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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 77
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsundsiebenzigstes Kapitel.

Ich irrte bis Mittag im Wald herum, ging mit mir zu Rath und suchte meine wilden Zweifel zu ordnen, ehe ich mich so weit zu ermuthigen und zu fassen vermochte, um Margrave allein wieder entgegenzutreten.

Als ich in die Hütte eintrat, fand ich zu meiner Ueberraschung Margrave weder in dem Zimmer, in welchem ich ihn verlassen, noch in dem anstoßenden. Ich stieg daher die Treppe nach der Bühne hinauf, wo ich sonst meinen Studien obzuliegen pflegte, obschon ich, seit die Angst um Lilian meine Arbeiten unterbrochen, mit keinem Tritt mehr hinaufgekommen war. Da sah ich denn Margrave ruhig vor dem Manuscript meines ehrgeizigen Werkes sitzen, das auf dem rohen Tisch aufgeschlagen lag, wie ich es in Mitte der Schlußzusammenfassung abgebrochen hatte.

»Sie sehen,« sagte Margrave lächelnd, »ich habe mir die Freiheit der früheren Tage genommen und kam dabei zufällig auf eine Stelle, die ich recht gut verstehen kann. Aber wozu diese Verschwendung von Beweisen für eine so einfache Thatsache? Im Menschen ist wie im Thier das einmal erloschene Leben für immer verloren, und darin liegt der Grund, daß es für den Menschen einen so hohen Werth hat.«

Ich nahm das Buch aus seiner Hand und warf es unmuthig bei Seite. Sein Beifall machte mir meine Theorien mehr zuwider, als alle die rügenden Vorstellungen Fabers.

»Und nun,« sagte ich finster, »ist die Zeit gekommen, mir die versprochenen Erklärungen zu geben. Ehe ich Ihnen zu einem Experiment behülflich sein kann, das zur Verlängerung Ihres Lebens dienen soll, muß ich wissen, ob nicht dieses Leben ein Gift, eine Geisel für die Menschheit ist.«

»Es schwebt mir eine schwache Erinnerung vor, als habe ich Sie einmal aus einer großen Gefahr gerettet, und wenn die Dankbarkeit ebenso gut eine Eigenschaft des Menschen wie des Hundes ist, so möchte ich wohl Ihre Beihülfe zu meiner Rettung als ein Recht ansprechen dürfen. Fragen Sie mich, was Sie wollen. Sie müssen von mir genug gesehen haben, um zu wissen, daß ich mich weder mit den Tugenden, noch mit den Lastern Anderer brüste. Beide sind mir so unendlich gleichgültig, daß ich glaube, man wird diese oder jene an mir finden können, ohne daß ich selbst etwas davon weiß. Vielleicht bin ich nicht im Stande, Ihnen die Erklärungen zu geben, die Sie von mir wünschen; aber wenn dies auch der Fall sein sollte, so liegt es wenigstens nicht in meiner Absicht, zu lügen. Reden Sie; ich höre. Wir haben hinreichend Zeit vor uns.«

Mit diesen Worten lehnte er sich in dem Stuhl zurück und streckte müde seine Glieder aus. Und um diesen verhätschelten Liebling der materiellen Natur her der Zubehör und die Hülfsmittel des intellektuellen Wissens! Bücher, Telescope, Retorten, und das Licht des Tages hereinströmend durch eine in der Dielenwand angebrachte, kleine kreisrunde Oeffnung, welche mir zur Analyse der Lichtstrahlen im Prisma dienen sollte.

Während ich schreibe, steht sein Bild so lebhaft vor meiner Erinnerung, wie ehedem vor dem leiblichen Auge – schön sogar in seiner Hinfälligkeit, ehrfurchtgebietend sogar in seiner Schwäche, geheimnißvoll wie die Natur selbst in Mitte des ganzen Mechanismus, mit welchem unsere vermeintliche Wissenschaft ihre Gesetze zu bemessen und ihr Licht zu zerlegen bemüht ist.

