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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 74
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Dreiundsiebenzigstes Kapitel.

Monate um Monate waren entschwunden seit der mondhellen Nacht, in welcher Lilian sich der kalten Luft ausgesetzt hatte, um auf meine Rückkehr zu harren. Ich habe gesagt, von jener Zeit an habe ihre Gesundheit zu leiden angefangen: aber auch in ihrem Geist ging zusehends eine langsame Umwälzung vor sich. Sie versank weniger häufig in ihre Visionen, und wenn sie noch vorkamen, dauerten sie nicht so lange. Auch zeigte ihr sanftes Gesicht nicht mehr jene himmlische Heiterkeit, welche sonst ihre Träume begleitete, sondern statt ihrer einen Ausdruck von Angst und Unruhe. Sie wurde stiller, als je zuvor, und wenn sie sprach, zuckten hin und wieder Blitze der Erinnerung auf. Sie konnte bisweilen zusammenfahren, wenn man auf Ereignisse oder Scenen aus ihrer Kindheit anspielte, und mehr als einmal redete sie von unbedeutenden Ereignissen oder diesem und jenem Bekannten in L– –. Endlich schien sie auch Frau Ashleigh als ihre Mutter zu erkennen, nie aber mich als Allen Fenwick, ihren Bräutigam. Ein oder zweimal erzählte sie mir von ihrem Geliebten wie von einer mir fremden Person und bat mich, sie nicht zu täuschen, sondern ihr offen zu sagen, ob sie ihn wohl je wieder sehen werde. In dieser neuen Phase ihres Zustandes trat auch eine Veränderung in ihrem Wesen auf, die mich in tiefster Seele schmerzte. Früher war ihr immer meine Gegenwart willkommen gewesen; jetzt aber traten Stunden, mitunter wohl auch Tage ein, in welchen ihr meine Anwesenheit augenscheinlich zuwider war. Sie wurde, wenn ich leise ins Zimmer trat, unruhig, machte mir Zeichen, daß ich mich entfernen solle, und gerieth, wenn ich nicht sogleich gehorchte, in noch größere Aufregung, während sie sich wieder beruhigte, so bald ich das Zimmer verlassen hatte.

Faber suchte unaufhörlich meinen Muth aufrecht zu erhalten und meine Hoffnung zu beleben, indem er mich an seine Vorhersage erinnerte – daß nämlich eine körperliche Krankheit die schließliche Wiederherstellung ihres Verstandes einleiten werde.

»Geben Sie Acht,« sagte er; »ihr Geist wurde zuerst aus seinem Schlummer geweckt durch den liebevollen, nicht unterdrückbaren Drang des Herzens. Sie waren abwesend – das Gewitter machte sie unruhig – sie vermißte Sie – fürchtete für Sie. Die nicht entfremdete, sondern nur in ihrem Innern verborgene Liebe zog ihre Gedanken in die Richtung bestimmter menschlicher Spuren. Und so waren die Worte, die sie Ihrer Aussage zu Folge sprach, als Sie wieder vor ihr erschienen, Worte der Liebe, zwar noch unregelmäßig angeschlagen, wie wenn der Wind durch die Saiten einer Harfe fährt, aber doch erdröhnend aus den Saiten der geweckten Erinnerung. Dieselbe ungewohnte Aufregung in Verbindung mit dem Umstand, daß sie sich so lange der kalten Nachtluft ausgesetzt hatte, erklärt auch die Erschütterung ihres physischen Systems und den allmählig sich darnach entwickelnden Schwächezustand.«

»Ja; und der Schatten, den wir beide an der Flurwand sahen – was ist dieser?«

»Gibt es nicht vollkommen glaubwürdige Berichte über das auffallende Zusammentreffen zwischen individuellen Eindrücken, die durch die Sympathie hervorgerufen werden, und können nicht die meisten Aerzte von ausgedehnter Praxis aus ihrer Erfahrung bestätigende Beispiele dafür beibringen? Ich weiß nun freilich nicht, wer zuerst mit diesem Schatten zu schaffen hatte, Sie oder Ihre Lilian. Vielleicht ist er ihr schon bei dem Mönchsbrunnen erschienen, ehe er sich Ihnen in dem Zimmer des Zauberers zeigte, und wie er zu Ihnen ins Gefängniß kam, mag er ihr auch Träume von Ihnen vorgespiegelt und sie dadurch in die Einöden verlockt haben. Und als Sie ihn innerhalb Ihres Hauses bemerkten, ließ Ihre so plötzlich aufgerufene Phantasie Sie ihn mit den Augen Ihrer Lilian sehen. Oder scheint Ihnen die Lehre von der Sympathie, ohne die doch die Liebe auf den ersten Blick, die unter euch beiden zutrifft, an sich schon ein unglaubliches Wunder wäre, unzulässig? Dann bleibt uns nichts übrig, als die früher von mir hingeworfene Muthmaßung weiter zu entwickeln. Besitzen gewisse Organisationen, zum Beispiel die des Margrave, das Vermögen, durch ungemessene Abstände auf die Einbildungskraft derjenigen zu wirken, über die sie sich einen Einfluß erzwungen haben? Ich weiß es nicht. Aber wenn es der Fall wäre, so finde ich nichts Uebernatürliches, sondern nur eine jener seltenen und ausnahmsweise vorkommenden Naturthätigkeiten darin, über welche wir nur unvollkommene, mit abergläubischem Blendwerk vermengte Zeugnisse besitzen, so daß man ihnen noch nicht genau auf die Spur gekommen ist, obschon das Wahre, das ihnen zu Grunde liegt, den Geist der geduldigen Forschung auf eine von den secundären Ursachen hinweisen dürfte, durch welche der Schöpfer die Natur auf den Menschen einwirken läßt.«

