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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 73
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Zweiundsiebenzigstes Kapitel.

Ich kehrte allein zurück. Die Sonne röthete die Spitze der fernen Bergkette; aber dunkle Wolken, die auf Regen deuteten, sammelten sich hinter mir und vertieften die Schatten in mancher Kluft oder Höhlung, welche die vulkanischen Feuer in das Hochland gegraben hatte, das wellenförmig wie ein während eines Sturmes versteinertes Meer dalag. In Gedanken vertieft wanderte ich weiter und kam von dem betretenen Pfade ab. Konnte ich in Julius Fabers Muthmaßungen die Grundlagen für logische Folgerungen anerkennen, oder waren sie nicht vielmehr die sinnreichen Phantasien jener empirischen Gefühlsphilosophie, in welcher alte Personen bei Abnahme ihrer ernsteren Vermögen bisweilen ihren Theorien die neblige Romantik der Jugend einverleiben? Ich kann mir wohl denken, daß die Geschichte, die ich erzähle, von den meisten Lesern als eine phantastische Fabel betrachtet wird, und daß vielleicht einige eine Aufgabe zum Rathen an den verschiedenen Räthseln der Natur in oder außer uns darin sehen, die dem Roman ein offenes Feld bieten, gegen die strenge Wissenschaft aber sich absperren. Aber ich – ich – bin mir vollkommen meines Ichs und meines positiven Platzes in einer wesenhaften Schöpfung bewußt. Und was weiß ich nicht außerdem noch? Gleichwohl hatte Faber keinen Grund für seine schneidenden Parallelen zwischen den Hirngespinnsten des Aberglaubens und den von metaphysischer Spekulation geborgten Wechselsätzen des Glaubens. Auf die Theoreme Condillacs hatte ich, wie viele meiner Zeitgenossen (denn dieser Philosoph beherrschte in meiner Jugend die Schulen, aus denen er jetzt verdrängt ist, um nur noch leicht oben zu schwimmen in der Unterhaltung und in dem Geschreibsel von Weltmenschen, die vielleicht nie ein Blatt seiner Schriften aufgeschlagen haben) ein System des Denkens gebaut, das die bündige Form einer materialistischen Philosophie von allen Strahlen und Klängen einer nicht materiellen Welt abschließen sollte, wie die Mauern irgend eines fensterlosen Mausoleums die Mumie im Innern absperren von dem Geflüster der Winde und dem Geflimmer der Sterne.

Und lösten nicht eben diese Theoreme, wenn ich sie nach Humes strengen Raisonnement zu ihren äußersten Consequenzen verfolgte, meine eigene mit Leben begabte Identität, das bewußte untheilbare Ich in ein Bündel von Erinnerungen auf, abgeleitet aus Sinneneindrücken, die gleich Luftblasen meine Erfahrung bethört hatten, die ganze feste Form der Schöpfung in ein ebenso gespenstisches Phantom umwandelnd, als das des leuchtenden Schattens war?

Während ich mich mit diesen Fragen beschäftigte, brach das Gewitter, auf dessen warnende Vorzeichen ich nicht geachtet, mit der dem australischen Klima eigenthümlichen Plötzlichkeit los. Der Regen goß in Strömen nieder, und in den Strombetten, die um Mittag fast trocken gelegen, begann das Wasser zu schießen und zu toben; die grauen, felsigen Ufer um sie her nahmen sich wie Wasserfälle aus. Ich sah mich um; die Landschaft erschien so verändert wie eine Schaubühne nach dem Wechsel der Coulissen. Ich merkte jetzt, daß ich weit von meiner Wohnung abgekommen war, ohne zu wissen, welche Richtung ich einschlagen sollte, um nach Haus zu gelangen. In der Nähe und über dem Niveau der Nebenströme, welche sich in ein weiteres Bette sammelten, bot mir der Ausgang einer weit einwärts gehenden Höhle, dessen buschige Verkleidung zwischen den Regengüssen von oben und der Sprüh der Wasserfälle unten wild hin und her wogte, einen Schirm dar. Ich trat ein, einen Schwarm von Fledermäusen aufschreckend, die von dem mich begleitenden Blitzstrahl geblendet gegen mich anprallten und sich beeilten, wieder ein Unterkommen zu suchen hinter den niederhängenden Tropfsteinmassen oder hinter den zackigen Strebepfeilern einer urzeitlichen Mauer.

Jeweilig erhellte der Blitz das Dunkel, mit seinem Licht unter dem Schatten zögernd, und ich sah, daß der Boden, auf dem ich stand, mit seltsamen Knochen, theilweise den fossilen Ueberresten in der Diluvialperiode untergegangener Thierarten bestreut war. Der Regen machte mehr als zwei Stunden mit ungeminderter Gewalt fort und hörte dann fast ebenso plötzlich wieder auf, als er gekommen. Der helle Mond Australiens brach aus den Wolken hervor und leuchtete eben so hell wie in einer englischen Dämmerung in meine Höhle herein. Und dann erhob sich gleichzeitig der ganze Choral der Wildniß – die Stimmen von Thieren, die sich nur Nachts hören lassen, das laute Schwirren der Heuschrecken, das Gebrüll des Ochsenfrosches, das kukukartige Geschrei des Morepork und unter allen diesen heiteren Tönen durch die Hexeneichen und das blasse Grün der Gummibäume das Tuten der Eule.

