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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 71
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebenzigstes Kapitel.

Die Reise ist vorüber. In dem Seehafen, in welchem ich landete, fand ich einen Brief von Faber. Meine Instruktionen hatten ihn rechtzeitig erreicht, um den Ankauf zu bewerkstelligen, der seiner Schilderung nach eine so wohlfeile Erwerbung sein sollte. Das Vieh, die landwirthschaftlichen Geräthschaften und die Möbel des Hauses waren mit eingeschlossen, so daß ich bei meiner Ankunft alles vorbereitet traf. Ich eilte fort von dem elenden Dorf, aus dem vielleicht mit der Zeit eine der mächtigsten Hauptstädte der Welt hervorwächst, um mein Quartier in der Wildniß aufzusuchen.

Der australische Frühling, dessen Anfang mit unserem Herbstmonat Oktober zusammenfällt, hatte eben begonnen. Die Luft war beladen von dem Wohlgeruch der Akazien. In den Lichtungen des offenen Waldlandes oder an den felsigen Ufern der geschlängelten silbernen Bäche bildeten kriechende Pflanzen und Blumen von prächtigem Farbenspiel einen schlagenden Gegensatz zu dem Olivengrün des umgebenden Blätterwerks. Die erfrischende Wirkung des Klimas in dieser Jahreszeit erhöht den Zauber der fremdartigen Landschaft. In der Klarheit des Himmels und in der Leichtigkeit der Atmosphäre fühlt sich das Leben wunderbar angeregt. Sogar mit der Luft, welche die Lunge des Abenteurers einsaugt, scheint Hoffnung einzuziehen in seine Seele.

Wir haben unser Heimwesen erreicht, uns darin eingerichtet und uns an die weniger behaglichen ersten Eindrücke gewöhnt. Viel von dem, was wir anfangs vermißten, entbehren wir nicht mehr.

Das Haus ist ein Blockhaus; der vorige Eigenthümer hat auf einem eine Viertelstunde entfernten Hügel ein imponirenderes Steingebäude zu bauen angefangen, aber es ist noch nicht halb vollendet.

Das Blockhaus bietet viel Bequemlichkeit, und man hat sowohl innen als außen viel gethan, um die ursprüngliche Rohheit zu verdecken oder auszuschmücken. Um drei Seiten des unregelmäßigen, aber malerischen Baus ziehen sich Veranden her, an denen bis zum Dachgiebel hinauf Reben mit ihrem glänzenden Laub in die Höhe wachsen. Vorn befindet sich ein großer Garten mit vielen englischen Fruchtbäumen, welche mit den Tropenpflanzen und den Orangenbäumen des südlichen Europa's in die Wette gedeihen. Jenseits erstrecken sich wellenförmige Waiden mit Vieh und Schafheerden; links erhebt sich eine lange Reihe vielfarbiger Hügel und rechts fließt zwischen federbuschartigen Bäumen ein Bach dahin. Auf dem anderen Ufer des letzteren beginnt ein Wald, der sich um der vielen Lichtungen und Alleen willen wie ein Park ausnimmt. Der Boden, dessen Herr ich so plötzlich geworden, hat selbst für einen Kolonialkapitalisten eine ungeheure Ausdehnung. Das Gut, das ursprünglich auf specielle Vermessung erstanden wurde, umfaßt zwanzigtausend Aker nebst einem Weiderecht über weitere vierzigtausend. Nur auf einer kleinen Strecke ist bis jetzt der Anbau versucht worden, obschon das Ganze einige der fruchtbarsten Distrikte in der bekannten Welt umschließt. Um die Zeit meines Besitzantritts war sogar die Schafzucht kaum nutzbar, weil man selbst für theures Geld keine Arbeiter erhalten konnte. Vom Standpunkt der Spekulation aus durfte es mich also nicht Wunder nehmen, daß mein Vorgänger Angst vor seiner Domäne kriegte. Hätte ich mein Gesammtkapital in diese fürstliche Besitzung stecken müssen, so würde ich mich gleichfalls für einen ruinirten Mann gehalten haben; so aber wäre mich eine Villa in der Nähe von London mit hundert Akern eben so hoch, und der Unterhalt eines solchen Gütchens dreimal so hoch zu stehen gekommen, und ich konnte daher die Erwerbung wohl bestreiten. Ich fand bereits einen schottischen Schaffner vor, und da es mir für die Landwirthschaft an der nöthigen Erfahrung gebrach, so ging ich gerne darauf ein, seinen Eifer durch eine gute Belohnung zu spornen. Zwei meiner Dienstboten und zwei andere, die viele Jahre bei Frau Ashleigh gewesen, waren mit uns gekommen, blieben treu und schienen sich im neuen Lande wohl zu gefallen. So nahm denn das Uhrwerk des häuslichen Tagestreibens so ziemlich in derselben Weise, wie in der alten Heimath seinen Fortgang. Lilian bekam nichts von den gewöhnlichen Entbehrungen und Unbequemlichkeiten zu spüren, die sonst der Frau auch eines reichen Auswanderers harren. Ach, würde sie es wohl beachtet haben, wenn es anders gewesen wäre?

