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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 68
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebenundsechzigstes Kapitel.

Als ich ihre Wohnung erreichte, überlieferte mich ein steifer Bedienter mit einem nichtssagenden Gesicht der Führung einer gedungenen Krankenwärterin, welche mir die Treppe hinauf voranging, und ehe ich mich's versah, befand ich mich wieder in dem Zimmer, in welchem Doctor Loyd gestorben war. Wie ganz anders nahmen sich jetzt die Wände und die Möbel aus. An die Stelle der trüben Papiertapeten waren leichte Muslintapeten mit rosenrothem Grund unter der fantastischen Zeichnung getreten; üppige Fauteuils, vergoldete Kleiderschränke, mannshohe Spiegel, ein mit Spitzen und Bändern verzierter Toilettentisch, glitzernd von silbernem Tand und mit Juwelen besetztem Geschmeide – alles dies verwandelte das Krankenzimmer des einfachen Mannes der Wissenschaft in das Sterbeboudoir einer eitlen Coquette. Das Zimmer selbst aber mit seinem hohen Gitter und der schweren Balkendecke war dasselbe, dem Sarge gleich, der denselben kleinen Raum umschließt, mag er nun mit Sammt ausgeschlagen und mit Wappenschildern behangen oder das rohe Brettergehäuse eines Bettlers sein.

Und das Bett mit seinem seidenen Plümeau und den mit Brabanter Spitzen garnirten Kissen stand in der nämlichen Ecke wie das meines rachsüchtigen sterbenden Feindes. Als ich näher trat, wandte ein Mann, der neben der Leidenden saß, das Gesicht gegen mich um und nickte in stummer, freundlicher Begrüßung. Es war Herr C..., ein Geistlicher der Stadt, mit welchem ich am häufigsten in Berührung gekommen war, wenn der Arzt es dem Priester überlassen muß, mit dem Menschen von Hoffnung zu reden. Als Prediger war C... berühmt wegen seiner rührenden Beredsamkeit, als Seelsorger verehrt wegen seines frommen Sinnes und als Freund und Nachbar allgemein beliebt wegen des leutseligen Charakters, in welchem sich der männliche Ernst mit einer frauenhaften Zartheit des Herzens paarte.

Der wackere Mann flüsterte der Leidenden etwas zu, das ich nicht verstand, näherte sich mir leisen Schrittes, nahm mich bei der Hand und sagte zu mir gleichfalls in Flüstertönen: »Seien Sie barmherzig, wie es dem Christen ziemt.« Dann führte er mich an das Krankenlager, verließ das Zimmer und drückte die Thüre hinter sich zu.

»Glauben Sie wirklich, daß ich sterben muß, Doktor Fenwick?« fragte eine schwache Stimme. »Ich fürchte, Doktor Jones hat meinen Zustand nicht verstanden. Wenn ich Sie nur gleich anfangs hätte rufen lassen – aber ich konnte nicht – ich konnte nicht! Wollen Sie nicht meinen Puls fühlen? Glauben Sie nicht, daß es etwas gibt, was mir gut thut?«

Ich brauchte nicht an diesem Knochenarm den Puls zu untersuchen, schon das Gesicht sagte mir, daß der Tod im Anzug war. Doch machte ich mechanisch die herkömmlichen Phrasen des Krankenverhörs durch. Nachdem diese unnütze Förmlichkeit abgethan war, deutete ich mit möglichster Zartheit auf die Zweckmäßigkeit hin, wenn es noch nicht geschehen sei, die zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.

