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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 58
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Siebenundfünfzigstes Kapitel.

Frau Poyntz saß an ihrem Lieblingsplätzchen beim Fenster, zu meiner großen Verwunderung diesmal nicht strickend – mit diesem klassischen Geschäft schien sie jetzt fertig zu sein; aber sie glättete und faltete bei meinem Eintritt mit ihren hübschen weißen Händen die beendigte Arbeit und lächelte selbstgefällig dazu. Neben dem Kamin befand sich der Oberst und betrachtete einen neu erfundenen Barometer, und an einem anderen Fenster, in der tiefsten Nische des Zimmers, stand Fräulein Hanna mit einem jungen Herrn, den ich nie zuvor gesehen hatte, der aber mit stolzem Blick mich musterte, als der Bediente meinen Namen anmeldete. Er war ein großer, gutgebauter, entschieden schöner Jüngling, zeigte aber in seinem Gesicht sowohl als in seiner ganzen Haltung jenen Ausdruck kalten und stolzen Selbstgefühls, der an dem Mann von Verdienst abstößt und den Unbedeutenden lächerlich macht.

Der Oberst, der es mit der Höflichkeit sehr pünktlich nahm, erhob sich von seinem Sitz, drückte mir herzlich die Hand und sagte: »Ziemlich kalt Wetter heute; aber wir kriegen morgen Regen. Die Regenzeiten kommen cyclisch: wir stehen an dem Anfang eines Cyclus mit schweren Schauern.« Er seufzte und kehrte zu seinem Barometer zurück.

Fräulein Hanna verbeugte sich gegen mich gnädig genug, war aber augenscheinlich ein wenig verwirrt – ein Umstand, der nothwendig meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen mußte, denn ich hatte nie bemerkt, daß diese feingebildete junge Dame nur um ein Haar von der gleichmäßigen Haltung einer ungemein ansprechenden gefälligen und höflichen Leichtigkeit abgewichen wäre. Dieser Charakter war an ihr so stereotyp geworden, daß ich geglaubt hätte, sie würde ihn gegen ihre Umgebung bewahren, selbst wenn ein Erdbeben vor ihren Füßen den Boden aufrisse und den nächsten Besten verschlänge.

Der junge Herr fuhr fort, mir hochmüthige Blicke zuzusenden, wie etwa der muthmaßliche Erbe eines Himmelskörpers niederschauen dürfte auf ein untergeordnetes Geschöpf, das aus einer halbgeformten Nebelmasse plötzlich auf seinen erhabenen und vollständig gebildeten Stern niedergefallen ist.

Frau Poyntz streckte mir zwei Finger entgegen und sagte kalt: »Erfreut, Sie wieder zu sehen. Wie freundlich, auf mein Billet so bald sich einzufinden!« Sie winkte nach einem Sitz neben ihr hin, wandte sich dann an ihren Mann und sagte: »Poyntz, da morgen ein Regencyclus beginnt, so ist es wohl am besten, den heutigen Tag noch zu einem Ausritt zu benützen. Nimm die jungen Leute mit. Ich muß mit Doktor Fenwick sprechen.«

Der Oberst hängte sorgfältig seinen Barometer auf, hieß seine Tochter mitkommen und entfernte sich. Hanna folgte ihrem Vater und der junge Herr dem Fräulein.

Die kalte Aufnahme wirkte als ein schwerer Schlag für meine Hoffnungen. Ich fühlte, daß Frau Poyntz verändert war, und an diesem Wechsel schien das ganze Haus theilgenommen zu haben. Sogar die Stühle sahen höflich unfreundlich aus, als hätten sie gute Lust, mir den Rücken zuzuwenden. Ich befand mich jedoch nicht in der schiefen Lage eines Eindringlings, sondern war eingeladen worden; es kam daher Frau Poyntz zu, das Gespräch zu eröffnen, und ich wartete dies ruhig ab.

