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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 75
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Vierundsiebenzigstes Kapitel.

Mein Werk, mein philosophisches Werk – die ehrgeizige Hoffnung meines intellectuellen Lebens – mit welcher Gier kehrte ich wieder zu ihm zurück! Weit weg von meinem häuslichen Leid, weit weg von der Wirrsal meines Innern – da gab es weder eine Lilian, noch einen Margrave!

Als ich mein Manuskript durchging, schien mir jedes Glied in der Kette des Raisonnements so bündig, daß die Veränderung auch nur eines einzigen das Ganze in Verwirrung gebracht haben würde; und dieses Ganze kämpfte so entschieden an gegen die Möglichkeit der Wunder, die ich selbst erfahren, trat so feindlich Fabers spitzfindigen Hypothesen oder Amys kindlichem Glauben entgegen, daß das ganze Werk zerstört gewesen wäre, wenn ich solchen widersprechenden Stoffen hätte Rechnung tragen wollen.

Aber das Werk war ich selbst – ich mit meinem festen, nüchternen, gesunden Geist, eh' ein Phantom Verwirrung in mein Gehirn gesät hatte. Durften Gespenster als Zeugen auftreten gegen die Wissenschaft? Nein. Mit der Rückkehr zu meinem Buch wurde mir mein früheres Ich zurückgegeben!

Wie befremdlich ist dieser Widerspruch zwischen unserem Ich als Mensch und unserem Ich als Schriftsteller. Nehmen wir den nächsten Autor, der in sein System verliebt ist – jeden Tag können ihm tausend Dinge aufstoßen, die geeignet sind, sein Vertrauen zu diesem System zu erschüttern, und er fühlt auch das Wanken desselben, während er als Mensch umher geht. Wie er sich aber wieder in die Phase seines Autordaseins versetzt, verleiht schon der einfache Akt des Federaufnehmens und Papierglättens seinen Gedanken den alten mechanischen Gang. Das System, das geliebte System, nimmt seinen tyrannischen Scepter auf, und er ignorirt oder gießt als Schriftsteller Alles, was ein paar Stunden vorher in dem Menschen die Theorie der Lüge zieh, zu neuen Beweisen für eben diese Theorie um.

Ich hielt an meinem System fest und setzte meine Arbeit fort. Hier in der wilden Einöde gab es auch für mich ein Bindeglied zwischen mir und den Städten Europas. Alles Andere konnte unter mir zusammenbrechen. Die Liebe, von der ich geträumt hatte, war ausgetilgt aus der Welt und kehrte vielleicht nie mehr wieder; an dem einsamen Herd führte ich das Leben eines Verbannten. Mein Verstand erlag vielleicht den Gespenstern, welche meinen Sinn ängstigten, oder den Sorgen, welche mein Herz bestürmten; doch hier befand sich wenigstens ein Denkmal meines rationellen denkenden Ich's – meiner individuellen Identität in der vielgestaltigen Schöpfung. Und mein Geist in der Mittagshöhe seiner Kraft konnte sein Licht ausstrahlen über die Erde, wenn mein Leib aufgelöst war in seine Urstoffe. Ach, konnte ich selbst in diesem Sehnen nach Fortdauer, wenn auch nur nach der Fortdauer des Namens, bloß das Streben des Geistes, nicht auch das Geflüster der Seele erkennen?

Die Beschäftigungen, welche einen Kolonisten gewöhnlich so sehr in Anspruch nehmen, hatten wenig Interesse für mich. Das weite Herrschaftsgut, das mich, wenn sich an seinen Besitz die Hoffnungen geknüpft hätten, welche einen Gründer beseelen, mit all dem Eifer und Stolz des Eigenthumbewußtseins erfüllt haben würde, erschien nur als gewöhnliches wildes Land dem zeitweiligen Auswanderer, der keine Söhne als Erben der langsam reifenden Früchte seiner Arbeit hinterlassen sollte. Ich wurde nicht durch den Sporn der Noth zur Thätigkeit angehalten und wäre ruinirt gewesen, wenn ich mein ganzes Kapital auf Verbesserungsversuche verwendet hätte. Deßhalb ließ ich mir auch den Anbau meiner fruchtbaren Waidestriche so wenig angelegen sein, wie ein englischer Bewohner des Hochlandmoors, das er bloß pachtet, um seine Einöde zu erweitern.

Ich wußte in der That recht wohl, daß ich, wenn ich je habsüchtig würde, meinen bescheidenen Wohlstand in absoluten Reichthum umwandeln konnte; denn ich hatte die Stelle, wo ich den Goldklumpen gefunden, wieder besucht und entdeckt, daß das kostbare Metall in reicher Fülle unmittelbar unter der ersten Schichte des Alluvialbodens lagerte. Doch hielt ich dies vor Jedermann geheim, da ich wohl wußte, der Reiz meines Buschlebens werde dahin sein, wenn ich nur davon athmete. Ich hatte dann zu gewärtigen, daß meine Felder Abenteurer aller Art anlocken würden, wie das Aas die Geier, meine Dienstboten mir entliefen und meine Heerden für sich selber sorgen mußten.

Wieder entschwanden Monate um Monate. Ich näherte mich dem Schluß meines geliebten Werkes, als es wieder eine Unterbrechung erlitt, und zwar durch eine Sorge, die weit peinlicher war, als jede der früher durchlebten.