»Diese Pflicht,« sagte ich, »befreit nicht selten, indem sie dem Geist die Sorge für andere abnimmt, denen wir die Rücksichten der Liebe schulden, auch den Körper von manchem nagenden Schmerz und verlängert bisweilen das Leben zum Erstaunen selbst der erfahrensten Aerzte.«

»Ach,« sagte die alte Jungfer grämlich, »ich verstehe. Aber es ist nicht mein Testament, was mich beunruhigt. Ich läge nicht hier unter der Pflege einer Spitalwärterin, wenn meine Verwandten nicht wüßten, daß meine Leibrente mit mir stirbt, und ich habe sogar Schulden darauf hingemacht, als ich dieses Haus möblirte, Doktor Fenwick. Alle diese schönen Sachen werden verkauft werden, um die schrecklichen Handwerksleute zu bezahlen – sehr hart! so hart! – gerade jetzt, weil ich meine Einrichtung so habe, wie ich sie stets zu haben wünschte, wenn ich es hätte erschwingen können. Ich sagte immer, mein Schlafzimmer müsse mit Muslin behangen sein, wie das der lieben Lady L..., und das Visitenzimmer mit geranienfarbiger Seide – so hübsch. Sie haben es noch nicht gesehen; ach, Doktor Fenwick, Sie würden das Haus nicht wieder kennen. Und just wie Alles fertig ist, soll ich davon fort und ins Grab. Ist dies nicht schrecklich?« Und sie begann zu weinen. Ihre Aufregung führte einen heftigen Paroxysmus herbei, nach welchem sich einer von jenen auffallenden Wechseln in der geistigen Stimmung einstellte, die man hin und wieder vor dem Sterben wahrnimmt und in denen der ganze Charakter des Menschen ein anderer geworden zu sein scheint. Der Harte wird weich, der Stolze demüthig, der Leichtfertige ernst vor jenem schauerlichen Moment, vor dem die Erdendinge wie Nebelbilder zerfließen, so daß im Hintergrund nur der Tod sichtbar bleibt in dem grellen Lichte, das mit dem letzten Flackern der Lebenslampe aufzuckt.

Und als sie ihr hageres Gesicht von meinen Schultern aufrichtete und meine mitleidige, tröstende Stimme hörte, sprach nicht mehr der kindische Schmerz um den Verlust eitlen Tandes aus den verfallenden Zügen und aus dem Kummer ihrer flehenden Augen.

»Das ist also der Tod,« sagte sie. »Ich fühle, daß er rasch herankommt. Jetzt muß ich reden, ich habe es Herrn C... versprochen. Vergeben Sie mir, können Sie – können Sie? Jener Brief – der Brief an Lilian Ashleigh – ich habe ihn geschrieben! Oh, blicken Sie mich nicht so schrecklich an; ich hätte nie gedacht, daß er so schlimme Folgen haben würde! Und bin ich nicht gestraft genug? Als ich schrieb, glaubte ich wirklich, Fräulein Ashleigh hintergehe Sie, und ich war einmal thöricht genug, mir einzubilden, daß Sie mich hätten lieben können. Aber der Beweggrund war ein anderer; ich war mein ganzes Leben über so arm gewesen und jetzt so unerwartet reich geworden. Mein Herz hing an diesem Hause – ich hatte immer eine Vorliebe dafür gehabt – und ich hoffte es zu erhalten, wenn ich die Heirath der Fräulein Ashleigh verhindern und sie so einschüchtern konnte, daß sie mit ihrer Mutter nicht mehr, nach L– – zurückkehrte. Und ich kriegte es auch – aber wozu? – um zu sterben. Ich war noch keine Woche hier, als ich die Beschädigung erlitt, die nun mein Tod ist. Ich glitt, wie ich aus eben diesem Zimmer herauskam, auf der polirten Treppe aus und that einen schweren Fall. Hätte ich mich mit meiner alten Wohnung begnügt, so wäre dies nicht vorgekommen. Oh, sprechen Sie das Wort der Vergebung – oder sagen Sie wenigstens so, wenn Sie es auch nicht fühlen können.« Und das unglückliche Weib faßte mich am Arm, wie Doktor Loyd gethan hatte.