Die Unterhaltungen mit Faber wollten mich nachgerade durchaus nicht mehr befriedigen. Ich sehnte mich nach Erklärungen, da mich alles Rathen nur mehr und mehr verwirrte. Mit einer einzigen Ausnahme fand ich in seiner Familie keinen mich irgend ansprechenden Verkehr. Sein Neffe kam mir als eine sehr gewöhnliche Probe von einer höchst alltäglichen Menschennatur vor – ein junger Mensch von beschränkten Ideen, der den rechten Weg einer ordnungsmäßigen Moral ging, wenn nichts vorhanden war, um ihn auf einen unrechten zu verlocken. Dieselbe Begier nach Gewinn, die ihn bewogen hatte, in einer Gesellschaft, wo er Vorbilder dafür hatte, zu spielen und zu speculiren, drängte ihn nun im Busch zu gesunder, eifriger, nachhaltiger Arbeit. Spes fovet agricolas , Die Hoffnung kömmt dem Landmann zu statten. sagt der Dichter, und dieselbe Hoffnung, welche den Fisch an die Angel lockt, treibt auch den Pflug des Landwirths. Die junge Frau des Farmers war ihrem Mann etwas überlegen; sie besaß einen feineren Geschmack und einen gebildeteren Geist; aber der stete Umgang mit ihm zog sie natürlich in die niedere Sphäre seines eigenen Treibens und Trachtens herab. Außer dem Kind in der Wiege schien ihr nichts so wichtig zu sein, als daß die Schafe von der Räude und der Drehkrankheit bewahrt blieben. Es wunderte mich daher nicht wenig, daß ein Mann wie Julius Faber, der den Büchern und dem Leben ein so reiches Wissen verdankte und in dem Ringkampf der Geister selbst mit so hoher Auszeichnung thätig gewesen war, mit solcher Ruhe sich in die enge Spannweite des halbcivilisirten Daseins seiner Verwandten finden, ihrem alltäglichen Geschwätz ein Interesse abgewinnen und an der eintönigen Bauernwirthschaft sich ergötzen konnte. Als ich einmal diese meine Ansicht gegen ihn äußerte, antwortete er mir: »Mein Freund, glauben Sie mir, es gehört unter die glücklichsten Eigenschaften des Geistes, daß er, wie hoch er auch stehen mag, die Fähigkeit besitzt, sich in dem Realen behaglich und heimisch zu fühlen.«

Das einzige Wesen in der Familie Fabers, das mich interessirte und mit dem ich mich gern unterhielt, war das Kind Amy; denn bei aller Einfachheit der Rede und einem Geschäftseifer, der es dem Fleißigsten in die Wette that, erkannte ich in ihr einen ruhigen Adel des Gefühls, der ihre gewöhnlichsten Handlungen über die Alltäglichkeit des Lebens erhob. Sie besaß keinen frühreifen Verstand und trug sich auch nicht mit schwärmerischen Phantasien; aber sie hatte ein ungemein regsames Herz, das ihrem Pflichtgefühl Leben eingoß, so daß ihr selbst die Arbeit zu einem Genuß wurde. Sie fühlte aus tiefster Seele das Wohlwollen ihrer Umgebung und glaubte sich dafür nicht dankbar genug erweisen zu können. Selbst in dem Segen des Lebens, den sie mit der ganzen Schöpfung theilte, erkannte sie eine ausgezeichnete, unverdiente Gnade des Schöpfers, und so wurde ihr ganzes Sein zur Religion, weil sie voll Liebe war.

Meine Theilnahme an dem Kind steigerte sich durch die wehmüthige, nicht ganz vorwurfsfreie Erinnerung an die Nacht, in welcher ihr Schluchzen an mein Ohr drang – die Nacht, von der ich innerlich die geheimnißvollen Einwirkungen datirte, die meinen Geist und mein Leben von ihrem Thätigkeitsfeld und meiner Laufbahn losgerissen hatten. Aber ein edleres Interesse machte sie meinen Gedanken theuer in dem Vergnügen, das Lilian bei ihren Besuchen fühlte, und in dem innigen Verkehr, der sich zwischen der Leidenden und dem harmlosen Kind entspann. Wenn es oft uns, der Mutter und ihrem Gatten, nicht gelang, etwas zu begreifen, was Lilian augenscheinlich uns mittheilen wollte, wurde sie von dem unwissenden Kinde mit derselben Leichtigkeit verstanden, wie von Faber, dem grauhaarigen Denker.

»Wie kömmt dies?« fragte ich ungeduldig und eifersüchtig Faber. »Es heißt, die Liebe sei ein guter Dolmetscher, wo die Weisheit fehle, und Sie selbst reden von den Wundern, welche die Sympathie zwischen einem liebenden Paar hervorbringen könne; aber wenn es mir und eben so Frau Ashleigh oft tagelang nicht gelingt, einen Wunsch oder einen Gedanken von Lilian zu entziffern, so brauchen Sie oder Amy nur fünf Minuten mit ihr allein zu sein, um sie zu verstehen und verstanden zu werden.«

»Allen,« antwortete Faber, »Amy und ich, wir beide glauben an eine Seele, und da in ihr der Geist schläft, während ihre Seele wacht, so fühlt sie in diesem Glauben eine Sympathie, welche sie in dieser Richtung nicht gegen Sie und nicht einmal gegen ihre Mutter empfinden kann. Sie suchen nur vermittelst Ihres Geistes zu begreifen. Ihre Mutter hat wohl einen klaren Sinn, wo die gewöhnliche Erfahrung sie leiten kann; aber er verwirrt sich und verläßt sie, wenn er von dem regelmäßigen Pfad, den sie zu gehen gewohnt ist, abgehen muß. Amy und ich, wir können von der Seele auf die Seele schließen, und obschon wir uns meist mit der Erde begnügen, sind wir doch im Stande, uns gelegentlich zum Himmel aufzuschwingen. Wir beten.«