Doch in jenem Augenblick lenkten keine solche Betrachtungen meinen Geist von seinem unmittelbaren Vorhaben ab, sondern ich wollte Gewißheit darüber gewinnen, wer und was dieser Mensch war, der sich eines Geheimnisses rühmte, vermittelst dessen ich das Leben meiner geliebten Lilian sollte erhalten können.

Ich vergegenwärtigte mir hastig Alles, was ich von Margrave's Dasein und Künsten wußte oder ahnete, indem ich mit meiner Vision in jener mimischen Schädelstätte niederer Kreaturen, die so nahe an den Tummelplatz alltäglicher und bedeutungsloser menschlicher Vergnügungen grenzte, den Anfang machte. Dann kamen Dervals Ermordung, der fehlende Inhalt des Kistchens, die Erscheinung, welche den wahnsinnigen Mörder zu der schrecklichen That verlockte, der leuchtende Schatten, die entschiedene Anklage in dem Memoir des Ermordeten, welcher Margrave mit Ludwig Grayle identificirte und ihm die Meuchelei an Harun zur Last legte, die Nacht in dem mondhellen Pavillon von Derval-Court, der verderbliche Einfluß auf Lilian, der Kampf zwischen mir und ihm in dem Haus am Meeresufer – kurz, Alles was in dieser seltsamen Geschichte bereits erzählt worden ist.

Wie ich wieder Angesicht in Angesicht dem Wesen gegenüber stand, das meinen Geist so verwirrt, mein Leben so gequält hatte, fühlte ich mich frei von den Besorgnissen, meine eigene Phantasie könnte mich getäuscht haben, unter denen ich in seiner Abwesenheit die Scenen des Schreckens und der Wunder auf natürliche Ursachen zurückzuführen bemüht gewesen, und ich sprach mit einer Wärme, mit einer Art stolzer Freude, mein Herz seiner drückenden Zweifel entlasten zu können, als ich ihm einfach direkt meinen Glauben und die Eindrücke vorhielt, welche ich nie zuvor auch nur mir selbst zu gestehen wagte, ohne daß ich sie wegzuräsoniren versucht hatte. Zum Schluß sagte ich: »Dieses sind die Umstände, welche wohl den Abscheu rechtfertigen dürften, den ich fühle, Ihrem Wunsche gemäß zu der Verlängerung Ihres Lebens Beihülfe zu leisten. Ihre eigene Erzählung von gestern Abend dient ihnen zur Bestätigung. Und warum kommen Sie mit Ihrem Verlangen zu mir – gerade zu mir, dessen eigenes Leben Sie vergiftet haben? Wie erhielten Sie überhaupt Kunde von der Heimath, in der ich vergeblich einen rettenden Zufluchtsort suchte? Wie wissen Sie – Ihr Wink gegen Faber gibt den klaren Beweis dafür – daß in jenem Hause dort, das den Kummer verhüllen, das Stöhnen des Schmerzes ersticken sollte, in dem Haus, wo selbst der Fuß nur geisterartig leise auftritt, die Hälfte meines Herzens, das Sonnenlicht meiner Welt zwischen Tod und Leben ringt? Ach, hat Ihnen ein Dämon gesagt, daß Sie durch meine Angst um sie meinen Abscheu in Willfährigkeit umwandeln und meinen Verstand Ihren Zwecken dienstbar machen können?«

Margrave hatte mir mit gespannter Aufmerksamkeit, bisweilen mit wirren, starren Blicken und gelegentlich wohl auch mit Ausrufen des Erstaunens zugehört, nie aber einen Laut des Inabredeziehens fallen lassen. Und als ich fertig war, blieb er einige Augenblicke stumm, anscheinend sogar betäubt und fuhr wiederholt mit der Hand über die Stirne, eine Geberde, die mir aus früheren Tagen noch recht wohl bekannt war.

Endlich sprach er mit Ruhe, ohne ein Zeichen des Aergers oder der Demüthigung blicken zu lassen.