Ich trat in die freie Luft hinaus und blickte instinktartig zuerst nach dem Himmel, dann bedächtiger auf die Erde. Die Beschaffenheit des Bodens deutete auf längst erloschene vulkanische Feuer zurück. Unmittelbar vor meinen Füßen fiel das Mondlicht auf einen hellen gelben Streifen in einem Quarzblock, der hälftig in die weiche nasse Erde eingesenkt war. Trotz meiner ernsten Gedanken und des schweren Leides, das auf meinem Herzen und auf meinem Geist lastete, fühlte sich der letztere durch den gelben Schein plötzlich in eine Richtung geführt, die nichts mit der Philosophie zu schaffen hatte, und mein Herz begann, diesmal nicht von Haushaltungssorgen, rascher zu klopfen. Unwillkürlich beugte ich mich und ließ die Axt oder den Tomahawk, den ich stets bei mir führte, um auf meinem weiten Besitzthum die zur Ausrottung bestimmten Bäume zu zeichnen, auf das Gestein niederfallen. Der Quarz splitterte unter dem Schlag, und der glänzende Schatz wurde frei. Mein erster Blick hatte mich nicht getäuscht. Ich, der ich vergeblich nach Erkenntniß forschte, hatte wenigstens Gold gefunden. Ich nahm das glänzende Metall auf – ja Gold! Dann hielt ich inne und schaute umher; das Land um mich, das mir bisher so werthlos vorgekommen, gewann nun die Bedeutung eines Ophir. Seine eigenthümlichen Züge waren mir bisher so unbekannt geblieben, wie die der Berge im Mond; aber nun frischte sich mein Gedächtniß wunderbar auf. Ich vergegenwärtigte mir die rohe Karte meiner Besitzungen und meinen ersten unbekümmerten Ritt um ihre Grenzen. Ja, das Land auf dem ich stand – meilenweit bis zum Vorsprung jener Berge – war mein Eigenthum, und unter seiner Oberfläche befand sich Gold. Ich schloß meine Augen; für eine Weile vergegenwärtigten sich mir Gesichte von unbegrenztem Reichthum und von der Gewalt, die damit zu erringen war. Aber mein Herz kehrte bald wieder zu seinem wahren Schatz zurück.

»Was liegt an all' diesem Troß?« seufzte ich. »Kann selbst ein Ophir dem Lächeln meiner Lilian nur einen einzigen Strahl des Lichts zurückkaufen, das ›den Auen Herrlichkeit und den Blumen Glanz verlieh‹?«

Mit diesen Worten warf ich den Goldklumpen in den unten tobenden Strom und ging stumm und bekümmert im Mondschein weiter, indem ich der Entdeckung nur in so weit Dank wußte, als sie meine Erinnerung an die Landmarken aufgefrischt und dadurch mir die Richtung angedeutet hatte, welche ich durch die Wildniß einschlagen mußte.

Die Nacht war halb um; denn selbst als ich den bekannten Pfad durch das Waideland aufgefunden, zwangen mich die vielfältigen Windungen des hochangeschwollenen Strombettes oft, wieder umzukehren, um die Brücke eines gestürzten Baumes aufzusuchen, der zu gutem Glück liegen geblieben war, um mir jetzt einen Uebergang über das wildtobende Wasser zu gestatten. Mehr als einmal aber mußte ich sogar mich in die Strömung selbst werfen, die jeden weniger kräftigen oder weniger geübten Schwimmer die Fälle hinab geführt und unter die umherwirbelnden ausgerissenen Bäume geschleudert haben würde; denn ich befand mich in Lebensgefahr. Eine Bande der wilden Eingebornen (sie fürchteten sich damals noch nicht so vor den Weißen wie jetzt) schlich meiner Spur nach und ein Bumerang (Wurfgeschoß der australischen Wilden) schwirrte hart an mir vorbei, um vor meinen Füßen in das Gras hinein zu sausen. Ich wandte mich, um meinen feigen Feinden ins Angesicht zu sehen; aber sie hatten sich zu decken gewußt. Als ich weiter ging, vernahm mein durch die Gefahr geschärftes Ohr, daß auch sie hinter mir ihre Bewegungen wieder aufnahmen. Nur einmal bekam ich drei häßliche Gestalten zu Gesicht, wie sie plötzlich aus einem von Geisblatt und Schlingpflanzen mit rothen und blauen Blumen umstrickten Dickicht aufsprangen. Ich ging festen Schrittes auf sie zu; sie hielten eine kleine Weile wie in Ungewißheit oder waren vielleicht durch meine Größe oder mein Aussehen eingeschüchtert: denn das Ungewöhnliche, wenn es auch ein Mensch war, mochte ihnen ebenso gut Schrecken einflößen, wie mir jener ungewohnte Schatten. Sie verschwanden jedoch wieder so schnell, als ob die Erde sie eingeschluckt habe.