»Ach!« sagte ich halb traurig, halb ärgerlich, »wenn Sie so von dem Geist als einer von der Seele verschiedenen Wesenheit sprechen, so habe ich nur in jener Vision, die ich, wie Sie verlangen, für eine Täuschung meiner Phantasie halten soll, hervorgerufen durch chemische Dünste, die auf das Gehirn etwa in der Weise des Opium oder des Stickoxydulgases einwirken, den Silberfunken der Seele von dem Licht des Geistes geschieden gesehen. Und da ich, mag ich nun die Theorie von Locke, die von Condillac oder eine Lehre annehmen, welche mit ihren Consequenzen in den wunderbaren Spitzfindigkeiten eines Hume gipfelt, alle intellektuellen Ideen aus den Erfahrungen des Körpers ableite, so kann ich doch eine immaterielle Seele in der materiellen Substanz nicht entdecken, viel weniger ihr folgen, wenn sie dem organischen Stoff entwischt ist, in welchem das Prinzip des Denkens mit dem Prinzip des Lebens erlischt. Wenn der Metaphysiker, der die Unsterblichkeit des Denkvermögens behauptet, den Geist analysirt, so umfaßt seine Analyse den des Thiers, des Insektes sogar, eben so gut wie den des Menschen. Nehmen wir Reids Definition des Geistes als die umfassendste an, deren ich mich im Augenblick entsinnen kann. ›Unter dem Geist des Menschen verstehen wir das, was in ihm denkt, sich erinnert, schließt und will.‹ Aber damit werden dem Menschen diese Attribute nur in einem höheren Maße zugezählt, dem Thiere keineswegs abgesprochen. Das Thier, selbst ein Insekt, denkt, erinnert sich, schließt und will. »Sind Verstand und Instinkt trotz ihrer großen Verschiedenheit in ihrem relativen Verhältniß, wenn man den Menschen mit allen anderen Thieren vergleicht, da wie dort dieselbe Art von Thätigkeit? Wir müssen diese Frage unverholen mit Ja beantworten. Die Aeußerung Cuviers über die geistigen Vermögen der Thiere, ›Leur intelligence exécute des opérations de même genre,‹ ist im vollen Sinne wahr. Wir können den Verstand nicht so definiren, daß Handlungen ausgeschlossen werden, die sich jeden Augenblick unserer Beobachtung vergegenwärtigen und die, wie wir in vielen Beispielen finden, mit den natürlichen Instinkten der Species zusammenfallen. Das Thun und Verhalten des Hundes gegen seinen Herrn oder die verschiedenen Nutzungen, die ihm der Mensch abgewinnt, sind so streng logisch, wie diejenigen, welche wir in dem gewöhnlichen menschlichen Treiben wahrnehmen.« – (Sir Henry Holland, Kapitel über Psychologie, S. 220). Das ganze Kapitel über Instinkte und Gewohnheiten sollte im Zusammenhang mit der eben citirten Stelle nachgelesen werden. Das Werk selbst, das ebenso vorsichtig als gedankenreich ist, gehört unter die Arbeiten, für welche die Religion sowohl als die Philosophie den englischen Aerzten gleichen Dank schuldet. Wenige Naturforscher werden noch der Lehre beipflichten, daß alle geistigen Operationen der Thiere ausschließend von Instinkten abzuleiten seien, und selbst wenn sie's thun, so ist das Wort Instinkt so unbestimmt, ein so loser und weiter Begriff, daß er einen Abgrund umschließt, dessen Tiefen noch keine Wissenschaft erforscht hat. Und in der That werden auch in dem Verhältniß, in welchem ein Thier, der Hund zum Beispiel, durch den Verkehr Kultur annimmt, seine Instinkte schwächer und zuletzt sogar oft von dem Geiste, das heißt, den aus der Erfahrung geschöpften und entwickelten Ideen, überwunden. Deßhalb fühlt sich auch Doktor Abercrombie, wenn er behauptet, daß die Annahme, alles Geistige höre nach dem Tod zu existiren auf, während doch erfahrungsgemäß alles Körperliche fortbesteht, willkührlich sei und sich mit den Regeln der philosophischen Forschung durchaus nicht vertrage – mit seiner gewöhnlichen Offenheit zu bekennen genöthigt, daß seine Schlüsse ihm ein zukünftiges Leben auch der niedrigeren Thiere wahrscheinlich machen. Seine Worte sind: ›Gegen diese Art zu folgern ist eingewendet worden, daß sie auch zu Annahme eines immateriellen Prinzips bei den niederen Thieren führe, in welchen sich viele von den Erscheinungen des Geistes kund geben. Ich habe darauf nur zu antworten: sei es darum. Man findet an den niederen Thieren allerdings viele Phänomene des Geistes, und im Hinblick darauf können wir auch behaupten, daß sie ganz verschieden sind von Allem, was wir von den Eigenschaften der Materie wissen, und dies ist Alles, was der Ausdruck immateriell bezeichnen soll oder kann.‹ Abercrombie, über intellektuelle Vermögen, 15. Aufl. S. 25. Bin ich also, wenn ich den Geist des Menschen als immateriell und unvergänglich annehme, nicht auch genöthigt, dasselbe dem des Affen oder der Ameise zuzugestehen?«

»Ich gebe zu,« versetzte Faber mit seinem eigenthümlichen milden schalkhaften Lächeln, »daß es meinen Stolz nicht sehr empören würde, wenn ich dieses Zugeständniß machen müßte. Ich maße mir nicht an, der Güte des Schöpfers Schranken zu setzen, und könnte mir's recht wohl gefallen lassen, wenn mir, wie in der Vorstellung des Indianers:

›In jenem Himmel dort
Mein treuer Hund auch noch Gesellschaft leistet.‹

Sie sind zu vertraut mit den Werken jenes Titanen in Weisheit und Irrthum, Descartes, um sich nicht der interessanten Correspondenz zwischen dem höflichen Philosophen und unserem streitsüchtigen Landsmann Heinrich More Oeuvres de Descartes, vol. X, p. 178 et seq. Cousin's Edition. über diesen Gegenstand zu erinnern; und More kommt allerdings am Besten weg, wenn Descartes die von ihm sogenannte Thierseele auf einen ähnlichen Mechanismus beziehen will, wie ihn der Mensch aus unorganischen Stoffen herstellen kann. Der Aufwand von Gelehrsamkeit, welcher auf die unlösliche Frage verschwendet wurde, die von der Seelenlehre der niederen Thiere an die Hand gegeben wird, ist in der That zum Mindesten ein Beweis für die Alles erforschen wollende Schwungkraft des Menschengeistes, Tissot, der berühmte Professor der Philosophie in Dijon, gibt in seinem neuen Werke, La vie dans l'homme, p. 255, eine lange Liste von Philosophen, welche den niederen Thieren eine verständige Seele ( âme) beilegen, obgleich er treulich beifügt, »sie hätten nicht immer den Muth, ihre Ansicht zu vertreten.« denn wir besitzen ja eine ganze Literatur, welche den Bemühungen gewidmet ist, die Sprache der Thiere zu deuten. Man kann von der Ausdehnung, in welcher sich die Forschung und die Einbildungskraft mit diesem Gegenstand beschäftigte, einen Begriff gewinnen aus dem launigen Werk Pierquins de Gembloux, Idiomologie des Animaux, Paris, 1844. Dupont de Nemours hat entdeckt, daß die Hunde in Vokalen reden und, nur wenn sie zornig sind, sich zweier Zischmitlaute bedienen. Er behauptet, die Katzen wenden dieselben Vokale an: aber ihre Sprache sei reicher an Consonanten, indem sie außer den Zischlauten auch noch M, N, B, R, W und F hören lassen. Welche Mühe hat man sich nicht gegeben mit dem Gesang der Nachtigall. Ich erinnere mich, eine Aufzeichnung desselben, welche der Naturforscher Bechstein im Jahre 1840 veröffentlichte, gesehen zu haben; auch hörte ich eine mit einer vortrefflichen Stimme begabte Dame die geheimnißvollen Laute mit einem so ausgesuchten Pathos vortragen, daß man nicht umhin konnte, ihr zu glauben, wenn sie erklärte, sie verstehe die Bedeutung dieses Vogelgesangs, und dem Triller der Nachtigall die zarte Deutung ihres eigenen Frauenherzens unterlegte.

»Lassen wir übrigens allen diesen Diskussionen ihren Platz unter den Curiositäten der Literatur. Ich komme nun im Ernst an die Frage, die Sie so ernstlich erhoben haben; mir scheint der Unterschied zwischen dem Menschen und den niedereren Thieren in Betreff einer auf ein künftiges Dasein berechneten seelischen Natur und der geistigen, den Nutzungen eines irdischen Daseins dienenden Thätigkeit unaussprechlich klar zu sein. Ob Ideen oder sogar Begriffe angeboren sind oder ausschließlich aus der Erfahrung stammen, dies ist ein metaphysisches Thema, das ich, so weit es die Frage eines immateriellen Prinzips berührt, recht wohl bei Seite liegen lassen kann. Ich begreift, daß ein Materialist dem Menschen angeborene Ideen zugesteht, wie er ja auch den Instinkt der Thiere auf erbliche Anlage zurückbeziehen muß. Andererseits wissen wir, daß selbst sehr eifrige Gläubige an unsere seelische Natur jede angeborene Idee, selbst die der Gottheit, in Abrede ziehen.

»Aber nun kömmt mein Beweis. Ich kümmere mich nicht darum, wie Ideen gebildet werden; der wesentliche Punkt ist: wie bildet sich die Befähigung, Ideen aufzunehmen. Die Ideen mögen immerhin aus der Erfahrung stammen, aber die Befähigung, sie aufzunehmen, muß etwas Inhärentes sein. Ich ziehe das Wort Befähigung in seiner Einfachheit dem von Kant gewählten gelehrteren Ausdruck Receptivität vor und verstehe darunter das passive Vermögen, »Das Vermögen ist eine aktive, die Fähigkeit eine passive Kraft.« – Sir W. Hamilton, Vorlesungen über Metaphysik und Logik, Bd. I. S. 178. Ideen aufzufassen, mag nun das auffassende Individuum ein Mensch oder sonst ein lebendes Wesen sein. Der Mensch wie der Elephant besitzt die Befähigung, Ideen aufzunehmen, wie sie sich für die Stellung eignet, die der eine oder der andere in dem All einnimmt.

»Je mehr ich die Natur durchgehe, desto mehr finde ich, daß auf alle Varietäten des organisirten Lebens die Fähigkeit, Eindrücke aufzunehmen, mögen sie nun Wahrnehmungen oder Ideen heißen, sorgfältig und in einer Weise vertheilt ist, wie sie den Nutzungen des Einzelwesens entspricht. Ferner finde ich, daß der Mensch allein mit der Befähigung begabt ist, die Ideen eines Gottes, einer Seele, einer Gottesverehrung und eines Jenseits aufzugreifen. An den untergeordneten Thieren kann ich nirgends eine solche Befähigung wahrnehmen, selbst nicht, wenn ihr Geist durch die Kultur veredelt wird.

»Aber wo immer die Befähigung, Eindrücke aufzunehmen, in einer bestimmten Species von Geschöpfen so durchgreifend auftritt, daß man sie für diese Species als ein allgemeines Gesetz annehmen kann und sie bei einer anderen Species vergeblich gesucht wird, so kann ich aus der ganzen übrigen Natur den Analogieschluß ziehen, daß diese Befähigung von der Vorsehung ausdrücklich bestimmt wurde, dem Nutzen und der Erhaltung der Species zu dienen, welcher sie verliehen ist.

»Es ist keine Antwort für mich, wenn man mir entgegenhalten will, die dem Menschen verliehenen Fähigkeiten reichen an sich nicht aus, richtige Ansichten von der Gottheit oder einem Jenseits zu bilden, weil es deutlich in dem Plan der Vorsehung liegt, daß der Mensch alle seine Ansichten durch eigenes Studium und durch Beobachtung berichtigen und verbessern lerne. Man muß zuvor eine Hütte bauen können, eh' man an ein Parthenon gehen kann. Der Mensch beginnt mit dem Glauben des Wilden oder des Heiden und schwingt sich erst mit der Zeit zu dem des Philosophen und des Christen auf. Mit einem Wort, die Fähigkeiten geben uns nicht die unmittelbare Erkenntniß des Vollkommenen, sondern nur die Mittel, nach dem Vollkommenen zu streben. Und so sagt denn auch einer unserer gediegensten neueren Denker, dessen Vorlesungen Sie sicherlich in Ihren Universitätsjahren mit hohem Genuß angewohnt haben, sehr richtig: ›Daher sind auch die Wissenschaften, die aus dem Zustand der Ungewißheit fortschreitend sich zu heben bemüht sind, stets mit besonderem Interesse gepflegt worden. Absolute Gewißheit und absoluter Abschluß sind der Tod des Studiums, und das letzte, schwerste Unglück, das den Menschen befallen könnte, wäre jener endgiltige Vollbesitz der Wahrheit, nach der die Spekulation jetzt ringt in dem Wahne, in ihm das höchste geistige Glück zu erreichen.‹ Sir W. Hamiltons Vorlesungen, I, p. 19