»In Vielem, was Sie da sagen, erkenne ich mich selbst; bei Vielem aber verliere ich mich, wie Sie, in Staunen, Zweifel oder Zorn. Von der Wirkung, die, wie Sie sagen, Philipp Derval auf mich hervorgebracht haben soll, weiß ich nichts, von ihm selbst aber nur so viel, daß er mein Feind und in der Absicht nach England gekommen war, mein Leben zu verkürzen oder die Freuden desselben zu verkümmern. Alle meine Vermögen dienen der Selbsterhaltung und vereinigen sich gleich den Lichtstrahlen in Einem Fokus, wo sie hell machen und – brennen. Ich wollte den vernichten, der es auf meine Vernichtung abhob. Ob dieser Wille zwingend wirkte auf das Werkzeug und es zur That verleitete? Wohl möglich. Aber im Fall es so ist, würden Sie es tadeln, wenn ich den Tiger, die Schlange erschlage, nicht mit der bloßen Hand, sondern mit der Waffe, die sie führt? Und was könnten Tiger und Schlange mir mehr zufügen, als der Mann, der es auf mein Leben abgesehen hatte? Er benützte seine Künste zum Angriff, ich die meinigen zur Gegenwehr. Er war gegen mich, was der Tiger, der durch die Dschöngel schleicht, oder die Schlange, die ihre Ringe aufwickelt zum Sprung. Tod jedem, der meinem Leben nachstellt, sei es Schlange, Tiger oder Mensch! Derval kam um. Ja! die Stelle, wo der Wahnsinnige das Kistchen verscharrt hatte, wurde mir wirklich geoffenbart – gleichviel, wie; sein Inhalt gelangte in meine Hände. Ich sehnte mich nach dem Besitz, weil ich glaubte, Derval habe in Aleppo von Harun das Geheimniß gelernt, wie das Lebenselixir bereitet wird, und vermuthete in seinem Kistchen einen Vorrath der Essenz. Dies war ein Irrthum, denn es enthielt keinen Tropfen davon. Was ich darin fand, wußte ich nicht zu gebrauchen, und kümmerte mich auch nicht darum, es zu erfahren. Genug, daß ich nicht fand, was ich suchte. Sie sehen einen leuchtenden Schatten, ein Abbild von mir; er umspuckt Sie, redet Sie an und wirkt zwingend auf Sie. Davon weiß ich nichts. War es der Ausfluß meines kräftigen Willens, was dieses Gespenst meines Ichs hervorrief – oder war es das Gebild Ihrer Einbildungskraft – einer Einbildungskraft, die unter dem Einfluß und Bann meines Willens stand? Ich kann darüber keine Auskunft geben. In den Stunden, in welchen mein wirklicher oder eingebildeter Schatten bei Ihnen war, müssen meine Sinne im Schlaf gelegen haben. Es ist übrigens wahr, daß ich von Wesen, die dem Menschen immer nah, obschon dem alltäglichen Sinn nicht sichtbar sind, das Geheimniß zu erfahren wünschte, das meiner Meinung nach Philipp Derval mit ins Grab genommen hatte; aber aus einer oder der anderen Ursache kann ich sie jetzt nicht, wie vor Jahren, für mich allein meiner Botmäßigkeit unterwerfen, sondern bedarf dazu der vermittelnden oder mitwirkenden Thätigkeit eines anderen Geistes. Es ist wahr, daß ich Ihre wachen Gedanken mit den Bildern des Kreises, mit den Kräften des Stabes zu beschäftigen beabsichtigte, durch die Sie in Ihrer Verzückung oder in Ihrem Schlafwandeln zum mechanischen Werkzeug meines Willens wurden. Ich wußte aus einem Traum – denn durch mehr oder weniger lebhafte Träume werden mir bisweilen die Resultate meines wachenden Willens kundgethan – daß der Zauber unterbrochen und die Entdeckung, nach der ich trachtete, nicht erreicht worden war. Alle meine Hoffnungen wandten sich nun von Ihnen, dem schalen Eiferer für Wissenschaftlichkeit, ab und dem Mädchen zu, das ich durch seine Liebe zu Ihnen und durch seine Träume von einem Reich, von dem die Schulwissenschaft nichts will, meinem Dienste unterwarf. In ihr war die Einbildung rein und mächtig in ausgezeichnetem Grade, und sagen Sie mir, o praktischer Denker, ob der Verstand je einen Schritt anders vorwärts gethan hat, als durch das Vermögen der Imagination, das am stärksten ist in der Weisheit der Unwissenheit und am schwächsten in der Unwissenheit des Weisen? Erwägen Sie dies, und die Wunder, die Sie verwirren, werden Ihnen nicht mehr wunderbar vorkommen. Ich gehe zu dem Räthsel über, das Ihnen am meisten Kopfzerbrechen macht. Nach Philipp Dervals Bericht bin ich in Wirklichkeit der durch das Elixir verjüngte Ludwig Grayle und habe als ein hinfälliger halbtodter Mensch den Harun, einen Mann von ebenso athletischem Körperbau wie der Ihrige, ermordet! Bloß durch die Annahme dieser Vorstellung scheinen Sie sich die Geheimnisse deuten zu können, die Sie meinem Leben und meinen Kräften zuschreiben. O weiser Philosoph, o tiefer Logiker! Sie greifen diesen Gedanken auf und halten doch meinen Glauben an die Mittheilung des Derwisches für ein Hirngespinnst! Ich bin der durch das Elixir verjüngte Grayle, und doch ist das Elixir selbst eine Fabel!«

