die ihre Bestimmung erst noch erfüllen soll. Eure Ehe muß beiderseits durch die Bande des Herzens und die Prüfungen der Zeit zur Vollendung kommen. Glauben Sie mir, ich meine dies nicht sinnbildlich und allegorisch, oder doch nur in so weit, als bei jeder tieferen Prüfung Bild und Allegorie selbst in die gewöhnlichsten Phasen des äußeren und materiellen Lebens eindringen. Ich hoffe deßhalb, daß sie Ihnen noch erhalten bleibt – hoffe es nicht aus meiner ärztlichen Erfahrung, sondern aus meinem inneren Christenglauben. Um das eigene Wesen und dessen Zweck zu vervollständigen, hat jedes von euch das andere nöthig

Ich wurde betroffen – dieselben Worte, die Lilian in ihrer Vision gehört hatte!

»Aber,« nahm Faber wieder auf, »wie kann ich mir anmaßen, die zahllosen Kettenglieder von Wirkungen auf die erste Ursache zurückzuführen, die so weit, oh, so weit außer dem Bereich meines Verstandes liegt? Ich überlasse dies den Philosophen, die ihren lachenden Spott über solche demüthige Hoffnungen ausgießen.

»Es ist indeß möglich, wohl auch wahrscheinlich, daß, während mir bei meinem darauf angewiesenen Beruf, das Fleisch vor den Würmern zu bewahren, das Leben Ihrer Lilian für die Entwicklung und Bildung Ihrer eigenen Ueberzeugung von der Seele nöthig scheint, der Himmel in seiner Weisheit erkennt, ihr Tod werde für Sie belehrender sein als ihr Leben. Darum habe ich auch gesagt – halten Sie sich gefaßt auf beides: Weisheit aus der Freude oder Weisheit aus dem Schmerz. Wenn Sie den Mechanismus ins Auge fassen, durch welchen diese moralische Welt bewegt und veredelt wird, so müssen Sie sich selbst sagen, daß die Weisheit nicht grausam sein kann; denn diese Eigenschaft muß auch dem Menschen oder einem menschlichen Gesetz abgesprochen werden, wenn ihnen die wohlwollende Absicht fehlt. Aber auch das Wohlwollen hat allgemeine Bedingungen, und was den Myriaden als solches erscheint, mag vielleicht dem Einzelnen als hart vorkommen, während das, was diesem im Augenblick des Schmerzes grausam dünkt, zum Erbarmen wird im Auge Desjenigen, der die Ewigkeit durchschaut.«

Und aus dieser ganzen Rede, von der ich mir jetzt in der Ruhe eines langen Zeitabstands noch jedes Wort vergegenwärtigen kann, faßte damals mein liebendes Menschenherz nur den Satz auf: »Jedes hat das andere nöthig!« Ich rief daher aus: »Leben, Leben, Leben! Ist keine Hoffnung vorhanden für ihr Leben? Haben Sie keine Hoffnung als Arzt? Ich bin auch Arzt und will sie sehen – will selbst urtheilen. Ich lasse mich nicht wegweisen von meinem Posten.«

»So urtheilen Sie selbst als Arzt und tragen Sie die Verantwortlichkeit. In diesem Augenblick haben die Krämpfe aufgehört und der Körper liegt ruhig – so ruhig, daß vielleicht nur das Auge des Arztes diese Ruhe von der des Todes unterscheiden kann. Es ist kein Schlaf, keine Verzückung, auch nicht jener verhängnißvolle Carus, aus dem kein Erwachen mehr stattfindet. Soll ich's bei dem Namen nennen, den unsere Schulen dafür angenommen haben? Ist es die Katalepsie, in welcher das organische Leben stille steht, aber das Bewußtsein thätig bleibt? Sie ist regungslos, starr, und es kostete mich Mühe, zu entdecken, daß der Athem noch geht und das Herz noch schlägt. Aber obschon sie weder sprechen, noch sich rühren oder ein Zeichen von sich geben kann, bin ich doch überzeugt, daß sie sich alles dessen, was um sie vorgeht, vollkommen bewußt ist. Sie gleicht denen, welche sogar den Sarg schon in ihre Kammer haben tragen sehen und doch nicht rufen konnten: ›Begrabt mich nicht lebendig!‹ Urtheilen Sie nun selbst – was wird bei diesem scharfen Bewußtsein und bei der Unmacht, es kundzuthun, Ihre Nähe bewirken können? – zuerst das Weh der Verzweiflung und dann völliges Erlöschen des Lebens.«