»In allen den Befähigungen für die Aufnahme von Eindrücken aus der äußeren Natur, welche dem Menschen und nicht zugleich den Thieren verliehen sind, erkenne ich nun einen Beweis für das Vorhandensein der menschlichen Seele. Ich kann begreifen, warum das niedere Thier nicht die Fähigkeit besitzt, die Idee einer Gottheit oder Gottesverehrung zu erfassen – einfach deßhalb, weil das niederere Thier, selbst wenn ihm ein künftiges Leben beschieden sein sollte, darin vielleicht seiner Identität sich nicht bewußt bleibt. Ich kann sogar begreifen, warum die Sympathie, die wechselseitig unter den Menschen besteht und gemeiniglich mit dem Ausdruck Humanität bezeichnet wird, kein Eigenthum der geringeren Thiere oder es doch nur in seltenen, ausnahmsweise vorkommenden Fällen ist, selbst da, wo sie in Gemeinschaft leben, wie die Biber, die Bienen und die Ameisen; denn die Menschen sind bestimmt, in einem künftigen Leben sich wieder zu begegnen, zu kennen und zu lieben, während das Band zwischen den Thieren hienieden seine Endschaft erreicht.

»Je mehr wir also auf die Fähigkeiten eingehen, die ausschließlich nur dem Menschen innewohnen, desto mehr sehen wir sie sich von denen anderer Thierklassen durch das Erfassen von Dingen auszeichnen, die jenseits dieses Erdenlebens liegen. ›Der Mensch allein,‹ sagt Müller, ›kann sich abstrakte Begriffe bilden,‹ und auf diese abstrakten Begriffe – zum Beispiel Zeit, Raum, Stoff, Geist, Licht, Form, Quantität, Wesenheit – gründet der Mensch nicht nur all sein Wissen und seine Philosophie, sondern überhaupt Alles, was eine Generation praktisch zum Besten einer nachkommenden vollbringt. Und warum? Weil alle diese abstrakten Begriffe unbewußt den Geist von der Materie ab- und dem Immateriellen zuführen – so von der Gegenwart zu der Zukunft. Wenn nun der Mensch mit seinem Verschwinden im Grab zu existiren aufhörte, so müßten Sie behaupten, er sei das einzige Geschöpf, welches die Natur oder die Vorsehung durch Fähigkeiten, denen kein verstandesmäßiges Objekt entspricht, zu täuschen und zu betrügen sich herabgelassen habe. Wie edel und wahr spricht sich Chalmer darüber aus: ›Welche Folgerung können wir aus dem merkwürdigen Naturgesetz ziehen, daß nichts überflüssig und bedeutungslos ist in den Gefühlen und Fähigkeiten, mit welchen die lebenden Wesen begabt sind? Für jede Begierde haben wir einen entsprechenden Gegenstand; für jedes Vermögen ist entweder in der Gegenwart oder in einer späteren Zukunft Raum und Gelegenheit zur Uebung gegeben. Was nun aber die Lehre von der Unsterblichkeit betrifft, so würde der Mensch eine Ausnahme von diesem Gesetz machen und als eine Regelwidrigkeit in der Natur dastehen mit dem Trachten seines Herzens, für das im All sich kein Anhaltspunkt böte, mit der Fähigkeit, zu begreifen und zu denken, ohne daß in der ganzen Geschichte seines Daseins ihm ein Objekt von entsprechender Größe begegnete!‹

»›Bei den niederen Thieren besteht eine gewisse ebenmäßige Ausgleichung zwischen dem Begehren und seiner Befriedigung, so daß diese sich ganz nach der Empfänglichkeit für den Genuß richtet. Anders verhält sich's bei dem Menschen, der bei dem weiten Umfang seiner Neigungen und Kräfte sich überall beengt und gefesselt fühlt. Er allein empfindet mit Unbehagen das Mißverhältniß zwischen den Umständen und seinen Kräften, und wenn seiner in einem vorgerückteren Zustand des Daseins nicht neue Umstände harrten, so stünde er, die edelste von den Schöpfungen der Natur, als der größte Fehlgriff derselben da.‹ Chalmers, Bridgewaterabhandlung, Bd. II. p. 28, 30. Ich muß bemerken, daß hier wie anderwärts in den Dialogen zwischen Faber und Fenwick die Stellen der betreffenden Autoren citirt sind – ein Verfahren, das mir zweckmäßiger erschien, als wenn ich nur die Umrisse aufgeführt hätte, wie sie den Sprechenden die Erinnerung eingab.

»Den Beweis für die Menschenseele suche ich also nicht darin, daß er einen Geist hat, den wir, wie Sie richtig bemerken, obschon nur in untergeordneterem Grad auch bei den Thieren finden, sondern darin, daß er, sobald er einmal sich abstrakte Ideen bilden kann, die Fähigkeit besitzt, die Wahrheiten zu begreifen, welche nicht der bloßen Selbsterhaltung dienen und daher dem Ochsen und dem Opossum dort versagt sind – ich meine die Natur der Gottheit – die Seele – das Jenseits. Und das Erkennen dieser Wahrheiten bildet die Grundlage der menschlichen Gesellschaft, welche durch ihre stetige und fortschreitende Verbesserung der von den Vorfahren ererbten Ideen den gesellschaftlichen Zustand der Biber, der Bienen und der Ameisen so weit übertrifft. So bietet also diese Welt in Wahrheit den Menschen einen großen Nutzen durch den Glauben an eine andere, während die Gesellschaft der Thiere durch alle Zeiten sich gleich bleibt; denn aller Wahrscheinlichkeit nach hat seit der allgemeinen Fluth weder der Biber noch die Biene einen Fortschritt gemacht.

