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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 66
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünfundsechzigstes Kapitel.

Der Schlag, der meinen Herd so schwer betroffen, hatte schnell alle üblen Nachreden, die mich hätten schmerzlich berühren können, erstickt. Vor dem tiefen Weh eines großen Unglücks verkriechen sich die Leidenschaften der gemeinen Bosheit. Meinem Wunsche gemäß berührte Frau Ashleigh gegen Niemand den niederträchtigen Brief, den Lilian erhalten. Ich gönnte der unbekannten Lästerzunge weder einen Triumph, noch hätte ich ihr eitle Gewissensbisse entringen mögen durch die schmerzliche Einräumung des Schimpfs, der auf die Ehre meines Lieblings geschleudert worden. Gleichwohl war irgendwie, vielleicht durch Dienstbotengerede, etwas über die wahre Ursache von Lilians Irrsinn in Umlauf gekommen, und das ganze Publikum bekundete die höchste Entrüstung. In Folge jenes unbewußten Sinns für Gerechtigkeit, der so tief dem menschlichen Herzen eingepflanzt ist, obschon ihn gewöhnlich so viele weltliche Schichten überlagern, fühlten alle, namentlich die Mütter, daß nur die Unschuld für einen solchen Vorwurf so unvorbereitet sein konnte. Die Erklärung, die früher von mir gegeben wurde, ohne damals Glauben zu finden, erlitt jetzt durchaus keine Beanstandung mehr. Lilians gegenwärtiger Zustand erhärtete Alles, was der böse Wille früher mißdeutet hatte. Das Schicksal, das die Bande der Braut zerrissen, ließ ihre jungfräuliche Reinheit wieder im schönsten Glanze leuchten. Die förmlichen Bewohner des Berges wetteiferten mit den offeneren, warmherzigeren Familien der Unterstadt in den namenlosen Aufmerksamkeiten, durch welche man seine Achtung und Theilnahme eher zart anzudeuten, als lärmend kundzugeben pflegt. Wäre Lilian damals genesen und für die reuige Huldigung empfänglich gewesen, wie ehrerbietig würde sich diese kleine Welt um sie gedrängt haben. Und ach, wenn Vermögen und Achtung dem Mann Ersatz bieten könnte für den Tod von Hoffnungen, die er in einem ihnen fremden Boden pflanzte und nährte, so hätte auch der Ehrgeiz und der Stolz sich zufrieden geben mögen mit dem reichen Tribut, der ihnen gezollt wurde. Patienten um Patienten strömten mir zu. Die Sympathie mit meinem Kummer schien den vertrauensvollen Glauben an meine Geschicklichkeit mehr und mehr zu steigern. Aber der Beruf, in dem ich früher mit Begeisterung gewirkt hatte, wurde mir jetzt lästig und zuwider. Das Wohlwollen, mit dem man mich überhäufte, gewährte mir keinen Trost, sondern zwang mir nur die Ueberzeugung auf, daß es zu spät kam, um mir etwas zu nützen; denn es konnte mir die Seele, die Liebe, das Leben meines Lebens nicht wiedergeben, das begraben lag in dem umnachteten Gehirn meiner unschuldigen Lilian. Im Geheim fühlte ich einen finstern Groll, obschon ich mir sagen mußte, daß ich damit der Mehrzahl Unrecht that. Die Welt selbst besteht nur aus Aeußerlichkeiten; wer kann es ihr zum Vorwurf machen, daß sie in denselben ihr Gesetz anerkennt? Aber denjenigen, welche sich durch Freundschaftsversicherungen von den großen Haufen abgeschieden hatten – denjenigen, welche der Schmähsucht in ihrem Entstehen hätten Schweigen auferlegen können, wenn sie auf meine Seite getreten wären, vermochte ich jetzt den Händedruck nicht mehr zu erwiedern.