Lilian wurde beunruhigend krank. Ihre Gesundheit hatte zwar längst allmählig abgenommen und nur gelegentlich Zwischenräume von Besserung gezeigt, ohne jedoch Symptome von unmittelbarer Gefahr zu entwickeln. Jetzt aber trat eine Art chronischen Fiebers ein, begleitet von völliger Schlaflosigkeit, einer Abneigung gegen alle, selbst die leichteste Nahrung und einer höchst reizbaren Empfindlichkeit gegen alle die äußeren Eindrücke, gegen welche sie bisher so gleichgültig gewesen; der leiseste Ton that ihr weh und das Licht wirkte schmerzlich auf sie. Ihre frühere Ungeduld bei meinem Eintreten in ihr Zimmer steigerte sich zu einer heftigen, bisweilen selbst in Convulsionen sich entladenden Aufgeregtheit, so daß Faber mir mit aller Entschiedenheit jeden Zutritt zu der Kranken verbot. Mit blutendem Herzen unterwarf ich mich dem grausamen Urtheil.

Faber hatte in meinem Haus Wohnung genommen und Amy mitgebracht, so daß abwechselnd er und sie Tag und Nacht an Lilians Lager wachte. Der große Arzt wurde bei dem Zustand bedenklich, obschon er nicht verzweifelte.

»Bedenken Sie,« sagte er, »daß trotz der Schlaflosigkeit und des Ernährungsmangels ihr Körper doch nicht in dem Grad abgezehrt ist, als der Fall sein müßte, wenn dieses Fieber unausbleiblich zum Tod führte. Auf diese Erscheinung baue ich die Hoffnung, daß mein früher Ihnen mitgetheiltes Gutachten sich als richtig erweisen wird. Wir stehen jetzt in der Mitte des kritischen Kampfes zwischen Leben und Verstand; wenn das eine erhalten bleibt, so bin ich überzeugt, daß auch der andere wiederkehrt. Der anscheinende Widerwille gegen Sie spricht mich als ein gutes Zeichen an. Sie stehen unzertrennlich in Verbindung mit ihrer intellektuellen Welt; in demselben Verhältniß, in welchem sie zu derselben auflebt, müssen die Erinnerungen an die Erschütterung, welche sie für eine Weile dieser Welt entrissen hat, Macht gewinnen. Gleichermaßen flößt die Ueberempfindlichkeit der erwachenden Sinne gegen äußere Gesichte und Gehöreindrücke mir eher Hoffnung als Besorgniß ein. In einigen Tagen wird sich entscheiden, ob ich Recht habe. In diesem Klima nehmen acute Krankheiten einen raschen Verlauf; aber die Genesung geht dann mit noch erstaunlicherer Schnelligkeit von statten. Warten – dulden Sie und machen Sie sich darauf gefaßt, sich dem Willen des Himmels zu unterwerfen; aber verzweifeln sie nicht an seiner Gnade.«

Ich riß mich los von dem leidigen Tröster und stürzte hinaus in das Dickicht der Wälder, in das Herz der Wildniß. Alles um mich her war voll Lebenslust; die Heuschrecken zirpten im Gras, die Libellen spielten an dem Ufer des Bachs; die eichhörnchenartigen Opossums machten auf den gefiederten Zweigen ihre Sprünge. »Und wie,« sagte ich zu mir selbst – »wie wenn das, was an jenem fernen Wesen, dessen Dasein mein eigenes bezaubert hat, so fabelhaft scheint, gleichwohl wirklich und wahr wäre? Wenn Margrave seine glorreiche Lebenskraft, seine strahlende Jugend einem mächtigen Medikament verdankte? Oh, daß ich seine Bitten nicht so verächtlich von mir gewiesen hätte; denn was verlangte er von mir? Nichts Schlimmeres, als ein regelmäßiges Experiment. Wäre ich ein weniger fanatischer Eiferer für jene eitle Lehre der Schule gewesen, die man Medicin nennt, und die seit den Tagen ihrer ersten Begründer bis in dieses Jahrhundert der Wissenschaft hinein keine namhaften Fortschritte gemacht hat – hätte ich mit der Demuth des ächten Wissens gesprochen, ›jene Alchymisten waren geistvolle Denker; wir verdanken ihnen die wichtigsten Andeutungen in der Chemie; können sie in dem Glauben, in welchen alle übereinstimmten, so ganz und gar Dummköpfe und Fasler gewesen sein?‹ – wenn ich mir dies vorgehalten hätte, so brauchte ich vielleicht jetzt nicht zu fürchten, meine Lilian zu verlieren. Warum sollte es nicht in der Natur eine primäre Essenz, eine Meistersubstanz geben können, welche den specifischen Nährstoff des Lebens in sich schließt?«

So den Wäldern zusammenhanglos zuflüsternd, was im Ernst einem Nebenmenschen zu sagen der Stolz meines Verstandes nimmermehr zugegeben haben würde, hetzte ich meinen gequälten Geist zu einer finsteren Ruhe ab und trat am Schlusse des Tages mechanisch den Rückweg an. Ich setzte mich vor der Thüre meiner einsamen Blockhütte nieder, unterstützte meine Wange mit der Hand und brütete vor mich hin. Da wurde ich durch ein mißtöniges Geräusch von stampfenden Hufen und knarrenden Rädern auf dem hohltönenden Grasboden zum Aufschauen veranlaßt. Eine gebrechliche, ächzende Kutsche, von vier Pferden gezogen, tauchte aus dem Gummibaumwäldchen auf und kam rasch, rasch den Weg her, welcher seit meiner Ankunft nie mehr von einem so pomphaften Wagen befahren worden war (ich konnte nämlich unter den ersten Kolonisten als üppiger Satrap gelten), auf meine Hütte in der Wildniß zu. Welcher Auswanderer, der reich genug war, um auf die Miethe einer solchen Equipage mehr zu verschwenden, als sie in England gekostet haben würde, konnte so auf meiner unangebauten Domäne einherziehen? Ein ahnungsvoller Schauder durchrieselte mich.

