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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 76
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünfundsiebenzigstes Kapitel.

Frau Ashleigh erwartete mich in unserem gewöhnlichen Wohnzimmer. Sie war in Thränen; denn sie begann an Lilians Wiedergenesung zu verzweifeln, und ihre Unruhe wirkte ansteckend auf mich, obschon ich sie nichts davon merken ließ, sondern ihr Muth einsprach und sie beredete, zu Bett zu gehen. Einige Minuten, bevor ich selbst mein Schlafgemach aufsuchte, konnte ich mich noch mit Faber benehmen. Er gab mir die Versicherung, daß, seit er mich zum letztenmal gesehen, in Lilians physischem Zustand keine merkliche Veränderung zum Schlimmeren eingetreten und ihr Geist namentlich während der letzten paar Stunden entschieden klarer geworden sei. Seiner Meinung nach stand im Laufe des nächsten Tages in Aussicht, daß der Verstand eine kräftige und erfolgreiche Anstrengung zu seiner völligen Wiederherstellung machen werde, obschon er sein Bedenken nicht verhehlen mochte, daß sie möglicherweise den so tief geschwächten Körper vollends erschöpfen könnte. Er selbst war einiger Stunden Ruhe so bedürftig, daß ich ihn nicht weiter mit Fragen, die er nicht zu beantworten, oder mit Besorgnissen, welche er nicht zu beschwichtigen vermochte, quälen wollte. Ehe ich ihm gute Nacht sagte, theilte ich ihm kürzlich mit, daß sich in meiner Blockhütte ein kranker Reisender befinde, dessen Zustand mir ernstlich genug erscheine, um mir auch sein Gutachten wünschenswerth zu machen, wofern er mich am anderen Morgen zu ihm begleiten wolle.

Was mich betraf, so konnte ich selbige Nacht keinen Schlaf finden.

Vor der traurigen Lage, in der sich Margrave befand, schwand viel von meiner früheren Furcht und meinem Abscheu dahin. Dieses Geschöpf, welches in einer Art eine Ausnahme bildete, daß die Einbildungskraft es wohl mit übernatürlichen Attributen bekleiden konnte, war jetzt durch menschliches Leiden dem menschlichen Mitleid und Verständniß näher gerückt, obschon der gänzliche Mangel an Gewissen noch so grell in die Augen sprang, wie in der Blütezeit seiner Lebenslust. Mit welcher gräßlichen Offenheit hatte er nicht die Geschichte seiner Treulosigkeit und seines Undanks gegen den Mann erzählt, welchem er seinem Glauben nach so hoch verpflichtet war, und wie wenig wußte er die merkwürdige Vergeltung zu würdigen, welche in den meisten Naturen Gewissensbisse geweckt haben würde.

Und schienen nicht seine dunklen Winke und Bekenntnisse dem unglaublichen Memoir des Sir Philipp Derval zur Bestätigung zu dienen? Er räumte ein, daß er der Leiche Haruns den Arzneistoff abgenommen hatte, welchem er seine Genesung aus einem sogar noch hoffnungsloseren Zustand, als sein gegenwärtiger war, zuschrieb. Und außerdem hatte er flüchtig und dunkel darauf hingedeutet, daß ihm ein Wissen zu Gebot stehe, welches sicherer sei, als das der Menschen. Selbst jetzt noch, als ein bloßes Trümmerwerk seines früheren Ichs, übte er einen seltsamen Zauber auf mich und wußte meinen Verstand zu verwirren, so daß ich mich wieder und wieder auf dem Gedanken ertappte: »Wie, wenn zuletzt seine Hoffnung dennoch kein Hirngespinnst wäre und die Natur ein Geheimniß bärge, durch welches das Leben meiner theuren Lilian gerettet werden könnte?«

