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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 72
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Einundsiebenzigstes Kapitel.

»Sie erinnern sich vielleicht,« sagte Julius Faber, »wie bereits Sir Humphry Davy die Wirkung schildert, welche die Einathmung des oxydulirten Stickgases auf ihn hervorbrachte. Er gibt an, sie habe damit begonnen, daß er die äußeren Dinge nicht mehr unterscheiden konnte; Reihen von deutlich sichtbaren Bildern zogen rasch an ihm vorüber, und damit kamen Worte in Verbindung, so daß vollkommen neue Auffassungen in ihm hervorgerufen wurden. ›Ich existirte in einer Welt von neu verbundenen und neumodificirten Ideen,‹ sagte er und rief beim Erwachen: ›In der Welt gibt es nichts als Gedanken; das All besteht aus Eindrücken, Ideen, freudigen oder schmerzlichen Vorstellungen.‹

»Sie bemerken, wie hier ein Pfleger einer positiven Wissenschaft, der mit einem ausgezeichnet gesunden Gehirn begabt war, durch Einathmen eines Gases von dem ganzen äußeren Leben ab- und in eine neue Welt hineingezogen wird, die aus von ihm selbst geschaffenen Bildern besteht, und diese wirken so lebhaft auf ihn ein, daß ihm beim Erwachen das ganze Weltall bloß als eine Combination von Gedanken erscheint.«

»Aber welchen Schluß ziehen Sie aus diesem willkührlichen Experiment,« versetzte ich, »und welche Nutzanwendung machen Sie davon auf die Krankheit meiner Frau, daß ich soll hoffen dürfen?«

»Einfach diesen: die Wirkung, welche durch das oxydulirte Stickgas auf ein gesundes Gehirn hervorgebracht wird, mag sich auch durch die Aktion von moralischen Ursachen auf das Blut oder auf die Nerven erzielen lassen. Es gibt einen Grad von geistiger Aufregung, in welchem die Ideen lebhafter sind als die Gefühle, und dann tritt die äußere Welt vor der inneren des Gehirns zurück. Man vergleiche die nach diesem Grundsatz ausgearbeitete Theorie in Dr. Hibberts interessantem und gediegenem Werk über »Erscheinungen.« So mag denn der Verstand, welcher Sicherheit des Urtheils in sich faßt, aufgehoben werden; aber es geschieht eben so wenig auf die Dauer, als die träumerischen Verzückungen nachhielten, die Sir Humphry Davy unter dem Einfluß des Luftgases erfuhr. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen betrifft nur die Zeit, und in diesem Sinne deute ich auch den Fall unserer lieben Patientin. Doch müssen Sie sich auf etwas gefaßt halten. Ich fürchte, daß die Genesung des Geistes durch eine körperliche Krise, eine Krankheit des Leibes, herbeigeführt werden muß.«

»Eine Krise – doch keine gefährliche? Oh, sagen Sie nicht – gefährlich. Ich kann mich in die Irre ihres Geistes finden, vermöchte aber die Leere im All nicht zu ertragen, wenn ihr Leben auf Erden erloschen wäre.«

»Armer Freund, möchten nicht Sie selbst lieber das Leben, als den Verstand verlieren?«

»Ich? – ja. Aber wir Männer sind daran gewöhnt, das eigene Leben nicht so hoch anzuschlagen; anders würdigen wir das Leben derer, die wir lieben. Wäre es anders, so verlöre die Menschheit ihre schönsten Eigenschaften.«

»Wohlan – die Liebe lehrt uns, daß es etwas Werthvolleres gibt, als den bloßen Geist. Dies kann aber doch nicht der bloße Körper sein? Sollten wir es nicht vielmehr in jener Fortdauer unseres Daseins suchen, das Ihre Philosophie anzuerkennen sich weigert – ich meine in der Seele? Wenn Ihnen der Gedanke, daß Ihre Lilian sterben könnte, so schmerzlich fällt, liegt der Grund nicht etwa in Ihrer Furcht, sie für immer zu verlieren?«

»Oh, hören Sie auf, hören Sie auf!« rief ich ungeduldig. »Ich kann mich jetzt nicht in eine metaphysische Disputation einlassen. Wie kommen Sie zu der Besorgniß, für ihr Leben zu fürchten? Seit der Irrsinn auf ihr lastet, ist sie körperlich immer sehr gesund gewesen, und sie scheint sich auch jetzt nie unwohl zu fühlen. Bemerken Sie nicht, daß ihre Wangen ein kräftigeres Roth haben und ihre Gestalt abgerundeter erscheint, als zur Zeit Ihres letzten Aufenthalts in L– –?«

»Ohne Frage. Ihre physischen Kräfte haben sich allmählig aufgefrischt in den Träumen, welche ihre Einbildungskraft halb einschläfern, halb unterhalten. Die Einbildungskraft, dieses herrlichste Vermögen, das dem menschlichen Geist verliehen wurde, weil es ihn zum Schaffen des Gedankens befähigt, wirkt vor allen anderen erschöpfend auf das Leben selbst, wenn es sich ungebührlich steigert und wohlgefällig in den eigenen Schöpfungen fortspinnt. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Sie, wenn Ihnen dieses Leid nicht zugestoßen wäre, ein weit schwereres hätten erfahren müssen – Sie würden nämlich Ihre Lilian lange überlebt haben. Wie die Sachlage jetzt ist, hat, wenn sie genest, ihre ganze Organisation, die physische sowohl als die geistige, einen wohlthätigen Wechsel erlitten. Aber ich wiederhole meine Vorhersage, eine schwere körperliche Krankheit wird der Wiederherstellung des Geistes vorausgehen; und ich hoffe, daß die gegenwärtige Aufhebung oder Verirrung der angreifenderen Geisteskräfte den Körper befähigen dürften, die physische Krisis durchzumachen und zu überwinden. Ich erinnere mich aus meiner eigenen Erfahrung eines Falles, der in vielen Beziehungen diesem ähnlich, in anderen aber weniger hoffnungsvoll war. Ein junger Student von sehr schwächlicher Constitution, aber großer geistiger Energie und glühendem Ehrgeiz holte meinen Rath ein. Er präparirte sich auf die Erwerbung der Doktorwürde und achtete nicht auf meine Vorstellungen, als ich ihn bat, seinem Geist Ruhe zu gönnen. Meiner Meinung nach konnte es ihm nicht fehlen, die Auszeichnung, nach der er trachtete, zu erringen; aber eben so überzeugt fühlte ich mich auch, daß er einige Monate nachher seinen Erfolg mit dem Leben werde zahlen müssen. Beide diese meine Voraussetzungen erwiesen sich als trüglich. Er überarbeitete sich so, daß ihn am Tag der Examination in der Aufregung seiner Nerven das Gedächtniß im Stiche ließ, und obschon er bestand, blieb er doch weit zurück gegen seine Mitbewerber, die er zu überbieten gehofft hatte. Hier wirkte nun der aufgereizte Geist auf das in seinen Hoffnungen getäuschte Herz und rief eine neue Reihe von Erregungen hervor. Zuerst wurde er von gespenstischen Illusionen heimgesucht, und dann verfiel er in einen Zustand, in welchem die äußere Welt ganz verschwunden zu sein schien. Er achtete auf nichts, was man ihm sagte, schien das, was man ihm vor die Augen hinlegte, nicht zu sehen, und an die Stelle der schlummernden Empfindungen traten vorgefaßte Ideen, die ihm Vergnügen machten. Er glaubte, sein Genius sei anerkannt, lebte unter den vermeintlichen Schöpfungen desselben und erfreute sich eines eingebildeten Ruhmes. Dies hielt zwei Jahre an. Während dieser Zeit hatte sein schwächlicher Körper an Masse und Kraft zugelegt. Nach Ablauf derselben wurde er von einem Fieber befallen, das in drei Tagen ihn aufgerieben haben würde, wenn er in der Periode meiner ersten Besuche daran erkrankt wäre. Er überwand dasselbe, und mit der Genesung kehrten auch alle die intellektuellen Vermögen zurück, die so lange aufgehoben gewesen waren. Als ich ihn vor vielen Jahren zum letztenmal sah, befand er sich in vollkommen gutem Wohlsein und das Ziel seines jugendlichen Ehrgeizes war erreicht; der Körper hatte den Geist unterstützt und er Auszeichnung errungen. Durch was war nun wohl dieser kräftige Verstand zeitweilig in einen visionären Schlaf versenkt worden? Durch einen Affekt, der für den edlen Geist der quälendste ist – die Scham. Was hat den schweren Schlag auf Ihre Lilian geführt? Ich kenne die Geschichte aus Ihrem eigenen Mund; die Scham – die Scham einer so ausgezeichnet reinen Natur. Bemerken Sie indeß, daß in dem Fall des Studenten wie in dem ihrigen die Erschütterung keine Reihenfolge von schmerzlichen Illusionen hervorrief – sie sind im Gegentheil bei beiden in der Regel angenehm. Im ersteren Falle würde der Körper gelitten haben und der Kranke untergegangen sein. Aber wie kann eine schmerzliche Erschütterung angenehme Sinnentäuschungen hervorrufen? Weil sie, gleichviel, wie der ursprüngliche Eindruck auf die Nerven sein mag, in ihrer Einwirkung auf den Verstand die früher liebgewonnenen Ideen mit einer solchen Lebhaftigkeit hervorruft, daß die Eindrücke der wirklichen äußeren Gegenstände nicht aufgefaßt werden. Bei dem Studenten galten diese Ideen dem irdischen Ruhm, bei der Jungfrau beschäftigen sie sich mit tröstenden Engeln und himmlischen Paradiesen. Ihr Geist wandelt nicht auf der Erde, sondern ergeht sich, während wir sprechen, in höhern Regionen.«