Der Kutscher, vielleicht ein in der alten Welt verunglückter Sohn des Luxus, der in der neuen zu nichts paßte, als für Lohn das zu üben, was zum Vergnügen seinen Untergang herbeigeführt hatte, hielt an der Thüre meines Blockhauses und rief: »Freund, ist dies nicht die Sektion des berühmten Fenwick und wohnt nicht dort in jenem großen Gebäude der Besitzer?«

Eh' ich antworten konnte, hörte ich aus dem Wagen heraus eine schwache Stimme den Kutscher anreden. Der Letztere nickte, stieg von seinem Sitz herunter, öffnete den Schlag und bot seinen Arm einem Mann, der, die angebotene Hülfe ablehnend, langsam und mit Mühe ausstieg. Er hielt einen Augenblick inne, als suche er zu Athem zu kommen, ging auf seinen Stock gestützt vom Weg ab über den mit üppigem Gras bewachsenen Rasen durch das in die frischgepflanzte duftige Zaunhecke eingesetzte Pförtchen und machte dabei vor Erschöpfung oft Halt, bis er endlich, die beiden mageren Hände auf seinen Stock gestützt und die abgezehrte Gestalt tief in die Falten eines reich mit Zobelpelz verbrämten Mantels gehüllt, mir unmittelbar gegenüber stand. Sein Gesicht war eingefallen und von krankhaft gelber Farbe, während die unnatürlich großen Augen mit grellem Glanz aus den tiefen Höhlen hervorblitzten. In diesem unheimlichen Contrast zur früheren Jugendschöne und Lebensfülle sah ich jetzt Margrave mir gegenüber.

»Ich komme zu Ihnen,« sagte er mit heiserer und gebrochener Stimme, »von den Küsten des Morgenlandes. Gönnen Sie mir ein Obdach und Ruhe. Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, was Sie dafür reichlich belohnen wird.«

Wie sehr ich auch bisher diesen unerwarteten Besuch hassen und fürchten mochte, so wäre doch einem so hinfälligen Wesen gegenüber der Haß eine Unmenschlichkeit, Furcht eine Gemeinheit gewesen.

Unwillkührlich und ohne ein Wort zu sprechen, führte ich ihn in das Haus. Da ruhte er einige Minuten peinlich schwer aufathmend und mit geschlossenen Augen. Inzwischen brachte der Kutscher aus dem Wagen einen Reisesack und eine mit starken eisernen Klampen versehene kleine Holzkiste herein. Margrave blickte, als der Mann in seine Nähe kam, auf und rief ihm ungestüm zu: »Wer hat Euch geheißen, diese Kiste anzurühren? Wie habt Ihr Euch unterstehen mögen? Nehmen Sie sie ihm ab, Fenwick, und stellen Sie sie hieher – hieher an meine Seite.«

Ich entsprach der Aufforderung; der Kutscher aber brauste zornig auf über eine so herrische Behandlung im Land der Freiheit und ließ sich erst durch das Gold beschwichtigen, das ihm Margrave verschwenderisch zuwarf.

»Haben Sie Acht auf den armen Gentleman, Squire,« flüsterte er mir im unwillkührlichen Drang der Dankbarkeit zu; »ich fürchte, er wird Sie nicht lange belästigen. Er muß ungeheuer reich sein; denn er ist in einem Schiff angekommen, das nur für ihn und ein Gefolge von ausländischen Dienern gemiethet war, welche er in der Stadt dort zurückließ. Darf ich meine Pferde in Ihrem Stall füttern? Sie haben einen weiten Weg gemacht.«

Ich deutete auf den benachbarten Stall; der Mann nickte mir seinen Dank zu, stieg auf seinen Bock und fuhr weiter. Dann kehrte ich zu Margrave zurück. Ein mattes Lächeln glitt über seine Lippen, als ich die Kiste an seine Seite rückte.

»Ja, ja,« murmelte er. »Das wäre in Sicherheit. Ich werde bald wieder gesund sein – sehr bald. Und nun kann ich im Frieden schlafen.«

Ich führte ihn nach einem inneren Zimmer, in welchem ein Bett stand. Mit einem lauten Seufzer der Erleichterung warf er sich darauf nieder, richtete sich aber bald wieder auf den Ellenbogen auf und sagte: »Bringen Sie die Kiste hieher; ich muß sie immer an meiner Seite haben. So, so! Nun einige Stunden Schlaf, und dann, wenn ich etwas Nahrung oder eine Herzstärkung, wie sie mir Ihre Geschicklichkeit bieten kann, genommen habe, werde ich kräftig genug sein, zu sprechen. Wir müssen mit einander reden – mit einander reden.«

Seine Stimme wurde schläfrig und seine Lider schlossen sich; einige Augenblicke später war er vom Schlummer übermannt.

Mit einem gemischten Gefühl von Neugierde und Mitleid blieb ich an seiner Seite. Sein Gesicht war so verändert und sah doch noch so jung aus, daß ich nicht im Ernst mir das Schlimme dieses geheimnißvollen Lebens vergegenwärtigen konnte, dessen letzte Sandkörner in dem Stundenglas abzulaufen schienen. Ich legte meine Hand sanft an seinen Puls, der kaum fühlbar schlug, hielt mein Ohr gegen seine Brust und seufzte unwillkührlich, als ich den matten, gedämpften Ton vernahm, mit welchem sich das Herz selbst dem gierigen Grab entgegenzuläuten schien.