Er hielt inne und lachte; aber das Lachen war nicht einmal mehr das Echo seiner früheren spielenden Heiterkeit, sondern ein finsteres, schreckliches Lachen, höhnisch, drohend, boshaft.

Er fuhr abermals mit der Hand über die Stirne und nahm wieder auf:

»Ist es für einen so vollendeten Weisen wie Sie nicht leichter, zu glauben, daß die müßigen Schwätzer in Paris die wahre Lösung des Problems, das meine Stellung auf Erden betrifft, getroffen haben? Kann ich nicht ein natürlicher Sohn des Ludwig Grayle sein? Und als Harun ihm das Elixir verweigerte oder er fand, daß sein von den Gebresten des Alters geschlagener Körper selbst für die Wunderkräfte des Elixirs zu erschöpft war, mag er sich nicht der gewöhnlichen Illusion der Väter hingegeben und den Todesschmerz mit dem Gedanken beschwichtigt haben, daß er in seinem Sohn wieder auflebe? Harun wird todt auf seinem Teppich gefunden – das Gerücht sagte, erdrosselt. Welcher Beweis liegt für die Wahrheit dieses Gerüchtes vor? Kann er nicht an einem Schlagfluß gestorben sein? Werden Sie klarer sehen, wenn ich auf meine Erinnerungen zurückgreife? Sie sind unbestimmt und verwirren oft mich selbst; aber weit entfernt, Sie zu täuschen, wünsche ich sie Ihnen so getreu zu berichten, daß Sie mir behülflich sein können, sie in eine bestimmtere Form zu bringen.«

Sein Gesicht wurde nun sehr unruhig und der Ton seiner Stimme unsicher – Gesicht und Stimme die eines Menschen, der entweder durch eine verwickelte Lüge oder durch dunkle Erinnerungen mit unstetem Tasten weiter schreitet.