»Viel von dem, was Sie sagen, findet eine Bestätigung in den Folgerungen mir bekannter berühmter Schriftsteller; aber in keinem derselben, auch in Ihren ermuthigenden Worten nicht, finde ich eine Lösung für Vieles, was mir in der Erfahrung sonst nicht vorkam – für Vieles, was wohl in der Lectüre Analogieen bietet, aber eben nur Analogieen, die ich bisher als Alteweibermährchen verachtete. Ich habe Ihrem tiefdringenden Blick die zauberähnlichen Geheimnisse meines Lebens enthüllt. Wie erklären Sie die Thatsachen, die ich nicht auf Illusionen zurückbeziehen kann – den Einfluß, welchen dieses unheimliche Wesen, dieser Margrave, auf Lilians Geist oder Phantasie übte, so daß eine Weile ihre Liebe gegen mich schlummerte, wie eben jetzt ihr Verstand – daß er sie, das so reine züchtige Wesen, fortziehen konnte aus dem Haus ihrer Mutter? Den Zauberstab! die Verzückung, in welche er Margrave selbst versetzte; die Erscheinung, welche er heraufbeschwor in meinem stillen Zimmer, als mein Geist noch ohne Sorge und meine Gesundheit ohne Fehl war? Können Sie all dies eben so gut erklären, wie meine Eindrücke während des Gesichts in dem Museum, den leuchtenden Schatten in seiner früheren Erscheinung, als bei mir eine erhitzte Einbildungskraft, ein gequältes Herz und vielleicht auch eine krankhafte körperliche Aufregung mit ins Spiel kam?«

»Allen,« versetzte der alte Patholog, »wir nähern uns hier einem Boden, den nur wenige Naturforscher zu untersuchen gewagt haben. Ehre denen, die wie unser kühner Zeitgenosse Elliotson des Hohns nicht achteten und die Schlacke opferten, um aus den ausnahmsweise vorkommenden Erscheinungen, auf welche die Magie eine Philosophie zu gründen sucht und deren Ursprung die Philosophie aus der Magie ableitet, das praktisch Nützliche und durchs Experiment belegbare auszuziehen.«

»Wie – verstehe ich Sie recht? Sie Julius Faber, glauben an die Wunder, die man dem thierischen Magnetismus und der Electrobiologie zuschreibt, oder erkennen die Sätze an, welche die Magnetiseure lehren?«