Der Wechsel des Klima wirkte entschieden wohlthätig auf ihr leibliches Befinden ein, blieb aber ohne Einfluß auf die geistige Funktionirung. Doch erschien ihr Antlitz seltener umwölkt, und es lagerte darauf gewöhnlich ein sanftes geheimnißvolles Lächeln. Sie konnte Liederverse vor sich hinmurmeln, die zum Theil englischen Dichtern entnommen, zum Theil mit eigenen Beigaben versehen waren, aber nie einen klaren Sinn enthielten, obschon es ihnen nicht an Melodie gebrach. Seltsam, daß das Gedächtniß und die Nachahmung, die beiden ersten Eltern allen erfinderischen Wissens, sich noch so thätig erwiesen, während das Urtheil, das spätere Vermögen, welches die anderen zu Zweck und Methode vereinigt, erloschen war.

Ich komme viel mit Faber zusammen, obschon er eine Stunde von mir entfernt wohnt. Er hegt in Beziehung auf Lilians endliche Genesung die beste Hoffnung, und zu meinem Erstaunen wie zu meinem Neid ist es ihm gelungen, vermittelst einer Kunst, in der ich es ihm nicht nachzuthun vermag, einen verständlichen Verkehr zwischen ihm und ihr herzustellen. Sie begreift seine Fragen, während die meinigen, selbst die einfachsten, wie in einer fremden Zunge gesprochen an ihrem Ohr vorbeigleiten; auch weiß er einen Sinn aus ihren Worten herauszufinden, wo mir diese als bedeutungslose Räthsel erscheinen.

»Ich hatte Recht,« sagte er eines Tages zu mir (er hatte sie an der Seite ihrer ruhigen geduldigen Mutter im Garten gelassen und mich aufgesucht, der ich zerstreut und doch ärgerlich unter den schattenlosen Gummibäumen lag und meine Augen nicht auf den Heerden und Feldern, die mein Eigenthum waren, sondern auf der fernen Bergreihe haften ließ, von der das Gewölbe des Himmels in die Höhe zu steigen schien) – »ich hatte Recht,« sagte der große Arzt; »der Verstand ist nur aufgehoben, nicht verloren. Ihre Frau wird genesen, aber –«

»Was aber?«

»Geben Sie mir Ihren Arm; ich will Ihnen auf dem Heimweg mittheilen, zu welchem Schluß ich gekommen bin.«

Ich stand auf; der alte Mann stützte sich auf mich, und wir gingen Thal abwärts, die felsigen Ufer des Baches entlang. Das Waldland auf der andern Seite ertönte von dem Gezwitscher, Krächzen und Plappern der australischen Vögel, die voll Heiterkeit, aber gesanglos sind, mit alleiniger Ausnahme des herrlichsten von allen Schlägern, welchem irgend ein lederner Einwanderer den heillosen Namen Elster angehängt hat, obschon sein Lied süßer ist als das der Nachtigall und durch die klare Luft entzückende Laute der Freude entsendet, welche alle in einer Weise übertönen, daß man, wenn er singt, kaum etwas von dem widrigen Geschrei der Papageien vernimmt.

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