»Ich habe nur einen solchen Fall erlebt – bei einer Mutter, deren ganzes Herz an einem leidenden Kind hing. Sie war zwei Tage und zwei Nächte still dagelegen wie eine Leiche. Jedermann außer mir sagte, ›sie ist todt;‹ aber ich sagte: ›sie lebt noch.‹ Man brachte das Kind herein, um zu versuchen, wie seine Nähe auf sie wirke. Jetzt bewegten sich ihre Lippen, und ihre Hände kreuzten sich über der erzitternden Brust.«

»Und das Resultat?« rief Faber hastig. »Wenn das Resultat Ihrer Erfahrung Ihre Anwesenheit rechtfertigt, so kommen Sie. Fachte die Nähe des Kindes das Leben wieder an?«

»Nein; der letzte Funke ging vollends aus! Ich will nicht zu Lilian – will fort – nicht einmal im Hause bleiben. Oh, dieses Bewußtsein, ich kenne es wohl! Sie könnte mich sogar hier unten gehen und in diesem Augenblick sprechen hören. Kehren Sie zu ihr zurück! Aber wenn ihr Zustand so ist, wie ich ihn schon in anderen Fällen gesehen und wie er Ihnen bei Ihrer ausgedehnteren Erfahrung noch öfter vorgekommen sein muß, so schwebt sie doch nicht in nächster Todesgefahr. Er hält vielleicht den Tag – die Nacht über – vielleicht einige Tage an. Ist es so?«

»Ich glaube, daß innerhalb der nächsten zwölf Stunden keine Veränderung eintreten wird. Vielleicht ist auch alle Gefahr verschwunden, wenn sie ruhig und erfrischt wie nach einem Schlaf aus diesem Scheintod erwacht.«

»Und innerhalb dieser zwölf Stunden würde meine Anwesenheit nachtheilig wirken?«

»Sagen Sie lieber verhängnißvoll, wenn anders meine Diagnose richtig ist.«

Ich drückte meinem Freund die Hand, und wir trennten uns.

Oh, sie jetzt zu verlieren! Jetzt, da ihre Liebe und ihr Verstand lebhafter als je zurückgekehrt war! Möglich, daß sich Margraves gerühmtes Geheimniß als eitel erwies; aber es lag wenigstens Hoffnung darin. Die anerkannte Wissenschaft bot mir nur Verzweiflung.

Und bei diesem Gedanken verschwand alle Furcht vor dem geheimnißvollen Gast. Was kümmerten mich fortan seine Eigenschaften, seine Geschichte? Sein Leben selbst war mir theuer und kostbar geworden. Wenn er an dem Prozeß nicht mitmachen konnte, was blieb dann noch, um das Leben meiner Lilian zu retten?

Die Schatten des Abends sanken nieder. Ich erinnerte mich, daß ich Margrave viele Stunden ohne Nahrung gelassen hatte. Ich schlich zur Hinterthüre meiner Wohnung hinein, füllte meinen Korb sogar reichlicher als am Tag zuvor mit Lebensmitteln, versah mich aus meiner Apotheke mit belebenden Arzneien und eilte so beladen nach der Hütte. Margrave saß im Zimmer unten auf seiner geheimnißvollen Kiste und hielt den Kopf mit der Hand unterstützt. Als ich eintrat, sah er auf und sagte:

»Sie haben mich vernachlässigt. Meine Kraft schwindet. Geben Sie mir von Ihrem Stärkungsmittel, denn wir haben heute Nacht eine Arbeit vor, für die ich der Kräftigung bedarf.«

Er nahm meine Mitwirkung an seinem abenteuerlichen Experiment für ausgemacht an, und er hatte Recht.