»Ich habe diese Sätze weder geprüft, noch mit eigenen Augen etwas von den Wundern gesehen; doch sind letztere durch zu achtbare Zeugnisse belegt, als daß ich entschieden läugnen möchte, was nicht in den Bereich meiner eigenen Erfahrung gehört. Was Faber hier sagt, hat die Auktorität eines der ausgezeichnetsten Metaphysiker unserer Zeit (Sir W. Hamilton) für sich.
»Der Somnambulismus ist eine noch erstaunlichere Erscheinung als das Träumen. In diesem auffallenden Zustand vollbringt eine Person eine regelmäßige Reihe von verstandesmäßigen Handlungen, die oft äußerst schwierig und von sehr zarter Natur sind – merkwürdigerweise sogar mit einem Talent, das ihr im wachen Zustand abgeht. (Vergl. Ancillon, Essais philos. II. 161). Das Gedächtniß liefert ihr die Erinnerung an Worte und Dinge, von denen sie vielleicht in den gewöhnlichen Verhältnissen nie etwas hätte sagen können; sie redet geläufig in einer edleren Sprache. Und wenn wir den Zeugnissen trauen, welchen wir kaum den Glauben versagen können, so macht eine solche Person Wahrnehmungen nicht nur durch andere Kanäle als die der Sinne, sondern die Sphäre ihres Wahrnehmens ist weit über den Bereich der gewöhnlichen Wahrnehmung hinausgerückt. Dieser Umstand setzt die Philosophen in große Verlegenheit; denn einmal sind die Erscheinungen so merkwürdig, daß man sie nicht glauben mag, und andererseits treten sie so handgreiflich auf und werden von so vielen, einsichtsvollen, über jeden Verdacht des Betrugs erhabenen Zeugen beglaubigt, daß es mit dem platten Abläugnen auch nicht abgethan ist.« – Sir W. Hamilton's Vorlesungen über Metaphysik und Logik, II. S. 274.
Diese von dem ausgezeichneten Philosophen hervorgehobene Verlegenheit, welche die Unmöglichkeit des Glaubens gegen die Unmöglichkeit des Nichtglaubens in die Wagschale legt, bildet den Gemüthszustand, mit welchem der ehrliche Denker an die Prüfung außerordentlicher, von ihm selbst nicht gesehener Erscheinungen gehen sollte, wofern ihm dieselben von Personen verbürgt sind, die über den Verdacht der Marktschreierei und des Betrugs erhaben sind. Müller, der entschiedene und ausgezeichnetste Ungläubige, hat augenscheinlich von den magnetischen Phänomenen nichts gesehen, oder sie doch nicht sorgfältig untersucht, sonst würde er vielleicht die Wahrnehmung gemacht haben, daß sogar die außerordentlicheren von diesen Erscheinungen eher im Einklang als im Widerspruch mit seinen eigenen allgemeinen Theorien stehen, indem sich aus ihnen die Sympathien des einen Sinns zum anderen, »die Gesetze des Reflexes unter Vermittelung des Gehirns« erklären lassen dürften (Physiologie der Sinne). Ziehen wir hier noch weiter den Satz an, »das geistige Prinzip oder die Ursache der geistigen Erscheinungen könne nicht auf das Hirn beschränkt werden, sondern finde sich latent in allen Theilen des Organismus.« Die von Bain behauptete »Nervenkraft« läßt gleichfalls eine rationelle Lösung von vielem zu, was jenen Physiologen unglaublich scheint, die sich nicht herabgelassen haben, die ächten Erscheinungen des Mesmerismus von dem Betrug zu sichten, der zu allen Zeiten in den Phänomenen des sogenannten ekstatischen Zustandes seine Rolle gespielt hat.
Aber wenn ich die Geschichte der Menschheit nach ihren verschiedenen Perioden und Rassen mustere, so finde ich eine Uebereinstimmung in gewissen Glaubensgebieten, welche die Theorie zu rechtfertigen scheint, daß in seltenen Fällen einzelnen eigenthümlichen Naturen eine Gewalt über belebte Organismen zukommt, zu welchen sie in eine unerklärliche Verwandtschaft treten können – ja, wir finden bisweilen sogar eine solche Gewalt über die unbelebte Materie. Sie kennen die Theorie von Descartes, welcher annimmt, daß die Blutpartikelchen, welche in das Gehirn eingehen, nicht nur dazu dienen, dessen Substanz zu ernähren und zu erhalten, sondern auch eine gewisse, sehr feine Aura, oder vielmehr eine sehr lebhafte, reine Flamme hervorzubringen, die er mit dem Namen Lebensgeister belegt. Descartes, L'Homme vol. IV. pag. 345. Ausgabe von Cousins. Auch behauptet er am Schlusse seines großen Fragments über den Menschen, ›diese Flamme sei von keiner anderen Beschaffenheit, als alle die Feuer, welche sich in unbelebten Körpern befinden.‹ Ebendaselbst, pag. 428. Diese Ansicht ist nur eine Ahnung der neueren Lehre, daß die Elektricität mehr oder weniger alle, oder fast alle bekannten Naturen durchdringe. Ob nun in der elektrischen, oder in einer anderen, ihr verwandten und uns noch weniger bekannten Flüssigkeit, die in gleicher Weise alle Materie durchdringt, eine gewisse magnetische Eigenschaft liegt, die in einzelnen menschlichen Organisationen sich thätiger und kräftiger auf die Sympathie einwirkend äußert als in andern, und ob sich daraus die besprochene geheimnißvolle Kraft erklären läßt – dies sind Fragen, auf die man wohl hinweisen darf, obschon ich mir keine eigene Ansicht darüber erlaube; denn ich müßte dafür jene Grundlage der Erfahrung oder eine Autorität haben, die ich nicht brauche, wenn ich eine Sache der Erfahrung und Autorität anderer anheimgebe. Gleichwohl ist die Voraussetzung, die in jenen Fragen liegt, in so weit der Beachtung werth, als das ekstatische Temperament (ich umfasse mit diesem Ausdruck alle von Natur aus mystischen Personen) eigenthümlich empfänglich ist für den elektrischen Einfluß der Atmosphäre. Diese Thatsache ist wohl den meisten beobachtenden Aerzten im Lauf ihrer Praxis aufgefallen. Es nahm mich daher nicht Wunder, in dem interessanten Werk von Hare Townshend Thatsachen des Mesmerismus. die Angabe zu finden, daß er selbst das ›elektrische Temperament‹ besitze, daß beim Kämmen Funken aus seinen Haaren sprühen, u. s. w. Dieser begabte Schriftsteller, dessen Wahrheitsliebe Niemand beanstanden kann, behauptet, daß zwischen der genannten elektrischen Begabung und den magnetischen Eigenschaften, die er besitze, eine merkwürdige Verwandtschaft und Parallelität bestehe. Der Zustand der Atmosphäre, der in dem Körper Elektricität anhäufe und isolire, befördere in gleicher Weise die Kraft und Leichtigkeit, mit der er auf andere magnetisch einwirke. Was Townshend an sich selbst beobachtet hat, ist auch von amerikanischen Aerzten und Professoren der Chemie an jenen modernen Magiern, den Medien der sogenannten »Geisterkundgebung« wahrgenommen worden. Sie geben an, daß alle diese Medien das elektrische Temperament besitzen, daß dieses stets auch in Verbindung mit der Ekstase auftrete, und daß ihre Kraft in demselben Verhältniß wechsle, in welchem der Zustand der Atmosphäre die in ihnen angehäufte Elektricität vermehre oder vermindere. Hier also in den unsteten Erscheinungen, die entweder übereilt als betrügerische Kunstgriffe verworfen, oder allzuleichtgläubig als übernatürlich aufgenommen werden, finden wir wenigstens eine allgemeine Thatsache, einen Anhaltspunkt, von dem aus das inductive Experiment sich früher oder später eine rationelle Theorie wird bilden können. Ob nun aber die Kraft, von der wir sprechen (eine Kraft, die einem besonderen physikalischen Temperament inne wohnt), einer geduldigen Naturforschung zugänglich sein mag, oder nicht, jedenfalls bin ich überzeugt, daß wir in ihr dasjenige zu suchen haben, was in der Magie und Hexerei nicht dem Bereich des Betrugs angehört. Ein Schriftsteller, der nicht nur als Alterthumsforscher, sondern auch als Patholog dieses Thema sehr gründlich behandelt, macht die treffende Bemerkung: »Wenn die Magie ausschließlich auf Betrug und Leichtgläubigkeit beruhte, so hätte ihr Reich nicht von so langem Bestand sein können. Als Kunst nahm sie ihren Ursprung aus einzelnen Phänomenen, die gewissen Nervenzuständen eigenthümlich waren oder sich im Schlaf kundgaben. Diese Phänomene, deren Princip man ursprünglich nicht kannte, dienten dazu, dem Glauben an die Magie Boden zu schaffen, und wurden oft selbst von erleuchteten Geistern mißbraucht. Die Zauberer und Magier gelangten durch verschiedene Praktiken zu dem Vermögen, in dem Gehirn Anderer eine bestimmte Ordnung von Träumen hervorzurufen, Hallucinationen aller Art zu erzeugen und Anfälle von Schlafsucht, Verzückung oder Wahnsinn herbeizuführen, während welcher die damit behafteten Personen glaubten, sie sähen, hörten oder berührten übernatürliche Wesen, sprächen mit ihnen, stünden unter ihrem Einfluß und hälfen mit zu den Wundern, zu welchen die Magie den geheimen Schlüssel zu haben behauptete. So ließen sich Zauberer, Bezauberte und das Publicum in gleicher Weise bethören.« La Magie et l'Astrologie dans l'Antiquité et au Moyen-age. Par L. J. Alfred Maury, Membre de l'Institut. P. 225. Wenn wir diese Erklärung annehmen, die keinem Arzt von so langer Praxis, wie die meinige war, unverständlich ist, so ziehe ich daraus den weiteren Satz: Da diese Erscheinungen sich nur bei gewissen besonderen Affectionen kundgeben, für welche nur gewisse besondere Constitutionen empfänglich sind, so ist nicht etwa in überlegenem geistigen Vermögen oder in einer eigenthümlichen geistigen Begabung, sondern in eigenthümlichen physischen, wohl auch krankhaft sehr verstörten Temperamenten die Kraft zu suchen, durch welche der Zauberer auf Andere wirkt. Bei den eingeborenen Stämmen des südlichen Asiens werden die Aeltesten in der Kunst der sogenannten Zauberei unterrichtet; aber diese Unterweisung hat nur in sehr wenigen Constitutionen die Wirkungen zur Folge, in welchen die Wilden die Kräfte eines Zauberers anerkennen. Ebenso verhält es sich mit dem Obi der Neger. Der Obizauber ist eine unzweifelhafte Thatsache; aber der Obimann kann nicht durch förmlichen Unterricht gebildet werden, sondern die Kraft ist ihm angeboren wie dem Dichter seine Begabung. Deßgleichen berichtet Tornäus von den Lapländern, daß von den in der magischen Kunst Unterrichteten nur wenige sie zu üben im Stande seien; dagegen gebe es von Natur aus Magier. Dasselbe behaupten auch mit Entschiedenheit die Mystiker des Mittelalters; sie sagen, der Magier müsse geboren sein, mit anderen Worten, die Begabung liege in der Constitution und werde durch Kunst und Uebung nur ausgebildet. Der Umstand, daß Gabe sowohl als Uebung hauptsächlich bei einem unvollkommenen Zustand der Civilisation sich erhalten, bei dem Aufschwung der Gesittung und Bildung aber, wie das geschäftige Leben im Städteverband sie mit sich bringen, zur Unbedeutsamkeit zusammenschmelzen, dürfte aus den bekannten Einflüssen der Einbildungskraft zu erklären sein. Auf den niederen Stufen des gesellschaftlichen Lebens überragt die Einbildungskraft nicht nur häufiger alle anderen Vermögen, sondern kann sich auch nicht in der gesunden Weise Luft machen, wie in dem intellektuellen Wettstreit der Städte und der Civilisation. Der Mann, der unter den Wilden oder in den dunklen Zeiten des Ritterwesens ein Magier geworden wäre, wird in unserem Jahrhundert ein Dichter, ein Redner, ein kühner Speculant oder ein Denker. Mit anderen Worten, seine Einbildungskraft wendet sich einem Thun zu, das in Harmonie steht mit dem seiner Umgebung. Es liegt in dem Zuge des Geistes, der Richtung der öffentlichen Meinung zu folgen, unter deren Einfluß er gebildet wurde. Wo man den Magier verehrt oder fürchtet, wird es stets mehr Ausüber der magischen Kunst geben, als da, wo man ihn als Betrüger verachtet oder als einen Wahnsinnigen einsperrt. Alle alten scandinavischen Sagen sprechen von den wunderbaren Kräften der Vala oder Hexe, die vor Zeiten in hohen Ehren gehalten wurde; aber von dem Augenblick an, als nach Einführung des Christenthums die erste Kirche sie für ein Werkzeug des Satan erklärte, sank die majestätische Prophetin zur elenden, verwünschten alten Hexe herab.«

