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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebentes Kapitel.

Ich habe eine Skizze von dem äußeren weiblichen Menschen der Frau Oberst Poyntz gegeben; der innere war ein Geheimniß, so tief wie das der Sphinx, mit welcher ihre Züge Aehnlichkeit hatten. Aber zwischen das Aeußere und das Innere schiebt sich ein drittes, das conventionelle Weib ein, so wie es in seiner ganzen Wesenheit vor der Welt erscheint – stets verschleiert, bisweilen maskirt.

Die feine Welt von London soll den Titel »Frau oder Mrs. Oberst« nicht anerkennen. Wenn dies wahr ist, so hat sie augenscheinlich Unrecht, denn es gibt in der ganzen Welt keine feinere Gesellschaft, als auf dem Abteiberg, und diese war der Ansicht, daß ihre Souveränin ein ebenso gutes Anrecht an den Titel »Frau Oberst« habe, wie die Königin von England an den einer »allergnädigsten Herrin.« Allerdings bediente sich Frau Poyntz dieses Rechtes nie selbst, und ihr Titel erschien eben so wenig auf ihren Visitenkarten, als man die Bezeichnung »allergnädigste Herrin« auf den Einladungskarten liest, welche der Oberhofmeister oder Oberkammerherr auf Befehl ihrer Majestät ausgibt; denn sie trug sich nicht mit einer abergläubischen Verehrung des Titelwesens. Zwei zu dem hohen Adel des Reichs gehörige Damen, die mit ihr ziemlich nahe verwandt waren, pflegten ihr jährlich einen Besuch von zwei oder drei Tagen zu machen, und der Berg betrachtete dies als eine ehrende Anerkennung, die seiner eigenen Erhabenheit bezeigt wurde. Frau Poyntz schien darin keine ihr selbst erwiesene Ehre zu erkennen, so fern sie sich nie dieser Besuche rühmte, ihre vornehmen Verwandten nie zur Schau ausstellte und sich auch in Beziehung auf ihren Empfang nicht viel in Ungelegenheit versetzte. Ihre Lebensweise war frei von allem Prunk. Sie genoß den Vortheil, daß sie um einige hundert Pfund Jahreseinkommen reicher war, als jeder andere Bewohner des Bergs, verwendete aber das Mehr ihrer Hülfsquellen nicht zu einer neiderregenden Schaustellung einer überlegenen Pracht. Als weise Souveränin widmete sie die Einkünfte ihrer Schatzkammer dem Wohl ihrer Unterthanen und nicht der Eitelkeit eines selbstsüchtigen Großthuns. Da auf dem Berg Niemand Equipage hatte, so verzichtete auch sie darauf. Sie gab häufig Gesellschaft, aber es ging sehr einfach dabei her, obschon sie den Berg, wenn sie ihm zweimal in der Woche ihren Salon öffnete, so angenehm zu unterhalten wußte, daß er sich bei ihr ganz heimisch fühlte. Die gereichten Erfrischungen waren von der Art, wie sie die ärmste von ihren Ehrendamen bieten konnte, nur hielt sie dabei auf vorzügliche Qualität – den besten Thee, die beste Limonade, die besten Kuchen. Ihre Gemächer hatten einen Anstrich von Behaglichkeit, der ihnen eigen war; denn man merkte an ihnen sogleich, daß sie gewohnt waren, Gäste zu empfangen, und zwar freundlich zu empfangen: überall eine angenehme Wärme, eine gute Beleuchtung, und die Kartentische und das Piano so aufgestellt, daß sie Spiel und Musik einladend machten. An den Wänden bemerkte man einige alte Familienporträte und drei oder vier Oelbilder, die sich nicht übel ausnahmen und auch von Werth sein sollten – zwei Watteau, ein Canaletto und ein Weenix; dazu eine Reihe von Fauteuils und Divans, alle mit lebhaft rothgrundigem Zitz überzogen. Die Anordnung der Möbel im Allgemeinen zeigte eine