War dies wirklich der mächtige Zauberer, den ich gefürchtet? Dies der Führer zu dem Rosenkreuzerischen Geheimniß der Lebenserneuerung, welchem erst vor einigen Stunden noch meine wirre Phantasie ihr leichtgläubiges Vertrauen zugewendet hatte?

Aber selbst während ich mir meinen abenteuerlichen Aberglauben vorwarf, überfiel mich plötzlich eine Furcht, die den Meisten wohl kaum weniger abergläubisch erscheinen wird. Konnte die Nähe eines Menschen, der schon einmal so unheimlich auf Lilian eingewirkt hatte, nicht auf's Neue einen magnetischen Einfluß auf sie üben? Ich verließ den noch immer schlafenden Margrave, schloß und verriegelte die Thüre des Blockhauses und ging nach meiner Wohnung zurück, wo ich auf der Schwelle Amy begegnete. Ihr Lächeln war so ermuthigend, daß ich mich mit einemmal erleichtert fühlte.

»Bst!« sagte das Kind, ihre Finger an ihre Lippen legend; »sie ist so ruhig. Ich wollte Sie aufsuchen, um Ihnen etwas von ihr auszurichten.«

»Von Lilian, mir – wie, an mich?«

»Bst! Vor ungefähr einer Stunde winkte sie mir heran und flüsterte mir zu: ›Sag' Allen, das Licht komme zurück zu mir und es ruhe ganz auf ihm – auf ihm. Sag' ihm, ich bete, damit ich erhalten bleibe, um an seiner Seite und Hand in Hand mit ihm auf Erden dem Himmel zuzuwandeln, der kein Traum ist, Amy. Sag' ihm dies, kein Traum.‹«

Während das Kind sprach, strömten meine Thränen, und die starken Hände, die mein Gesicht bedeckten, zitterten wie ein Espenlaub. Als ich meiner Stimme wieder mächtig war, sagte ich in schmerzlichem Tone:

»Ich darf sie also nicht sehen? Oh, nur einen Augenblick, um ihr zu danken für diese Botschaft, wäre es auch nur durch einen Blick.«

»Nein, nein!«

»Nicht? Wo ist Faber?«

»In den Wald gegangen, um einige Kräuter zu suchen; aber er hinterließ mir dieses Billet für Sie.«

Ich wischte mir die blendenden Thränen aus den Augen und las folgende Zeilen:

»Ich habe, obschon nicht ohne Bedenken, Amy gestattet, Ihnen die ermuthigenden Worte zu hinterbringen, durch welche unsere liebe Patientin meinen Glauben bekräftigt, daß ihr Verstand, wenn auch langsam und unter Kampf, im Falle des Ueberlebens der Krise einer dauernden Genesung entgegen geht. Suchen Sie ja nicht das Werk der Natur zu überstürzen oder zu stören. Die Aufregung, welche Ihre Gegenwart in dem dermaligen Stadium hervorrufen würde, wäre eben so gefährlich, wie ein plötzliches grelles Licht dem Auge, das nach langem Erblinden kürzlich seine Sehkraft wieder erhalten hat und erst allmählig der Dunkelheit entwöhnt werden darf. Vertrauen Sie auf mich.«

Ich brütete lang und stillschweigend über diese Zeilen sowohl, als über Lilians Botschaft, während Amys beruhigendes Geflüster so sanft wie das Murmeln des Baches, das man im Waldesdunkel hört, vor meinem Ohr klang. Endlich raffte ich mich auf, und meine Gedanken kehrten zu Margrave zurück, der ohne Zweifel jetzt bald erwachte. Ich bat Amy, mir eine leichte Speise, wie sie für seinen erschöpften Zustand zu passen schien, zu bringen, da ein kranker Reisender, der in meiner Hütte ausruhe, ihrer bedürfe. Als Amy zurückkehrte, nahm ich ihr das Körbchen ab, mit dem sie sich beladen, und da ich inzwischen aus dem Inhalt meines Arzneikästchens ein geeignetes Mittel ausgelesen hatte, so begab ich mich wieder nach dem Blockhaus. Bald nach meiner Ankunft erwachte Margrave.

»Wie viel Uhr ist es?« fragte er mit ängstlicher Stimme.

»Gegen Sieben.«

»Nicht später? Gut. Meine Zeit ist kostbar.«

»Fassen Sie sich und genießen Sie etwas.«

Ich stellte die Suppe vor ihn hin, und er nahm einige Löffel voll davon; doch schien ihm auch dies Anstrengung zu kosten. Dann schlummerte er eine kurze Weile, wachte wieder auf und verlangte ungeduldig nach der Arznei, die ich inzwischen für ihn zubereitet hatte. Die Wirkung war über Erwarten schnell und günstig, ein Beweis vielleicht, wie viel Jugendkraft der von Krankheit untergrabene und verheerte Organismus noch besaß. Seine Wange färbte sich und seine Stimme wurde merklich kräftiger. Als ich endlich, da es dunkel wurde, die Lampe auf dem Tisch neben uns anzündete, sammelte er sich und begann folgendermaßen zu sprechen:

»Sie erinnern sich, daß ich Ihnen einmal wegen gewisser Experimente anlag. Mein Zweck war damals, die Stoffe zu entdecken, aus welchen sich das Specificum ausziehen läßt, das die Lebensorgane befähigt, Krankheiten auszutreiben und die Kräfte wieder herzustellen. In dieser Hoffnung suchte ich Ihre nähere Bekanntschaft, die Sie mir zwar zu Theil werden ließen, dann aber wieder zurückzogen.«