Als sich mir dieser Gedanke so oftmal aufdrängte, stand ich auf, schlich an Lilians Thüre und lauschte auf jeden ihrer Athemzüge. Alles still, alles dunkel! Und der große Arzt zweifelt, ob die anerkannte Wissenschaft im Stande sei, von ihrem Lager den leisen Tritt des Todes abzuwenden, während in jener Blockhütte dort Jemand, dessen Krankheit jede anerkannte Wissenschaft für tödtlich erklären muß, voll Hoffnung einen ruhigen Schlaf schläft! Anerkannte Wissenschaft – anerkannte Unwissenheit! Was heute Wissen, ist morgen Unwissenheit! Jedes Jahr enthüllt irgend ein kühner Griff eine neue Wahrheit, welcher gegenüber im Jahr vorher die gelehrten Männer der Schule so blind waren wie die Maulwürfe.

»Wie,« wiederholte ich mir, »wenn die Natur wirklich ein Geheimniß enthielte, durch das sich das Leben meines Lebens retten läßt? Was wissen wir von den Geheimnissen der Natur? Was sagte nicht sogar ein Newton von seinem Wissen? ›Ich bin wie ein Kind, das aus dem Sand Kiesel und Muscheln ausliest, während der große Ocean der Wahrheit völlig unerschlossen um mich her liegt!‹ Und hat selbst Newton in der vollen Reife seines unvergleichlichen Geistes den Glauben der Alchymisten mit Verachtung behandelt oder nicht vielmehr dem einen Gegenstand ihres Forschens, der Umwandlung der Metalle, seine Tage und Nächte gewidmet? Finden wir irgendwo den Beweis, daß er die Ueberzeugung gewann, diese Untersuchung sei ein Traum, wie wir, die wir keine Newtone sind, sie nennen? »Außer den drei Hauptaufgaben, mit denen Newton sich beschäftigte – der Fluxionenrechnung, der physikalischen Astronomie und der Optik – widmete er während des Aufenthalts an seinem College einen großen Theil seiner Zeit Untersuchungen, von denen kaum mehr eine Spur vorhanden ist. Die Alchymie, welche so viele strebsame und ehrgeizige Geister bezaubert hatte, scheint auch auf ihn einen überwältigenden Zauber geübt zu haben. Welche Theorien er sich bildete und welche Versuche er in dem Laboratorium machte, dessen Feuer wochenlang gar nicht ausgegangen sein soll, wird nie bekannt werden. So viel ist übrigens gewiß, daß kein Erfolg seine Mühe lohnte, und ungleich Keppler war er nicht der Mann, der Welt alle die Hoffnungen und Enttäuschungen, alle die unvergohrenen und mystischen Phantasien darzulegen, welche sich im Lauf seiner physikalischen Studien seinem Geist aufdrängten ... Viele Jahre später finden wir, daß Newton in der Correspondenz mit Locke von einer geheimnißvollen rothen Erde spricht, in welcher Boyle, der damals kurz vorher gestorben, das große Desiderat der Vervielfältigung des Goldes gefunden haben wollte. Doch war schon damals sein Glaube etwas erschüttert durch die unbefriedigenden Mittheilungen, welche er von Boyle in Betreff seiner Goldmacherkunst erhalten, obschon er noch immer an der Idee festhielt, weitere Versuche zu machen, sobald die Witterung günstig würde für die Essenexperimente.« Quarterly-Review, N. 220, pp. 125-6. Und hat nicht jener andere große Weise, der nur einem Newton nachstand, der berechnende zweifelsüchtige Descartes, an jene noch edlere Hoffnung der Alchymisten, an ihr geheimes Nostrum oder an den Proceß geglaubt, durch welchen das menschliche Leben bis zu der Altershöhe der Patriarchen gebracht werden kann?