Ich bedeckte mein Gesicht mit der Hand, und mein Herz klopfte ungestüm unter dem Schmerz der unterdrückten Leidenschaft. Ein Unrecht gegen mich, wie schwer es auch sein mochte, zu vergeben, hätte mich keinen Kampf gekostet; aber ein solches Unrecht gegen Lilian – nein; ich konnte nicht sagen: »Ich vergebe.«

Die sterbende Elende war vielleicht mehr entsetzt über mein Schweigen, als wenn ich ihr Vorwürfe gemacht hätte. In ihrer Verzweiflung wurde ihre Stimme schrill.

»Sie wollen mir nicht vergeben – und ich soll sterben mit Ihrem Fluch auf meinem Haupt? Erbarmen! Erbarmen! Der gute Mann, Herr C..., gab mir die Versicherung, Sie würden barmherzig sein. Haben Sie nie Jemand anders Unrecht gethan? Hat Sie der Böse nie in Versuchung geführt?«

Ich antwortete ihr in gebrochenen Lauten: »Ich? Oh, hätten Sie nur mich beschimpft – aber ein so unschuldiges, harmloses junges Wesen, und noch obendrein aus diesem erbärmlichen Beweggrund!«

»Aber ich sage Ihnen ja, ich schwöre Ihnen, es wäre mir nicht im Traum eingefallen, daß ich damit ein solches Unglück herbeiführen könnte. Und jener junge Mann, der Margrave, hatte es mir in den Kopf gesetzt.«

»Margrave? Er hatte ja L– – verlassen lange bevor jener Brief geschrieben wurde.«

»Er war auf einen Tag wieder hier – es war an dem nämlichen Tag, an welchem ich schrieb. Ich begegnete ihm auf dem Spazierweg. Er fragte nach Ihnen, nach Fräulein Ashleigh, und lachte dazu. Und ich sagte, Fräulein Ashleigh sei krank gewesen und jetzt nicht hier; und er lachte wieder. Ich dachte mir nun, er wisse mehr, als er mir sagen wolle, und fragte ihn, ob er glaube, daß Frau Ashleigh wieder zurückkommen werde, da ich im gegentheiligen Fall ihr Haus zu miethen wünsche. Und er lachte wieder und sagte: ›Vögel bleiben nie in dem Nest, in welchem die Jungen Schaden genommen haben,‹ und ging singend weiter. Als ich nach Haus kam, ging mir sein Lachen und Singen immer im Kopf herum. Es kam mir vor, ich sehe ihn sogar in meinem Zimmer, wie er mich zum Schreiben drängte, und dann setzte ich mich nieder und schrieb. Oh, verzeihen – verzeihen Sie mir! Ich bin ein armes, thörichtes Geschöpf gewesen, habe aber nie gedacht, daß ich solchen Schaden damit stifte. Der Böse hat mich versucht! Ah, da ist er – ich sehe ihn dort – dort auf der Schwelle! Er kömmt, um mich zu holen! Wenn Sie selbst auf Erbarmen hoffen, so befreien Sie mich von ihm – vergeben Sie mir!«

Ich versuchte mich zu überwinden. Als sie in Margrave den Anstifter bezeichnete, brachte sie einen Entschuldigungsgrund vor, der ein Echo fand in der innersten Kammer meines Geistes, in die ich selbst nicht zu blicken wagte, da ich hier stets seinem Bild begegnete. So unsühnbar auch der Jammer war, den dieses Weib über mich und die Meinigen gebracht hatte, war sie doch ein menschliches Wesen, wie ich – aber Er?

Ich faßte mit beiden Händen die ihrige, die meinen Arm festgehalten, und sagte mit fester Stimme:

»Seien Sie getrost. Im Namen Lilians, meines Weibes, vergebe ich Ihnen so vollständig, als es uns geboten ist von dem, gegen dessen Gebote auch die Besten unter uns, die wir Kinder des Zornes sind, täglich sündigen.«

»Gott lohne es Ihnen und segne Sie dafür!« flüsterte sie, auf ihr Kissen zurücksinkend.