unbeschreiblich sorglose Eleganz. Sie selbst war studirt einfach in ihrer Kleidung und trug namentlich weniger Juwelen und Schmuck als irgend eine verheirathete Dame des Berges; doch hörte ich von solchen, die sich auf die Sache verstanden, daß man sie nie in einem Anzug sah, welcher noch der Mode des vorigen Jahres angehörte. Sie hielt in dieser Beziehung gleichen Schritt mit der Zeit, jedoch mit einer nüchternen Zurückhaltung, als wollte sie sagen, »ich gehe mit der Mode, so weit sie mir zusagt, und werde mich nie zu ihrer Sklavin machen.« Kurz, Frau Oberst Poyntz war bisweilen rauh, bisweilen derb, stets männlich, und doch gewissermaßen nur männlich in einer weiblichen Weise; dagegen verfiel sie bei ihrer Freiheit von aller Ziererei nie ins Gemeine. Unmöglich konnte man in Abrede ziehen, daß sie durch und durch eine feine Bildung besaß, und sie durfte sich daher Manches erlauben, was an anderen Frauen als ein Vergeben ihrer Würde angesehen worden wäre. So war sie sehr geschickt im Nachmachen der Leute, eine Eigenschaft, welche dem Scherz einer gebildeten Dame nicht sonderlich ansteht; aber wenn sie dieses Talent übte, that sie es mit einem so ruhigen Ernst oder einem so königlichen guten Humor, daß man nicht umhin konnte, zu sagen: »Welche köstliche Unterhaltungsgabe besitzt nicht die liebe Frau Oberst!« Und wie sie vorzugsweise die gebildete Frau war, so behauptete ihr Gatte, der männliche Oberst, dieselbe Stellung unter den Herren; er benahm sich zwar etwas scheu, aber nicht kalt, ließ sich nicht gerne aus seiner gewohnten Ordnung bringen und begnügte sich, in seinem eigenen Hause die Null zu sein. Wenn die Frau Oberst es aufs Sorgsamste darauf angelegt hätte, es ihrem Gatten behaglich zu machen, so wäre nichts dafür geeigneter gewesen, als die Art, wie sie ihn mit Freunden umgab und sie ihm zu gehöriger Zeit wieder abnahm. Oberst Poyntz (wir meinen den Herrn) hatte in seiner Jugend wirklich Pulver gerochen, sich aber schon vor Jahren, bald nach seiner Verehlichung, vom Dienst zurückgezogen. Er war der jüngere Bruder eines der ersten Landedelleute in dem County, hatte das Haus, das er bewohnte, nebst einigem werthvollen Grundeigenthum in und um L– – von einem Onkel geerbt, galt als ein guter Landwirth und erfreute sich einer großen Popularität in der unteren Stadt, obschon er sich nie mit ihren Angelegenheiten befaßte. Er war sehr pünktlich in seinem Anzug, von schmächtiger, jugendlicher Gestalt und setzte seinem jugendlichen Aussehen durch eine dicke jugendliche Perrücke die Krone auf. Seine Lektüre beschränkte sich auf die Zeitungen und das meteorologische Journal, welch' letzteres ihm den Ruf des witterungskundigsten Mannes in ganz L– – erwarb. Seine zweite Liebhaberei, die geistige Anstrengung forderte, war – das Whist. Hierin brachte er es allerdings nicht zu einem so hohen Ruf, vielleicht weil die Feinheiten dieses Spiels eine seltenere Bereinigung von intellektuellen Vermögen beanspruchen, als das Errathen des Fallens oder Steigens im Wetterglas. Im Uebrigen war der Oberst (der männliche), welcher trotz seines schmächtigen jugendlichen Aussehens eine ziemliche Reihe von Jahren mehr zählte, als seine Gattin, ein bewundernswürdiger Adjutant des commandirenden Generals, der Frau Oberst, und sie hätte keinen anderen finden können, der so gehorsam, so ergeben oder stolzer auf sein ausgezeichnetes Oberhaupt gewesen wäre.