« Southey erwähnt in seinem Doctor (Bd. VI. S. 2) eines Gesprächs des Sir Kenelm Digby mit Descartes, in welchem der große Mathematiker sagt, in Betreff der Unsterblichmachung der Menschen wage er nichts zu versprechen; aber er sei überzeugt, daß er sein Leben bis zu dem Alter der Patriarchen bringen könne. Southey fügt bei, daß Saint Evremond, welchem Digby dies mittheilte, versichert habe, diese Ansicht von Descartes sei den Freunden desselben in Holland und Frankreich wohl bekannt. Aus dem Gewicht, das Southey diesem Hörensagen beilegt, erhellt, daß er mit den Werken und der Biographie des Cartesius nicht bekannt war, sonst würde er aus der Quelle selbst geschöpft haben. Dies wäre sehr zu wünschen gewesen, denn Southey war ganz der Mann, die ausgezeichnet offene und liebenswürdige Natur des berühmten Franzosen, wie auch die Ehrlichkeit zu würdigen, mit welcher derselbe zu einer Herzenssache machte, was immer in seinem Geist sich zu einem Lehrbegriff ausgebildet hatte. Descartes, ein in der Anatomie wohl erfahrener Mann, hatte jene Vorliebe für die Heilkunst, welche vom Studium der Naturwissenschaften fast unzertrennlich ist, und suchte deßhalb, als er erst 24 Jahre zählte (in Deutschland), Aufnahme in den Bund der Rosenkreuzer zu erhalten, konnte aber unglücklicher Weise kein Mitglied auffinden, das ihn eingeführt hätte. »Sein Streben zielte dahin,« sagt Cousin, »dem Menschen seine Gesundheit zu sichern, seine Leiden zu mindern und sein Dasein zu verlängern. Sein schneller, fast augenblicklicher Durchgang durch die Erde war ihm etwas Erschütterndes, und er glaubte, daß es vielleicht nicht unmöglich sei, die Dauer des menschlichen Lebens zu verlängern.« In dieser Idee liegt eine gewisse Größe versteckt, und die Mittel, welche Descartes für die Ausführung seines Projekts vorschlug, sind nicht weniger großartig. In seiner Abhandlung über Methode sagt er: »Wenn es möglich ist, Mittel aufzufinden, durch welche die Menschheit im Allgemeinen weiser und tüchtiger wird, als sie bisher war, so wird man sie, wie ich glaube, in der Medicin suchen müssen ... Ich bin überzeugt, es gibt Niemand, selbst in der ärztlichen Welt Niemand, der nicht zugestehen wird, daß Alles, was man von der Heilkunst weiß, fast nichts ist in Vergleichung mit dem, was noch zu lernen übrig bleibt, und daß der Mensch sich frei machen könne von unendlich vielen Krankheiten des Leibes sowohl als des Geistes, ja vielleicht auch von der Hinfälligkeit des Alters, wenn man nur die gehörige Kenntniß hat von ihren Ursachen und von allen den Heilmitteln, welche die Natur dagegen bietet. Ich habe mir daher vorgenommen, mein ganzes Leben dem Ausbau dieser so nöthigen Wissenschaft zu widmen, und auch bereits einen Pfad entdeckt, der mir untrüglich scheint und dessen Verfolgung zum Ziel führen muß, wenn man nicht durch die Kürze des Lebens oder den Mangel an Erfahrung darin unterbrochen wird. Gegen diese beiden Hindernisse gibt es, wie ich denke, kein besseres Abhülfmittel, als wenn ich dem Publikum das Wenige, das ich bereits gefunden, treulich mittheile u. s. w.« (Abhandlung über die Methode. Bd. 1. Oeuvres de Decartes, Cousins Ausgabe.) In seiner Correspondenz sagt er ferner: »Die Erhaltung der Gesundheit ist stets das Hauptziel meiner Studien gewesen, und ich zweifle nicht, daß es einen Weg gibt, in der Heilkunst vieles zu erfahren, was zur Zeit noch unbekannt ist.« Er bezieht sich dann auf seine beabsichtigte Abhandlung über das Thierleben, die eine Einleitung zu dieser Wissenschaft bilden sollte. Was er indeß für Geheimnisse entdeckt haben mochte, das Versprechen, sie dem Publikum mitzutheilen, ist nicht erfüllt worden. Auch schreibt er in einem vier Jahre vor seinem Tod geschriebenen Brief an Chanut (1646) unverholen: »Ich will Dir im Vertrauen sagen, daß die Kenntnisse (so wie sie sind), die ich in der Physik mir zu erwerben bemüht gewesen, mich sehr unterstützt haben, gewisse Grundlagen für die Moralphilosophie festzustellen, und daß ich in dieser Richtung mit mir zufriedener sein kann, als in Betreff vieler anderen ins Bereich der Heilkunde gehörigen, obschon ich diesen weit mehr Zeit gewidmet habe. Eine Folge davon ist,« fügt der große Denker mit edlem Pathos bei, » daß ich zwar nicht die Mittel, das Leben zu erhalten, dafür aber ein anderes sichereres Gut gefunden habe, welches darin besteht, daß ich den Tod nicht fürchte.«