»Dieser Ludwig Grayle! dieser Ludwig Grayle! Ich erinnere mich seiner wohl, wie man sich eines schweren Traums erinnert. Wenn ich zurückschaue, so tritt mir vor der Krankheit, von welcher ich sogleich sprechen werde, stets das Bild des Ludwig Grayle entgegen. Ich sehe mich mit ihm in den afrikanischen Wildnissen, wo ihm die trotzigen Abyssinier gehorchen – sehe mich mit ihm in dem schönen persischen Tiefland, einem Rosengarten, den hohe, schneebedeckte Berge umgeben. Ich sehe mich mit ihm in der Stille des goldenen Mittags, ruhend neben Fontänen, die kühlenden Staub ausstreuen – wie er jetzt auf die Musik der Cymbeln und Lauten lauscht und jetzt mit Graubärten von den Geheimnissen spricht, die von den Chaldäern hinterlassen wurden. Mit ihm, mit ihm bei mondheller Nacht in die Gräber der mythischen Könige schleichend. Ich sehe mich mit ihm in den Gewölben dunkler Höhlen, umgeben von furchtbaren Gestalten, die keine Ähnlichkeit haben mit den Geschöpfen der Erde. Ludwig Grayle! Ludwig Grayle! Alle meine früheren Erinnerungen gehen auf Ludwig Grayle zurück! Alle meine Künste und Kräfte, Alles was ich von den Sprachen Europas, von den in seinen Schulen gelehrten Wissenschaften weiß, verdanke ich Ludwig Grayle. Aber bin ich ein und derselbe mit ihm? Nein. Ich bin nur ein blasser Wiederschein seines gewaltigen Geistes, und seine kindischen Bekümmernisse liegen mir fern. Ludwig Grayle! Er steht als ein Sonderwesen neben mir wie der Fels dem Baum gegenüber, der aus seinen Klüften auswärts strebt. Ja, die Schwätzer hatten Recht; ich muß sein Sohn sein.«

Er stützte das Gesicht auf beide Hände und wiegte sich hin und her.

»Ich erinnere mich auch einer langen und schweren, von folternden Schmerzen begleiteten Krankheit, einer traurigen Reise in einer schwerfälligen Sänfte, der leichten Hand Ayeshas, dieses stattlichen schwermüthigen Weibes, das meine Kissen glatt strich und mit dem Fächer meine Stirne kühlte. Ich erinnere mich des Abends, an welchem meine Pflegerin die Vorhänge der Sänfte zurückschob und zu mir sagte: ›Sieh' Aleppo! Der Stern Deiner Geburt scheint über seinen Mauern!‹

»Ich erinnere mich eines unaussprechlich feierlichen und wehmuthvollen Gesichts. Ich erinnere mich der Eiskälte, welche die Ruhe seines unheilkündenden Auges in meine Adern goß – ich meine das Gesicht Haruns, des Weisen von Aleppo. Ich erinnere mich des Krystallgefäßes, das er in der Hand hatte, und der schnellen Schmerzlinderung, die mir ein Tropfen der darin enthaltenen Essenz bereitete! Und dann – und dann – ich kann mich jetzt auf nichts mehr entsinnen, bis zu der Nacht, in welcher Ayesha an mein Lager kam und zu mir sagte: ›Steh' auf!‹

»Ich stand auf und lehnte mich auf sie, die mir zur Stütze diente. Wir gingen durch die engen, dunkeln, nur durch das erblindende Sternenlicht erhellten Straßen, in welchen die umherschweifenden Hunde dem Blick des Weibes auswichen. Wir kamen zu einem einsam stehenden, kleinen und niederen Haus, und meine Pflegerin sagte: ›Warte.‹

»Sie öffnete die Thüre und ging hinein; ich setzte mich auf die Schwelle. Nach einer Weile kam sie wieder heraus und führte mich, noch immer mir als Stütze dienend, in ein Gemach.

»Ein Mann lag auf einem Teppich wie im Schlaf, und an seiner Seite stand ein anderer Mann, in welchem ich Ayeshas Diener, einen Hindu, erkannte. ›Harun ist todt,‹ sagte Ayesha. ›Suche selbst, was dir neues Leben geben wird. Du hast es gesehen und kennst es, ich nicht.‹

»Ich streckte meine Hand aus nach der Brust Haruns – denn dies war der Todte – und holte das Krystallgefäß heraus.

»Nachdem ich dies gethan hatte, erschreckte mich der zürnende Ausdruck auf seiner Marmorstirne. Ich wankte zurück und wurde ohnmächtig.

»Ich war meilenweit weg von der Stadt, über deren fernen Mauern das Morgenroth lagerte, als ich wieder zum Bewußtsein und zugleich zu einem frohen Genuß meines Daseins kam. Ayesha hatte mir pflegend zur Seite gestanden und das Elixir mich bereits hergestellt.

