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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 64
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Dreiundsechzigstes Kapitel.

Und die Ursache dieser schrecklichen Erschütterung? Diesmal konnte sie nicht einem schlimmen Zauber, keinem gespenstischen Einfluß beigemessen werden; sie lag klar vor und hätte dieselben Wirkungen üben können auf ein viel stärkeres Nervensystem, wenn es mit einem ebenso zartfühlenden Herzen und einem gleich reinen Sinn für Ehre verbunden gewesen wäre.

Der Brief in ihrer Hand hatte keine Unterschrift, wohl aber das Datum und Postzeichen von L– – . Er besprach gegen Lilian in den beißenden Worten, welchen weibliche Bosheit einen so scharfen Stachel zu verleihen vermag, die Geschichte, die wir so sorgfältig vor ihr zu verhehlen bemüht gewesen waren – von ihrer Flucht in der Deutung, wie die Lästersucht sie ihr gegeben hatte. Er affektirte ein verächtliches Mitleid mit meiner blinden Bethörung und forderte sie auf, sich wohl zu besinnen, eh sie unauslöschliche Schmach bringe auf den Namen, den ich ihr biete; wenn sie sich nicht dazu entschließen könne, so solle sie ja nicht nach L– – zurückkehren oder sich darauf gefaßt halten, von allem Umgang mit ihrem Geschlecht ausgeschlossen zu werden. Ich kann mich nicht weiter auslassen, nicht ins Einzelne eingehen, mit welchen Ausdrücken oder Andeutungen die Myrthenblüten des Brautkranzes zu versengen gesucht wurden. Das Herz, welches das Gift einsog, warf es gegen das Gehirn, und der Geist floh vor der Gegenwart eines Gedankens, der so tödtlich wirkte auf alle die Ideen, in denen der reine Sinn bisher sich glücklich gefühlt hatte.

Ich wußte nicht, wen ich wegen dieses Zugs gemeiner und niederträchtiger Bosheit beargwöhnen sollte und grübelte auch nicht darüber. Die Hand war verstellt, aber augenscheinlich die eines Weibes; hätte ich daher auch die Schreiberin ausfindig gemacht, so würde mir schon der männliche Stolz nicht gestattet haben, in der Rache einen eitlen Trost zu suchen. Wie entschlossen und erbarmenlos auch Frau Poyntz in ihrer Feindschaft sein konnte, wenn diese einmal geweckt war, so lag in ihrer Natur doch eine gewisse Größe, die sich nicht vertrug mit der schnödesten von allen Waffen, welche der Haß oder der Neid einer vergifteten Seele in die Hand geben. Sie besaß ein zu hohes Selbstgefühl, eine zu große Achtung vor der sittlichen Bedeutung der Welt, welche sie vertrat, als daß sie im Stande gewesen wäre, eine Handlung, welche die Frau von Bildung in gemeinen Staub herabzieht, zu begehen oder zu unterstützen. Aber welche andere Feindin konnte sich Lilian gemacht haben? Gleichviel! Welches andere Weib in L– – war werth, daß man sich herabließ, ihr einen Gedanken zu schenken!

Nachdem ich mich bei den tüchtigsten meiner Londoner Kollegen Raths erholt und vergeblich die von ihnen empfohlenen Mittel angewendet hatte, brachte ich meinen Pflegling nach L– – zurück. Für die Besuche der Patienten behielt ich meine alte Wohnung bei; für meinen inneren Haushalt aber miethete ich ein etwa eine halbe Stunde von der Stadt abgelegenes Gebäude, das von einem Garten mit einer hohen Mauer umgeben war.

Frau Ashleigh begleitete die Tochter nach ihrem traurigen Wohnplatz. Das Abthaus, das so im Herzen jener lästersüchtigen Koterie lag, war ihr zuwider geworden, und auch ich konnte nur mit Sorge und Schrecken darauf hinblicken. Wenn ich den Garten betrat, überlief mich ein Schauder, und es wäre mir wie ein Dolchstich durchs Herz gewesen, wenn ich wieder das zauberische Plätzchen um den Mönchsbrunnen oder die schwarze Ceder gesehen hätte, unter welcher Lilian ihre Hand in die meinige legte. Ein abergläubisches Gefühl, das verbannt gewesen war, so lang mir in jenen unheimlichen Räumen Lilians Antlitz leuchtete, lebte jetzt in voller Kraft wieder in mir auf. Der Fluch des sterbenden Mannes – hatte er sich nicht erfüllt?

Schon eine Woche, nachdem Frau Ashleigh von London einem Commissionär die Wiedervermiethung des Hauses aufgetragen, hatte sich ein anderer Liebhaber gefunden. Kurz vor unserer Abreise nach Windermere war Fräulein Brabazon durch eine testamentarische Verfügung ihres Onkels, des Sir Phelim, in den Besitz einer ansehnlichen Leibrente gelangt. Es standen ihr also jetzt die Mittel zu Gebot, ihre bisherige verhältnißmäßig geringe Wohnung gegen das Abthaus zu vertauschen; aber wie sie eben damit begonnen hatte, eine Reihe prunkhafter Gesellschaften zu geben, durch die sie beabsichtigen mochte, Frau Poyntz die Souveränität über den Berg streitig zu machen, wurde sie von einer schweren Krankheit befallen, zu der sich ein Rückenmarksleiden gesellt zu haben schien, und ich begegnete ihr nach meiner Ankunft in L– – bisweilen auf der geräumigen Plattform des Berges, wie sie, das fahle Gesicht in indische Shawle und sibirisches Pelzwerk gehüllt, langsam in einem Räderstuhl umhergeschoben wurde und die lange Gestalt des Doktor Jones langsam und schweigsam wie ein aufrichtiger Leidtragender, der den Gönner, von dem er hauptsächlich lebte, zu Grab begleitet, hinter ihr drein schritt. Ich war in dem unheimlichen Monat Februar nach L– – zurückgekommen und nahm von meiner Wohnung, die kein Zeuge ehelichen Glückes sein sollte, am nämlichen Monatstag Besitz, in welchem ich von dem Sterbebette des Naturforschers durch die stumme Reihe einer todten Thierwelt geschritten war.

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