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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 67
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsundsechzigstes Kapitel.

Ich theilte Frau Ashleigh meine neuen Entwürfe mit. Sie war leichter dafür zu gewinnen, als ich bei ihrer natürlichen Lässigkeit und ihrem Widerwillen gegen alles, was die Gleichförmigkeit ihres Lebens störte, erwartet hätte. Der schwere Kummer, der sie betroffen, hatte in ihr jene Aufopferungsfähigkeit geweckt, welche in allen Herzen verborgen liegt, die im Stande sind, ein anderes Menschenwesen mehr zu lieben, als sich selbst. Mit ihrer vollen Zustimmung schrieb ich an Faber, theilte ihm meine Absicht mit, beauftragte ihn mit der Erwerbung des von ihm empfohlenen Eigenthums und schloß für die Kaufsumme einen Wechsel auf eine australische Firma bei. Nun veröffentlichte ich auch meinen Entschluß, meine Praxis aufzugeben, traf rasch Vorkehrungen in Beziehung auf die Nachfolge in meinen Berufsobliegenheiten, entäußerte mich meiner zwei Häuser in L– – und setzte den Tag für meine Abreise fest. Die Eitelkeit war in mir erstorben, denn sonst hätte mir wohl das Aussehen, das diese Kunde hervorrief, Freude machen können. Meine Fehler waren auf einmal vergessen, und meine etwaigen guten Eigenschaften wurden übertrieben. Das allgemeine Bedauern suchte sich Luft zu machen und zu trösten in einem sehr werthvollen Andenken, zu dem auch der ärmste meiner Patienten beizusteuern sich nicht nehmen ließ; es enthielt eine Inschrift, welche schmeichelhaft genug war, um auf dem Grab irgend eines großen Mannes zu prangen. Niemand, der eine Kunst gepflegt und nach einem Namen gerungen hat, ist ein Stoiker gegen die Achtung Anderer, und diese Ehren hätten mir wohl erfreulich sein müssen, wäre mir nicht sogar ihre Oeffentlichkeit als ein Unrecht gegen die Heiligkeit des Unglücks vorgekommen, das Lilian ausgestoßen hatte von dem Treiben und der Herrlichkeit der Welt.

Unter denen, welche sich bei dieser Kundgebung am thätigsten bewiesen, befand sich dem Namen nach Oberst Poyntz (in Wirklichkeit seine Frau) und mein alter Gegner Vigors. Ich muß letzterem die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er privatim sowohl, als in seiner amtlichen Eigenschaft in der Unglückszeit von Lilians Wanderung die Nachforschungen nach ihr mit größtem Eifer und Zartgefühl geleitet hatte. Von allen den einflußreicheren Magnaten der Stadt war er der Einzige gewesen, der gegen den über sie ausgestreuten Klatsch standhaft ihre Unschuld vertheidigte; und in der letzten prüfungsvollen Zeit meines Aufenthalts in L– – hatte er mich aufgesucht, um offen und männlich sein Bedauern gegen mich auszudrücken über sein früheres Vorurtheil gegen mich und mir die Versicherung zu geben, daß ich durch meine ehliche Verbindung mit Lilian – sie beschränkte sich allerdings nur auf die Ceremonie am Altar – seine volle Achtung gewonnen habe. Unverbesserlich in seiner Liebhaberei drang er sogar in mich, eine von seinen Hellseherinnen über ihren Zustand zu hören. Ich lehnte es in einer Weise ab, die ihn nicht verletzen konnte – nicht, wie ich früher gethan hätte, mit der Miene ungläubiger Verachtung; wohl aber hatte ich einen wahren Schrecken vor allen Theorien und Praktiken, die außerhalb der wohlbetretenen Bahn der Wissenschaft und des Verstandes lagen. Ich weiß nicht – vielleicht hatte ich Unrecht mit meiner Weigerung; aber ich fürchtete mich vor meiner eigenen Einbildungskraft. Desungeachtet blieb er mir freundlich zugethan. Und so wandelbar sind die menschlichen Gefühle, daß ich mich von dem Mann, in dem ich meinen erbittertsten Feind gesehen, mit viel größerer Wärme verabschiedete, als von denen, auf deren Freundschaft ich gerechnet hatte. Er war Lilians treuer Vertheidiger gewesen. Anders verhielt sich's bei Frau Poyntz, und ich hätte mich gern den zehnfachen Werth des Abschiedgeschenks kosten lassen, wenn ich von der Liste der Subscribenten den Namen ihres Gatten hätte austilgen können.

Den Tag vor meiner Abreise von L– – und einige Wochen nach meiner officiellen Anzeige, daß ich die Praxis aufgegeben, erhielt ich von Fräulein Brabazon eine Zuschrift mit der dringlichen Bitte, sie zu besuchen. Die Buchstaben waren so undeutlich, daß ich nur mit Mühe herauslesen konnte, sie sei sehr krank, von Doctor Jones, der sie bisher behandelt, aufgegeben und ersuche mich flehentlich um meinen Rath.

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