»Können Sie sich darüber beklagen? Wer und was war das Wesen, vor dessen Bekanntschaft ich zurückbebte?«

»Fragen Sie was Sie wollen,« versetzte Margrave, »aber später, wenn ich Kraft habe, darauf zu antworten. Jetzt dürfen Sie mich nicht unterbrechen, denn ich muß haushälterisch mit meiner Kraft umgehen, um Ihnen sagen zu können, was allein für mich und für Sie wichtig ist. Getäuscht in den Hoffnungen, die ich auf Sie gesetzt hatte, entschloß ich mich, nach Paris, diesem großen Brütofen aller kühnen Ideen, zu gehen. Ich erholte mich Raths bei gelehrten Formenmenschen und bei kecken Empirikern. Die Ersteren waren bei all ihrer gerühmten Gelehrsamkeit zu scheu, um meinen Ansichten Zugeständnisse zu machen, die Anderen trotz ihrer berechnenden Verwegenheit zu spitzbübisch, als daß ich zu ihren Folgerungen hätte Vertrauen gewinnen können. Nur einen Mann fand ich, einen Sicilianer, der etwas begriff von der sogenannten verborgenen Wissenschaft und den Muth besaß, der Natur und ihrem vollen Wirken ins Gesicht zu schauen. Er glaubte in gutem Ernst, dem Erfolg seiner Bemühungen nahe zu sein, als er in Folge von Verabsäumung der gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln, die jeder Anfänger in der Chemie getroffen haben würde, den Tod fand. Nach diesem Ereigniß wurde mir das Getümmel der großen Stadt verhaßt; denn all ihre sogenannten Vergnügungen dienten nur dazu, das Leben schneller aufzureiben. Die wahre Lust der Jugend ist die des wilden Vogels oder des wilden Thiers, wenn sie sich in der Vollkraft der Gesundheit der Natur erfreuen. In den Städten ist die Jugend nur übertünchtes Alter. Ich flüchtete mich nach dem Orient, lebte unter den Zelten der Araber und wurde – es liegt nichts daran, von wem oder wie – nach dem Haus eines Derwisch geleitet, einem Schüler des unterrichtetsten Meisters in den geheimen Wissenschaften, den ich selbst vor Jahren in Aleppo kennen gelernt hatte. Warum dieser Ausruf?«

»Fahren Sie fort. Ich kann, was ich zu sagen habe, später anbringen.«

»Von diesem Derwisch erzwang ich halb und erkaufte halb das Geheimniß, das ich zu erringen suchte. Ich weiß jetzt, aus welcher eigenthümlichen Substanz das sogenannte Lebenselixir ausgezogen wird, und kenne auch den Prozeß, der zum Ziel führt. Sie lächeln ungläubig? Was bezweifeln Sie daran? Sprechen Sie es aus, während ich mir eine kurze Ruhe gönne. Mein Athem ist so schwer; geben Sie mir noch etwas von Ihrer Arznei.«

»Brauche ich Ihnen meinen Zweifel erst auseinander zu setzen? Sie sagen, es stehe Ihnen das Lebenselixir zu Gebot, zu dem Cagliostro seinen Schülern das Recept nicht hinterlassen hat, und strecken Ihre Hand aus nach einem ordinären Stärkungsmittel, das Ihnen jeder Dorfbader reichen kann!«

»Dieser anscheinende Widerspruch ist leicht zu erklären. Der Prozeß, durch welchen das Elixir aus der den wirksamen Stoff enthaltenden Substanz ausgezogen wird, fordert eine Kühnheit, wie sie nur wenige besitzen. Der Derwisch, der ihn einmal durchgemacht hatte, war trotz aller meiner Bitten und Bestechungsversuche zu einer Wiederholung nicht zu bewegen. Er war arm, denn das Geheimniß, durch das die Metalle sich umwandeln lassen, ist nicht, wie die alten Alchymisten anzudeuten scheinen, identisch mit dem, welches das Lebenselixir gewinnen lehrt. Er hatte in der mageren Bodenschichte, auf welche seine Reisen beschränkt blieben, die herrliche Substanz nur in sehr spärlicher Menge auffinden können und daraus kaum so viel von dem Elixir gewonnen, als um das Gläschen, das ich eben leerte, zu einem Drittel zu füllen; deßhalb wollte er auch jeden Tropfen für sich selbst aufbewahren. Wenn nun Jemand ein gesundes Leben für das höchste Gut hält, so läßt sich von ihm nicht erwarten, daß er an Andere verschwende, was sein eigenes Dasein verlängert und auffrischt; er verkaufte daher an mich sein Geheimniß, wollte aber von dem Schatz selbst nichts an mich ablassen.«

»Jeder Quacksalber kann an Sie das Recept, nicht nur ein Elixir, sondern auch eine Sonne oder einen Mond zu machen, verkaufen, wenn er Ihnen dabei Gefahren in Aussicht stellt, welche Sie abhalten, den Versuch vorzunehmen. Wie wissen Sie, daß die Essenz des Derwisches wirklich das Lebenselixir war, da Sie allem Anschein nach die Wirkung der kostbaren Tropfen nicht an sich selbst erprobt haben? Aermlicher Thor, der mir einmal so furchtbar mächtig schien – müssen Sie zu den Antipoden reisen, um einen Arzneistoff aufzusuchen, der nur in den für die Unterhaltung der Kinder ersonnenen Mährchen existirt?«