Mit solchen Gedanken verbrachte ich die Nacht. Die durch mein Fenster einfallenden Mondstrahlen ließen mich jenseits die weiten Einöden, Wiesen und Bach, Waldland und Bergspitzen unterscheiden, und draußen wurde die Stille nur durch den wilden Ruf des Nachtfalken und das melancholische Sterbelied des Chrysococyx, Chrysococyx lucidus, oder (von seinem Bronceglanz so genannt) der Glanzkukuk. »Sein Ruf ist ein ungemein melancholisches Pfeifen, das er nur bei Nacht hören läßt, so daß er dadurch den Kranken und Schlaflosen ungemein beschwerlich wird. Ich kenne viele Beispiele, daß der Vogel sich in der Nähe eines Krankenzimmers auf einem Baum festsetzte und sein klägliches Lied erschallen ließ; er konnte dann nur mit Mühe verjagt werden.« – Dr. Bennett. Notizen eines Naturforschers in Australien. eines Vogels unterbrochen, der sich bloß bei Nacht hören läßt und hartnäckig auf den Häusern der Kranken und Sterbenden spukt, welchen er Weh und Tod verkündigen soll.

Doch die Sonne ging auf; die unheimlichen Töne verstummten und machten dem wundervollen Chor der australischen Wälder Platz, dessen fröhliches, melodisches Geplapper der große Königsfischer mit seinem geselligen Lachen eröffnete.

Und ich hörte jetzt Fabers Schritt in Lilians Zimmer – hörte durch die Thüre ihre sanfte Stimme, obschon ich die Worte nicht unterscheiden konnte. Bald nachher sah ich den wohlwollenden Arzt über die Schwelle meines Gemachs treten. Er legte den Finger an seine Lippen und bedeutete mir durch ein Zeichen, ihm zu folgen. Ich gehorchte ihm mit lautlosem Tritt und verhaltenem Athem. Er erwartete mich im Garten unter den blühenden Akazien, legte seinen Arm in den meinigen und führte mich in das freie Feld hinaus.

»Fassen Sie sich,« sagte er endlich; »ich bringe Ihnen eine erfreuliche Kunde, obschon sie nicht frei ist von Furcht. Der Verstand Ihrer Lilian ist hergestellt, und selbst die Erinnerungen, welche das ihrer Heimkehr nach L– – gefolgte Fieber verwischte, kommen wieder, obschon nur unbestimmt. Sie trägt ein Verlangen, Sie zu sehen und Ihnen zu danken für Ihre edle Aufopferung, für Ihre hochherzige Liebe; aber ich kann eine solche Zusammenkunft noch nicht zugeben. Fühlt sie in einigen Stunden sich stärker oder schwächer, so sollen Sie an ihre Seite gerufen werden. Selbst wenn ein Verlust über Sie verhängt wäre, für den nur die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben Trost zu bieten vermag, soll Ihnen wenigstens der letzte irdische, der eines Verkehrs der Seele mit einer Seele, nicht entstehen. Muth – Muth! Sie sind ein Mann! Tragen Sie als Mann das, was in demselben Geist hinzunehmen Sie so vielen Anderen empfohlen haben.«

Ich hatte mich zur Erde geworfen – ein sich krümmender Wurm, der keine andere Heimath hat als die Erde. Mann – ja, wohl, Mann! Von aller Mannheit war mir in jenem Augenblick nichts geblieben, als das tiefe Gefühl der Liebe und des Schmerzes.