»Die Ideen, die Sie entwickeln,« sagte ich gedankenvoll, »sind mir auf Augenblicke gleichfalls durch den Kopf gegangen, obschon ich mich scheute, eine Theorie dafür zu suchen, die doch nur die Bedeutung einer reinen Hypothese hätte. Allem nach versetzen Sie jedoch die Magie in die Einbildungskraft des Magiers, welcher auf die des Bezauberten wirken soll. Hier ist wenigstens ein Boden, auf dem ich Ihnen eine Strecke weit folgen kann, denn wir kommen auf diesem Weg wieder in das legitime Gebiet der Physiologie zurück.«

»Und vielleicht finden wir auch Winke,« fuhr Faber fort, »die uns zu einer nutzbringenden Untersuchung, wo nicht zur völligen Lösung von Problemen leiten, welche, wenn sie einmal bewiesen sind, zu Entdeckungen von unendlichem Werth führen können – ich meine die Winke, welche bei zwei Schriftstellern von ganz verschiedenem Geiste vorkommen, nämlich bei Van Helmont und Baco. Von allen Mystikern des Mittelalters ist trotz vieler grillenhaften Ausschreitungen Van Helmont derjenige, dessen Geist den Denkern unserer Zeit das meiste Material liefert. Er nahm an, daß das Vermögen, das von ihm Phantasie, von uns aber gemeiniglich Einbildungskraft genannt wird, mit der Kraft ausgestattet sei, für sich selbst und unabhängig von den Sinnen Ideen zu schaffen – Ideen, deren jede von der Einbildungskraft Form und Gewand erhält und zu einer wirksamen Wesenheit wird. Diese Ansicht wird von den neueren Physiologen in so weit unterstützt, als zum Beispiel Lincke eines Falls erwähnt, in welchem bei ausgeschnittenem Auge leuchtende Figuren vor der Augenhöhle auftauchten. Ebenso beklagte sich ein stockblindes Weib über lichte Gestalten mit blassen Farben vor ihren Augen. Abercrombie erzählt von einer blinden Dame, deren Augen völlig desorganisirt und eingesunken waren; wenn diese ausging, sah sie stets ein kleines altes Weib in einem rothen Mantel vor sich herwandeln. In ihrem Zimmer hatte sie keine solche Illusion. – Abercrombie, über die intellektuellen Vermögen, 15. Aufl. p. 277. Ihr Lieblingsschriftsteller, der ausgezeichnete Müller, der selbst, wenn er sich ruhig zum Schlafen niederlegte, verschiedene Bilder in seinem Gesichtsfeld sah, versichert, sie seien nicht bloß seiner Phantasie vorgeführt worden, sondern die Bilder von Träumen würden sogar wirklich gesehen, und Jedermann könne sich leicht davon überzeugen, wenn er sich daran gewöhne, regelmäßig nach dem Erwachen aus einem Traum die Augen zu öffnen; diese Bilder seien dann häufig noch sichtbar, und man könne bemerken, wie sie allmählig verschwänden. Diese Angabe bekräftigt er nicht nur durch seine eigene Erfahrung, sondern auch durch die von Spinoza gemachten Beobachtungen und die noch höhere Autorität des Aristoteles, welcher sich die gespenstischen Erscheinungen als die innere Thätigkeit des Gesichtsinnes deutet. Müller, Physiologie der Sinne. Bain, in seinem ideenreichen Werk über die Sinne und den Verstand, benützt diese Angaben trefflich zu Unterstützung seines Satzes, welchem Faber in anderen Worten Ausdruck verleiht, wo er von Nervenströmungen spricht, die in den wiederkehrenden Sensationen genau der alten Bahn folgen. Eine weitere Unterstützung dieser Ansicht finden wir bei Sir David Brewster, welcher selbst erfahren hat, daß ›die Objekte geistiger Betrachtung so deutlich wie die äußeren gesehen werden können und dieselbe örtliche Stellung in der Sehachse einnehmen, wie wenn die Bilder durch die Thätigkeit des Lichts erzeugt würden.‹ Sei dem nun, wie ihm wolle, eine Thatsache steht fest, daß nämlich selbst von Blinden Bilder so deutlich und lebhaft gesehen werden können, wie wir Beide den Strom da unten fließen und die Opossums auf jenen Zweigen spielen sehen. Gehen wir nun auf einige merkwürdige Andeutungen des Lord Baco über. – In seiner Naturgeschichte spricht er auch von der Macht der Einbildungskraft und von dem Beistand, den sie erhält durch das Wirken eines Menschen durch einen Andern. Bei dieser Gelegenheit führt er das von ihm selbst erlebte Beispiel eines Gauklers an, der den Leuten sagen konnte, welche Karte sie sich gedacht hatten. Er erwähnte des Falls gegen einen Mann, der sich auf seine Kenntniß in dergleichen Dingen etwas zu gut that, und dieser erwiderte ihm: ›Es handelt sich hier nicht um das Lesen eines Gedanken in einem Anderen, denn dies steht nur Gott zu, sondern um ein Aufzwingen des Gedankens, um das Binden der Einbildungskraft des Anderen durch eine stärkere, so daß er sich keine andere Karte denken kann.‹ Sie sehen, dieser Ausleger hat unseren neueren Elektrobiologen vorgegriffen. Der erwähnte Mann stellte auch an Lord Baco die schlaue Frage: ›Hat der Gaukler dem, der sich die Karte dachte, selbst sie genannt oder durch einen Anderen nennen lassen?‹ Der Lord antwortete ihm: ›Er forderte einen Anderen dazu auf.‹ ›Ich dachte mir's wohl,‹ erwiderte der Kundige, ›denn der Gaukler selbst konnte seine Einbildungskraft nicht in dem erforderlichen Grad verstärken; aber dadurch, daß er die Karte einem Anderen nannte, welcher in dem Gaukler einen merkwürdigen Mann sah und ihm außerordentliche Dinge zutraute, erhielt die Einbildungskraft dieses Anderen die nöthige Steigerung.‹ Vielleicht hat es in dem oben angedeuteten Umstand, daß nämlich der Magier einer dritten Einbildungskraft zur Vermittlung zwischen der seinigen und der des Gläubigen bedarf, seinen Grund, wenn jeder gelehrte Adept der sogenannten Magie sich weigert, seine Kunst ohne die Gegenwart einer dritten Person zu zeigen. Der Verfasser des Dogme et Rituel de la Haute Magie, Paris 1852-53, eines Werks, das sich nicht so fast durch seine Gelehrsamkeit, als vielmehr durch den ernsten Glauben eines Gelehrten unserer Tage an die Wirklichkeit der Kunst auszeichnet, deren Geschichte er schreibt – behauptet die Nothwendigkeit, in der Zahl der Personen, welche bei den Experimenten eines Zauberers thätig sind, streng Le Ternaire einzuhalten. Die ganze Geschichte verdient wohl nachgelesen zu werden, denn Baco ist augenscheinlich der Ansicht, daß sie einen Wink enthalte, welcher der Mühe einer Untersuchung werth ist. Lebte Baco noch, so wäre er sicherlich der Mann, um die Geheimnisse zu lösen, die aus dem Mesmerismus oder der sogenannten Geisterkundgebung hervorgehen, denn er würde sich aus Furcht, er könnte dadurch den Ruf seines Verstandes beeinträchtigen, nicht das stolze Ansehen geben, als verachte er diese Phänomene. Baco fährt sodann fort, anzugeben, daß es drei Wege gibt, um die Einbildungskraft zu stärken. ›Erstlich die Autorität, die aus dem Glauben an eine Kunst und an den Mann quillt, der sie übt; auf dem zweiten Weg versucht man die Einbildungskraft in rascheren Fluß zu bringen, und auf dem dritten sie aufzufrischen.‹ Zu den letzteren rechnet er die gewöhnlichen Praktiken des Magiers; dann gibt er an, auf welche Dinge die Einbildungskraft den stärksten Einfluß übt – ›auf solche, welche am leichtesten in Bewegung zu setzen sind, vor allem aber auf den Geist des Menschen und in dieser Richtung wieder auf die am leichtesten anzuregenden Stimmungen, Liebe, Furcht und Unschlüssigkeit. Alles derartige,‹ fährt Baco mit einem Ernst fort, der sehr im Widerspruch steht mit dem Belieben der Philosophen unserer Tage, die ohne Prüfung alles in das Gebiet des Wunderbaren Gehörige verwerfen, ›sollte einer gründlichen Untersuchung unterworfen werden.‹ Und dieser große Gründer oder Erneuerer des nüchternen inductiven Forschungssystems gibt es sogar der spekulativen Prüfung anheim, ob nicht die Einbildungskraft mächtig genug sei, um wirklich auf eine Pflanze zu wirken, indem er sagt: ›In gleicher Weise sollte man dies auch auf Pflanzen ausdehnen, und zwar mit einem festen Willen; man könnte zu einem Menschen sagen, ein gewisser Baum müsse im Lauf des Jahrs absterben und dabei mit dem Willen ihm so imponiren, daß er zu dieser und dieser Zeit hinginge, um zu sehen, was der Baum mache.‹ Ich denke, kein Philosoph hat diesen Empfehlungen Folge gegeben. Wäre dies wirklich durch eine geeignete Persönlichkeit geschehen, so würden wir vielleicht zur Stunde alle die Geheimnisse kennen, die man gemeiniglich als Hexerei bezeichnet.«