Namentlich trug ich der Frau Poyntz einen bitteren, nicht bewältigbaren Unwillen nach. Ihre Plane in Betreff der Verehelichung ihrer Tochter hatten triumphirt, und Hanna war jetzt Frau Ashleigh Sumner. Möglich, daß nach Erreichung des mit all ihrer geistigen Kraft angestrebten weltlichen Ziels ihr Sinn milder geworden; aber umsonst hatte dieser weibliche Macchiavel, als sie von meiner schweren Heimsuchung Kunde erhalten, eine menschliche Rührung eingestanden und mit jener raschen Auffassung der zweckmäßigsten Mittel, die ihrem Willen zu Gebot standen, das allgemeine Mitleid dazu benützt, die Reaction zu Gunsten von Lilians gekränkter Ehre zu steigern. Umsonst hatte sie mir mit einer Zartheit und Theilnahme, die ihrem sonstigen Charakter fremd war, geschrieben – vergeblich mich um einen Besuch gebeten – vergeblich mich auf dem Weg abgefangen und mich mit einer Demuth angeredet, die fast wie eine flehentliche Bitte um Verzeihung sich ausnahm; ich hatte mir gelobt, ihr keine Vorwürfe zu machen – aber verzeihen? Nein. Ich pflanzte zwischen ihr und meinem großen Jammer die undurchdringliche Mauer eines eisigen Schweigens auf.

Ein Wort von ihr in der Zeit, als ich mir so flehentlich ihren Beistand erbat, und der Papageienschwarm, der ihr jedes geflüsterte Wort so geräuschvoll nachplapperte, wäre eben so laut in Vertheidigung von Lilians Ruf gewesen, wie er sich zu ihrer Verunglimpfung thätig erwies, und jener schändliche Brief wahrscheinlich nie geschrieben worden. Woher er auch rühren mochte, so viel war sicher, daß die Verfasserin zu den Klatschbasen gehörte, die selbst in ihrer Bosheit sich nach dem Scherz oder dem Nicken ihrer Despotin richteten, und sie konnte zu ihrer Entschuldigung sagen, daß sie nur dem einen rohen Ausdruck geliehen, was zu glauben sie das Orakel der öffentlichen Meinung ihres Zirkels und die Jugendfreundin von Lilians eigener Mutter berechtigt hatte.

Allmählig verbreitete sich auch die Bitterkeit meines Herzens auf den Kreis, in welchem mein Leben von Berufswegen seine freudelose mechanische Runde machte. Die warme Theilnahme an den Kranken, des ächten Arztes glücklichste Gabe und heiligste Pflicht, war aus meiner Brust gewichen und die Warnung der Frau Poyntz zur Wahrheit geworden. Ein Patient, der alle meine Gedanken in Anspruch nahm, erwartete mich am eigenen Herd! Mein Gewissen fühlte sich beunruhigt, und ich verlor das Vertrauen zu meiner Geschicklichkeit. Ich sagte zu mir selbst: »Der Arzt, der sich im Krankenzimmer durch irgend etwas anderes, als den ihm vorliegenden Fall, in Anspruch nehmen läßt, paßt nicht für seinen Beruf.« Seit meiner verhängnißvollen Verheirathung war kaum ein Jahr verflossen, als ich mich entschloß, L– – zu verlassen und die Praxis aufzugeben. In diesem Vornehmen bekräftigte mich ein Brief, der von Julius Faber an mich einlief und mir zugleich ein Ziel vorsteckte.

Ich hatte ihm kurze Zeit nach dem Schlag, der mich betroffen, geschrieben und ihm so ruhig und klar, als es mir mein Schmerz gestattete, die ganze Sachlage auseinandergesetzt; denn ich schätzte seine Geschicklichkeit höher als die irgend eines lebenden Collegen und hoffte auf die Wirksamkeit seines Rathes. Sein Brief war angefangen und ziemlich weit fortgeführt worden, eh' ihn meine Mittheilung erreichte. Dieser frühere Abschnitt enthielt frische und heitere Schilderungen seines Lebens in Australien, welche sehr abstachen gegen den bekümmerten Ton seiner Erwiederung auf die Nachrichten, die ich dem Freund zu treuer Erwägung ans Herz gelegt hatte. Er rieth mir, wenn die Zeit nicht einen Umschlag zum Besseren gebracht habe, die Wirkung einer Reise ins Ausland zu versuchen. Völlig neue Schauplätze dürften das Auge fesseln und ansprechende Scenen der Außenwelt den Geist abziehen vom Brüten über die innerlichen Trugbilder, welche die von mir beschriebene Art der Seelenstörung charakterisirten. »Wo immer der Geist sich selbst eine visionäre Welt baut, ist alles darauf gegründete Denken falsch; diese träumerische Welt verschwindet aber in demselben Verhältniß, in welchem es gelingt, ein vorherrschendes Interesse für die wirkliche zu wecken.«