»Wie,« dachte ich, »wenn die Verzeihung, die ich für ein weit schwereres Unrecht gewähre, als das meinige war gegen den Mann, dessen Verwünschung mich in diesem Zimmer traf, als Sühne aufgenommen würde und dieser Segen von den Lippen der Sterbenden den dunklen Fluch austilgte, welchen der Todte für mich zurückgelassen hat auf dem Pfad durch das Thal der Schatten?«

Ich verließ die Kranke in ruhigem Schlaf – in dem Schlaf, der dem letzten vorangeht. Als ich die Treppe hinunter ging und in die Halle gelangte, sah ich unter der Hausthüre Frau Poyntz stehen, die sich mit dem Bedienten und der Krankenwärterin besprach.

Ich wollte mit einer steifen Verbeugung an ihr vorbeigehen; sie aber hielt mich an.

»Ich komme, um mich nach dem armen Fräulein Brabazon zu erkundigen,« sagte sie. »Natürlich können Sie mir bessere Auskunft ertheilen, als diese Leute. Ist keine Hoffnung vorhanden?«

»Lassen Sie die Wärterin hinaufgehen und an ihrer Seite bleiben. Möglich, daß sie in dem Schlaf hinübergeht, in den sie eben verfallen ist.«

»Allen Fenwick, ich muß mit Ihnen sprechen – ja, nur auf einige Minuten. Ich höre, daß Sie morgen L– – verlassen wollen. Es ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß wir uns in diesem Leben je wieder begegnen werden.« Während sie so sprach, zog sie mich in den Hof hinaus und nach dem Weg hin, der nach ihrer eigenen Wohnung führte. »Ich möchte gerne,« fuhr sie ernst fort, »daß Sie mit einer freundlicheren Gesinnung gegen mich abreisen, kann dies aber kaum erwarten. Ich weiß, daß ich an Ihrer Stelle und unter dem Einfluß Ihrer Gefühle unversöhnlich sein würde; aber ich – –«

»Aber Sie, Madame, sind die Welt! Und die Welt beherrscht sich selbst und Andere nach harten Gesetzen; so erscheinen sie wenigstens denjenigen, welche von ihrer Gunst Dienste erbitten, die sie nicht gewähren kann, da sie nur Günstlinge, keineswegs aber Freunde anerkennt. Sie haben sich gegen mich benommen, wie es die Welt stets thut gegen solche, die ihre Huld irrthümlich für Freundschaft nehmen.«

»Das ist richtig,« versetzte Frau Poyntz mit derber Offenheit, und wir gingen schweigend weiter. Endlich sagte sie abgebrochen: »Aber berauben Sie sich nicht voreilig Ihres einzigen Trostes im Kummer? Empfiehlt nicht, wenn das Herz leidet, der Arzt vor allem Anderen Thätigkeit des Geistes? Und doch entziehen Sie sich der Beschäftigung, an die Ihr Geist am meisten gewöhnt ist, entsagen Ihrem Beruf und treten auf halbem Weg aus der Rennbahn, deren Ziel der Ruhm ist. Ja, Sie gehen der Civilisation selbst aus dem Weg und träumen sich, Ihr intellektuelles Streben könne Befriedigung finden in dem Leben eines Hirten und in einer einförmigen Wildniß! Nein, Sie werden es bereuen, denn Sie werden Ihrem Geist untreu.«

»Das Wort Geist wird mir zum Ekel!« versetzte ich bitter. Und damit versank ich wieder in Gedanken.