Sie beendigte das sorgfältige Glätten ihrer Arbeit und versorgte sie schließlich in der Kommode, neben welcher sie saß. Nachdem dies geschehen war, wandte sie sich gegen mich und sagte:

»Entschuldigen Sie, ich hätte Sie meinem jungen Gast, dem Herrn Ashleigh Sumner, vorstellen sollen. Sie werden ihn angenehm finden. Er hat Talente – keine prunkhaften zwar, aber gediegene. Er wird's vorwärts bringen im öffentlichen Leben.«

»Dieser junge Mann also ist Herr Ashleigh Sumner? Da wundert mich's freilich nicht, daß Fräulein Ashleigh ihn zurückgewiesen hat.«

Ich sagte dies aus Aerger und Erstaunen über die Kälte, mit welcher eine Dame, die sich für meine Freundin ausgegeben hatte, dieses glücklichen Jünglings gegen mich erwähnte, als habe sie ganz und gar die Vorgänge vergessen, welche früher diesen Namen meinem Ohr peinlich gemacht hatten.

Andererseits schien auch meine Erwiederung Frau Poyntz empfindlich zu berühren.

»Ich wüßte nicht, daß sie ihn zurückgewiesen hätte. Vielleicht waltet hier ein Mißverständniß ob, denn galante Komplimente sind noch keine Heirathsanträge. Wie dem übrigens sein mag – wenn ihn Fräulein Ashleigh auch verschmäht haben sollte, so muß doch sein Herz von ihren Reizen nicht sehr tief gerührt worden sein in Anbetracht dessen, daß er sich die Sache nicht groß anfechten ließ. Er ist jetzt sehr glücklich und sehr einer anderen jungen Dame zugethan, um die er vor drei Tagen im Haus der Lady Delafield geworben bat. Nun, ich brauche kein Geheimniß aus einer Sache zu machen, welche noch vor morgen unsere ganze kleine Welt erfahren haben wird – die junge Dame ist meine Tochter Hanna.«

»Wenn ich mit Herrn Sumner bekannt wäre, so würde ich ihm meine aufrichtigen Glückwünsche darbringen.«

Frau Poyntz, welche nicht auf diese Entgegnung achtete, die mehr ein Compliment für ihre Tochter als für den Gegenstand ihrer Wahl enthielt, nahm wieder auf:

»Ich sagte Ihnen, ich beabsichtige meine Tochter an einen reichen Landgentleman zu verheirathen, und dachte schon damals dabei an Ashleigh Sumner. Er ist gescheider und ehrgeiziger, als ich nur hoffen konnte, und wird kraft seiner Talente eines Tags Minister werden – ja, wenn er es wünscht, auch Peer des Reiches um seines Güterbesitzes willen. Diese Angelegenheit ist also abgethan.«

Es trat eine Pause ein, während welcher mein Geist rasch die Kettenglieder der Erinnerung und Anknüpfung durchlief, die mich in Frau Poyntz eben so sehr die Diplomatin bewundern als die Freundin beargwöhnen ließen. Es war mir nun klar, warum sie, die meiner Liebe so wenig Geschmack abgewinnen konnte, auf einmal in mich drang, Lilian meine Hand anzubieten; sie sollte nämlich als eine Verlobte, als eine Braut nach dem Haus abreisen, in welchem ihr eine Begegnung mit Ashleigh Sumner bevorstand. Daher denn auch die Begierde der Frau Oberst, durch mich Alles zu erfahren, was bei Lady Houghton gethan und gesprochen wurde; daher die Oeffentlichkeit, die sie so plötzlich meiner Verlobung gab; daher ihre eigene Abreise von L– –, nachdem Sumner als ein abgewiesener Freier sich zurückgezogen hatte – denn sie wollte klüglich den Moment benützen, in welchem ein über einen Korb erbitterter eitler und stolzer Mensch vorzugsweise geeignet ist, sich in den ihm künstlich gelegten Schlingen zu fangen und sich in eine Andere zu verlieben. In so weit erschien mir Alles klar. Und ich – war mein Dünkel weniger groß, weniger leicht bethörbar gewesen, als der jener vergoldeten Zierpuppe? Wie geschickt hatte diese Frau mit der lautlosen Bewegung ihrer weißen Hände mich in ihre Arbeit hineingestrickt – mich, dessen Geist so hoch hinauf wollte und allen Quellen der Natur auf den Grund gehen zu können wähnte, während er nicht einmal in dem kleinen geistigen Sumpf dieser Intrikantin auf den Boden sah!

