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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünftes Kapitel.

Und am Abend vorher hatte ich auf Vigors mit erhabener Gleichgültigkeit herabgesehen! Welche Wichtigkeit gewann er jetzt in meinen Augen! Die Dame, an deren Seite ich ihn gesehen, war ohne Zweifel die neue Bewohnerin des Hauses, welches augenscheinlich auch dem jungen Mädchen, das einen so wunderbaren Eindruck auf mein Herz gemacht hatte, zur Heimath diente. Vermuthlich war das Verhältniß der Frauenzimmer zu einander das einer Mutter und einer Tochter. Vigors, welcher der Freund der einen, vielleicht ein Verwandter von beiden war, konnte sie gegen mich einnehmen – konnte – da sprang ich plötzlich auf und ließ den Faden der Vermuthungen fallen, denn unmittelbar vor mir, auf dem Tisch, neben welchem ich mich nach dem Eintritt in mein Zimmer niedergesetzt hatte, lag eine Einladungskarte:

Frau Poyntz.
Zu Hause,
Dienstag den 15. Mai.
Morgens.

Frau Poyntz – Frau Oberst Poyntz! die Königin des Berges! Da, in ihrem Hause, konnte ich zuverlässig Alles erfahren über die neuen Ankömmlinge, welche sich nicht ohne ihre Genehmigung in ihrem Gebiet hätten niederlassen dürfen.

Ich wechselte hastig meinen Anzug und stieg mit klopfendem Herzen den ehrfurchtgebietenden Berg hinan.

Ich benützte dazu nicht die Gasse, welche nach dem Abthaus führte (dieses alte Gebäude stand nämlich einsam in einem Garten und ein wenig abseits von der geräumigen Fläche auf dem Hügel, auf welcher die Gesellschaft des Berges zusammengedrängt wohnte), sondern der breiten Straße mit ihren Gaslampen. Die bedeutenderen Läden waren noch nicht geschlossen, und die Fluth des Geschäftslebens zog sich nur langsam zurück aus den noch immer bewegten Stadttheilen nach dem freien Platz, in welchem die vier Hauptstraßen zusammenliefen und der die Grenze der unteren Stadt bildete. Ein mächtiger dunkler Bogen, den man nur das Mönchsthor nannte, bewachte an einer Ecke des freien Platzes den Zugang zu dem Abteiberg; hatte man diesen hinter sich, so fühlte man mit einemmal, daß man sich in einer aus den alten Zeiten stammenden Stadt befand. Der gepflasterte Weg war schmal und uneben, und über den kleinen Läden sprangen die oberen Stockwerke der Häuser hervor, die gelegentlich wunderliche arabeskenartige Stuckverzierungen zeigten. Die kurze, aber steile und stark gekrümmte Ansteigung führte nach der alten Abteikirche, die stolz in der Mitte eines weiten Vierecks lag, und um letzteres her standen die finsteren vornehmen Wohnungen der Areopagiten des Bergs. Noch vornehmer aber und weniger finster als die übrigen – denn man sah Lichter in den Fenstern und Blumen auf dem Balkon – nahm sich, nach beiden Seiten hin mit einer angebauten Gartenmauer versehen, die Wohnung der Frau Oberst Poyntz aus.

Als ich in den Salon trat, hörte ich die Stimme der Wirthin – es war eine klare, entschiedene, metallisch und glockenartig klingende Stimme – die Worte sprechen: »Wer sich im Abthaus eingemiethet hat? das will ich Ihnen sagen.«

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