Diese bedeutende Autorität, welche einen großen Theil ihres Rufs als praktischer Arzt dem psychologischen Eingehen in den inneren Menschen verdankte, fuhr dann fort, mich mit einer Hoffnung zu trösten, die ich selbst nicht zu fassen gewagt hatte. Er sagte: »Ich unterscheide den Fall, den Sie mir so ausführlich mittheilten, von jener Geistesstörung, die von Verstandesverlust begleitet ist; der Verstand scheint hier nur zeitweilig aufgehoben zu sein. Handelte sich's um eine ererbte Anlage oder um eine organische Veränderung im Gehirngewebe, ja auch nur um jenen sogenannten moralischen Irrsinn, in welchem der ganze Charakter sich in einer Weise umwandelt, daß das erste Element eines gesunden Verstands, das Gewissen, erloschen erscheint oder Dinge als recht findet, die es bei normalem Befinden verwerfen würde, so könnten nur Charlatane den Erfolg einer Kur in Aussicht stellen. Aber ich kann hier keine angeerbte Störung annehmen. Aus eigener Beobachtung habe ich mich überzeugt, daß die frische jugendliche Kraft der Organe eher im Tod erliegen, als einer nachhaltigen Aufhebung des Gleichgewichts in den geistigen Vermögen sich unterwerfen wird. Sie sagen mir, daß die moralischen Eigenschaften der Sanftmuth und Reinheit sich erhalten hätten und die Kranke nur allzu sehr der früheren Gewohnheit einer sich selbst entfremdeten Beschaulichkeit nachhänge, und hierin kann ich, ohne Sie durch ein falsches Wohlwollen zu täuschen, Ihnen meine Erfahrung als Gewähr bieten, wenn ich Sie zur Hoffnung ermuntere. Ich bin überzeugt, daß dieser Geist früher oder später aus seiner zeitweiligen Irre sich wieder aufrichten wird, da man es im ganzen Lauf der Krankheit nur mit einer Ueberreizung des Nervensystems zu thun hatte. Ist dieses einmal in Ordnung gebracht und gewöhnt sich der Geist an die praktischen Pflichten, welche das eheliche Leben mit sich bringt, so steht keine Wiederkehr der Krankheit, auch keine Uebertragung auf Kinder zu besorgen, auf die Ihre Frau nach ihrer Wiederherstellung sich alle Hoffnung machen darf. Wenn das Reisen und die Mittel, die ich Ihnen im Beischluß namhaft mache, nicht den gewünschten Erfolg haben, so lassen Sie mich's wissen; ich werde dann, obschon ich gerne meine Tage in diesem Land beschließen möchte, zu Ihnen kommen. Sie stehen mir wie ein Sohn nahe; ich werde Ihre Frau wie eine Tochter pflegen.«