Aber es war jetzt keine Zeit, einen Verdruß darüber blicken zu lassen oder mir selbst Vorwürfe zu machen. Sie konnte meine unschuldige geliebte Lilian am besten gegen den Stachel der Lästerung schützen. Aber wie diesem leidigen Gegenstand beikommen?

Frau Poyntz bahnte ihn mit ihrer gewöhnlichen entschiedenen Absichtlichkeit, welche sich unter der Maske biederer Offenheit kund gab, zuerst an.

»Doch ich habe mir Ihren Besuch nicht erbeten, um mit Ihnen von meinen eigenen Angelegenheiten zu reden, Allen Fenwick.« Als sie meinen Namen nannte, wurde ihre Stimme weich, und sie zeigte wieder jenes mütterlich zärtliche Wesen, das mich bisweilen unterhalten, bisweilen irre geleitet hatte. »Nein, ich vergesse nicht, daß Sie mich gebeten haben, Ihre Freundin zu sein, und nehme daher ohne Bedenken die Freiheit der Freundschaft in Anspruch. Was sind dies für Geschichten, die ich bereits von Lilian Ashleigh, Ihrer früheren Verlobten, hören mußte.«

»Das Verlöbniß steht noch immer in Kraft.«

»Ist's möglich? Oh, dann muß natürlich Alles, was mir zu Ohren kam, falsch sein. Sehr wahrscheinlich; die Erfindungen der Klatschsucht überraschen mich nie. Die liebe arme Lilian ist also nicht aus dem Haus ihrer Mutter entwichen?«

Ich kämpfte den unwilligen Schmerz nieder, den diese Fragemanier in mir hervorgerufen hatte; denn ich wußte, wie wichtig es für Lilian war, ihr den Schutz dieser absoluten Autokratin zu verschaffen. So sprach ich denn von Lilians vorausgehender langer Geistesstörung und erklärte das Ganze, wie es jeder verständige Arzt thun würde, der nichts von den Momenten weiß, die ich nicht enthüllen wollte. Der Himmel vergebe mir die verzeihliche Unwahrheit, aber ich stellte die schreckliche Anklage gegen mich selbst als einen zureichenden Grund dar, um den Geist eines so empfindsamen Mädchens aus den Angeln zu heben, suchte hieraus Alles abzuleiten, was sonst als seltsam erscheinen mochte, und schilderte die Entfernung von der Heimath – Lilian sei allein fortgegangen – als die Wirkung der krankhaften Gehirnaufregung. Ich sei ihr auf Schritten und Tritten gefolgt, habe sie aufgefunden und wieder nach Haus gebracht. Darauf sei ein Delirium von kritischer Bedeutung eingetreten, aus dem sie genesen hervorgegangen, ohne entfernt eine Ahnung zu haben, daß sie der Ohrbläserei Gelegenheit gegeben, ihren guten Namen in den Staub zu treten. Und dann flehte ich mit aller mir zu Gebot stehenden Beredsamkeit und in Worten, welche recht darauf berechnet waren, das Herz einer Frau und Mutter zu gewinnen, Frau Poyntz an, zum Niederschlagen des grausamen Klatsches Beihülfe zu leisten und ihren Schirm auszudehnen über das Kind ihrer Jugendfreundin.

Am Schluß meiner Rede hatte ich mit liebkosender Gewalt ihre widerstrebenden Hände gefaßt. Thränen waren in meiner Stimme, Thränen in meinen Augen. Und der erste Laut von ihren Lippen gab mir Hoffnung, denn er klang ungemein sanft. Sie war sichtlich bewegt. Aber die Hoffnung währte nicht lange.