Die Räthsel in dem dunklen sibyllinischen Buch Natur, welche meinen Verstand verwirrt hatten, waren für die gewöhnliche Denkweise eines Jeden Geheimnisse, selbst wenn man sie aus täuschenden Eindrücken auf die äußeren Sinne ableitete; denn Illusionen in einem sonst gesunden Gehirn führen zu Problemen über den menschlichen Organismus, über welche die Schulen, die von ihnen Notiz nehmen, statt der Lösung nur Vermuthungen aufstellen. Aber der Streich, der mich bis aufs Leben getroffen hatte, war von einer Thörin geführt worden. Hierin lag kein mystischer Zauber. Die alltäglichsten, erbärmlichsten Beweggründe, von einem so gemeinen und seichten Gehirn eingegeben, wie nur je eines in einem leichtfertigen Weiberkopf ein Thema für die Satire des Dichters geboten, hatten zugereicht, das Feld meiner Liebe zu verwüsten und mich untauglich zu machen für den Beruf, für den ich meinen Geist gebildet; und hätte der Himmel mir den mächtigsten verliehen, den er je einem Menschen zu Theil werden ließ, so wäre er ein machtloser Schild gegen den Pfeil gewesen, der in meinem Herzen stack. Während ich in Wirklichkeit mich standhaft darauf vorbereitet hatte, es mit so wunderbaren und unheimlichen Gefahren aufzunehmen, wie sie nur je in den Mährchen um den winterlichen Herd sitzende leichtgläubige Kinder einschüchterten, war durch einen so gemeinen abgedroschenen Kunstgriff, daß kein Tag vergeht, ohne daß irgend Jemand durch ein anonymes Pasquill gekränkt würde, ein Unglück angerichtet worden, schrecklicher als Alles, was mein dunkles Ahnen über ein dem Philosophen fremdes Schattenland auf die Eingebung boshafter Zauberkünste zurückzubeziehen vermochte. So zieht sich stets dieselbe Wahrheit durch alle Sagen von Geistern und Teufeln, durch alle die einförmigen Berichte, welchen die Wundersucht Glauben schenkt, während die Wissenschaft sie als übernatürlich verwirft. Betrachte man nur die schreckliche Maschinerie, deren Räderwerk bis in die Hölle hinunter reicht – wozu solcher Aufwand von Kräften für so gewöhnliche Resultate? Der nächste beste Pinsel, der uns auf dem Weg über die Straße hinüber begegnet, kann uns mehr sagen, als ein Geist, und der ärmlichste Neid, den wir weckten, schädigt uns vielleicht tiefer, als es ein Dämon vermag. Wie genial ist die Allegorie des Dichters, der uns die Hölle schon auf Erden zeigt? Der Teufel kömmt zu Faust, der rastlos nach Erkenntniß ringt; Himmel und Hölle treten in Kampf bei der Versuchung des Sterblichen. Und was thut der Böse, um den Sterblichen in Staunen zu versetzen? Er verwandelt Wein in Feuer, Liebe in Verbrechen. Wir bedürfen keines Mephistopheles, um jeden Tag solche Wunder zu vollbringen!

Also in Gedanken vertieft, ging ich schweigend neben der weltklugen Frau her; und als sie wieder zu sprechen anfing und ich aufschaute, bemerkte ich, daß wir uns bei dem Mönchsbrunnen befanden, wo ich Lilian, den Blick zum Himmel gerichtet, zum erstenmal gesehen.

Frau Poyntz hatte im Gehen ihre Hand auf meinen Arm gelegt, und beim plötzlichen Umbiegen des Pfades gegen die Lichtung fand ich, daß ich an ihrer Seite auf dem Schauplatz stand, wo ein neues Daseinsgefühl meinem Blick zum erstenmal die Farben enthüllte, mit welchen die Liebe, diese leidenschaftliche Künstlerin, selbst das Grau der gemeinen Luft in Gold und Purpur umwandelt. Wenn aber die Romantik in Jammer endigt und das Schöne aus der Landschaft weicht, treten die alltäglichen, positiven Formen des Lebens, die sich nur zeitweilig verbannen ließen, wieder auf und machen die Erinnerung an die frühere Herrlichkeit nur um so schmerzlicher. Als die Frau der Welt bemerkte, wie wenig ich zu bewegen war, ihr zu antworten, wenn sie von mir sprach, so ging sie auf ihre eigenen socialen Plane und Entwürfe über.