Ich gab ihm die Arznei und legte ihm Speise vor, von der er diesmal mit Appetit genoß. Ich füllte sein Glas mit Wein, und er trank bereitwillig ein wenig, indem er sagte: »In meinen gesunden Tagen betrachtete ich den Wein als Gift: jetzt aber ist er mir ein Vorschmack des herrlichen Elixirs.«

Nachdem er sich in solcher Weise erfrischt hatte, schien er eine Energie zu gewinnen, die befremdlich abstach gegen die Erschlaffung des vorigen Tages. Die Athembeschwerniß war kaum noch zu merken: seine Wangen rötheten sich, und sein gebeugter Körper richtete sich schwungkräftig auf.

»Wenn ich Sie recht verstanden habe,« sagte ich, »so kann das Experiment, zu dem Sie meine Beihülfe wünschen, in einer einzigen Nacht vollbracht werden?«

»In einer einzigen – der nächsten.«

»Ich stehe zu Diensten. Warum fangen wir nicht gleich an? Was für ein Apparat, welche Chemikalien sind nöthig?«

»Wie sehr bin ich früher im Irrthum gewesen,« versetzte Margrave. »Als ich Sie bat, mir für das beabsichtigte Experiment einen Monat zu widmen, dachte ich, man brauche dazu ausgesuchte chemische Kenntnisse. Ich glaubte damals mit van Helmont, das Lebensprinzip sei eine gasartige Substanz, und das Geheimniß liege nur in der richtigen Anwendung dieses Gases. Jetzt aber habe ich Alles, was dazu nöthig ist, in diesem Koffer beisammen, ein einziges sehr einfaches Material ausgenommen – nämlich hinreichend Brennstoff, um für sechs Stunden ein gleichmäßiges Feuer zu unterhalten. Ich sehe, auch dies ist zur Hand und vor dem Hause aufgebeugt. Was nun die Substanz selbst betrifft – Sie müssen mich zu ihr führen.«

»Wie verstehe ich dies?«

»Ist nicht hier in der Nähe Gold – in noch unentdeckten Minen – und zwar Gold von der reinsten Sorte?«

»Ja; aber was soll dies? Ist auch für Sie wie bei den Alchymisten die Goldmacherkunst identisch mit der Bereitung der Lebensessenz?«

»Nein. Aber nur wo die Chemie der Erde oder des Menschen Gold hervorbringt, wird die Substanz gefunden, aus welcher durch Gährung der Pabulum des Lebens sich ausziehen läßt. Möglich, daß in den Versuchen, die Metalle umzuwandeln – ich glaube, unser großer Chemiker Sir Humphry Davy hält einen solchen Prozeß für erreichbar, obschon er meint, er werde die Kosten nicht lohnen – möglich, daß bei diesen Versuchen die Alchymisten einige Körner dieser Substanz neben der kärglichen Goldausbeute fanden, welche ihnen ihre jämmerliche Nachäffung der großartigen chemischen Arbeiten der Natur lieferte; und so mögen sie denn auch genug von der Essenz gewonnen haben, um einem schwachen Graubart einige Lebensjahre zuzulegen, wenn es anders eine des Beweises noch bedürftige Thatsache ist, daß einzelne Alchymisten eine Lebenshöhe erreichten, wie sie dem Menschen nur selten zu Theil wird. Aber nicht in der geizigen Retorte, sondern in der Matrix der Natur selbst können wir das große Prinzip der Natur, das da Leben heißt, in reicher Fülle finden. Wie in dem Magnetstein die magnetische Kraft zur Reife kömmt und der Bernstein die elektrische enthält, so birgt diese Substanz, für die wir noch keinen Namen haben, das herrliche lebengebende Fluidum. Sie kommt vor in den alten Goldminen Asiens und Europas, wird aber nur selten aufgefunden, weil vielleicht für ihre Ernährung der Boden zu erschöpft ist; darum müssen wir sie hier suchen, wo die Natur selbst ein so frisches Jugendleben zeigt. Nicht weit von hier ist Gold – führen Sie mich hin.«

