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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 79
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Achtundsiebenzigstes Kapitel.

Ich ließ Faber auf der Treppe zurück und blieb vor Lilians Zimmer stehen. Da ging die Thüre plötzlich lautlos auf, und die Mutter kam heraus, mit der einen Hand das Gesicht verhüllend und mit der anderen sich an Amy haltend, welche sie führte wie ein Kind den Blinden. Als ich Frau Ashleigh berührte, sah sie mit einem leeren, traurigen Blick auf. Sie weinte nicht, wie sie sonst bei geringerem Kummer zu thun pflegte, wohl aber Amy. Kein Wort wurde zwischen uns gewechselt. Ich trat ein und drückte die Thüre hinter mir zu; meine Augen suchten mechanisch die Ecke, in welcher ihr mit weißen Vorhängen behangenes Bette stand. Sie war nicht dort. Ich schaute umher und sah sie in der Nähe des Fensters auf einem Sopha halb zurückgelehnt. Sie war mit Sorgfalt gekleidet. War dies nicht ihr Brautgewand?

»Allen – Allen,« flüsterte sie. »Wieder, wieder mein Allen – wieder, wieder Deine Lilian!« In dem vergeblichen Versuche, sich aufzurichten, streckte sie, gedrungen von der Sehnsucht der wieder vereinigten Liebe, ihre Arme aus. Ich kniete an ihrer Seite nieder, und sie umschlang mich zum erstenmal mit dem keuschen, heiligen Freimuth ehelicher Zärtlichkeit.

»Ach!« sagte sie mit ihrer leisen Stimme (sie war wie die der Cordelia immer leise), »Alles ist wieder zu mir zurückgekehrt – Alles, was ich Deinem Schutze verdanke, Du edler, treuer, liebevoller Hüter!«

»Bst! bst! Ich muß dafür dankbar sein – es ist so süß, zu lieben, zu vertrauen, zu schützen, o mein schönes, theures Leben! Die Leiden haben den Glanz dieser mir so lieben Augen nicht getrübt. Nähere Deine Lippen meinem Ohr und flüstere mir nur die Worte zu: ›Ich liebe Dich, um Deinetwillen wünsche ich zu leben.‹«

»Um Deinetwillen bete ich aus der Tiefe meines schwachen Menschenherzens – bete ich, daß mein Leben erhalten bleibe. Höre, wenn ich verschont bleibe, will ich Dir unter den Purpurblüten jener vom Wind gefächelten Bäume eines Tages Alles mittheilen, wie ich es jetzt sehe – Alles, was in meinem langen Traum dunkel oder klar auf mich niederfiel und vor diesem Traum mich wie eine Nacht umschloß, in der Wolken und Sterne einander jagen. Ja, später, an einem Tag, wenn das Sonnenlicht ruhig und glücklich uns umspielt. Aber jetzt kann ich nur dies sagen – vor jenem schrecklichen Morgen –«

Sie hielt inne, schauderte und fuhr dann leidenschaftlich fort: »Allen, Allen, Du hast nicht an jenen schmähsüchtigen Brief geglaubt! Gott segne Dich dafür – großherzige edle Seele. Gott wird mein demüthiges Gebet erhören und Dich segnen, mein geliebter Gatte. Aber bete auch Du mit mir.« Sie beugte sich nieder, küßte meine Thränen weg und fuhr dann mit schwacher bekümmerter Stimme fort:

»Vor jenem Morgen war ich eines Herzens, einer Liebe wie die Deinige nicht werth. Nein, nein, laß mich ausreden. Nicht daß der Gedanke einer Liebe zu Jemand anders je in mir aufgetaucht wäre! Nie bin ich in der Zeit meines freien und bewußten Geistes auch nur in Gedanken Dir untreu geworden. Aber ich war ein Kind – eigensinnig wie das Kind, das sich nach dem sehnt, was die Erde nicht geben kann, und den Mond zum Spielzeug verlangt. Der Himmel hat es mit meinem Erdenloos so gut gemeint, und doch war ich innerlich damit unzufrieden. Als ich fühlte, daß Du mich liebtest, und mein Herz mir zuflüsterte, daß ich Dich wieder liebe, sagte ich zu mir selbst: ›Jetzt wird die Leere, die meine Seele hienieden findet, ausgefüllt werden.‹ Ich sehnte mich nach Deiner Ankunft; aber wenn Du wieder gingst, fragte ich mich selbst: ›Ist dies das Ideal, von dem ich träumte?‹ Ich verlangte eine unmögliche Sympathie – eine Sympathie mit was? Nein, lächle nicht, mein Theurer – eine Sympathie mit was? Ich hätte es nicht sagen können. Ach, Allen, damals war ich Deiner nicht werth. Kindisch verlangte ich, daß Du mich verstehen sollest. Jetzt weiß ich, daß ich ein Weib bin und als solches die Aufgabe habe, Dich zu studiren. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke – verzeihst Du mir? Nicht Dir, aber meinen Pflichten gegen das Leben war ich untreu. In meinem eitlen Wahn glaubte ich, daß ein verschwimmendes Gesicht, wie es der Sterbliche von dem Himmel haben kann, mich über die Erde erhebe, und hatte keinen Sinn für die Wahrheit, daß die Erde so gut wie der Himmel ein Theil des Alls ist. Jetzt, vielleicht erst durch das schwere Leiden, das meinen Verstand umdunkelte, ist mir meine Seele klarer geworden. Als sei es zur Strafe nicht minder, denn zur Lehre, ist ihr gestattet worden, ihren anmaßenden Wünschen nachzuhängen; sie löste sich ab von den Banden irdischer Pflichten und Aufgaben und kömmt nun zurück entsetzt über die Gefahren ihrer übereilten und dreisten Flucht vor den Obliegenheiten, denen sie hienieden hätte nachkommen sollen. Allen, Allen, ich bin jetzt Deiner weniger unwürdig. In meiner Nacht ist mir vielleicht ein einziger rascher Blick in die wahre geistige Ordnung gestattet worden, und wenn dies der Fall war, wie ungleich ist sie den Gesichten, die ich in meiner Kindheit für göttlich hielt! Wohl weiß ich jetzt gewisser, daß es eine Welt der Engel gibt; aber ich weiß auch, daß der Sterbliche seine Probezeit in der Welt der Sterblichen durchmachen muß. Oh, daß es mir beschieden wäre, es an Deiner Seite zu thun – theilzunehmen an Deinem Gram, theilzunehmen an Deinen Freuden!«

Die Sprache versagte ihr. Ihre theuren Arme umfingen mich wieder, und ihr süßes Antlitz, beredt in seiner Liebe, verbarg sich an meiner menschlichen Brust.

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