»Ich werde Sie vermissen, wenn Sie fort sind, Allen Fenwick,« sagte sie mit ihrer gewöhnlichen klaren, kräftigen Stimme. »Obgleich seit einem Jahr oder so aller wirkliche Verkehr zwischen uns aufgehört hat, gab doch, wenn ich allein saß, hin und wieder mein Interesse für Sie meinen Gedanken Beschäftigung; denn das Hauptziel meines Ehrgeizes ist durch die Versorgung meiner Tochter erreicht, und ich habe Niemand mehr im Haus, mit dem ich von der Zukunft sprechen oder für den ich mir einen Plan bilden könnte. Es ist so langweilig, die Veränderungen zu zählen, die in uns vorgehen, daß wir gerne unsere Aufmerksamkeit denen zuwenden, welche uns die Außenwelt wahrnehmen läßt. Poyntz ist noch immer zufrieden mit seinem Wetterglas; ich aber habe meine Hanna nicht mehr.«

»Ich kann nicht länger mit Ihnen an dieser Stelle verweilen,« sagte ich ungeduldig, indem ich wieder in den Weg einbog. Sie folgte mir über die gefallenen Blätter und fuhr, ohne die Unterbrechung zu beachten, in ihrer harten Weise fort:

»Ich bin meines Geistes nicht so überdrüssig, wie Sie des Ihrigen, sondern bloß ein wenig des kleinen Käfigs müde, in welchem seine Federn gegen den schwachen Draht anstoßen, der seinen Aufschwung in einen weiteren Raum hemmt. Ich werde auf eine Weile zu dem neuvermählten Paar ziehen, das mich braucht. Ashleigh Sumner ist in das Parlament eingetreten und hält sich auf regelmäßige scharfe Arbeit gefaßt; aber er wünscht nicht, daß Hanna allein in der Welt auftrete, obschon ihm das Auftreten selbst recht ist; denn sie soll seinen Reichthum zeigen und damit seiner Stellung Vorschub thun. In Ashleigh Sumners Haus werde ich ein reiches Feld finden für meine Thatkraft, so viel mir von ihr noch zu Gebot steht. Ich bin begierig, die Paar Menschen kennen zu lernen, die auf den Rädern des Staats sitzen und sagen: ›wir sind es, die sie in Bewegung setzen.‹ Es lohnt sich wohl des Versuchs, ob ich auch in der Hauptstadt das Ansehen erringen kann, das ich auf dem Land erworben habe; gelingt es nicht, so bleibt mir die Rückkehr in mein kleines Reich unbenommen. Wo immer ich bin, vermag ich nicht zu dienen, sondern muß herrschen. Setze ich's durch – und es sollte wohl gehen, denn in Hanna's Schönheit und Ashleighs Vermögen ist mir das Material zu einem Gewebe des Ehrgeizes geboten, das mir hier abgeht, so daß ich bei meinem Gestrick einschlafe – setze ich es durch, so habe ich genug Beschäftigung für den Rest meines Lebens. Ashleigh Sumner muß eine Macht werden; die Macht schaffe und erhalte ich, und sie wird repräsentirt in meinem Kinde. Allen Fenwick, machen Sie es wie ich. Seien Sie Welt der Welt gegenüber, und Sie werden dann nur in Augenblicken des Aergers und der üblen Laune Zeit gewinnen, über dem Gedanken zu seufzen, daß bei vollem Geist das Herz leer ausgehen kann. Gestehen Sie, daß Sie mich beneiden, während Sie mir zuhören.«

»Nicht doch. Alles, was Ihnen so groß vorkömmt, erscheint mir so klein. Nur die Natur ist immer groß in ihren Schrecken sowohl, als in ihren Reizen. Halten Sie sich an die Welt – mich zieht es zu der Natur. Leben Sie wohl!«

»Natur!« sagte Frau Poyntz mitleidig. »Armer Allen Fenwick! Ja wohl da, Natur – geistiger Selbstmord. So geben Sie mir die Hand – vielleicht zum letztenmal.«

Ich reichte ihr die Hand, und wir schieden an der Stelle, wo das Pförtchen und die steinerne Treppe mein verwüstetes Feenland von der gewöhnlichen Landstraße trennte.

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