»Doch der Ueberzeugung von diesen Thatsachen schließt sich nothwendig der Drang zum Gebet und zur Gottesverehrung an. Es hat keinen Einfluß auf meine Auseinandersetzung, wenn ein Philosoph von der Schule Bolingbroke's oder des Lucrez sagt, ›das Gebet habe seinen Ursprung in der Unbekanntschaft des Menschen mit den Erscheinungen der Natur.‹ Auf die Einwendung, daß es Furcht oder Unwissenheit sei, ›was den Schwachen sich beugen und den Stolzen beten lehre, wenn die Berge wanken und der Boden stöhnt,‹ antworte ich: die Naturerscheinungen machen auf die Thiere einen weit mächtigeren Eindruck, als auf den Menschen; der Vogel und das Thier des Feldes weiß es vor uns, wenn der Berg wanken oder die Erde dröhnen will, und ihr Instinkt lehrt sie Schutz suchen; aber zum Beten werden sie dadurch nicht veranlaßt. Wenn meine Theorie richtig ist, daß man die Seele nicht in der Frage zu suchen hat, ob geistige Ideen angeboren seien oder durch die Erfahrung, durch die Sinne, durch die Association und die Gewohnheit gebildet werden, sondern in der inhärenten Befähigung, Ideen aufzunehmen, dann ist die dem Menschen allein ertheilte Fähigkeit, aus der Natur selbst die Idee einer über der Natur stehenden höheren Macht aufzugreifen, mit der sich ein Verkehr herstellen läßt, ein Beweis, daß nur dem Menschen der Schöpfer sein Dasein durch die Natur selbst kund thut und daß nur dem Menschen die Gottheit den Verkehr mit ihr gestattet, der aus dem Gebet hervorgeht.«

»Selbst wenn sich dies so verhielte,« entgegnete ich, »ist nicht der Schöpfer allwissend? Wenn er nun Alles weiß, Alles vorhersieht, Alles anordnet, kann dann das Gebet seines Geschöpfes etwas ändern an den Wegen seines Willens?«

»Zu Beantwortung dieser Frage,« versetzte Faber, »die von den klugen Weltmenschen so oft gestellt wird, sollte ich Sie eigentlich an die Theologen verweisen; sie haben den Grübler in triumphirender Weise über diese Fuhrt des Zweifels weggebracht, welche, wie die tägliche Erfahrung lehrt, dem Kind keine Schwierigkeit bereitet. Da wir aber hier in der Wildniß nicht die betreffenden Bücher haben, so will ich die Erwiederung als eine nothwendige und logische Folgerung aus den Sätzen ableiten, die ich auf eine einfache Beobachtung der Natur zu gründen gesucht habe. Ueber die Allwissenheit Gottes oder über die Art, wie er seinen Willen durchsetzt, kann ich mir nur Vermuthungen bilden aus der Beobachtung seiner allgemeinen Gesetze, und von allen seinen Gesetzen kenne ich kein allgemeineres, als das, welches in den Menschen den Drang des Gebets gelegt hat – welches die Natur so wirken läßt, daß alle ihre Phänomene, wie erschütternd und vorganglos sie auch sein mögen, das Thier nicht zum Beten veranlassen können, wohl aber den Menschen dazu drängen, natürlich stets unter der Voraussetzung, daß dieser Mensch kein Philosoph ist. Damit will ich den Philosophen nicht zu nahe treten, da wir selbst ihren abenteuerlichen Muthmaßungen hoch zu Dank verpflichtet sind, sondern ich komme einfach darauf zu sprechen, weil für alle Impulse des Menschen in der Natur ein Grund sich findet, den keine Philosophie wegerklären kann. Ich mag mir nicht damit den Kopf zerbrechen, daß ich Gottes Allwissenheit mit meinen endlichen Vorstellungen zu binden und zu begrenzen suche, sondern begnüge mich mit dem Glauben, er habe es auf irgend eine Weise mit seiner Allwissenheit verträglich gemacht, daß der Mensch dem Impuls gehorche, welcher in ihm den Glauben weckt, wenn er sich an die Gottheit wende, so wende er sich an einen erbarmenden liebevollen Vater, und dieser Gehorsam werde wohlthätige Folgen nach sich ziehen. Ist dieser Impuls eine Täuschung, so müssen wir sagen, daß der Himmel die Erde durch eine Lüge beherrsche; dies ist aber unmöglich, weil aller Analogie zu Folge in der Natur Wahrheit liegt – das heißt, die Natur gibt keinem Leben Instinkte oder Triebe, die ihm nicht von Nutzen sind. Wäre ich nicht ein trauriger Arzt, wenn ich in der menschlichen Organisation ein Princip oder eine Eigenschaft so allgemein fände, daß ich annehmen muß, sie gehöre zu den gesunden Bedingungen dieser Organisation, aber in Abrede ziehen wollte, daß die Natur eine Nutzung damit beabsichtigt habe? Und müßte ich nicht vermöge eines Analogieschlusses sagen, daß eine stetige Vernachlässigung dieser Nutzung das harmonische Wohlbefinden des ganzen Menschen zu beeinträchtigen geeignet sei? Ich könnte über diesen Streitpunkt noch viel beibringen, denn Ihre Annahme würde das göttliche Erbarmen durch die Nothwendigkeit der göttlichen Weisheit in Bande schlagen und an die Stelle einer wohlwollenden Gottheit ein rücksichtsloses Fatum setzen; aber dies läge außerhalb meines Bereichs, da ich kein Theolog bin. Mir genügt, daß in aller Bedrängniß, in allem Wirrsal ein innerer Drang, dem ich wie einem Instinkt gehorche, mich zum Gebet leitet. Finde ich aber aus der Erfahrung, daß mein Gebet erhört, der Bedrängniß abgeholfen und der Zweifel gelöst wird? Es wäre dies eine anmaßende Behauptung. Doch liegt jedenfalls keine Anmaßung in dem Gedanken, daß in Folge der Gebetswirkung mein Herz gestärkt wird im Leid, und mein Verstand sich ruhiger fühlt in Mitte der Zweifel.«