Wenn ich die Frau Oberst Poyntz als die Königin des Berges bezeichnet habe, so muß ich bitten, mich nicht falsch zu verstehen. Sie war keine konstitutionelle Fürstin, sondern herrschte als ein absoluter Monarch. Alle ihre Proklamationen hatten die Kraft von Gesetzen.

Ein solches Uebergewicht konnte natürlich nur durch beträchtliche Talente errungen werden, die es auch festzuhalten wußten. Bei all ihrer schnellfertigen, gebieterischen Freimüthigkeit wußte sie mit äußerst feinem Takt Unterschiede zu machen. Mochte sie sich höflich oder barsch benehmen, so wußte sie dabei stets die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Natürlich mußte, wie bei allen weiblichen Souveränen, ihre Kenntniß der Gesellschaft im Allgemeinen nur beschränkt sein; aber sie schien die menschliche Natur vermöge einer inneren Anschauung zu erfassen und benützte diese Gabe im Dienst ihres speciellen Ehrgeizes, um die Herrschaft über sie zu gewinnen. Wäre sie plötzlich als eine Wildfremde in die Londoner Welt versetzt worden, so zweifle ich nicht, sie würde sich bald in die auserlesensten Kreise Bahn gebrochen und dann ihre Stellung selbst gegen eine Herzogin behauptet haben.

Ich habe gesagt, daß sie sich frei von aller Ziererei hielt. Dies gehörte wohl mit zu den Ursachen, daß sie das Scepter führte über eine Gesellschaft, in welcher jedes andere weibliche Mitglied eher Etwas scheinen, als sein wollte.

Wenn wir indeß Frau Oberst Poyntz von Affektation und Unnatur freisprechen, wollen wir ihr doch nicht den Charakter einfacher Natürlichkeit beilegen; denn in allen ihren Reden und Handlungen sprach sich Haltung, System, Plan aus. Sie konnte eine höchst werthvolle Freundin, aber auch eine sehr gefährliche Feindin sein, obschon ich glaube, daß sie sowohl in der Liebe als im Haß nur selten die Schranken der Mäßigung überschritt. Alles war Politik – eine Politik, mit derjenigen eines großen Parteihauptes verwandt, welcher entschlossen ist, die Personen, welche irgend eine Staatsrücksicht zu begünstigen empfiehlt, zu erheben, die aber, welche wieder aus Staatsrücksicht zu demüthigen oder zu vernichten sind, drunten zu halten.

Seit meinem Streit mit Doktor Lloyd hatte diese Dame mich stets mit ihrem wohlwollendsten Gesicht beehrt. Und sie zeigte wirklich eine bewundernswürdige Gewandtheit in der Art, wie sie, während sie mich Andern als eine orakelhafte Autorität vorstellte, das Orakel selbst ihrem Willen zu unterwerfen suchte.

Sie pflegte in einer gewissen mütterlichen Weise mit mir umzugehen, als nehme sie den wärmsten Antheil an meiner Wohlfahrt, meinem Glück und meinem Ruf. Und so zeigte sie in jedem Compliment, in jedem scheinbaren Beweis von Achtung die überlegene Würde einer Person, welche aus der Verantwortlichkeit ihrer Stellung die Pflicht ableitet, das strebende Verdienst zu ermuthigen. Daher kam es auch, daß ich trotz des Stolzes, der mich glauben machte, ich bedürfe keiner hülfreichen Hand, um vorwärts zu kommen oder mir durch die Welt Bahn zu brechen, mich nie des Gedankens entschlagen konnte, Frau Obrist Poyntz spiele in einer geheimnißvollen Weise meine Patronin.

Wir mochten ungefähr fünf Minuten in so tiefem Schweigen, als befänden wir uns in der Höhle des Trophonius, neben einander gesessen haben, als Frau Poyntz, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, plötzlich anhub:

»Ich denke an Sie, Doktor Fenwick. Und Sie – Sie denken an ein anderes Frauenzimmer. Undankbarer Mensch!«

»Ihre Beschuldigung ist ungerecht! Gerade mein Schweigen sollte Ihnen sagen, wie sehr meine Gedanken mit Ihnen und dem zauberhaften Gewebe beschäftigt sind, das unter Ihrer Hand sich in Maschen verstrickt, welche den Blick verwirren und die Aufmerksamkeit bannen.«

Frau Poyntz sah einen Moment zu mir auf – ein einziger Blick aus dem röthlichen Nußbraun ihres Auges – und sagte:

»Bin ich wirklich der Gegenstand Ihrer Gedanken gewesen? Sprechen Sie die Wahrheit.«

»Die reine Wahrheit – ja.«

»Das ist seltsam. Wer mag es wohl sein?«

»Wer es sein mag? Was meinen Sie damit?«

»Wenn Sie an mich dachten, so geschah es in Verbindung mit einer andern Person – mit einer Person meines Geschlechtes. Das arme liebe Fräulein Brabazon ist es jedenfalls nicht. Aber wer sonst?«

Und wieder der Blick aus dem röthlich braunen Auge. Ich fühlte, daß unter seinem Einfluß meine Wangen errötheten.