Und als Faber hier inne hielt, scholl ein seltsames Lachen von der fantastischen Eiche nieder, welche den Strom überhing – ein unheimliches koboldartiges Lachen.

»Puh! es ist nur der große Königsfischer, der Lachvogel des australischen Gebüsches,« sagte Julius Faber, ergötzt über mein abergläubisches Zusammenfahren.

Wir gingen einige Minuten in gedankenvollem Schweigen weiter, und inzwischen war uns die Blockhütte zu Gesicht gekommen, in welcher mein weiser Begleiter seine Wohnung aufgeschlagen hatte. Die Schafheerden grasten auf den wellenförmigen Waiden, die Kühe tranken aus dem von schlanken Gummibäumen gesäumten Strom, und einige mit Mühe dem üppigen Grasland abgerungenen Felder zeigten ihre wallenden Getreidehalme.

Ich machte Halt und sagte: »Ruhen wir hier einige Augenblicke aus, bis ich die Folgerungen zusammengefaßt habe, zu welchen mich Ihr spekulatives Raisonnement einzuladen scheint.«

Wir setzten uns auf einen Felsen, der halb von üppigen Kriechpflanzen mit prächtigen Scharlachknospen bedeckt war.

»Aus den Vermuthungen,« fuhr ich fort, »die Sie aus den Studien Anderer gezogen, und aus Ihren eigenen sinnreichen Ableitungen gewinne ich über diese Geheimnisse einen Aufschluß, vermöge dessen die meinen Sinnen entnommene Erfahrung alle von meinem Urtheil gebilligten Lehrsätze durch einander wirft. Zu den verstandesmäßigen Conjekturen, laut welcher Sie, als wir zum erstenmal über die mich verwirrenden Wunder sprachen, die auf meine Sinne geübten phantastischen Eindrücke meiner Einbildungskraft zuschrieben, die durch geistige Aufregung, physische Erschöpfung oder Verwirrung und ein Zusammentreffen auffallender Ereignisse dafür vorbereitet gewesen sei, fügen Sie nun eine neue hinzu, die noch überraschender ist und von nüchternen Physiologen noch weniger zugegeben wird. Sie denken sich die Möglichkeit, daß mit einem seltenen und eigenthümlichen Temperament begabte Personen auf die Einbildungskraft und vermittelst dieser auf die Sinne Anderer in einer Weise wirken können, welche selbst die Kräfte überbietet, die man den Mesmeristen und Elektrobiologen zuschreibt, und sogar den alten Mährchen von Zauberkunst und Hexerei einen gewissen realen Boden einräumt. Sie schließen die Annahme nicht aus, Margrave möge eine so begabte Person sein und daher der Einfluß stammen, den er ohne Frage auf Lilian und vielleicht auch auf weniger unschuldige Werkzeuge übte, welche er durch seinen Willen berückte oder zwang. Ich will nicht, wie ich ohne Zweifel früher gethan haben würde, die Fragen und Andeutungen verwerfen, die Bacon in seinen weitausholenden Spekulationen über Natur sich erlaubt hat, daß es nämlich Dinge, darunter auch unbelebte, gebe, die vermöge einer geheimen Sympathie oder Antipathie auf den menschlichen Geist wirken und deßhalb von ihm Einbilder genannt werden. Es mag deßhalb auch der Stab, dessen zauberartige Wirkung ich Ihnen beschrieben, mitgetheilte Eigenthümlichkeiten besessen haben, durch die er das magische Werk ausübte, wie auch die Mesmeristen behaupten, daß eine von ihnen gestrichene Substanz auf einen Patienten denselben Einfluß übe, wie die Person des Magnetiseurs. Habe ich Ihre Annahmen richtig aufgefaßt?«

