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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 70
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Neunundsechzigstes Kapitel.

Ich hatte von der Reise eine wohlthätige Einwirkung auf Lilian gehofft; aber es war weder eine gute, noch eine schlimme wahrzunehmen, etwa mit der Ausnahme, daß sie sich schweigsamer und ruhiger verhielt. In schönen Nächten saß sie gern auf dem Verdeck und betrachtete die Spiegelung des gestirnten Himmels über der Tiefe. Und einmal, als ich über die Regeling des Schiffs gebeugt an ihrer Seite stand und die lange Lichtfurche betrachtete, welche der Mond auf der Dunkelheit des endlosen Oceans hervorrief, sagte ich zu mir selbst: »Wo ist mein Lichtpfad durch die unermeßliche Zukunft? Ach, daß ich wieder glauben könnte wie ein Kind. Wehe mir, daß alles Denken, das ich aus meinem Wissen schöpfe, mich wegführen muß von dem Trost, den der Bauer, wenn er trauert, in seinem Glauben findet! Warum mußten so dunkle Räthsel mir sich aufdrängen – mir, dem Feind des Phantastischen, dem nüchternen Zögling der strengsten Schule? Doch welches Wunder – das seltsamste haben meine eigenen Sinne wahrgenommen oder trügerisch mir vorgespiegelt – welches Wunder ist größer als dasjenige, durch welches eine einfache, bei allen Menschen vorkommende Neigung eine Lebensbahn veränderte, an der meine Hoffnungen hingen und die den Beifall meines Urtheils hatte? Wie ruhig zergliederte ich, eh' ich die Liebe kannte, ihren Mechanismus, dem Schüler gleich, der mit dem Messer an der Leiche die organischen Gewebe untersucht. Siehe, sie ist etwas Lebendiges – sie lebt in mir, und eben, weil sie lebt, ist sie meinem Skalpell unzugänglich und spottet meines Wissens. Kann Liebe auf den Bereich der Sinne zurückbezogen werden? Nein. Welche Nonne ist mehr von demselben abgesperrt, als meine Braut in ihrem erhabenen Unglück? Ist also die Liebe eine Vereinigung verwandter harmonischer Geister? Nein. Meine Geliebte sitzt mir zur Seite, ohne daß ich eine Ahnung habe von ihren Gedanken, während auch ihr mein Geist ein verschlossener Born ist. Und dennoch liebe ich sie mehr – oh, unaussprechlich mehr, obschon die zwei Ursachen, Form und Geist, welche die Philosophie der Liebe unterstellt, wegfallen. Wie kann nun ich eitler Physiolog sagen, was Liebe ist und was sie nicht ist? Muß vielleicht sie mir zuerst Aufschluß darüber geben, daß der Mensch eine Seele hat und in der Seele die Lösung der Probleme gefunden wird, die der Leib oder der Geist allein nie zu deuten vermag?«

Meinen Betrachtungen wurde dadurch Einhalt gethan, daß Lilian mit ihrer Hand meine Schulter berührte. Sie war von ihrem Sitz aufgestanden und an meine Seite getreten.

»Sind die Sterne sehr weit weg von der Erde?« fragte sie.

»Sehr weit.«

»Sieht man sie heute Nacht zum erstenmal?«

»Wie sie uns jetzt sichtbar werden, erschienen sie wahrscheinlich auch den Vätern aller menschlichen Rassen.«

»Doch scheinen sie auch in dem Wasser drunten: und sieh, doch fließt Welle auf Welle, eh' wir's zählen können!«

»Lilian, welche Sympathie ist es, die dich meine Gedanken lesen und beantworten läßt?«

Ihre Erwiederung war unzusammenhängend und bedeutungslos. Wenn ein Strahl geistigen Lichtes für einen Moment geheimnißvoll mein Herz ihrem Blick aufgeschlossen hatte, so war er schon wieder erloschen. Aber ich zog sie näher an mich, und mein Auge folgte lange gedankenvoll dem Lichtpfad, der sich zwischen der Dunkelheit hinzog, bis er sich an dem Horizont verlor.

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