»Das geht nicht. Der Platz, den ich als goldhaltig kenne, ist über eine Stunde entfernt und der Weg rauh. Sie können ihn nicht zu Fuß machen. Ich habe allerdings Pferde, aber – –«

»Glauben Sie, ich habe diese weite Reise gemacht, ohne mich mit dem vorzusehen, was ich möglicher Weise für meinen Zweck brauchen könnte? Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf damit, wie ich hinkommen soll; ich führe die Mittel dazu bei mir. Meine Sänfte und ihre Träger befinden sich in Rufweite. Geben Sie mir Ihren Arm, bis wir jene Höhe erreicht haben; es ist kaum fünfzig Schritte hin.«

Meine Ueberraschung unterdrückend, gehorchte ich mechanisch. Ich hatte meinen Entschluß gefaßt und ließ keinen Gedanken aufkommen, der ihn hätte erschüttern können.

Als wir die Höhe des mit Gras bewachsenen Hügels erreicht hatten, der sich gegen den Hafen hin abdachte, ließ sich Margrave ein wenig Zeit, um zu Athem zu kommen; dann aber stieß er einen Ton aus, nicht laut, aber schrill, langsam und gezogen, halb Ruf, halb Gesang wie der des Nachtfalken. Die Luft war still und klar, so daß sie ferne Gegenstände leicht dem Gesicht und dem Gehör nahe brachte – und die Stimme, die ihre regelrechten Pausen machte, wurde von den Wellen der Atmosphäre weiter getragen.

Nach einigen Minuten schien der Ruf ein Echo zu finden, so genau und so heiter, daß ich einen Augenblick glaubte, die Gegenlaute rühren von dem scheuen Leiervogel her, der Alles, was er in seinem Versteck hört, fröhlich nachäfft, vom Schwirren der Heuschrecken an bis zum Geheul des wilden Hundes.

»Welcher König,« sagte der mystische Zauberer – und als er sprach, ließ er seine Hand nachlässig auf meiner Schulter ruhen, so daß ich zitterte unter dem Gefühl, dieser furchtbare Sohn der Natur ohne Gott und Seele, welcher mein Fluch, der Verdunkler meines Geistes gewesen und, wie mir mein Herz ängstlich zuflüsterte, es vielleicht noch sein konnte, suche seine Stütze in mir wie der verhätschelte Nachgeborene in seinem Bruder – »welcher König in eurem civilisirten Europa,« sagte der cynische Spötter mit seinem schönen Jünglingsgesicht, »besitzt die Macht eines Häuptlings im Orient? Welches Glied zwischen Sterblichen und Sterblichen ist so stark wie das zwischen Herr und Sklave? Ich nehme jene armen Thoren fort aus dem Land ihrer Geburt, und sie bewahren hier ihre alten Gewohnheiten, den Gehorsam und die Ehrfurcht. Sie würden in der Einöde warten, bis sie verhungerten – warten, um auf meinen Ruf zu hören und darauf zu antworten. Und ich, der ich sie beherrsche oder im Bann halte – ich benütze und verachte sie. Sie wissen dies, und doch dienen sie mir! Unter uns, mein Herr Philosoph, es gibt nur ein Ding, was des Lebens werth ist – das Leben für sich selbst.«

Ist es das Alter, ist es die Jugend, was bei meiner feierlichen Vorstellung von der Vollkommenheit des Menschen so sehr mein Innerstes erschüttert? Junge Lebemänner in den großen Hauptstädten antworten vielleicht: »Es ist die Jugend, und wir denken eben so, wie er spricht.« Junge Freunde, ich glaube euch nicht.

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