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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 61
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechzigstes Kapitel.

Der schöne See! Wir beide wandeln auf dem grünen Rasen seines Ufers. Die Dämmerung geht in die Nacht über, und ein Stern um den anderen kömmt zum Vorschein. Welch ein wunderbarer Wechsel findet in unserem Inneren statt, wenn wir müde, abgehetzt und verletzt von unserem Beruf unter den Menschen herkommen, wo die Sorge an uns zehrte, der Zweifel an der eigenen Kraft uns quälte und die namentlich in den Städten hausende giftige Schlange der Verläumdung uns stach, oder wo, wenn man berühmt ist, selbst die Bürde des Namens, den man gewonnen hat, zu einer schweren Last wird – welch ein Wechsel, sage ich, findet in uns statt, wenn wir uns plötzlich in die ruhige Abgeschiedenheit der Natur und auf Schauplätze versetzt sehen, auf denen die glücklichen Träume der Kindheit wieder aufleben – zurück-, zurückversetzt von den staubigen Landstraßen des sich abmühenden reiferen Alters zu der goldenen Quelle unserer Jugend! Es ist ein beseligender Wechsel, selbst wenn wir keine Gefährtin zur Seite haben, welcher das Herz das Gefühl seiner Erleichterung und Lust zuflüstern kann. Wenn aber statt der aufreibenden Welt, die so zauberisch wie aus den Augen so auch aus den Gedanken verschwunden, das Wesen bei uns ist, in dem wir unsere ganze Zukunft erblicken, so macht die Veränderung eine von jenen seltenen Epochen im Leben aus, deren höchster Reiz in ihrer Stille liegt. Die Pause in Allem, womit unser stürmisches Jagen nach Glück unser Dasein trübt, läßt uns mit entzücktem Staunen fühlen, welche Seligkeit die Ruhe zu bereiten vermag. Und so wandelten wir, Lilian und ich, an dem See hin, in welchem mit der vorrückenden Nacht mehr und mehr die Sterne des Himmels sich spiegelten. Wie sicher fühlten wir uns in der Reinheit unseres Bewußtseins! Noch einige Tage – nur wenige Tage, und wir beide sollten Eins werden. Diesem Gedanken liehen wir in vielen Wortformen Ausdruck, während in langen Zwischenräumen wieder das sinnige Schweigen der Liebe Platz griff.

Und als wir nach der ruhigen Herberge, in der wir Wohnung genommen hatten, zurückkehrten und die Mutter mit ihrem sanften Gesicht uns entgegenkam, sagte ich zu Lilian:

»Könnten wir nur in dieser Gegend uns heimisch machen für's ganze Leben – auf diesem Schauplatz, der weit abliegt von der öden Stadt hinter uns mit ihren nagenden Sorgen und dem Mißklang ihres müßigen Geplappers.«

»Und warum nicht, Allen? Warum nicht? Doch nein, Sie würden nicht glücklich sein.«

»Nicht glücklich, und Sie bei mir? Zweiflerin! Durch welche Gedankenkette kommen Sie zu diesem unholden Schluß?«

»Das Herz liebt Ruhe und die Seele Betrachtung; der Geist aber braucht Thätigkeit. Ist's nicht so?«

»Wo lernten Sie diesen Satz, der gar seltsam klingt von so rosigen Lippen?«

»Ich lernte ihn, indem ich Sie studirte,« flüsterte Lilian zärtlich.

Jetzt schloß sich Frau Ashleigh uns an. Zum erstenmal schlief ich mit Lilian unter demselben Dach. Und ich vergaß, daß es in dem All ein Räthsel zu lösen, einen Feind zu fürchten gab.

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