»Bst!« fuhr sie, ihre Stimme dämpfend, fort. »Sie sind verliebt!«

»Verliebt – ich? Erlauben Sie mir zu fragen, wie Sie auf diesen Gedanken kommen?«

»Die Zeichen sind unverkennbar. Seit ich Sie zum letztenmal gesehen, hat sich Ihr Wesen, sogar der Ausdruck Ihres Gesichtes verändert. Ihr Benehmen ist in der Regel ruhig und beobachtend, jetzt aber unruhig und zerstreut. Ihr sonst stolzer und heiterer Gesichtsausdruck ist jetzt gedrückt und demüthig. Sie haben etwas auf dem Herzen. Angst um ihren Ruf kann es nicht sein, da dieser wohlbegründet ist – eben so wenig Sorge um ihr Auskommen, denn dies haben Sie reichlich; auch beunruhigt Sie sicherlich keiner von Ihren Patienten, da Sie sonst schwerlich hier wären. Aber um ein beängstigendes Gefühl handelt sich's, das nichts mit Ihrem Beruf, desto mehr aber mit Ihrem Herzen zu schaffen hat und demselben neu ist.«

Ich war erstaunt und blickte sie fast mit Scheu an, suchte aber meine Verwirrung unter einem erzwungenen Lachen zu verbergen.

»Tiefe Beobachterin! Wie Sie so fein zu zergliedern verstehen. Sie haben mich überzeugt, daß ich verliebt sein muß, obschon ich vorher selbst keine Ahnung davon hatte. Aber wenn ich den Gegenstand errathen soll, so bin ich in der gleichen Verlegenheit wie Sie und stelle ebenfalls die Frage: ›Wer mag es wohl sein?‹«

»Sei es, wer es will,« versetzte Frau Poyntz, die während meiner Erwiederung im Stricken inne gehalten hatte, jetzt aber ihr Geschäft sehr langsam und sorgfältig wieder aufnahm, als stehe die Thätigkeit ihrer Hände mit der ihres Geistes in Verbindung. »Sei es, wer es will, bei Ihnen ist die Liebe eine ernste Angelegenheit, wie für uns alle die Ehe, mag sie mit oder ohne Liebe geschlossen werden. Nicht jedes hübsche Mädchen würde für Allen Fenwick passen.«

»Ach, wo ist wohl das hübsche Mädchen, für das Allen Fenwick passen würde?«

»Bst! Sie sollten über die ärgerliche Eitelkeit, nach einem Compliment zu angeln, erhaben sein. Ja; Sie sind in einem Alter und in einer Stellung, welche es für Sie räthlich machen, zu heirathen. Ich gebe meine Zustimmung dazu,« fügte sie bei und lächelte dabei wie im Scherz, obschon ein leichtes Nicken ihres Kopfes anzudeuten schien, daß sie es im Ernst meine. Das Stricken ging jetzt entschiedener und rascher. »Aber ich kann noch immer nicht auf die Person kommen. Nein, es ist Schade, Allen Fenwick« (so oft Frau Poyntz meinen Taufnamen nannte, nahm sie ihre majestätische mütterliche Haltung an) – »es ist Schade, daß Sie bei Ihrer Herkunft, Ihrer Thatkraft, Ihrer Beharrlichkeit und Ihren Talenten – lassen Sie mich hinzufügen, bei Ihrem vortheilhaften Aeußeren und Benehmen – nicht eine Laufbahn wählten, die ihnen ansehnlichere Glücksgüter und einen größeren Ruf einbringen könnte, als es der glänzendste Erfolg einer ärztlichen Landpraxis vermag. Doch gerade diese Ihre Wahl sichert Ihnen mein Interesse, da ich sie mit meiner eigenen vergleichen möchte. Ein kleiner Kreis, aber die Erste darin. Freilich, wäre ich ein Mann oder mein lieber Oberst der Mann gewesen, den Frauenkunst um eine Stufe höher auf der metaphorischen Leiter zu erheben vermocht hätte, die nicht die Engelsleiter ist, dann – was dann? Gleichviel. Ich bin zufrieden. Hanna soll die Erbin meines Ehrgeizes sein. Finden Sie Hanna nicht schön?«

»Wie mögen Sie nur so fragen!« antwortete ich mit unbekümmerter Natürlichkeit.