»Als meine Besinnung zurückkehrte, dachte ich zuerst an Ludwig Grayle; denn auch er war in Aleppo gewesen, und ich hatte nur zu seinem zahlreichen Gefolge gehört. Auch er war schwach und leidend und hatte sich sowohl um seiner selbst, als um meinetwillen an Haruns bekannte Geschicklichkeit gewandt. Das Weib, das auch ihn liebevoll gepflegt, wie sie mich pflegte, sagte mir, er sei todt und verbot mir, fortan seinen Namen zu nennen.

»Wir reisten weiter, sie und ich und ihr Hindudiener, denn meine Kraft war durch das wunderbare Elixir wieder hergestellt. Ich brauchte nicht mehr ihren stützenden Arm; der Sprung der Gazelle auf ihrem Waidegrunde war nicht elastischer, als jetzt der meinige.

»Wir kamen in eine Stadt, und meine Pflegerin führte mich vor einen Spiegel. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Wir blieben hier verborgen, bis das Schreiben einlief, aus dem ich erfuhr, daß ich ein Sprößling der Liebe sei und daß mich die Sorge meines kürzlich verstorbenen Vaters reich gemacht habe. Muß ich daraus nicht entnehmen, daß Ludwig Grayle dieser Vater war?«

»In diesem Falle war das Weib Ayesha wohl Ihre Mutter?«

»Der Brief sagte, meine Mutter sei in meiner Kindheit gestorben. Die Sorgfalt übrigens, mit der Ayesha mich pflegte, weckte in mir einen Argwohn, der mich bewog, die gleiche Frage an sie zu richten. Sie weinte, als sie mir darauf antwortete, ›nein, nur meine Wärterin, und ich brauche keine Wärterin mehr.‹ Den Tag nach dem Einlaufen des Schreibens, das mir ein Erbe ankündigte, welches mir gestattete, mit dem Adel Europas zu wetteifern, verließ mich die Frau und kehrte zu ihrem Stamm zurück.«

»Und Sie haben sie seitdem nicht wieder gesehen?«

Margrave zögerte einen Augenblick und erwiderte sodann mit augenscheinlichem Widerstreben: »Ja, in Damaskus. Bald, nachdem die Fremden, die mich halbtodt auf dem Wege gefunden, mich nach dieser Stadt gebracht hatten, sah ich sie eines Morgens an meiner Seite. Und sie sagte: ›In der Freude und Gesundheit hast Du mich nicht gebraucht; jetzt aber bin ich nöthig.‹«

»Sie haben sich doch nicht selbst einer so treuen Wärterin beraubt? Die lange Reise von Syrien nach Australien machten Sie sicherlich nicht allein, Sie, der Sie bei Ihrem Reichthum nicht nöthig hatten, sich eine solche Entbehrung aufzuerlegen.«

»Das Weib folgte mir, ebenso eine Anzahl auserlesener Diener. Das Schiff, in dem wir reisten, war ausdrücklich für uns gemiethet.«

»Und wo sind Ihre Begleiter?«

»Eben jetzt so nahe, daß ich sie rufen kann,« antwortete Margrave. »Und wenn wir Beide die Entdeckung vollbracht haben, deren Frucht Sie theilen sollen, werde ich Ihre Hülfe nicht weiter in Anspruch nehmen. Was dann noch weiter zu meiner Kur nöthig ist, kann ich meiner Pflegerin und ihren dunkelfarbigen Begleitern überlassen. Sie werden mir natürlich jetzt Beihülfe leisten; der Arzt, den Sie zur Unterstützung Ihrer Geschicklichkeit beigezogen haben, empfiehlt Ihnen selbst, meinen Grillen, wenn Sie es noch immer so nennen, zu willfahren – und Sie werden es thun, denn von dieser Grille allein hängt Ihre eigene Hoffnung auf Glück ab – die Ihre, der Sie lieben können, die meinige, der ich nichts liebe, als das Leben. Hat meine offene Erzählung alle die Zweifel gelöst, die auf dem großen Begegnungsboden gemeinschaftlichen Interesses trennend zwischen uns lagen?«