»Ja; doch darf dabei nicht vergessen werden, daß es nur Vermuthungen sind, die ich selbst mit dem größten Mißtrauen betrachte. Wir sitzen hier in dieser kindlichen Wildniß und lassen uns in kindlichem Rathen gehen; aber wäre es, abgesehen von der zweifelhaften Frage, ob ein Mensch einer leblosen materiellen Substanz die Kraft verleihen kann, auf den Geist oder die Einbildungskraft eines anderen Menschen zu wirken, nicht auch möglich, daß eine solche Substanz an sich eine Kraft oder Eigenthümlichkeit birgt, welche, allerdings nicht auf Jedermann, aber doch auf gewisse Constitutionen einwirkt? So habe ich zum Beispiel selbst wahrgenommen, daß der gemeine Haselnußstrauch manche nervöse Temperamente sehr stark affizirt, obschon er anderen gegenüber sich ganz wirkungslos verhält. Ich erinnere mich eines jungen Mädchens, das, als es eine frisch geschnittene Haselruthe aufnahm, sie nicht wieder loslassen konnte; man entriß sie ihr mit Gewalt, aber sie fühlte sich unwiderstehlich zu derselben hingezogen, bemächtigte sich ihrer wieder, hielt sie einige Minuten fest und versank dann in eine Art Entzückung, in welcher phantastische Visionen an ihr vorübergingen. Als ich diesen interessanten Fall, den ich für einzig dastehend hielt, einem gelehrten Kollegen mittheilte, sagte er mir, er habe gleichfalls Beispiele von der Wirkung des Haselnußstrauchs auf männliche und weibliche Personen mit nervösem Temperament wahrgenommen. Möglich, daß eine solche besondere Eigenthümlichkeit des Strauchs Veranlassung gab, sein Holz zu der alten Wünschelruthe zu benützen. Wir wissen ferner, daß der Lorbeerbaum dem orakelspendenden pythischen Apollo geweiht war. Wo immer aber wir in der alten Welt finden, daß die Wissenschaft die Priester befähigt, durch außer dem Bereich der gewöhnlichen Erfahrung liegende Phänomene der Leichtgläubigkeit des Volks zu imponiren, muß eine oder die andere Thatsache zu Grund liegen, deren Untersuchung wohl die Mühe des Forschers lohnt. Und deßhalb vermuthete ich auch stets, daß dem Lorbeer die Eigenthümlichkeit inwohne, in hochempfänglichen Temperamenten ekstatische Visionen zu erzeugen. In dieser Annahme wurde ich vor einigen Jahren durch die Erfahrung eines deutschen Arztes bekräftigt, der eine kataleptische oder ekstatische Kranke zu behandeln hatte und mich versicherte, nichts sei so geeignet gewesen, in seiner Patientin den Zustand des »Schlafwachens« und prophetischer Hallucinationen hervorzurufen, als die Beeren des Lorbeers. Ich kann hinzufügen, daß Justinus Kerner in der Seherin von Prevorst den Lorbeerbeeren dieselbe Wirkung auf seine Kranke beilegt, die Julius Faber im Text anführt. Wir wissen nun nicht, aus was in Wirklichkeit jener Stab bestand, der eine scheinbar magische Wirkung hervorbrachte. Sie haben das Metall des Drahts, welcher den Empfindungsnerven der Handfläche jenes Durchschauern mittheilte, nicht näher untersucht und wissen daher nicht, in wie weit es der Träger einer in der Natur vorhandenen flüssigen Kraft sein mochte; oder noch wahrscheinlicher, ob nicht die Poren ihrer Hand unmerklich eines jener mächtigen Narcotica einsogen und dem Gehirn mittheilten, aus welchen die Buddhisten und Araber Salben bereiten, um visionäre Hallucinationen hervorzurufen. Solche Substanzen mögen wohl in der Höhlung des Stabs verborgen gewesen sein oder seinen Griff imprägnirt haben. Man vergleiche über diese Salben Maurys weiter oben citirtes Werk: » La Magie et l'Astrologie etc.«, p. 417. So viel wissen wir übrigens, daß unter den Alten und namentlich im Orient die Anfertigung von Zauberstäben kein gewöhnliches mechanisches Handwerk, sondern eine besondere geheime Kunst und nur im Besitz von Männern war, welche mit Eifer alles damals aus der Naturwissenschaft Bekannte pflegten, um Kräfte aufzufinden, die als übernatürlich ansprechen konnten. Möglich, daß die Ruthen oder Stäbe des Orients, deren auch in der Bibel Erwähnung geschieht, nach Grundsätzen angefertigt wurden, von denen wir heut zu Tage nichts wissen, weil wir die Wissenschaft nicht im Hinblick auf solche Geheimnisse ausbeuten. Die Rhabdomantie der Alten oder die Wissenschaft der Weissagung und des Zauberns vermittelst der Stäbe bestand wohl hauptsächlich in der Auswahl oder der Bereitung des erforderlichen Materials, obschon man auch andere physikalische Momente mit in Rechnung genommen haben mag. Der Stab, von dem Sie mir erzählten, war, wie Sie sagen, aus Eisen oder Stahl angefertigt und an der Spitze mit einer krystallartigen Masse versehen. Vielleicht enthalten Eisen und Krystall wirklich einige Eigenschaften, die bisher wissenschaftlich noch nicht erforscht sind und nur auf ausnahmsweise vorkommende Temperamente einwirken; daraus würde sich auch die Thatsache erklären, daß bei allen Mystikern der alten und neuen Zeit das Eisen und der Krystall so im Ruf gestanden haben. Die delphische Pythonissa hatte ihren eisernen Dreifuß, Mesmer sein eisernes Bett, und viele unzweifelhaft ehrliche Personen können nicht lange in eine Krystallkugel sehen, ohne in Visionen zu verfallen. Ich vermuthe, daß sich eine physische Ursache für die scheinbar übernatürlichen Wirkungen des Eisens und des Krystalls in ihrer großen Empfänglichkeit für Temperaturveränderungen auffinden lassen dürfte, und wenn sie dadurch gewisse Einwirkungen auf exceptionelle Temperamente hervorbringen, so haben wir kein übernatürliches, sondern ein natürliches Phänomen.«

»Aber selbst angenommen,« entgegnete ich, »daß Ihre erklärenden Hypothesen die Wahrheit treffen oder ihr nahe kommen, welche schreckliche Gewalt gestehen Sie nicht dem Willen des Menschen über die Vernunft und das Thun anderer Menschen zu?«

»Der Wille des Menschen,« antwortete Faber, »übt gewöhnlich und täglich auf den Verstand und die Handlungen Anderer einen unendlich größeren Einfluß und wirkt, wenn sich nicht Gegengewichte geltend machen, weit gefährlicher, als die Magie selbst nach den übertriebensten Schilderungen des Aberglaubens. Der Wille setzt einen Krieg in Gang, der ein Zehntel einer Rasse hinwegrafft und Jammer und Elend verbreitet, kaum weniger schrecklich als das Schlachtfeld. Der menschliche Wille schafft, aber verderbt auch die Gesetze, verbessert oder entsittlicht den öffentlichen Geist und erhitzt ebenso oft die Welt zum Wahnsinn des Fanatismus, als er die wilden Begierden des Herzens durch die Weisheit brüderlicher Nächstenliebe zügelt. Sie empören sich über die ausnahmsweise vorkommende, beschränkte Macht, welche die Künste eines Zauberers (wenn es Zauberer gibt) über zwei oder drei Individuen ausüben; aber in demselben Augenblick, in welchem eine solche Macht oder Ihr widerstrebender Glaube daran Sie verwirrt und mit Grauen erfüllt, sinnt Ihr eigener Wille auf ein Werkzeug, das den Verstand von Millionen erschüttern und ihre Hoffnungen zu nichte machen soll!«

»Mein Wille? Was für ein Werkzeug meinen Sie?«

»Das Buch, das Ihr Verstand ersonnen, Ihre Gelehrsamkeit ausgeschmückt und Ihr Wille bestimmt hat, den Menschen den Glauben an ein ewiges Jenseits der Seele zu stehlen.«

Ich beugte mein Haupt und fühlte, daß ich erblaßte.