»Ich bin über ihre Zukunft mit mir im Reinen,« nahm Frau Poyntz wieder auf, indem sie mit Festigkeit eine frische Nadel einsteckte. »Sie wird einen reichbegüterten Landedelmann heirathen, der ins Parlament tritt; dann kann sie sein Emporkommen zu ihrer Sorge machen, wie ich für die Gemächlichkeit des Obersten sorge. Hat er Geist, so wird sie ihm zu einem Ministerposten behülflich sein; hat er's nicht, so wird sein Reichthum sie zu einer Persönlichkeit machen und ihm als dem Gatten einer Persönlichkeit Bedeutung geben. Und nun Sie sehen, daß meine Verheirathungspläne nicht auf Sie abzielen, Allen Fenwick, dürften Sie es wohl für der Mühe werth halten, mir Vertrauen zu schenken. Vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein –«

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen meinen Dank ausdrücken soll; aber vorderhand habe ich noch nichts zu vertrauen.«

Während ich so sprach, fielen meine Blicke auf das offene Fenster, neben dem ich saß. Es war eine schöne milde Nacht und der Mond glänzte in seiner vollen Pracht. Drunten in einiger Entfernung breitete sich die Stadt aus mit ihrem Lichtermeer; der vor ihr liegende Raum zeigte hier ein weites Viereck, in dessen Mitte einsam die mächtige alte Kirche stand, und dort die Gärten und die zerstreuten Land- und Herrenhäuser, welche die Seiten des Bergs bedeckten. Nach einer kurzen Pause begann ich wieder:

»Ist nicht jenes Gebäude mit den drei Giebeln das Abthaus, des armen Doktor Lloyd frühere Wohnung?«

Ich warf die Frage abgebrochen hin, als wünschte ich der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. Meine Wirthin hielt in ihrem Stricken inne, erhob sich halb und sah durch das Fenster.

»Ja. Aber welche liebliche Nacht! Wie kömmt es doch, daß der Mond Dinge, welche im Sonnenlicht nur Gegensätze bilden, in solche Harmonie bringt? Jener stattliche Kirchthurm, grau von tausendjährigem Alter – und diese ordinären Ziegeldächer und Schornsteine, so roth und rauh wie von gestern; im Mondschein aber schmilzt beides zu einem unzertrennlichen Zauber zusammen.«

Während dieser Worte hatte meine Wirthin ihren Sitz verlassen und war mit dem Strickzeug in der Hand auf den Balkon hinaus getreten. Es geschah nicht oft, daß Frau Poyntz sich herabließ, der »Sentimentalität,« wie sie's nannte, Zutritt in den Lauf ihrer körnig praktischen und weltlichen Unterhaltung zu gestatten, kam aber doch bisweilen vor, und so oft dies der Fall war, machte sie den Eindruck eines viel zu umfassenden Geistes auf mich, um der Empfindsamkeit nicht ein Plätzchen im Leben einzuräumen, obschon sie dieselbe, ich möchte sagen mit jener Mischung von Leutseligkeit und Gleichgültigkeit, mit welcher etwa eine hochgeborne Schönheit dem Genius eines hinreißenden armen Dichters Gehör schenkt, dabei aber seine Anmaßung im Zaum hält, auf bescheidene Schranken zu verweisen wußte. Ihre Blicke schweiften einige Minuten mit sichtlichem Genuß über die Landschaft hin; als sie aber endlich auf den drei Giebeln des Abthauses haften blieben, gewann ihr Antlitz wieder etwas von der Härte, die ihrem entschiedenen Charakter angehörte. Ihre Finger nahmen mechanisch aufs Neue die Strickerei auf, und sie sagte in dem klaren Metallton ihrer Stimme:

»Errathen Sie wohl, warum ich mir so viel Mühe gab, Herrn Vigors zu verbinden und Frau Ashleigh dort unterzubringen?«