»Das Lebenselixir ist kein Mährchen,« rief Margrave mit funkelndem Auge, einer Kraft der Stimme und einer Ausdehnung seines Körpers, die mich an dem eben noch so schwachen Menschen in Erstaunen setzte. »Es wirkte noch mit voller Macht in meinen Adern, als wir uns zum letztenmal begegneten. Einem Zug aus diesem goldenen Lebensborn verdankte ich Alles, was in der Schöpfung erfreuen kann. Welcher Büchergelehrte würde nicht gern sein langweiliges Wissen gegen die Lust vertauscht haben, die ich in der Natur fand? Welcher Monarch gäbe nicht bereitwillig seine Krone mit ihren quälenden Sorgen für den Strahlenglanz um meine Stirne, der aus dem Licht meines Inneren blitzte? Oh, wieder, wieder zu schwelgen in der freien Luft mit dem Vogel, in der Sonnenglut mit der Eidechse; mit den Blumen der Erde zu spielen als ein Liebling der Natur; in Wald und Wildniß entgegenzutreten dem Panther und dem Löwen, der Tapferste und Stolzeste in der Natur, ihr Erstgeborener, der Erbe ihres Reichs, in dem ihre übrigen Kinder nur seine Sklaven sind!«

Während diese Worte über seine Lippen strömten, gab sich an diesem räthselhaften Wesen eine wilde Größe kund, wie ich sie nie selbst in der Glanzzeit seiner blendenden Jugend an ihm wahrgenommen hatte. Und in seiner Sprache, in den durch sie ausgedrückten Gedanken lag ein Ernst, eine Kraft und eine Bestimmtheit, welche in den unstäten Reden seiner früheren Tage nie bemerkt wurden. Ich erwartete, daß diesem leidenschaftlichen Ausbruch eine entsprechende Erschöpfung folgen würde; aber er fuhr nach kurzer Pause in stetigem Tone zu sprechen fort. Sein Wille hielt seine Kraft aufrecht. Er war entschlossen, mir seine Ueberzeugung aufzudrängen, und die einst so reiche Vitalität loderte neu auf unter dem Einfluß seines glühenden Verlangens.

»Ich versichere Ihnen,« nahm er mit ruhiger Ueberlegung wieder auf, »daß ich vor Jahren an meiner eigenen Person die Essenz als ein souveränes Mittel erprobte. Einen Beweis für seine treffliche Wirksamkeit gibt Ihnen mein Ich, wie Sie es in L– – sahen. So schwach und elend ich auch jetzt bin, befand ich mich doch in einem weit hoffnungsloseren Zustand, als mich das Elixir wieder herstellte. Der Mann, von dem ich das herrliche Belebungsmittel erhielt, starb, ohne das Geheimniß seiner Zusammensetzung zu enthüllen. Der Vorrath reichte nur zu, um die Lampe meines Lebens aufzufrischen und sie dann langsam wieder erlöschen zu lassen – kein Tropfen blieb mir übrig, um das Licht wieder zu erneuen, das sich erschöpfen muß in den Ausstrahlungen, mit welchen es die Luft vergoldet. Obgleich der Derwisch mir seinen Schatz nicht verkaufen wollte, erlaubte er mir doch, ihn zu sehen. Farbe und Geruch der Essenz sind von besonderer Eigenthümlichkeit, so daß der Erfahrene sich nicht täuschen kann. Kurz, ich erkannte in den Händen des Derwisches denselben glänzenden Lebenserneuerer, den ich der Leiche des Weisen von Aleppo abgenommen hatte.«

»Halt! So sind Sie in Wahrheit der Mörder Haruns und Ihr eigentlicher Name ist Ludwig Grayle?«

»Ich bin kein Mörder, und Ludwig Grayle hat mir seinen Namen nicht hinterlassen. Ich beschwöre Sie, wenigstens heute Abend mich nicht mit den Fragen zu behelligen, die Sie an mich zu richten wünschen.

»Als ich sah, daß dieser hartnäckige Bettler das besaß, für was die blassen Besitzer von Millionen bei dem ersten Geiergriff der Gicht oder Lähmung gerne selbst zu Bettlern würden, sehnte ich mich natürlich nach der Essenz noch mehr, als nach der Kenntniß des Stoffes, aus dem sie bereitet wird. Zwar fürchtete ich mich nicht vor dem Experiment, das dieser schüchterne Schwachkopf nicht zu erneuern wagte; aber der Versuch konnte mißlingen, und ich mußte über Land und Meer reisen, um einen passenden Platz dafür zu finden. Der Derwisch hatte das gelungene Resultat des Processes unter seinen Lumpen versteckt. Der Mann argwöhnte meinen Plan und fürchtete meine Macht; er entfloh in derselben Nacht, in welcher ich das, was er mir nicht verkaufen wollte, in meinen Besitz zu bringen beabsichtigte. Ich hätte im Grunde ihm damit kein großes Unrecht zugefügt; denn ich würde ihm Reichthum genug zurückgelassen haben, so daß er im Stande gewesen wäre, überall hinzureisen, wo sich das Material für das Elixir in Fülle befand, und die Lebenslust verlieh dann dem zaghaften Menschen wohl den Muth, den ihm entrissenen Vorrath zu erneuern. Ich hatte Araber in meinem Sold, die meinen Winken gehorchten wie die Hunde ihrem Herrn, und setzte dem Flüchtling nach, bis ich, seiner Spur folgend, in einem ärmlichen Dorf zu einem Haus gelangte, in das er, wie man mir sagte, nur eine Stunde früher eingetreten war. Es dunkelte bereits, und das Zimmer war nur unvollkommen erhellt. Ich sah in einer Ecke eine Gestalt, welche ich für die des Derwisches hielt, beugte mich zu ihr nieder, um sie zu fassen, und meine Hand griff auf eine Schlange. Der listige Mensch hatte seine Lumpen so ausgehäuft, daß sie seine Figur nachbildeten, und statt des Lebengebers den giftigen Wurm des Todes zurückgelassen.