»Und wenn wir Baco's Theorie von der geheimen Sympathie oder den einfacheren physiologischen Satz annehmen, daß es in einer durch den Willen eines Anderen krankhaft beeinflußten Einbildungskraft eine verwandte Ideenrichtung von besonderer Empfänglichkeit für die Aufnahme eines solchen Einflusses geben müsse, so kann kein Magier einen Anderen zum Bösen bestimmen, es sei denn zum Voraus ein auf Abwege gerathener Gedankengang vorhanden. Hat nun auch dieser Margrave, der noch immer in Ihrem Kopfe spukt, wirklich durch einen geheimen, böswilligen Magnetismus den Tollhäusler zum Mord, die Haushälterin zu der Begier, in die Geheimnisse ihres unglücklichen Gebieters einzudringen, und jene alte Jungfer zu neidischer Begehrlichkeit und zu jener Handlung der Bosheit verlockt – that er mit allen seinen Zauberkünsten mehr, als etwa ein gewöhnlicher boshafter Rathgeber einem für den Rath empfänglichen Gemüth gegenüber?«

»Sie vergessen ein Beispiel, das die ganze Beweiskraft Ihres Vorbringens lähmt – den Zauber, mit welchem dieser geheimnißvolle Mensch ein so reines und schuldloses Wesen wie Lilian umspann.«

»Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen darauf offen Rede stehe?«

»Sprechen Sie.«

»Ihre Lilian erscheint Ihnen fleckenlos und rein, und daher sucht sie auch der Zauberer nicht durch eine sündige Begier zu bestricken; er mischt in seine Anziehung kein Gefühl der Untreue gegen Sie. Ja, ich kann nach den Gesprächen, die ich mit ihr hielt, obschon für Sie nur ein trauriger Trost darin liegt, wenn ich gerecht sein will, meine Ueberzeugung nicht bergen, daß ihre Liebe Sie nie inniger umfaßte, als in der Zeit, da sie von ihr gewichen zu sein schien. Ihre Einbildungskraft zwang ihr die Illusion auf, daß Sie durch Ihre Liebe zu ihr von einer großen Gefahr bedroht würden. Was wie ein leichtfertiges Aufgeben aussah, war bereitwillige Selbstopferung. Glauben Sie ja nicht, sie sei bei ihrer seltsamen träumerischen Wanderung sich des Zaubers bewußt gewesen, den Sie diesem geheimnißvollen Margrave zur Last legen; ihrer Meinung nach war es Ihr Schutzengel, der ihre Schritte leitete, und die Pilgerfahrt erschien ihr als ein an sie ergangenes Gebot, den Feind zu entwaffnen, der Sie bedrohte, und den Zauber zu sprengen, der ihr Leben von dem Ihrigen getrennt hielt! Aber hatte sie sich nicht lange vorher aus freien Stücken für ein derartiges Getäuschtwerden vorbereitet? Hing sie nicht mit Vorliebe ihren Phantasieen nach und ließ sich dadurch den Pflichten entfremden, die wir auf Erden zu erfüllen haben? Die erhabensten Vermögen unserer Natur bedürfen der sorgfältigsten Gleichgewichtserhaltung, wenn sie nicht von ihrer Höhe herabstürzen und die Mauern, deren Krone sie bilden, zertrümmern sollen. Wie schön sagt nicht Hume von den Träumern, die sich in glänzenden Phantasieen ergeben, sie seien den Engeln in der Schrift zu vergleichen, welche man, die Augen mit den Flügeln bedeckend, darstelle. Wären Sie wie mein Neffe darauf angewiesen, Ihr Brod der Wildniß abzuringen, welche Gehülfin hätten Sie in Ihrer Lilian? Wie oft würden Sie in rechtfertigbarem Unmuth ausrufen: »Ich, ein Sohn Adams, bin auf Erden, nicht im Paradies. Oh, daß meine Eva heimisch wäre an meinem Herd und nicht stets im Himmel weilte unter den Seraphen!« Kein Margrave, wage ich zu behaupten, würde im Stande sein, die gesunden Neigungen meiner Amy aufzuheben oder ihre hellwachende Seele durch seinen Zauber in Gefahr zu verstricken. Wenn sie in der Wiege das Kind schaukelt, das die Eltern ihrer Obhut vertrauen – wenn sie die Kühe zum Melken oder die Hühner zum Futter ruft – wenn sie nur durch mein Zimmer huscht, um die Blumen auf dem Gestell zu erneuern oder die Bücher, die ich gelesen, in zierliche Ordnung zu bringen, so möchte ich wohl den Bann kennen lernen, der es vermöchte, sie nur um einen Schritt abzulenken von der Bahn ihrer sorglichen Bemühungen! Am Tage begnügt sie sich, auf der gemeinen Erde zu verweilen, und Abends klopfen wir, sie und ich, zusammen an dieselbe Himmelsthüre, die sich dem Gebet und dem Dank aufthut, und unter Danksagung und Gebet kehren wir ruhig und voll Hoffnung zurück zu den Aufgaben, die uns jeder neue Morgen bringt.«

Ich blickte, als der alte Mann inne hielt, auf und sah in der Klarheit der australischen Atmosphäre das so gepriesene Kind an dem Gartenthor stehen, von wo es zu uns herüber schaute. Die Entfernung war groß, aber doch schien sie uns nahe zu sein. Ich wurde unwillig über sie. Mein Herz hing so sehr an meiner harm- und wehrlosen Lilian, daß ich sogar auf das Lob eifersüchtig wurde, das man auf ihre Kosten einer Andern spendete.

»Jedes von uns hat seine eigene Natur,« sagte ich kalt, »und ihre Nutzung steht im Einklang mit ihren Eigenthümlichkeiten. Ich gebe zu, daß die Welt sehr übel fahren würde, wenn die Frauen in Beziehung auf Thätigkeit und stille Herzensgüte nicht mehr oder weniger Ihrer Amy glichen. Aber die Welt würde auch ihre hohe Stellung verlieren, wenn es keiner Frau gestattet wäre, ihrer Phantasie nachzuhängen und dadurch zu dem Gedankenaufschwung meiner Lilian zu gelangen, obschon er leider jetzt in der Phantasie untergegangen ist. Ich will Ihnen nicht wehe thun mit der Erklärung, daß mir Ihre Amy nur als Typus der Mittelmäßigkeit erscheint, und verlange auch nicht, daß man in Lilian den Typus des Genius anerkenne; aber beide haben mit solchen Typen die Aehnlichkeit, daß die Nutzungen der Mittelmäßigkeit dem Alltagleben anheimfallen, die des Genius aber unter tausend Mißgriffen, welche der Mittelmäßigkeit nie zur Last fallen, dahin zielen, Ideen zu wecken und fortzupflanzen, welche auch die Mittelmäßigkeit zu einer edleren Stufe erheben. Es würde im Leben weniger Amys geben, wenn nicht hin und wieder eine Lilian zu finden wäre, wie es auch weit weniger gute verständige Männer gäbe, wenn wir nicht gelegentlich geniale Träumer hätten.«