»Sie haben uns bereits mit einer ausführlichen Darlegung Ihrer Gründe beehrt.«

»Ich nannte wohl einige, aber nicht den Hauptgrund. Wer es wie ich auf sich nimmt, Andere zu leiten, muß in Beziehung auf die zu übende Herrschaft, mag diese einem Königreich oder einem Dorf gelten, von einem Prinzip ausgehen und unverbrüchlich an demselben festhalten. Das Prinzip nun, das am besten für den Berg paßt, ist die Wahrung des Herkommens. Wir haben nicht viel Geld und, entre nous, auch nicht viel Rang. Unsere Politik muß also das Herkommen zu einer Macht erheben, welchem das Geld sich zu unterwerfen hat, und vor dem der Rang sich zurückzieht. Kurz vor dem Besuch, den mir Herr Vigors machte, hatte ich erfahren, daß Lady Sara Bellasis sich mit dem Gedanken trage, das Abthaus zu miethen. London wirft scheele Blicke auf sie; eine Landstadt aber wird sie schonender beurtheilen. Die Tochter eines Grafen mit einem schönen Einkommen und einem schauerlichen Namen, die mit den feinsten Sitten die schlimmste Sittlichkeit verbindet, würde eine traurige Verwüstung unter dem Herkommen angerichtet haben. Ich sehe im Geist, wie die blühendsten von unseren alten Fräulein der gnädigen Dame und dem Champagner zu Ehren dem Thee und der Frau Poyntz untreu geworden wären. Der Berg war nie in so dringlicher Gefahr. Ehe ich das Haus der Lady Sara Bellasis überlassen hätte, würde ich lieber selbst es gemiethet und mit Eulen bestockt haben. In diesem kritischen Augenblick kam mir Frau Ashleigh sehr gelegen. Lady Sara ist ausgestochen, das Herkommen gewahrt und somit diese Frage abgethan.«

»Und macht es Ihnen nicht ein Vergnügen, eine Jugendfreundin in Ihrer Nähe zu haben?«

Frau Poyntz schlug ihre Augen voll zu mir auf.

»Kennen Sie Frau Ashleigh?«

»Nein.«

»Sie hat viele gute Eigenschaften und wenig Ideen – eine alltäglich schwache Frau, wie ich eine alltäglich starke bin. Aber auch solche schwache Frauen können liebenswürdig sein. Ihr Gatte, ein Mann von hohem Geist und gelehrter Bildung, schenkte ihr sein ganzes Herz – ein Herz, das man einen werthvollen Besitz nennen konnte; aber er war nicht ehrgeizig und verachtete die Welt.«

»Ich glaube von Ihnen gehört zu haben, daß Ihre Tochter dem Fräulein Ashleigh sehr zugethan sei – hat ihr Charakter Aehnlichkeit mit dem ihrer Mutter?«

Ich fürchtete, bei dieser Frage wieder dem spähenden Blick der Frau Oberst zu begegnen; aber sie sah diesmal nicht von ihrer Arbeit auf.

»Nein. Lilian ist nichts weniger als ein alltägliches Wesen.«

»Sie haben ihre Gesundheit als zart bezeichnet und Ihre Hoffnung ausgedrückt, daß sie nicht schwindsüchtig sein möge. Sollte ein ernstlicher Grund vorhanden sein, eine constitutionelle Anlage für diese Krankheit zu befürchten, die in ihrem Alter die sorgsamste Ueberwachung nöthig hätte?«

»Ich denke nicht. Wenn sie sterben sollte – Doktor Fenwick, was ist Ihnen?«

Das Bild, welches die Worte dieser Frau mir vorführten, hatte einen so erschreckenden Eindruck auf mich gemacht, daß ich auffuhr, als sei ich selbst aufs Leben getroffen worden.

»Ich bitte um Verzeihung,« versetzte ich stotternd, indem ich meine Hand gegen das Herz drückte: »ein plötzlicher Krampf hier – es ist jetzt vorüber. Sie sagten, daß – daß – –«

»Ich wollte sagen – –« Frau Poyntz legte dabei ihre Hand leicht auf die meinige. »Ich wollte sagen, wenn Lilian Ashleigh stürbe, so würde ich weniger um sie trauern, als um Jemand anders, dem die Erdendinge näher am Herzen liegen. Ich glaube übrigens, es ist kein Grund zu der Besorgniß vorhanden, welche meine Worte so unabsichtlich in Ihnen wach gerufen haben. Ihre Mutter ist sehr aufmerksam und wird, sobald Lilian etwas fehlt, sich nach ärztlichem Rath umsehen. Herr Vigors empfiehlt ihr dann natürlich den Doktor Jones.«

Mit diesen Worten, die mir in die Seele drangen, schloß die Unterhaltung, und Frau Poyntz kehrte in den Salon zurück.