»Meine kräftige Constitution ließ mich die Wirkung des Giftes überleben; aber während der Starrsucht, die mich nach dem Biß befiel, unterließen es meine erschreckten Araber, die Beute weiter zu verfolgen. Endlich konnte ich, obschon noch sehr geschwächt, wieder zu Pferd steigen. Ich nahm meine Nachsetzung wieder auf und kam dem Flüchtling abermals auf die Spur. Ich hatte – diesmal aus einer Quelle, die sicherer ist, als menschliches Wissen – erkundet, daß er sich in einem Dorf aufhalte, das an der Stelle einer vordem berühmten assyrischen Großstadt stand. Wohl warnte mich dieselbe Stimme, welche mir seinen Aufenthalt eingab, und rieth mir von weiterer Verfolgung ab; doch ich achtete nicht darauf. Mein Entschluß stand fest, und ich glaubte meiner Beute sicher zu sein. Als ich das Dorf erreichte, fühlte ich mich erschöpft, denn seit dem Biß der Schlange waren meine Kräfte nicht mehr wie früher. Der Derwisch wich mir wieder aus; er hatte nur einige Minuten vor meiner Ankunft die Hütte verlassen, in der ich jetzt ermüdet zusammenbrach. Der Teppich, auf dem er geruht, lag noch auf dem Boden. Ich schickte die Jüngsten und Rüstigsten meines Gefolges aus, um den Flüchtling zu suchen, und schloß in der festen Ueberzeugung, daß er mir diesmal nicht entrinnen werde, meine Augen zum Schlummer.

»Wie lange ich schlief, weiß ich nicht – ein langer Traum von Verlassenheit, Fieber und Qual. War es der Fluch des Derwischteppichs? Lag Ansteckung in den Wänden des Hauses oder in der Luft, die Krankheiten brütet über Plätzen, wo Städte begraben liegen? Ich weiß es nicht; aber in meinem Schlummer hatte mich die Pest des Orients ergriffen. Als ich wieder zur Besinnung kam, fand ich mich allein, und meiner Waffen sowohl, als des Goldes, das ich bei mir geführt, beraubt. Alle hatten mich aufgegeben und verlassen, wie die Lebenden von dem Todten weichen, welcher der Pest als Opfer verfiel. Sobald ich wieder stehen konnte, kroch ich fort von dieser unheilvollen Schwelle. Wie sich meine Stimme hörbar machte und mein Gesicht sich zeigte, erhob sich die ganze schmutzige Bevölkerung gegen mich wie gegen ein wildes Thier, einen wüthenden Hund. Mit Steinen und Flüchen wurde ich von dem Platz fortgejagt als ein Elender, den die Pest ergriff, während er Anschläge schmiedete gegen das Leben eines heiligen Mannes. Zerbeult und blutend, aber doch voll Trotz, gerieth ich in Zorn gegen das verächtliche Gesindel, das überall meinen Pfaden auswich. Ich kannte das Land auf eine ansehnliche Entfernung hin, da ich mich vor langen, langen Jahren hier aufgehalten hatte, und kam endlich auf den Weg, welchen die nach Damaskus ziehenden Karavanen einzuschlagen pflegen. Dort wurde ich sprachlos und dem Anschein nach ohne Leben von einigen europäischen Reisenden aufgefunden. Sie brachten mich nach Damaskus, wo ich wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte. Ohne die Kraft der Essenz, die noch in meinen Adern fortwirkte, hätte ich erliegen müssen, obschon ich mich nur mit diesem elenden, geschwächten Zustand durchrang. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich jetzt alle Hoffnung aufgab, den Derwisch zu entdecken. Ich hatte wenigstens sein Geheimniß, obschon mir der dürftige Vorrath, den er für seine eigene Nutzung sich angefertigt, entgangen war. Die Hülfsmittel, die er mir als nöthig bezeichnete, sind im Orient viel leichter aufzufinden, als in Europa. Um zum Schluß zu kommen – ich bin hier, ausgerüstet mit all dem erforderlichen Wissen und versehen mit dem nöthigen Material, um zu Ihnen sagen zu können: ›Hat ein neues Leben mit seiner reichsten Lust Interesse für Sie, wenn auch nicht um ihrer selbst, so doch um eines Wesens willen, das Sie lieben und das Sie dem Grab entreißen können? Dann betheiligen Sie sich an dem Geschäft, das in einer einzigen Nacht vollbracht sein wird, und erringen Sie einen Preis, durch den Sie das Leben, das Ihnen am theuersten ist, dem Staub und den Würmern entreißen können, auf daß es fortbestehe in stets blühender Jugend, während bereits jedes Kind, das in dem Augenblick, in welchem ich spreche, das Licht der Welt erblickt, wird zu Grabe getragen sein.‹ Ha, wo hat das Leben eine Grenze, so lang die Erde die Substanz birgt, welche das Leben erneuert?«