Doch nach allen solchen Paroxysmen innerer Qual pflegt eine seltsame Empfindung von Starrheit einzutreten. Der Gedanke selbst steht still wie das stumme Wasser zwischen zwei niederstürzenden Strömen. Ich erhob mich mit einer Ruhe, die Faber irrthümlich wohl für Standhaftigkeit nehmen konnte.

»Gut,« sagte ich. »Erfüllen Sie Ihr Versprechen. Wenn Lilian mir entrissen werden soll, so will ich sie wenigstens noch einmal sehen ohne Wand zwischen den Geistern, wie Sie sagen. Noch einmal Geist gegen Geist – noch einmal!«

»Allen,« versetzte Faber in weichem, traurigem Ton, »warum scheuen Sie sich, meine Worte zu wiederholen – Seele gegen Seele?«

»Ja, ja – ich verstehe. Diese Worte wollen besagen, Sie haben alle Hoffnung aufgegeben, und daß mit der vollen Rückkehr von Lilians Verstand ihr Erdenleben seine Endschaft erreicht haben werde. Ich kenne wohl jenes letzte Aufblitzen vor dem Eintritt der ewigen Nacht.«

»Sie übertreiben meine Besorgnisse. Ich habe die Hoffnung, daß Lilian den ihr bevorstehenden Kampf überleben werde, nicht aufgegeben; aber es wäre eine Grausamkeit, Sie täuschen zu wollen – meine Hoffnung ist schwächer als früher.«

»Auch dies kann ich begreifen. Ihr Wissen ist am Ende, und Sie verzagen. Ihr letztes Vertrauen gilt den wunderbaren Hülfsquellen der Natur – der in der Jugend vorhandenen Lebenskraft?«

»Sie nennen die Hülfsquellen der Natur wunderbar – mit Recht. Die Lebenskraft der Jugend ist ein Born, der aus unsichtbaren Tiefen frisch sprudelt, wenn wir einen Augenblick vorher die durch den Sand rinnenden Tropfen zählen konnten und schon an völlige Erschöpfung glaubten.«

»Kommen Sie mit mir – kommen Sie. Ich habe Ihnen von dem anderen Kranken dort gesagt. Ich wünsche Ihre Ansicht über ihn zu hören. Sie können doch einige Minuten von Lilian abkommen?«

»Ja; ich habe sie schlafend verlassen. Was ist mit dem Menschen, daß sein Zustand Ihren ärztlichen Blick verwirrt, der, trotz meiner älteren Erfahrung, gewöhnlich schärfer ist, als der meinige?«

»Der Leidende ist jung, sein Organismus von seltener Kraft. Er hat Angriffe auf das Leben, die gewöhnlich verhängnißvoll enden, durchgemacht und überstanden. Das Gift einer Schlange, das Gift der Pest wüthet in seinem Körper, und doch glaube ich, daß diese allein nicht ausgereicht haben würden, ihn aufzureiben. Dagegen fürchtet er sich ungemein vor dem Tod, und an den schlaffen Schlägen seines Herzens zehrt hauptsächlich die Aufregung der Hoffnung und der Furcht. Ich vermuthe, daß mehr diese Affekte verhängnißvoll auf ihn einwirken dürften, als die genannten materiellen Ursachen. Urtheilen Sie selbst.«

Wir befanden uns nun an der Thüre der Hütte. Ich schloß auf, und wir gingen hinein. Margrave hatte sein Bett verlassen und schritt langsam im Zimmer auf und ab. Sein Auftreten war kräftiger und sein Gesicht weniger eingefallen, als am Tag zuvor.