Ich hörte ihm zu ohne Gegenrede. War's mir doch, als ob in dieser Einsamkeit und in der Entfernung von meinen gewohnten geistigen Geschäften mein Verstand selbst erschlaffe und seine alten Waffen rostig würden aus Mangel an Gebrauch. Mein Stolz scheute zurück. Von Jugend auf war mir stets die Idee des Ruhms vorgeschwebt, und ich hatte mir so viel eingebildet auf mein Forschen nach Erkenntniß, daß ich mich entsetzte vor dem Gedanken, alles dies solle jetzt vorüber sein. Ich beschloß daher, die mir früher so theuren philosophischen Studien wieder aufzunehmen und das Werk, von dem ich mir so viel Ruhm versprochen, durchzusehen und zu vervollständigen. Gleichzeitig bemächtigte sich meiner ein rastloses Verlangen, wenn auch nur für kurze Fristen mit anderen Geistern, als denjenigen in meinem unmittelbaren Bereich – mit Geistern zu verkehren, die frisch aus der alten Welt kamen und mir die Erinnerungen ihrer lebenvollen Civilisation wieder vorführten. Auswanderer kamen häufig an meinen Thüren vorbei; aber ich hatte mich bisher gescheut, ihnen die Gastfreundschaft zu Theil werden zu lassen, die man sonst so allgemein in der Kolonie gewährte. Ich konnte es nicht ertragen, den traurigen Zustand Lilians vor rauhen Fremden zu enthüllen, und ihrer Mutter erging es ebenso. Jetzt ließ ich hastig einige hundert Schritte von meiner Wohnung und in der Nähe des Hauptpfads, welchen die Reisenden durch das weite Waideland einschlugen, ein Blockhaus errichten, nach welchem ich meine Bücher und meine wissenschaftlichen Instrumente schaffte. In einem oberen Stock fanden meine Teleskope und Linsen, meine Tigel und Retorten ihren Platz. Ich nahm meine chemischen Experimente wieder auf, suchte meinen Geist durch andere, bisher weniger von mir gepflegte Wissenszweige aufzufrischen, ersann neue Theorien über das Licht und die Wärme, sammelte Naturalien, beobachtete Infusionsthierchen unter dem Microscop und untersuchte geologische Fossilien mit dem Hammer. Durch diese Denkübungen hoffte ich mir meinen Gram aus dem Sinn zu schlagen und meinen Verstand gegen die Täuschungen meiner Phantasie zu stählen. Der leuchtende Schatten erschien nicht mehr an der Wand und selbst der Gedanke an Margrave wurde aus meiner Erinnerung verbannt.

In diesem Gebäude verbrachte ich jeden Tag viele Stunden und versenkte mich immer tiefer und tiefer in abstrakte Studien, je entschiedener sich Lilians unerklärlicher Widerwille gegen meine Nähe aussprach. Sobald ich nicht mehr denken durfte, daß mein Leben das ihrige aufheitere und tröste, war die Beschäftigung meines Herzens dahin. Ich hatte in dem Blockhaus dem Zimmer, das mir diente, ein Paar andere anbauen lassen, in denen ich vorüberziehende Fremde unterbringen konnte; denn ihre Ankunft war mir jetzt willkommen, und ich sah sie nur mit Bedauern wieder scheiden, obschon sie meist nur zur gewöhnlichen Klasse der Colonialabenteurer gehörten und eben aus bankrotten Handelsleuten, armen Farmern, verunglückten Handwerkern, Horden von ungeschickten Arbeitern und hin und wieder aus einem Advokaten ohne Praxis oder einem Studenten bestanden, der bei den Derbywetten sein Alles verspielt hatte. Eines Tags hielt jedoch ein junger Mann von Erziehung und Manieren, welche den gebildeten europäischen Gentleman bekundeten, vor meiner Thüre. Er war der jüngere Sohn aus einer edlen preußischen Familie, der sich aus politischen Gründen nach Paris geflüchtet hatte. Hier machte er Bekanntschaften unter dem jungen französischen Adel, dem er es zum großen Aerger seiner Eltern gleichthat, und nachdem er sein kleines Erbe zum Voraus aufgebraucht hatte, sah er sich genöthigt, sich dem Zorn seines Vaters und den Rechnungen seines Schneiders zu entziehen. Alles dies erzählte er mir mit der lebhaften Freimüthigkeit, welche bewies, wie bald auch der Witz eines Deutschen in der Pariser Atmosphäre zur Reife kommen kann. Ein alter Universitätsfreund von niedrigerer Herkunft war im Ringen nach Geld so unglücklich gewesen, als dieser junge Verschwender die Geschicklichkeit besaß, es zu verthun, und hatte einige Jahre früher sich einer deutschen Auswanderungsgesellschaft nach Australien angeschlossen, wo es ihm bereits gut erging, und der Preuße wollte nun zu diesem Ansiedler, der etwa zwanzig Stunden weiter innen eine Farm bewirthschaftete. Dieser junge Mann machte einen ganz anderen Eindruck auf mich, als alle Deutschen, mit denen ich je in Berührung gekommen. Er besaß die feine Leichtigkeit, in welcher bei dem gebildeten Franzosen die Grundsätze des Cynikers sich mit der Anmuth des Epicuräers verbinden. Sich selbst bezeichnete er mit einer liebenswürdigen Offenheit, die nicht nur den Tadel entwaffnete, sondern sogar Bewunderung zu fordern schien, einen Taugenichts, war aber gleichwohl so hoffnungstrunken, daß er reich zu sein versicherte, noch ehe er sein Dreißigstes erreicht habe. Wie und warum reich? – dies konnte er freilich eben so wenig sagen, als ich den Kreis in ein Quadrat umwandeln. Wenn die großartige ernste deutsche Natur sich französisirt, so wird sie auch im Uebermaß französisch.