»Gut gesprochen, Allen Fenwick. Und wer sollte nachsichtiger sein gegen die Verirrungen der Einbildungskraft, als eben die Philosophen, die Sie in Ihrer Jugend lehrten; im Plane der Schöpfung Alles zu bezweifeln, was nicht mathematisch bewiesen werden kann? ›Der menschliche Geist,‹ sagt Luther, ›ist wie ein Betrunkener, der reiten will; hilft man ihm auf der einen Seite aufs Pferd; so rutscht er auf der anderen wieder herunter.‹ So läuft der Gebildete, der sich zu hoch dünkt, um an die Religion des Bauern zu glauben, alle Augenblicke Gefahr, sich in einem selbst geschaffenen Aberglauben zu verstricken. Sehen Sie sich in den nächsten besten Biographieen um und Sie werden finden, daß diejenigen, die nichts auf die Religion halten, an einen Nachruhm glauben. Betrachten wir das Urbild der eleganten Skeptiker, den Lord Herbert von Cherbury. Er schreibt ein Buch gegen die Offenbarung und verlangt ein Zeichen vom Himmel, das ihm sagen soll, ob sein Schöpfer diese Arbeit billige; der Mann, der nicht an die Wunder des Erlösers glauben kann, erzählt uns allen Ernstes ein Wunder, für das er seine eigene Gewähr einlegt. Nehmen wir den kühnsten und kräftigsten Geist, der je von dem kühnsten und kräftigsten Volk geschult und ausgebildet wurde – den größten von allen großen Männern, den großen Julius Cäsar. Im offenen Senat erklärt er die Unsterblichkeit der Seele für ein Hirngespinnst. Er bekennt sich zu dem Glauben, den alle römischen Lebemänner dem Epicur entnahmen, und läugnet jegliches göttliche Eingreifen in die Angelegenheiten der Erde. Die Materialisten können keine größere Autorität aufweisen, auf ihrer Seite sich keines höheren Geistes rühmen, als der des Cäsar war. Und doch pflegte dieser magnifike Freidenker, der nichts von einer Seele und einer Gottheit wissen wollte, eh' er in einen Wagen stieg, eine Beschwörungsformel zu sprechen und auf den Knieen die Stufen eines Tempels hinanzukriechen, um die abstrakte Idee ›Nemesis‹ günstig zu stimmen; auch setzte er nicht über den Rubico, eh' er auf die Omina geachtet hatte. Was geht daraus hervor? – eine sehr einfache Wahrheit. Der Mensch hat manche Instinkte mit den Thieren gemeinschaftlich, zum Beispiel den Hunger und die Geschlechtsliebe. Aber Ein Instinkt ist ihm eigen und findet sich allgemein (vielleicht im wilden Zustand mit so seltenen Ausnahmen, daß sie das gemeinsame Gesetz nicht umstoßen) Es scheint außerordentlich zweifelhaft, ob die wenigen Beispiele, die man von wilden Rassen namhaft gemacht hat, welche nicht von einer Gottheit und von einem zukünftigen Zustand wissen, bei näherer Untersuchung stichhaltig sind. In den meisten geleseneren Werken über Australien wird zum Beispiel behauptet, die dortigen Wilden hätten keinen Begriff von Gott und von einem Jenseits, indem sie nur einen Teufel oder einen bösen Geist anbeten. Diese Behauptung, wie entschieden und von wie vielen Autoren sie auch aufgestellt sein mag, ist durchaus irrig und nur in der Unwissenheit der betreffenden Schriftsteller begründet. Die australischen Wilden erkennen einen Gott an; aber er steht zu hoch, als daß sie in ihrer Sprache einen Namen für ihn hätten, weßhalb sie ihn (übersetzt) nur den großen Meister nennen. Sie glauben an eine Zukunft voll ewiger Freude und versetzen den Schauplatz derselben unter die Sterne. – Vergleiche Strzeleckis physikalische Beschreibung von Neu-Süd-Wales. das Ahnen einer unsichtbaren Macht außerhalb der Erde und eines Lebens jenseits des Grabes, das diese Macht seinem Geiste bescheert. Auch der Beste unter uns kann einen Instinkt nicht ungestraft verletzen. Man mag dem Hunger widerstehen, so lang man will, aber ehe man verhungert, wird man um des Instinktes willen lieber zum Kannibalen; kämpfe man gegen die Liebe an, zu der Jugend und Natur drängen, und welcher Patholog vermöchte nicht eine breite Spur zu verfolgen zu Wahnsinn und Verbrechen? Ebenso verhält sich's mit den edelsten von allen Instinkten. Entschlage dich der inneren Ueberzeugung, durch welche die größten Denker der Hoffnung des demüthigsten Christen eine Weihe verliehen haben, und du wirst mit einemmal der Sclave eines Glaubens, der weit unbegreiflicher ist. Die Einbildungskraft läßt einmal nicht von der Sehnsucht nach den Visten jenseits der Mauern des Fleisches und der Spanne der gegenwärtigen Stunde. Selbst die Philosophie erfindet, wenn sie den gesunden Glauben verwirft, der dem Menschen in nüchternem Gebet eine Schutzwehr und einen Führer durch die Wüste träumerischer Zweifel bietet, Systeme, gegen welche die Geheimnisse der Theologie als einfach erscheinen. Denken wir uns einen Mann von einfachem kräftigen Verstand, der nie von dem Gott gehört hat, welchen die Christen verehren, und fragen wir uns selbst, was er voraussichtlich besser begreifen und als natürlichen Glauben annehmen wird, die einfache Lehre des Christenthums, oder den Pantheismus eines Spinoza? Lege man einem tüchtigen Kritiker, der jede der beiden Fragen vollkommen vorurtheilsfrei aufgreift, zuerst David Hume's Beweise gegen die Wunder der Evangelien und dann seine metaphysischen Einfälle vor. Dieser feine Philosoph, der sich nicht begnügte, mit Berkeley die Materie abzuthun, und mit Condillac den Geist oder die Seele zu beseitigen, schreitet zu einem Wunder vor, das viel größer ist als irgend eines der von seinem Schöpfer uns geoffenbarten. Während er lebt und schreibt, schafft er sich nämlich sein eigenes Ich vom Hals und versichert, daß er mit Niemand disputiren könne, welcher dumm genug sei, sich für ein Ich zu halten. Seine Worte sind: ›Was wir Geist nennen, ist nichts als eine Anhäufung oder ein Convolut von verschiedenen Begriffen oder Objekten, die unter verschiedenen Relationen sich verbinden und irrthümlicher Weise als mit vollkommener Einfachheit und Identität begabt aufgefaßt werden. Wenn Jemand nach einem ernstlichen und aufrichtigen Nachdenken eine andere Vorstellung von sich gewinnt, so muß ich bekennen, daß ich nicht länger mit ihm räsonniren kann.‹ Ich möchte wahrhaftig lieber alle Geistergeschichten, die man sich erzählt, glauben, als annehmen, daß ich nicht einmal ein Geist, nicht ebenso verschieden sei von den Begriffen, die mir auf was immer für eine Weise zugehen, wie ich verschieden bin von den Möbeln in meinem Zimmer, gleichviel, ob ich sie dort gefunden oder gekauft habe. Wenn irgend ein alter Kosmogonist Ihnen zumuthete, zu glauben, die erste Ursache sei nicht eine göttliche Einsicht, sondern ein Nebel von so unendlicher Verdünnung, daß man sich seine Wesenheit nur mit Mühe denken könne, und der Ursprung des vorhandenen Systems organisirter Wesen müsse nicht aus der Thätigkeit eines schöpferischen Geistes, sondern aus Molecülen abgeleitet werden, die sich nach einem Gesetz der Anziehung im Wasser bilden, bis im allmähligen Lauf der Jahrtausende durch Modifikationen des Zellengewebes die eine Monade zur Auster, die andere zum Menschen werde – würden Sie nicht sagen, daß eine solche Kosmogonie kaum beim frühesten Aufdämmern der spekulativen Forschung den menschlichen Verstand hätte irre leiten können? Und doch konnte der Wunsch, die einfache Lehre von einer göttlichen ersten Ursache, die jedes Kind begreift, zwei der größten Geister und tiefsten Denker der Neuzeit, La Place und La Marck, zu solchen Hypothesen verleiten. Siehe die Bemerkungen über La Place und La Marck in der Einleitung zu Kirby's Bridgewater-Abhandlung. Sicherlich fühlt man den eigenen geistigen Stolz nur um so mehr gedemüthigt, je mehr man in die Erzschattenspielereien der Philosophen eingeht, welche in dem All nichts stehen lassen möchten, als ihre eigenen Blendwerke. Die abenteuerlichsten Phänomene, die Sie erschreckt haben, sind nicht überspannter, als die gravitätischen Erklärungen, welche intellektueller Dünkel über die Elemente unseres Organismus und die Beziehungen zwischen Stoff- und Ideenwelt ins Blaue hinausschickt.«

Hier wurde unser Gespräch unterbrochen, denn Amy war zu uns herüber gekommen, und als ich aufblickte, um eine Erwiederung zu geben, bemerkte ich zwischen mir und der Furchenstirne des alten Mannes das unschuldige Gesicht des Kindes.

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