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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 78
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebenundsiebenzigstes Kapitel.

Denjenigen meiner Leser, welche vielleicht wie Julius Faber geneigt sind, die Wunder, die ich erzähle, auf natürliche Ursachen zurückzuführen, dürfte Margrave's Bekenntniß genügen, um viel von dem, was durch meinen Aberglauben verdunkelt wurde, zu erklären. Für sie ist Margrave augenscheinlich der Sohn des Ludwig Grayle. Das Lebenselixir wird zu einem einfachen Stärkungsmittel, das seine Wirksamkeit großentheils dem Glauben des Patienten verdankt; denn der Jugend kehrt sobald wieder der sonnige Lebensmuth zurück mit oder ohne Elixir. Für sie werden Margraves Zauberkünste zu jenen Temperamentseigenthümlichkeiten, auf welche die Schüler Mesmers ihre Theorien bauen – freilich in vielen Stücken übertrieben durch einen Aberglauben und theilweise unterstützt von der natürlichen, rein physikalischen Magie, welche den alten Priesterkasten bekannt war, von den neueren Philosophen aber verachtet wird und nur deßhalb geheimnißvoll aussieht, weil die Wissenschaft keine Freude hat an den Glastafeln der Laternen, welche ihre Jugend mit nachgemachten Gespenstern bezauberte. Sie sehen Margrave vielleicht im Licht eines Schwärmers, aber eben deßhalb in ihm nichts desto weniger einen Betrüger. » L'Homme se pique,« sagt Charron. Man kneipt zuerst den Würfel für sich, eh' man den Becher vor denen schüttelt, die man rupfen will. Hat je ein Betrüger Erfolg gehabt, ohne daß er mit dem Betrug an seinem eigenen Verstand den Anfang machte? Mußte Margrave, der das Fabelland des Orients zur Wiege hatte, nicht seinen Sagen von Stäben, Elixiren, Zauberern oder Afriten Glauben schenken? Schon dieser Glaube spornt ihn dazu, selbst zu entdecken und die Leichtgläubigkeit Anderer geschickt auszubeuten. Unter der Menge von Betrügern und Bethörten, welche die Geschichte des Aberglaubens aufgezeichnet hat, von der Arglist eines Cromwells, eines Mahomets an bis herab zu den gemeinen Zigeunerkniffen, gehören die Visionäre von Gewerbe zu den schlauesten Beobachtern. Daß Margrave Kunde hatte von meinem Aufenthalt, von dem Jammer in meinem Haus oder von meinen innersten Gedanken, war sicherlich ohne übernatürliche Beihülfe zu erklären; denn in Betreff der ersteren Punkte wäre ein Old Bailey Advokat nicht in Verlegenheit gekommen, und für einen Herzenskenner war auch das Erfassen innerer Vorgänge keine allzu schwierige Aufgabe. Kurz, im Auge der rationellen Kritik ist (etwa mit dem Unterschied des Grades und des Zusammentreffens einfacher, obschon nicht sehr gewöhnlicher Eigenschaften) Margrave keine wunderbarere Erscheinung, als der nächste beste Wahrsager, der genug Glauben an die Sterne oder an seine Karten hat, um, während er Andere betrügt, auch sich selbst zu beschwindeln; es ist ihm wohl Ernst mit der Ueberzeugung, daß er wirklich ein Seher sei, aber er liest dabei doch in den Blicken seiner Zuhörer, ahnet aus diesen ihre Gedanken und gewinnt durch Uebung eine erstaunliche Fertigkeit, zu beurtheilen, was sein Publikum Prophetisches aus den Karten oder Göttliches aus den Sternen erwartet.

Ich lasse diese Deutung dahingestellt sein. In einem anderen, als in meinem eigenen Falle würde ich natürlich mich selbst auch an das Wahrscheinlichste gehalten haben; aber nach langem Erwägen wurde mir dies hier nicht möglich. Sobald wir mit Dingen zu thun haben, die außer dem Bereich unseres Fassungsvermögens liegen und der Berufung an unsere Sinne nicht Stand halten, empört sich unser Gefühl gegen das, was Anderen, denen unsere eigene Erfahrung abgeht, als zunächst liegend erscheint. Und dieselbe Begier nach besserer Erkenntniß, welche unsere Philosophen aus dem Sumpf der Unwissenheit in die rastlose Strömung wissenschaftlichen Strebens übergeführt hat, wendet sich nun zurück nach dem Schattenland und verliert sich in einem Labyrinth, in welchem das Wissen brach liegt und nur das Nichtwissen mit allem Eifer seine Thätigkeit entfaltet.

Legen wir alle anderen Gründe für Verwerfung des Glaubens bei Seite, daß Margrave der Sohn Ludwig Grayle's sei (und es gehen deren viele aus seiner eigenen Erzählung hervor) – war es nicht sonderbar, daß Sir Philipp Derval, der so umständliche Nachforschungen angestellt und sie in seinem Memoir so sorgfältig verzeichnet hatte, nichts von dem kranken Jüngling erfahren haben sollte, der wie Grayle von demselben Weib gepflegt wurde und in der nämlichen Nacht wie Grayle verschwunden war? Nach Margrave's eigener Aussage hatte Derval der Wahrheit gemäß die Flucht der Ayesha und ihres Hindudieners berichtet, nichts aber von der Flucht oder auch nur von dem Vorhandensein eines jungen Menschen gesagt, der doch als Sohn und präsumtiver Erbe in Grayles Gefolge keine unbedeutende Rolle gespielt haben müßte.

Ich gab mich nicht lange mit diesen trüben Betrachtungen ab, durch deren Wolke kein lichter Sonnenstrahl brechen wollte. Ein Gedanke überwältigte alle anderen: Margrave hatte mit dem Tod meiner Lilian gedroht und mich auf das hingewiesen, was mir »mein schulweiser Kollege« Faber sagen würde. Ich stand schaudernd unter der Thüre meines Hauses und wagte nicht einzutreten.

»Allen,« sagte eine Stimme, in welcher mein Ohr ein ungewohntes Zittern entdeckte, »seien Sie standhaft – seien Sie ruhig. Ich halte mein Versprechen. Die Stunde ist gekommen, in der Sie die alte Lilian wieder sehen sollen – Geist gegen Geist, Seele gegen Seele.«

Faber faßte meine Hand und führte mich in das Haus.

»Sie fürchten also,« versetzte ich flüsternd, »diese Zusammenkunft könnte zuviel sein für ihre Kraft?«

»Ich kanns nicht sagen; aber sie verlangt danach, und ich wage nicht, sie ihr zu verweigern.«

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