Ich hörte, als wir neben meinem rohen Herd saßen, fast neidisch dem Geplauder dieses leichtherzigen Bruders Liederlich zu – ich der finstre Mann der Wissenschaft und des Kummers, er das lächelnde Kind des Müßiggangs und des Vergnügens, während er in seinen staubigen, abgeschabten Kleidern, einen schuftigen Revolver in seinem Gürtel, seine abscheuliche Pfeife rauchte, in so hohem Grad ein Aristokrat der Natur, daß selbst der ekelste Splitterrichter, der je sein Urtheil über die müßige Welt abgab, hätte sagen müssen: »Da sitzt ein über meine Gesetze erhabener Genius, der geborne Liebling der Grazien, der wie Aristipp unter allen Umständen und zu jeder Zeit die Gesellschaft bezaubert haben würde – eben so willkommen bei den Orgien eines Cäsar oder Claudius, in den Boudoiren einer Montespan oder Pompadour – mit einem Rochester und Buckingham müßig durch die Maulbeergärten schlendernd oder mit einem Richelieu und Lauzun selbst vom Karren des Todes aus die Verachtung eines Gentleman niederlächelnd auf den gemeinen Pöbel!«

Während ich mir beim Achten auf die sorglos über seine Lippen strömenden Reden solche Gedanken machte, blitzte in der schäumenden Perlfluth derselben plötzlich auch der Name Margrave auf.

»Margrave?« rief ich. »Entschuldigen Sie. Was ist mit ihm?«

»Was mit ihm ist? Ich fragte, ob Sie nicht vielleicht zufällig mit dem einzigen Engländer bekannt geworden seien, den ich je zu beneiden so gemein war.«

»Vielleicht sprechen Sie von einer Person, während ich eine andere meine.«

» Par dieu, mein edler Wirth, es kann kaum zwei Margrave geben! Der meinige zuckte blendend wie ein Meteor über Paris hin, kaufte von einem Börsenfürsten einen Palast, der eines Prinzen von königlichem Geblüt würdig gewesen wäre, verdunkelte durch seine Pracht unsere jüdischen Bankiers, durch sein gutes Aussehen und seine tollen Abenteuer unsere jeunesse dorée und, das seltsamste von Allem, füllte seine Salons mit Philosophen und Scharlatanen, Chemikern und Geisterklopfern – die ernsten Herren der Schulen beschimpfend, indem er sie mit den unverschämtesten Quacksalbern und den lächerlichsten Träumern in Berührung brachte – und doch trotzdem zum Entzücken geistreich und bezaubernd. Sechs Monate lang war er die Furore von Paris; er hätte es so sechs Jahre forttreiben können, verschwand aber ebenso meteorartig wieder, wie er aufgetaucht war. Ist dies der Margrave, den Sie kennen?«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß der Mann, den ich meine, seine Gewohnheiten mit dem Leben der Großstädte versöhnen könnte.«

»Dies war auch bei ihm nicht der Fall, denn die Städte kamen ihm zu zahm vor. Er ist nach den fernen Wildnissen des Orients entschwunden – wie einige wollen, um den Stein der Weisen zu suchen: denn er beherbergte wirklich in seinem Haus einen sicilianischen Abenteurer, der, als er an dieser famosen Entdeckung arbeitete, in dem Qualm seines eigenen Tigels erstickte. Nach diesem Unglück wurde Margrave Paris zuwider, und wir verloren ihn.«

»Dies ist also der einzige Engländer, den Sie beneiden? Beneiden! Warum?«

»Weil ich sonst nie einem reichen Engländer begegnete, der nicht mit dem Spleen behaftet war. Ich beneidete ihn, weil man ihm nur ins Gesicht sehen durfte, um die Ueberzeugung zu gewinnen, wie sehr er sich des Lebens erfreute, dessen Ihre Landsleute meist so herzlich satt zu sein scheinen. Aber nun ich Ihre Neugierde befriedigt habe, bitte ich, auch die meinige zufrieden zu stellen. Wer und was ist dieser Engländer?«

»Für was hielt man ihn zu Paris?«

»Man trug sich mit unzähligen Muthmaßungen. Einer von Ihren Landsleuten gab eine zum Besten, die den meisten Beifall fand. Dieser Gentleman, dessen Namen ich vergaß, einer von jenen alten Roués, die sich selbst für jung halten, weil sie mit den Jungen umgehen, war Margraves kaum ansichtig geworden, als er ausrief: ›Da lebt ja Ludwig Grayle wieder auf, wie ich ihn vor achtundvierzig Jahren kannte. Doch nein – noch jünger, noch schöner – es muß sein Sohn sein!‹«

»Ludwig Grayle, welcher der Sage nach in Aleppo ermordet wurde?«

»Ja. Jener seltsame alte Mann war ungeheuer reich; aber es scheint, daß er seine gesetzlichen Erben haßte, denn er hinterließ ihnen ein so gegen alle Erwartungen kleines Vermögen, daß er vor seinem Tod über die Hauptmasse eine geheime Verfügung getroffen haben muß. Warum dies, wenn sich's nicht etwa darum handelte, einen natürlichen Sohn zu bereichern, den er aus Privatgründen nicht anerkennen oder durch testamentarischen Akt der Welt als solchen bezeichnen wollte? Alles, was Margrave von sich selbst und der Quelle seines Reichthums sagte, bestätigte diesen Glauben. Er erklärte unverholen, daß er ein natürlicher Sohn sei und sein Vermögen einem Vater verdanke, um dessen ihm unbekannten Namen er sich auch nicht kümmere.

»Ganz richtig. Und Margrave begab sich von Paris nach dem Orient? Wann?«

»Ich kann das Datum auf einen oder zwei Tage hin angeben, denn sein Entweichen ging dem meinigen eine Woche voraus. Ein Glück für mich, daß man in ganz Paris nur von ihm zu sprechen wußte; denn ich kam dabei unbeachtet fort.«

Und der Preuße nannte nun ein Datum, bei dem es mir wieder kalt aufging; denn es war derselbe Monat und ungefähr derselbe Tag, an welchem ich den leuchtenden Schatten innerhalb meiner Schwelle gesehen hatte.

Der junge Graf ging nun auf andere Dinge über, und von Margrave wurde nicht mehr gesprochen. Ein paar Stunden später zog er seines Weges weiter, während ich noch lange gedankenvoll vor dem langsam ersterbenden Feuer meines Herds sitzen blieb.

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