Verwirrt und entrüstet blieb ich noch einige Minuten auf dem Balkon. Mit welcher vollendeten List hatte sich diese schlaue Diplomatin in mein Geheimniß eingeschlichen! Daß sie besser als ich selbst in meinem Herzen gelesen, war aus dem mit dem Widerhaken »Doktor Jones« versehenen parthischen Pfeil zu entnehmen, den sie im Rückzug über ihre Schultern mir zugeschleudert hatte. Es war vielleicht nur die gewöhnliche schnelle Auffassung des weiblichen Geistes, wenn sie von dem ersten Augenblick an, nachdem sie mich an ihre Seite gelockt, das »Etwas« entdeckte, das mir auf der Seele lag; aber mit nicht gewöhnlicher Schlauheit hatte sie ihre ganze Unterhaltung danach eingerichtet, um diesem Etwas auf den Grund zu kommen und ihr Diejenige zu verrathen, mit der es zusammenhing. Zu welchem Zweck? Was kümmerte sie's? Welchen Beweggrund konnte sie dafür haben außer der bloßen Befriedigung ihrer Neugierde? Vielleicht dachte sie anfangs, ich habe mich von der prunkenden Schönheit ihrer Tochter fesseln lassen, und daher die halb freundliche, halb cynische Freimüthigkeit, mit welcher sie die ehrgeizigen Pläne zugestand, mit denen sie sich in Betreff der Verheirathung dieser jungen Dame trug. Durch mein Benehmen überzeugt, daß ich in dieser Richtung keine anmaßenden Hoffnungen hegte, leitete sie in ihrem weiteren Nachspüren ohne Zweifel nur jenes Vergnügen an der Uebung der Schärfe des eigenen Verstandes, das Intrikanten und Politiker zu einer Thätigkeit spornt, welche sonst in dem Gegenstand keine entsprechende Verlockung fände; und außerdem war ja die herrschende Leidenschaft dieser kleinen Souverainin die Macht. Wenn nun Wissen wirklich Macht ist, so gibt es kein besseres Mittel, sie über einen widerspenstigen Unterthan zu üben, als wenn man dadurch einen Halt an seinem Herzen gewinnt, daß man das Geheimniß desselben ablauscht.

Aber, »Geheimniß!« Sollte es wirklich dahin gekommen sein? War es möglich, daß die bloße Betrachtung eines nie zuvor gesehenen menschlichen Antlitzes die ganze Haltung meines Lebens stören konnte – einer Fremden, von deren Geist und Charakter ich nichts wußte, und deren Stimme ich nicht einmal gehört hatte? Nur aus dem unerträglichen Schmerz, der mein Innerstes zerriß bei den abgebrochenen und sorglos hingeworfenen Worten: »Wenn sie sterben sollte,« ersah ich, wie ganz anders die Welt mir erscheinen müßte, wenn ich wirklich in ihr dieses Antlitz nicht mehr sehen durfte. Ja, auch mir selbst war es jetzt kein Geheimniß mehr – ich liebte! Und gleich Allen, auf welche sich die Liebe herabläßt, bald sanft, langsam und mit dem leichten Flügelschlag, welcher die Ringeltaube in ihr Nest führt, bald mit dem schnellen mächtigen Niederschwung des Adlers nach seinem, keinem Argwohn Raum gebenden Felsenhorst, glaubte ich, daß Niemand je zuvor geliebt habe wie ich, und daß eine solche Liebe ein abnormes Wunder sei, nur für mich und ich für sie geschaffen. Mein Geist kam unmerklich von seinen wilderen und stürmischeren Gedanken ab, als meine Blicke auf den Dachspitzen von Lilians Haus und dem Silberschimmer der vom Mond erhellten Weide ruhten, unter welchen ich sie in den rosigen Himmel hatte hinausschauen sehen.

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