Ich gebe Margrave's Worte so treu, als ich sie mir noch zu vergegenwärtigen vermag. Aber wer kann aus dem kalten niedergeschriebenen Ausdruck, und käme er aus der Feder des vollendetsten Meisters der Sprache, sich die Wirkung vergegenwärtigen, die sie, noch warm von dem Athem des Sprechers, hervorbrachten? Frage man einen von den Zuhörern, welche irgend ein gewaltiger Redner fesselte, warum seine Worte nicht auch beim Lesen den Herzschlag beschleunigen, und die Erwiderung wird lauten: »Die Rede gewann ihren Zauber aus der Stimme und dem Auge, dem Aussehen, den Manieren, der ganzen Persönlichkeit des Sprechers.« So erging es mir mit dem unbegreiflichen Wesen vor mir. Obschon seine Jugend entschwunden und seine Schönheit verblichen war, obschon mein Verstand sich empörte gegen seine dreisten Meinungen und Behauptungen, behielt er mich dennoch in seinen Banden; er war noch immer der mystische Zauberer und, wenn die Sagen von Magie eine wahre Grundlage hatten, der geborene Magier, wie dem Genie in was immer für einem Beruf die Gabe angeboren ist, uns hinzureißen und zu unterwerfen.

Ich that mir Zwang an, ruhig zu antworten und sagte:

»Sie haben mir Ihre Geschichte erzählt und den Zweck des Experiments auseinander gesetzt, für das Sie meine Beihülfe wünschen. Sie thun wohl daran, daß Sie mich meine Antworten und Fragen verschieben heißen. Suchen Sie die Kraft, die Sie so sehr angestrengt haben, durch Schlaf wieder zu ersetzen. Morgen – –«

»Morgen, eh' der Abend kömmt, muß es entschieden sein, ob der Mann, den ich auf der ganzen Erde zu meiner Hülfe ausersehen, der Feind sei, der mich dem Untergang überantworten will! Ich sage Ihnen einfach, daß ich Ihren Beistand, Ihren raschen Beistand brauche. In drei Tagen wird alle Hülfe zu spät sein.«

Ich hatte bereits die Thüre des Gemachs erreicht, als er mich wieder zurückrief.

»Sie wohnen nicht in dieser Hütte, sondern dort bei Ihrer Familie. Sagen Sie ihr nicht, daß ich hier bin. Wie ich jetzt bin, soll mich Niemand sehen, als Sie. Wenn Sie fortgehen, schließen Sie die Thüre ab. Ich könnte kein Auge schließen, wenn ich mich nicht vor Eindringlingen sicher wüßte.«

»Es befindet sich in meinem Haus oder in dieser Gegend nur eine Person, die ich von Ihrem Verbot ausgenommen wissen möchte. Sie fühlen selbst die hohe Gefahr Ihres Zustandes; das Leben, das Sie durch die Mittheilung des Derwisches ins Unendliche verlängern zu können hoffen, scheint vom ärztlichen Standpunkt aus betrachtet nur noch an einem Faden zu hängen. Ich habe mir zwar bereits meine Ansicht gebildet über die Natur der Krankheit, die ihre Kräfte verzehrt, möchte sie aber doch mit der eines Mannes vergleichen, der an Erfahrung und Geschicklichkeit über mir steht. Erlauben Sie mir also, wenn ich morgen zu Ihnen zurückkehre, den großen Arzt, den ich meine, mitzubringen. Sein Name ist Ihnen vielleicht nicht unbekannt. Ich spreche von Julius Faber.«

»Ein Arzt der Schule! Ich kann mir zum Voraus denken, wie gelehrt er schwatzen und wie wenig er zu leisten im Stande sein wird. Aber ich habe nichts gegen seinen Besuch einzuwenden, wenn er Sie zufrieden stellt. Soll ich übrigens unter den Händen der Doktoren sterben, so muß es mir immerhin gestattet sein, meiner eigenen Grille nachzuhängen und meine Hoffnung auf den Derwisch zu setzen. Bleiben Sie noch. Sie haben ohne Zweifel mit diesem Julius Faber, Ihrem Kollegen und Freund, schon über mich gesprochen? Wenn Sie ihn herbringen wollen, so müssen Sie mir die Zusage geben, daß Sie ihm meinen Namen nicht nennen, auch nichts von der Geschichte, die ich Ihnen erzählte, oder von der Hoffnung, die mich hieher führte, mittheilen wollen. Mögen Sie mich immerhin im gegenwärtigen Augenblick für einen von einem Hirngespinnst bethörten Menschen ansehen; was ich Ihnen eröffnete, vertraute ich Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit, auf die ein Patient ein Anrecht hat bei dem Arzt, dem er sein Vertrauen schenkt. Sie sind der Mann meiner Wahl, nicht Julius Faber.«

»Es soll geschehen, wie Sie wünschen,« versetzte ich nach kurzem Besinnen. »Von dem Augenblick an, in welchem Sie sich als meinen Patienten erklären, bin ich verpflichtet, Alles in Erwägung zu nehmen, was zu Ihrem Besten dient. Auch werden Sie eine bessere Meinung von einem Gutachten gewinnen und mehr Nutzen daraus ziehen, wenn es nur auf Ihre rein physische Constitution gründet, als wenn Sie der Vermuthung Raum geben könnten, der darauf gebaute Rath sei mehr gegen eine geistige, als gegen eine leibliche Krankheit gerichtet.«

»Wie erstaunt und entrüstet wird Ihr Herr Kollege sein, wenn er mich dann zum zweitenmal sieht. Ich höre ihn schon, wie er aus allen Regeln der Wissenschaft und der Natur den gelehrten Beweis führt, daß ich todt sein sollte!«

Diesen Scherz warf er mit einem matten, traurigen Wiederhall seines alten, fröhlichen Lachens hin; dann kehrte er sein Gesicht gegen die Wand, und ich überließ ihn der Ruhe.

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