»Allen Fenwick,« sagte sie, »Ihr Herz ist edel, und ich bedaure, sehen zu müssen, welche tyrannische Gewalt es auf Ihren Verstand übt. Ich kann Lilian Ashleigh nicht in der Weise, wie Sie wünschen, Hülfe leisten. Ich kann wohl glauben, daß der Geist des unglücklichen Geschöpfs, als Sie es zu seiner Mutter zurückbrachten, wirr war und es später in einem noch gefährlicheren Grade wurde; daß sie jetzt, nachdem sie genesen, mit Scham an ihr unkluges Entweichen zurückdenkt oder lieber gar nicht daran denken möchte, finde ich gleichfalls begreiflich; aber ich glaube nicht, und die Welt kann es nicht glauben, daß sie nicht wissentlich und mit Vorbedacht das Dach ihrer Mutter verließ, um jenem jungen Fremden nachzulaufen, der so unvorsichtig und gefühllos in dem Ashleigh'schen Hause aufgenommen wurde zu einer Zeit, als auf Ihnen die schrecklichste Beschuldigung lastete, die einen Menschen nur treffen kann. Man weiß in der ganzen Stadt, daß Herr Margrave während jener für Sie so schweren Zeit täglich die Ashleighs besuchte; auch ist es stadtkundig, nach welchem abgelegenen Platz sich der junge Mann zurückgezogen und daß er eine Yacht gekauft hatte, die in der Nähe wartete. Weßhalb? Man sagt mir, die Kutsche, in welcher Sie Fräulein Ashleigh zurückbrachten, sei in einem ganz nahe bei Margrave's Wohnung, bei Margrave's Yacht gelegenen Ort gemiethet worden. Es freut mich, daß Sie das arme Mädchen vor dem Verderben bewahrt haben; aber ihr guter Name ist befleckt, und wenn Anna Ashleigh, die ich aufrichtig bemitleide, mich um Rath fragen würde, so wüßte ich ihr nur zu sagen: ›Verlaß L– –; nimm deine Tochter ins Ausland, und wenn du sie nicht mit Herrn Margrave verheirathen kannst, so gib sie in aller Stille und so schnell als möglich irgend einem Fremden.‹«

»Madame! Madame! Dies ist also Ihre Freundschaft gegen sie – gegen mich? Oh, schämen Sie sich, daß Sie in solcher Weise einen Bräutigam kränken mögen! Schande über mich, daß ich Ihnen je ein Herz zutraute!«

»Ein Herz, Mann?« rief sie fast mit Ungestüm, indem sie aufsprang und mich durch die Veränderung in ihrem Gesicht und in ihrer Stimme eigentlich erschreckte. »Und wie wenig würden Sie dieses Herz geschätzt, wie schonungslos es zertreten haben, wenn ich ihm gestattet hätte, sich gegen Sie zu offenbaren? Welches Recht haben Sie, mir Vorwürfe zu machen? Ich fühlte ein warmes Interesse an Ihrer Laufbahn, und Ihre Unterhaltung, Ihre Gesellschaft hatte eine ungewöhnliche Anziehung für mich. Tadeln Sie mich darum, oder muß ich mir selbst deßhalb einen Vorwurf machen? Verurtheilt, unter hirnlosen Puppen zu leben und dem langweiligen Geschäft obzuliegen, die Fäden zu ziehen, durch die sie bewegt wurden, bot es meinem Leben einen neuen Reiz, Freundschaft und Umgang zu pflegen mit einer Person von Verstand, Geist und Muth. Ah, ich verstehe diesen halb spürenden, halb ungläubigen Blick.«

»Spürend – nein! ungläubig – ja! Sie wünschten meine Freundschaft; aber wie verträgt sich Ihr hartes Urtheil über meine Braut und über das Kind einer Frau, die Sie von Jugend auf gekannt haben, mit der ersten Freundespflicht, welche sicherlich nicht darin besteht, den Freund in dem Augenblick im Stich zu lassen, in welchem er Trost gegen die Schlangenbisse der Schmähsucht und Hülfe braucht in seiner Bedrängniß?«