Er unterwarf sich Fabers Examen mit ruhiger Gleichgültigkeit und kümmerte sich augenscheinlich wenig um die Ansicht, welche sich der große Arzt aus seinen Antworten bilden mochte.

Nachdem Faber ihn über alles, was ihm wissenswerth schien, ausgefragt hatte, sagte er mit einem ernsten Lächeln: »Ich sehe, daß mein Rath bei Ihnen wenig Gewicht haben wird; aber er mag Ihnen immerhin Stoff zum Nachdenken geben. Die Folgerungen, welche Ihr Wirth aus Ihrem Zustand gezogen und meinem geringen Gutachten unterstellt hat, sind richtig. Ich zweifle nicht, daß bei Ihren Leiden eine Affektion des Herzens die Hauptsache ist; aber dieses edle Organ kann viel durchmachen. Ich habe Menschen gekannt, bei welchen es weit schwerer und ernstlicher erkrankt war, als bei Ihnen, und die desungeachtet noch viele Jahre lebten und an einer ganz anderen Krankheit starben. Freilich hängt die Erhaltung des Lebens von einer Bedingung ab, der auch Sie sich unterwerfen müssen, von der Ruhe. Ich empfehle Ihnen, jede stärkere Anstrengung, überhaupt jede Aufregung, die eine moralische Störung zur Folge haben könnte, zu vermeiden. Sie sind jung: wollen Sie fortleben, so müssen Sie leben wie ein Alter. Mehr als dies – es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ihr Halt an der Erde mir sehr zweifelhaft erscheint. Sie können es noch viele Jahre treiben, aber ebenso gut auch schon morgen abgerufen werden. Fassen Sie daher diese Unsicherheit mit der Ruhe ins Auge, welche allein Ihnen längeres Leben in Aussicht stellt; ordnen Sie Ihre weltlichen Angelegenheiten und bewältigen Sie die menschliche Sorge in einer Weise, daß Sie immer vorbereitet sind auf den Ruf, der unversehens an Sie ergehen kann. Im Uebrigen verlassen Sie dieses Klima so schnell Sie können; das Blut kreist hier zu schnell für einen Mann, der alle Aufregung zu meiden hat. Suchen Sie die gleichförmigste Atmosphäre auf, geben Sie sich mit der ruhigsten Beschäftigung ab, und selbst Fenwick, der sich so viel auf seine Statur und Kraft zu gut thut, ist vielleicht dem Grabe näher als Sie.«

»Sind Sie derselben Ansicht?« fragte Margrave, sich an mich wendend.

»In vielem – ja.«

»Sie ist besser ausgefallen, als ich erwartet hatte, und ich bin weit entfernt, einen so freundlich gebotenen Rath zu verschmähen. Erlauben Sie mir dagegen zwei oder drei Fragen, Doktor Faber. Werden Sie mir Mittel aus Ihrer Pharmacopö verordnen?«

»Arzneien können wohl manche Beschwerden, welche die Folgen eines organischen Leidens sind, beschwichtigen, nie aber diesem selbst etwas anhaben.«

»Und wenn eine Krankheit entschieden organisch ist, glauben Sie, daß die Natur nicht die Kraft besitzt, das ergriffene Organ wieder herzustellen?«

»In seltenen Fällen ist es schon vorgekommen; aber wir müssen unser Urtheil durch allgemeine Gesetze, nicht durch Ausnahmen bestimmen lassen.«

»Sind Ihnen nie Fälle vorgekommen – kennen Sie nicht eben jetzt einen, in welchem ein Patient, an dessen Krankheit die Geschicklichkeit des Doktors zu Schanden wird, mit seiner Einbildungskraft an einem Heilmittel hängt oder davon träumt? Mögen Sie es immerhin eine Grille nennen, mein gelehrter Herr; aber hören Sie nicht auf solche Grillen und lassen Ihren Kranken gewähren, wenn Sie an Ihren eigenen Recepten verzweifeln?«

Faber wechselte die Farbe und wurde betroffen. Margrave beobachtete ihn und lachte.