Eine Reise ins Ausland! Die Idee warf einen Lichtstrahl in meine Seele. Der bloße Gedanke an den Umgang mit Julius Faber, an seine Theilnahme und seine unvergleichliche Geschicklichkeit schien mir zu sein, was ein Floß einem dem Ertrinken nahen Matrosen. Ich las nun die früheren Theile seines Briefes aufmerksamer. Sie schilderten in glühenden Farben das Wunderland, das er sich zur Heimath gewählt, die belebende Elasticität seiner Atmosphäre, die Frische seines an das goldene Zeitalter erinnernden Hirtenlebens, das Merkwürdige seiner Scenerie mit einer Flora und Thieren, die in den ausgebeuteten Theilen der alten Welt nicht ihres Gleichen hatten. Und ich fühlte einen mächtigen Drang, in die Einsamkeit jener fröhlichen und großartigen Natur einen Geist zu verpflanzen, der nicht länger heimisch war auf den civilisirten Tummelplätzen der Menschen, und hätte gerne meinen verödeten Herd in einer Wildniß aufgeschlagen, nur um dessen roh entschleiertes Heiligthum vor den Blicken des gemeinen Haufens zu verbergen. Um dem von mir erfaßten Gedanken einen guten Vorwand zu bieten, mußte noch Julius Faber gelegentlich die Bemerkung hinwerfen, daß in seiner unmittelbaren Nachbarschaft das Haus und Eigenthum eines reichen Spekulanten zu einem fabelhaft billigen Preis feil sei und in den Händen eines geduldigeren Kapitalisten an Werth bald bedeutend steigen würde. Sein Brief war nämlich zu der Zeit des Agriculturpanics in der Kolonie geschrieben, welcher der Entdeckung der ersten Goldfelder voran ging. Schon damals hatten ihm seine geologischen Kenntnisse die Ueberzeugung gegeben, daß der Boden des dem Verkauf ausgesetzten Gutes Gold führe, und er sah voraus, daß dieses Metall bald den Menschen anziehen und nicht nur den Grund urbar, sondern auch den Besitzer reich machen würde. Er gab eine Beschreibung des Hauses für den Fall, daß ich einen Liebhaber dafür wüßte; es war in jener frühen Periode mit ungewöhnlichem Kostenaufwand von einem Mann gebaut worden, der den Geschmack für englische Behaglichkeit auch in die australische Wildniß mitgenommen, so daß durch diese Erwerbung dem Ansiedler alle Beschwerlichkeiten erspart blieben, mit denen er sonst zu kämpfen gehabt hätte – mit einem Wort, es war ein Heimwesen, in welches ein mehr an Luxus gewöhnter Mann als ich eine Braut mit größeren Bedürfnissen hätte einführen können, als diejenigen waren, die jetzt für meine arme Lilian ausreichten.

Der Inhalt dieses Briefes beschäftigte mich jenen Tag auf allen meinen Berufsgängen, und am Abend las ich ihn mit Ausnahme des medicinischen Abschnitts Frau Ashleigh in Gegenwart ihrer Tochter vor. Ich wollte sehen, ob Fabers Schilderungen von dem Land und dem dortigen Leben, die an sich schon ungemein anregend waren, bei Lilian Interesse weckten. Anfangs schien sie nicht auf mein Vorlesen zu achten; als ich aber zu dem liebevollen Bericht kam, den Faber von Amy machte, richtete sie ihre Augen auf mich und hörte aufmerksam zu. Er schrieb, wie das Kind bereits die nützlichste Person in dem einfachen Haushalt geworden sei und wie ihr Eifer ihr Auge für Alles schärfe; geräuschlos wisse sie für die Bequemlichkeit ihrer Umgebung zu sorgen, und sie habe bereits die Leitung von Allem an sich gezogen, was einer Heimath ihren unnennbaren inneren Zauber verleihe. Unter ihrer Aufsicht gewinne das rohe Geräthe des Blockhauses den einladenden Anstrich von englischer Zierlichkeit; sie besorge die Milchkammer und habe den Garten nicht bloß mit Blumen, den schönsten, die in der Gegend wüchsen, bepflanzt, sondern auch Spaliere angelegt, die sich bereits mit Reben von der härteren Sorte bezögen. Sie sei die Vertraute aller Familienglieder bei jedem Verbesserungsplane, ihre Trösterin in jeder Besorgniß, jedem Zweifel, und die sorgliche Pflegerin bei jedem vorübergehenden Unwohlsein; schon ihr Lächeln wirke erfrischend bei den Mühen der Tagesarbeit. »Alles das Gute, das in der weiblichen Natur gedeihen kann,« schrieb der alte Mann mit einer Wärme, welche das Alter seinem kräftigen, gesunden Geist nicht zu rauben vermochte, »entwickelt sich in dieser kindlichen Seele aus der Knospe schnell zur Blüte! Die Luft scheint ihr sehr zuzusagen – dem kindlichen Weib in der kindlichen Welt!«

Ich hörte Lilian seufzen und sah verstohlen nach ihr hin. In ihren sanften Augen standen Thränen; ihre Lippe bebte. Dann begann sie mit der rechten Hand über die linke, gerade über ihren Trauring, hin- und herzufahren – zuerst langsam, dann immer schneller.

»Er ist nicht da,« sagte sie ungeduldig. »Er ist nicht da!«

»Was ist nicht da?« fragte Frau Ashleigh, sich zu ihr niederbeugend.