»Eine heiligere Pflicht ist es, der Schmähsucht keinen Anlaß zu geben und der Bedrängniß vorzubeugen. Lassen wir Anna Ashleigh bei Seite – diese Null, die ich von der Summe meines Lebens abziehen oder zu ihr addiren kann, wie mir beliebt. Und meine Pflicht gegen Sie? – sie ist einfach und legt mir auf, Ihnen zu sagen, daß die Ehre Ihnen gebietet, alle Gedanken an eine Heirath mit Lilian Ashleigh aufzugeben. Sie Undankbarer! Glauben Sie, es habe den Stolz der Frau und der Freundin nicht verletzt, wenn Sie sich nie mir im Vertrauen näherten, als da es galt, bei Ihrer Werbung um eine Andere meine guten Dienste in Anspruch zu nehmen? Es habe nicht erschütternd eingewirkt auf die ruhigen Plane, die ich mir für unsere harmlose Vertraulichkeit bildete, als ich Sie auf eine Heirath erpicht sah, durch welche mir der Freund verloren ging?«

»Nicht verloren – nicht verloren! Im Gegentheil; die Zuneigung, die Sie vermuthlich zu Lilian gehabt haben würden, hätte ein neues Band zwischen unseren beiderseitigen Heimwesen gebildet.«

»Pah! Zwischen mir und diesem träumerischen Mädchen konnte es nie eine Sympathie, also auch keine Zuneigung geben. Sie wären an Ihren Herd gefesselt gewesen – und – und – doch gleichviel. Ich kämpfte die getäuschte Hoffnung nieder, so bald ich sie erkannte – erstickte sie, wie ich mein ganzes Leben über Alles erstickte, was ich aus Schickung oder aus Pflichtgefühl – Pflichtgefühl gegen mich selbst sowohl als gegen Andere – mir nicht erlauben durfte. Nein, halten Sie mich nicht für eine von den schwachen Sünderinnen, die eine würdige Zuneigung in eine entehrende Liebe ausarten lassen. Ich war nicht in Sie verliebt, Allen Fenwick.«

»Glauben Sie, ich sei je ein so anmaßender Geck gewesen, mir dies einzubilden?«

»Nein,« fuhr sie in sanfterem Tone fort, »ich wurde den Banden meines Hauswesens und meiner eigenen Natur nicht untreu. Aber es gibt Freundschaften, die eben so eifersüchtig sind, wie die Liebe. Ich hätte nicht mit Freudigkeit Sie bei einer Wahl unterstützen können, die mein Verstand nicht als eine kluge zu billigen vermochte, denn in Ihrer Frau hätte ich mir meine vertrauteste Gefährtin gewünscht. Dieses einfältige Kind dagegen – wie abgeschmackt! Gleichwohl rührte mich die Frische und Begeisterung Ihrer Liebe. Sie baten um meinen Beistand, und ich ließ Ihnen denselben zu Theil werden – vielleicht im Glauben, eine nähere Bekanntschaft mit Lilian Ashleigh werde die Verblendung Ihres Auges heilen. Freilich hätte ich besser wissen sollen, zu welchen Thoren auch die weisesten Männer werden können durch den Zauber eines schönen Gesichtes an einer Achtzehnjährigen. Als ich fand, daß Ihre Blindheit nachhielt, gab ich mein eitles Bedauern auf, wandte mich den Entwürfen meines eigenen Ehrgeizes zu und lächelte bitter bei dem Gedanken, daß ich, indem ich Sie zu der hastigen Bewerbung um Lilian ermuthigte, Ihre thörichte Leidenschaft zum Werkzeug meiner Plane machen konnte. Genug davon. Ich spreche so offen und kühn gegen Sie, weil jetzt keine Empfindsamkeit mehr störend auf den gesunden Ton meiner Rathschläge einwirkt. Ich wiederhole, Sie können Lilian Ashleigh nicht heirathen; ich darf sie mit meiner Tochter nicht besuchen, und es ist mir nicht zuzumuthen, daß ich die socialen Gesetze breche, die ich selbst in meinem kleinen Königreich aufgestellt habe.«