»Sie geben zu, daß es Fälle gibt, in welchen der Patient dem Arzt die Kurregel vorschreibt. Wohlan, wenden Sie Ihre Erfahrung auch auf meinen Fall an. Denken Sie sich, irgend eine seltsame Vorstellung habe sich meiner Einbildungskraft bemächtigt – so erklären sich, glaube ich, die Aerzte alle Erscheinungen, die wir ungelehrten Leute als exceptionell bezeichnen – eine seltsame Vorstellung von einem Heilmittel gegen die Krankheit, gegen die Sie kein Recept wissen; nehmen Sie ferner an, diese Vorstellung sei so kräftig, so lebhaft, daß eine Weigerung, sie zu erfüllen, gerade die Aufregung herbeiführen würde, vor der Sie mich so sehr warnen – einen Sturm auf das Herz, das Sie beruhigen möchten, in der Form der Wuth und Verzweiflung – könnten Sie als der Arzt meines Vertrauens unter solchen Umständen mir das Eingehen auf diese Grille versagen?«

»Wie mögen Sie nur fragen? Sicherlich würde ich Sie gewähren lassen, wenn ich nicht Gründe hätte, das, was Sie sich ausgesonnen, für schädlich zu halten.«

»Wackerer Mann und weiser Doktor. Ich habe keine weitere Frage zu stellen. Ich danke Ihnen.«

Faber sah scharf in das junge abgezehrte Gesicht, auf dem ein Lächeln spöttischen Triumphes spielte, und wandte sich ab, wobei ein Ausdruck des Zweifels und Kummers über sein eigenes edles Antlitz hinglitt. Ich folgte ihm schweigend ins Freie.

»Wer und was ist dieser Ihr Besuch?« fragte er plötzlich.

»Wer und was? Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

Faber versank auf eine Weile in Gedanken und murmelte langsam vor sich hin.

»Hum, ein zufälliges Zusammentreffen – eine aufs Gerathewohl hingeworfene Vermuthung; von der Thatsache konnte er nichts wissen.«

»Faber,« fragte ich ihn rasch, »ist vielleicht Lilian der Patient, in dessen selbst verordnete Mittel Sie mehr Vertrauen setzen, als auf die Gelehrsamkeit, die Sie Ihrer langen Erfahrung verdanken?«