»Die Zweifel gelöst? Ihre abenteuerliche Geschichte macht einige davon nur noch dunkler, während sie andere unberührt läßt. Die geheimen Kräfte, deren Sie sich rühmen und die ich zum Theil erfahren, sogar Ihr Unterrichtetsein von meinem häuslichen Leide, von dem Interesse, das wie für Sie, so auch für mich die Wahrheit eines Glaubens hat, gegen welchen sich der Verstand empört – –«

»Entschuldigen Sie,« unterbrach mich Margrave mit einem leichten Aufwerfen der Lippe, das sich halb wie ein Lächeln, halb wie Hohn ausnahm, »wenn ich aus meinem Bericht über mich selbst wegließ, was ich nicht erklären kann und Sie nicht zu begreifen vermögen. Erlauben Sie mir zuerst die Frage, ob nicht viele von den gewöhnlichsten Handlungen der gewöhnlichsten Menschen rein unwillkürlich und völlig unerklärbar sind. Wenn Sie zum Beispiel Ihre Lippen öffnen und einen Satz aussprechen, so haben Sie zum Voraus nicht die mindeste Idee, welches Wort dem anderen folgen wird; und können Sie, wenn Sie einen Muskel bewegen, mir sagen, welcher Gedanke die Bewegung hervorgerufen hat? Sind wir nun nicht einmal im Stand, an uns selbst den einfachen Zusammenhang zwischen Impuls und Handlung zu erklären, wie mögen Sie glauben, daß es auf Erden einen Menschen gebe, der alle die Räthsel in dem Herzen und dem Gehirn eines anderen lesen kann? Ist es nicht eine Wahrheit, daß kein Wassertröpfchen, kein Atom der Materie das andere wirklich berührt? Zwischen ihnen befindet sich stets ein Raum, wie unendlich klein er auch sein mag. Wie würde es in der Welt zugehen, wenn jeder Mensch, eh' er mit einem anderen ein Kaufgeschäft macht, von ihm seine ganze Geschichte mit der Klarheit des Tageslichts zu wissen verlangte? Jede Verkehrsverbindung beruht auf dem gemeinsamen Interesse – und Sie erkennen an, daß dieses zwischen uns besteht. Was Sie weiter verlangen, ist überflüssig. Könnte ich alle Ihre Bedenken beantworten, gleichviel ob zu Ihrer Befriedigung oder Erbitterung, so müßte Ihr Verstand doch immer wieder auf denselben Ausgangspunkt zurückkommen, nämlich auf die Frage: ›Haben wir beide im Hinblick auf einen bestimmten Zweck ein gemeinschaftliches Interesse?‹«

Und Margrave lachte wieder, nicht heiter, sondern spöttisch. Das Lachen und die vorausgegangenen Worte standen nicht im Einklang mit der Jugend. So hätten sie etwa klingen mögen, wenn es dem Ludwig Grayle möglich gewesen wäre, in der Person Margrave's zu einer falschen Jugend wieder aufzuleben. Margrave's ganzer Geist schien, seit ich ihn zum letztenmal gesehen, eine Umwandlung erlitten zu haben; er war reicher an Ideen, verschmitzter sogar in seiner Offenheit, gewaltiger und mit voller Bestimmtheit auf ein Ziel losgehend. Wie wir häufig wahrnehmen, daß eine mit Auflösung drohende Krankheit die Erinnerungen früherer Jahre, in welchen die Eindrücke tiefer waren, lebhafter hervorruft, so hätte man auch denken können, daß in Margrave, je mehr er sich dem Grabe näherte, die Reminiscenzen aus einem früheren, reicher begabten Dasein mit furchtbarerer Gewalt sich zum Gehirn zurückdrängten und der Geist, welcher in Ludwig Grayle gelebt hatte, die Lippen des sterbenden Margrave in Bewegung setze.