Lilian schmiegte den Kopf an gegen den Busen der Mutter und antwortete in mattem Tone:

»Der Flecken. Es hat Jemand gesagt, es sei ein Flecken auf dieser Hand. Ich sehe ihn nicht – Sie vielleicht?«

»Es ist nie, nie einer dagewesen,« nahm ich das Wort. »Die Hand ist weiß wie Deine Unschuld oder wie die Lilie, von der Du den Namen hast.«

»Bst! Du weißt meinen Namen nicht. Ich will ihn Dir zuflüstern – leise. Ich heiße Nachtschatten! Weißt Du, wo jetzt die Lilie ist, Bruder? Ich will Dir's sagen. Da, in diesem Brief – Du nennst sie Amy. Sie ist die Lilie – nimm sie an Deine Brust und verbirg sie. Bst! Was sind dies für Glocken? Hochzeitglocken! Sie darf sie nicht hören; denn ein grausamer Wind flüstert der Glocke zu und die Glocken singen es ihm nach, immer lauter und lauter,

›Fleck auf Lilie,
Schmach auf Lilie,
Welke Lilie!‹

Wenn sie hört, was der Wind den Glocken zuflüstert, dann verkriecht sie sich in die Dunkelheit und wird auch zum Nachtschatten.«

»Lilian, schau auf – erwache! Du hast in einem langen, langen Traum gelegen – er ist vorbei. Lilian, meine Geliebte, mein theures Wesen!«

Bisher hatte ich nie auch nur die unbestimmteste Hindeutung auf die schändliche Schmähung und ihre unseligen Folgen aus ihrem Munde vernommen, und obgleich ihre Worte mir tief ins Herz schnitten, klopfte es doch auf im bebenden Gefühl der Hoffnung.

Aber ach, der Gedanke, der in ihr aufgedämmert, war eben so schnell wieder verschwunden. Sie murmelte etwas vor sich hin von feurigen Kreisen und einem verschleierten schwarz gekleideten Weib; dann wurde sie unruhig, aufgeregt, verlor das Bewußtsein unserer Anwesenheit und versank endlich in einen tiefen Schlaf.

In der darauf folgenden Nacht (mein Zimmer stieß an das ihrige, und ich ließ die Verbindungsthüre offen) hörte ich sie laut aufschreien. Ich eilte an ihre Seite. Sie schlief noch, aber auf ihrem jungen Gesicht lag ein ängstlich bewegter Ausdruck, der nicht ganz schmerzlich zu sein schien, denn ihre Lippen waren wie zu einem Lächeln geöffnet, zu jenem frohen, aber doch bekümmerten Lächeln, mit dem man, wenn man sich lange mit einem verwirrenden oder furchteinflößenden Gegenstand beschäftigt hat, einen plötzlichen Gedanken begrüßt, der das Räthsel zu lösen oder einen Ausweg aus der Gefahr zu zeigen scheint. Und als ich sanft ihre Hand faßte, erwiederte sie meinen leichten Druck, neigte sich mir zu und sagte noch immer im Schlaf:

»Wir wollen gehen.«

»Wohin?« entgegnete ich leise, um sie nicht zu wecken. »Wollen wir das Kind, von dem ich gelesen, oder das Land aufsuchen, das emporblüht aus der Kindheit der Erde?«

»Aus der Nacht in das Licht, wo die Blätter sich nicht verändern; wo die Nacht unser Tag und der Winter unser Sommer ist. Laß uns gehen – laß uns gehen!«

»Ja, wir wollen. Träume ungestört fort, meine Braut. Oh, daß der Traum Dir sagen könnte, meine Liebe habe keine Veränderung erlitten durch unser Leid, sondern sei heiliger und inniger als an dem Tag, an welchem wir unsere Gelübde austauschten! Auf Dir beruhen alle meine Hoffnungen. Wo Du bist, da weilen auch meine Träume!«

Das holde Antlitz klärte sich auf bei diesen Worten, und alle Unruhe wich aus ihrem Lächeln. Sie zog sanft ihre Hand aus der meinigen zurück und ließ sie einen Augenblick auf meinem niedergebeugten Haupt ruhen wie zu einem Segen.

Ich stand auf, schlich nach meinem Zimmer zurück und drückte die Thüre hinter mir zu, damit nicht mein Schluchzen, das ich nicht zu ersticken vermochte, ihren Schlummer störe.

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