»Ich kann es nicht läugnen,« versetzte Faber mit Widerstreben. »In jenem periodisch eintretenden Zustand, der bei ihr nicht Schlaf und doch nicht eigentliche Katalepsie ist, hat sie während der letzten Tage genau den Augenblick angegeben, in welchem die Verzückung, wie ich's nennen mochte, aufhören würde, und sich selbst die Mittel verordnet, die man ihr dann reichen sollte. Diese Mittel – es sind solche gewesen, die mir nie eingefallen wären – zeigten immer eine große Wirksamkeit, und ich schreibe ihre rasche geistige Besserung ganz auf Rechnung der Behandlung, welche sie in der Verzückung angibt, obschon sie beim Erwachen sich dieser Verordnungen nicht mehr erinnert. Ich wollte Ihnen von diesen Phänomenen nichts mittheilen, bis unser Geist sich mehr in der Lage befände, den Proceß zu untersuchen, durch welchen Ideen – denn sicherlich stammen nicht alle aus der Erfahrung, wie unsere metaphysischen Schulen wollen – bisweilen in solcher Weise nach Art des Instinkts zum Zweck der Selbsterhaltung auf einen menschlichen Leidenden einwirken, wie etwa der Vogel nach dem Kraut oder der Beere hin geleitet wird, die seine Krankheiten heilen oder erleichtern. Wir wissen, wie die Mesmeristen dieses Phänomen der Selbstschau und des Hellsehens erklären; aber hier haben wir keinen Magnetismus, wenn wir nicht annehmen wollen, daß die Kranke sich selbst magnetisire. Lange übrigens, ehe man von dem Mesmerismus etwas hörte, hat die Geschichte der Medicin Beispiele von Kranken aufgezeichnet, welche, nachdem die Geschicklichkeit der tüchtigsten Aerzte sich vergeblich an ihnen versuchte, eine Sehnsucht nach einem gewissen Mittel verspürten, das den Männern von Fach vielleicht als völlig wirkungslos erschien und doch in auffallender Weise die Herstellung bewirkte. Wenn ich den Hippocrates recht verstehe, so kannte er bereits die Kraft des Selbstcurirens, welche der Zustand der Verzückung bisweilen einem Kranken verleiht; ›das Auge‹ – sagt der Vater unserer Kunst – ›ist dann geschlossen für die Außenwelt, und die Seele gewinnt eine treue Anschauung von dem Leiden des Körpers.‹ Kurz, ich gestehe, daß in diesem Fall die Kunst des Arztes sich durch den Instinkt des Kranken leiten ließ. Und die Hoffnungen, die ich Ihnen bisher geben konnte, gründeten sich auf die Erfahrung, daß diejenigen, welche sie in ihrer Ekstase aussprach, sich nie trügerisch oder übertrieben erwiesen hatten. Die Kräuter, die ich gestern für sie sammelte, waren mir von ihr beschrieben worden und sind unserem Arzneischatz fremd; da jedoch die Eingeborenen sich ihrer gelegentlich bedienen, so spornte mich bald nach meiner Ankunft die Neugierde, sie chemisch zu analysiren, und sie kamen mir dabei so unschuldig wie Lindenblüte vor. Sie sind in diesem Theil von Australien selten zu finden, und sie gab mir als ihren Standort eine entfernte Stelle an, wo sie sicherlich nie gewesen ist. Als Sie mich gestern Abend so verstört und niedergeschlagen sahen, lag der Grund in dem Umstand, weil sie zum erstenmal in Betreff der Anweisungen, die sie in der Ekstase ertheilt hatte, nicht mehr fügbar war. Sie wollte durchaus nichts nehmen von dem Absud, den ich aus den Kräutern bereitet hatte. Auch wurden meine Hoffnungen dadurch ziemlich gedämpft, daß ich sie bei meinem Besuch um Sonnenaufgang nicht schlafend, sondern in einer Verzückung traf, in welcher sie mir sagte, sie wisse jetzt nichts mehr anzugeben und zu enthüllen, denn mit der nahen Wiederkehr des Verstandes zögen sich die abnormen Vermögen zurück, die ihrer Ekstase verliehen gewesen. ›Was mein Leben betrifft,‹ sagte sie mit einer Ruhe, als habe sie keine Ahnung von der Freude oder dem Schmerz, welche an der Erhaltung oder dem Verlust desselben hafteten, ›so geben Sie sich jetzt vergebliche Mühe; mein eigenes Schauen ist verdunkelt, und auf mein Leben ist ein schwarzer kalter Schatten gefallen. Ich kann nicht voraussehen, ob er wieder verschwinden wird. Wenn ich umzuschauen versuche, so erblicke ich nur meinen Allen – –‹«

»Sie haben also,« versetzte ich, meine Aufregung bewältigend, »als Sie mich hoffen hießen, nicht der Leuchte Ihrer Wissenschaft, sondern dem Geflüster der Natur in dem Gehirn Ihres Kranken Vertrauen geschenkt?«

»Es ist so.«

Wir blieben eine Weile stumm sitzen, und als Faber endlich sich in mein Haus begab, murmelte ich vor mich hin:

»Wenn sie über den Schatten hinauszuschauen versucht, erblickt sie nur mich! Liegt hierin auch ein prophetischer Wink der Natur, welcher mich anweist, das Geheimniß nicht gering zu achten, das sie, wie mich ein aus den Wolken gefallener Wanderer versichert, dem Forscher bisweilen aufschließt? Und oh! dieser unheimliche Wanderer – hat die Natur ein zauberhafteres Wunder aufzuweisen, als er selbst ist?«

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