»Halten Sie dies, wie Sie wollen. Ich habe ein Fürwort für sie eingelegt, so lang sie noch Lilian Ashleigh ist; für Diejenige, der ich einmal meinen Namen gegeben habe, thue ich es nicht mehr. Vor das Weib, das ich mir von dem Altar holte, kann ich als ausreichenden Schild meine starke Mannesbrust stellen. Wer hat ein so tiefes Interesse an Lilians Reinheit, als ich? Wer ist so geeignet, von all dem Geflüster, das gegen sie umläuft, die genaue Wahrheit auszuscheiden? Wenn nun gleichwohl ich, dem Sie doch Verstand und Urtheil zutrauen – ich, der ich ihr nachging und sie wieder nach Haus brachte – ich sage, wenn ich, Allen Fenwick, von ihrer völligen Unschuld in Gedanken sowohl als in der That so innig überzeugt bin, daß ich ihren Händen meine Ehre vertraue, so muß doch wahrhaftig die Verläumdung verstummen, der Sie selbst keinen Glauben schenken, obschon Sie sich dieselbe zu bekämpfen und niederzuschlagen weigern.«

»Täuschen Sie sich nicht selbst, Allen Fenwick,« erwiederte sie, noch immer an meiner Seite stehend; ihr Gesicht war jetzt hart und strenge. »Fassen Sie meine Stellung ins Auge – ich bin die Welt! Die Welt, nicht im Sinne der Satyriker oder der Optimisten, welche ihre unwandelbaren Eigenschaften, ihre alles beherrschende Autorität herabsetzen oder preisen. Ich bin die Welt und meine Stimme ist die der Welt, wenn sie Ihnen eine solche Warnung zugehen läßt. Schließen Sie diese Heirath, so ist die Würde Ihres Charakters und Ihrer Stellung dahin, obschon vielleicht Ihr Erwerb, Ihr Ruf als Arzt, wenn Sie bloß diese im Auge haben, nicht auf die Dauer darunter leiden. Sie besitzen Geschicklichkeit, deren die Menschen bedürfen: die Noth wird Patienten zu Ihrer Thüre und Guineen in Ihre Börse führen. Aber Sie besitzen mit der Geburt auch den Stolz eines Gentleman, und die Wunden desselben können nie heilen, weil sie stetig frisch aufgerissen werden. Ihre starke Männerbrust ist kein Schirm für den so leicht zerstörbaren weiblichen Ruf. Die Welt in ihrer Gesundheit wird herabsehen auf Ihre Frau, obgleich die kranke vielleicht zu Ihnen aufschaut. Dies ist jedoch noch nicht Alles. Die Welt in ihrer eitelsten und nachsichtigsten Stimmung wird mitleidig sagen: ›Der arme Mann – wie schwach und wie betrogen! Welch eine unglückliche Heirath.‹ Aber die Welt ist nicht oft nachsichtig, sondern faßt hauptsächlich die am oberflächlichsten liegenden Beweggründe ins Auge. Es wird dann heißen: ›Oh nein, er ist viel zu gescheid, um sich narren zu lassen. Fräulein Ashleigh hat Geld. Eine gute Partie für einen Mann, dem das Gold lieber ist als die Ehre.‹«

Meine Wuth kaum zu unterdrücken vermögend, sprang ich auf. Ich mußte mir Gewalt anthun, nicht zu vergessen, daß eine Frau mit mir sprach. »Leben Sie wohl, Madame,« sagte ich durch die grimmig geschlossenen Zähne. »Wären Sie in der That die Personifikation der Welt, deren gemeine Ansichten Sie so ruhig hinwerfen, so könnte ich Sie nicht tiefer verachten.« Ich wandte mich der Thüre zu. Sie sah mir aufrecht und drohend nach – ein harter Hohn um ihre entschlossene Lippe und ein rothes Blitzen in ihrem erbarmenlosen Auge.

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