Endlich trug mir die Luft den feinen Duft der mir wohlbekannten Akazien entgegen, und mein Haus erhob sich vor mir in der Umgebung von englischen Blumen und Obstbäumen unter dem klaren Glanze des australischen Mondes. Als ich eben das Pförtchen öffnen wollte, das von dem Waideland in den Garten führte, erhob sich unter den gefiederten Zweigen eine weißgekleidete Gestalt und legte ihre Hand auf meinen Arm. Ich fuhr zusammen; aber meine Ueberraschung verwandelte sich in Furcht, denn ich sah das blasse Antlitz und die holden Augen Lilians vor mir.

»Himmel, Du hier – Du, Lilian! Zu solcher Stunde! Was soll dies?«

»Bst!« flüsterte sie, sich an mich anschmiegend, »bst! Sag' es nicht, Niemand weiß davon. Ich sah Dich nicht, als das Gewitter kam, und habe Dich seitdem vermißt. Andere sind fortgegangen, um Dich zu suchen, und wieder zurückgekommen. Die Andern schlafen, aber ich konnte es nicht, sondern kam heraus, um auf Dich zu warten. Bruder, Bruder, wenn Dir ein Leides zustieße, so könnten selbst die Engel mich nicht trösten – Alles wäre so Nacht, so dunkel. Aber Du bist wohlbehalten wieder hier!« Und sie schmiegte sich noch inniger an mich an.

»Ach, Lilian, Lilian, deine Vision in der Stunde, als ich Dich zum erstenmal erblickte, ist in der That prophetisch gewesen. ›Jedes braucht das Andere.‹ Erinnerst Du Dich?«

»Gemach, gemach!« sagte sie. »Ich will mich besinnen!« Sie stand ruhig an meiner Seite und schaute auf zum Himmel mit seinen zahllosen Sternen und seinem einsamen Mond, der hinter dem Wald niederzusinken begann. »Es kömmt zu mir zurück!« flüsterte sie leise – »das längst Vergangene – das süße längst Vergangene!«

Ich hielt meinen Athem an, um zu hören.

»Da, – da!« nahm sie wieder auf und deutete nach dem Himmel. »Siehst Du es? Du bist dort und mein Vater, und – und – oh, jenes schreckliche Gesicht – jene Schlangenaugen – jener Todtenschädel! Rette mich – rette mich!«

Sie drückte ihren Kopf an meine Brust, und ich führte sie langsam nach dem Haus zurück. Als wir die Thüre, die sie halb offen gelassen hatte, so daß die Sterne ihr Licht in die Dunkelheit hinein entsenden konnten, erreichten, richtete sie ihr Antlitz auf und warf einen scheuen Blick zuerst rückwärts nach dem hellerleuchteten Garten und dann in die Nacht jenseits der Schwelle.

»Er ist dort – dort! – der Schatten, der mich verlockt hat, indem er mir zuflüsterte, wenn ich ihm folge, werde er mich zu meinem Geliebten bringen. Falscher, schrecklicher Schatten – er wird bald vergehen, vergehen zu einem abscheulichen grinsenden Todtenschädel. Bruder, Bruder, wo ist mein Allen? Ist er todt – todt – oder bin ich todt für ihn?«

Ich konnte sie nur wieder an meine Brust drücken und ihre schaudernde Gestalt mit meinen triefenden Kleidern zu schützen suchen, während meine Augen, der Richtung der ihrigen folgend, an der halb in Dunkelheit verlorenen, halb vom Sternenlicht erhellten Wand hafteten, die jenseits der Schwelle den Hintergrund bildete. Dort erblickte auch ich die Spukgestalt des leuchtenden Schattens, das gespenstische Abbild des geheimnißvollen Wesens, dessen Erscheinung im Fleisch für meinen Verstand ein ungelöstes Räthsel war. Ich sah den Schatten deutlich; aber sein Licht nahm sich viel blasser, der Umriß seiner Gestalt viel unbestimmter aus, als je zuvor. Da Lilians Herz gegen das meinige pochte, so faßte ich Muth; aber als ich vor und über die Schwelle trat, war der Schatten verschwunden.

»Es ist kein Schatten, kein Phantom da, um das Leben meines Lebens zu schrecken,« sagte ich, mich zu ihr niederbeugend.

»Er hat mich im Vorbeigehen berührt; ich fühlte es – kalt, kalt, kalt!« antwortete sie mit matter Stimme.

Ich trug sie nach ihrem Zimmer, legte sie auf ihr Bette, schlug ein Licht und wachte bei ihr. Gegen Morgen zeigte sich eine Veränderung in ihrem Gesicht, und von dieser Zeit an begann ihre Gesundheit zu leiden. Nur ganz allmählig, so daß nur ich es bemerkte – aber die Kraft ebbte weg von ihrem Leben.

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