»In Betreff der Kräfte und Künste,« nahm mein schrecklicher Gast wieder auf, »die Ihr Verstand mir zuzuschreiben oder abzusprechen in Verlegenheit ist, will ich in Kürze nur dies sagen: sie stammen aus Vermögen, die in mir liegen und ohne Zweifel mir zu meiner Selbsterhaltung verliehen sind – Vermögen, die vielleicht, wie van Helmont versichert, alle Menschen besitzen, obschon sie in den meisten nur in einem Schlummerzustand sich befinden; in mir sind sie lebhaft und thätig, weil in mir die Selbsterhaltung die Hauptleidenschaft bildet und weil mich in dem rechten Gebrauch dieser Vermögen tüchtige Lehrer unterwiesen, in einzelnen Stücken zum Beispiel der Zauberer Ludwig Grayle, in anderen meine Pflegerin, die sich auf Zauberlieder versteht. Aber bei vielem, was durch meinen Willen geschehen ist, kenne ich die Art, wie es zur Ausführung kam, so wenig, als Sie. Genug für mich, daß sich mein Wille auf etwas richtete, was ich wünschte; ich sank dann ruhig in einen Schlummer und konnte versichert sein, daß das, was ich wollte, in einer oder der anderen Weise geschah. War es mir darum zu thun, etwas zu erfahren, was einen Leitfaden für meine Schritte abzugeben vermochte, so konnte ich ohne Beihülfe eurer ärmlichen Telescope alle Dinge schauen, wie fern sie auch von mir ablagen. Was liegt darin Wunderbares? Haben Sie nicht von Ihren wirrköpfigen Metaphysikern gelernt, daß der Raum, ja selbst dieses ganze greifbare All für den Geist weiter nichts ist als eine Idee? Warum bin ich ein dunkles sibyllinisches Räthsel, und warum sind eure Philosophen so klar wie ein ABC-Buch?« Wieder das höhnische Lachen. »Genug. Ob nun meine Worte Ihre Vermuthungen aufgeklärt oder noch mehr verwirrt haben, wir langen stets bei dem Einigungsglied an, das den Menschen mit dem Menschen verbindet, Wildnisse zu Staaten umwandelt und Feinde zwingt, sich brüderlich zu umarmen. Ich brauche Sie, und Sie brauchen mich. Ohne Ihre Beihülfe ist mein Leben verloren, und ohne mein Geheimniß wird der Athem von den Lippen Ihrer Lilian gewichen sein, noch eh' die morgige Sonne jene Bergspitzen röthet.«

»Teufel oder Gaukler,« rief ich wüthend, »Du sollst mich nicht durch dieses mystische Gewälsch in Deine Gewalt bringen. Mach Dein phantastisches Experiment selbst, wenn Du willst; hoffe auf Deine Künste und Deine Kräfte. Das Leben meiner Lilian soll nicht von Deinem Machtspruch abhängen. Ich vertraue – auf –«

»Auf was? Auf menschliche Geschicklichkeit? Hören Sie, was Ihnen Ihr schulweiser College sagen wird, und dann will ich Sie wieder um Ihren Beistand angehen. Vertrauen Sie auf Gottes rettende Gnade? Ah, Sie glauben natürlich an einen Gott? Wer als ein Philosoph könnte einen Schöpfer wegräsoniren? Aber daß der Schöpfer Ihnen zu lieb von seinen Wegen abgehen wird – daß er, ob Sie auf ihn bauen oder nicht, das, was geschehen soll, nur um eine Haarsbreite ändern werde – glauben Sie dies, Allen Fenwick?«

Und da saß dieser Herzensleser, dem Aeußeren nach ein junger Mensch, mich und die Graubärte der Schulen verspottend.

Ich konnte nicht weiter hören, sondern stürzte zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter. Während ich floh, hörte ich einen leisen Gesang, und in den unkräftigen Lauten erkannte ich das Lied, mit welchem der Zauberer die Schlange aus ihrem Versteck lockt.

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