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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 57
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsundfünfzigstes Kapitel.

Lilian erholte sich, aber es zeigte sich nun die befremdliche Erscheinung, daß für die Zeit, als sie von ihrer Tante zurückkehrte, bis zu ihrer Genesung ihr Gedächtniß völlig erloschen war. Sie schien durchaus nichts zu wissen von der Anklage, die auf mir gelastet hatte, eben so wenig etwas von dem Vorhandensein eines Herrn Margrave. Eine unbestimmte Erinnerung an das Gespräch mit mir in dem Garten, dem ersten, das eine bittere Saat zwischen uns ausstreute, schwebte ihr zwar vor; aber der dabei stattgehabten Uneinigkeit konnte sie sich nicht entsinnen. Sie glaubte, sie sei von jenem Abend an krank und nicht bei Besinnung gewesen. Was zwischen diesem Zeitpunkt und ihrem Erwachen zum Bewußtsein lag, war eine Leere. Ihre Liebe zu mir zeigte sich in einer Weise, als sei der Faden nie unterbrochen worden. Beispiele eines solchen Vergessens nach einer körperlichen Krankheit oder einer geistigen Erschütterung sind in der ärztlichen Erfahrung nichts Neues, Die meisten physiologischen und metaphysischen Werke geben Beispiele von einem solchen Aufheben des Gedächtnisses. Doktor Abercrombie berichtet einige, die mehr oder weniger Aehnlichkeit mit dem obigen haben. »Eine junge Dame war bei dem Einsturz einer Emporkirche zugegen, bei welcher viele Menschen das Leben verloren; sie kam unbeschädigt davon, konnte sich aber der Umstände durchaus nicht mehr erinnern; dieser Gedächtnißverlust dehnte sich indeß nicht bloß auf jene Katastrophe, sondern auf Alles aus, was in einer gewissen, dem Kirchenbesuch vorausgehenden Periode stattgefunden hatte. Eine Frau, die ich vor einigen Jahren an einer langen Krankheit behandelte und deren Gedächtniß sehr gelitten hatte, verlor die Erinnerung an eine Periode von zehn oder zwölf Jahren vollständig, konnte sich aber recht gut der Erlebnisse vor dieser Zeit entsinnen.« Abercrombie fügt bei: »So weit ich die Sache erforschen konnte, scheint bei solchen Fällen Regel zu sein, daß, wenn das Gedächtniß bis zu einem gewissen Grad geschwächt ist, der völlige Verlust sich zurückbezieht auf ein Ereigniß oder auf eine Periode, durch welche ein besonders tiefer Eindruck auf den Geist gemacht wurde.« – Abercrombie, über die intellektuellen Vermögen, 15. Aufl. S. 118 u. 119. und ich befand mich daher in der Lage, das Staunen und die Angst der Mutter zu beschwichtigen, indem ich sie auf ähnliche Vorgänge hinwies. Wir verständigten uns über die Nothwendigkeit, mit großer Behutsamkeit Lilian die Geschichte von Sir Philipp Dervals Ermordung und dem daraus gegen mich erwachsenen Bezicht beizubringen, da sich voraus sehen ließ, sie werde sonst von Anderen davon hören. Wie soll ich ihren ächt weiblichen Schrecken, ihr liebevolles und theilnehmendes Mitleid schildern, als sie hörte, was vorgefallen war, obschon ich die Farben so mild als möglich auftrug?

»Und zu denken, daß ich von alle dem nichts wußte!« rief sie, meine Hand zwischen die ihrigen nehmend. »Zu denken, daß Sie in Gefahr waren und ich mich nicht an Ihrer Seite befand!«

Ihre Mutter sprach von Margrave als von einem Besuch – einem lebhaften angenehmen Fremden. Lilian konnte sich nicht einmal seines Namens entsinnen und war erschüttert über die Zulassung eines Fremden im Haus, während ich mich in einer so schrecklichen Lage befand. Brauche ich zu sagen, daß unser Verlöbniß erneuert wurde? Erneuert! In ihrem Geist und in ihrem Herzen war es keinen Augenblick unterbrochen worden. Aber, oh die Bosheit der schlimmen Welt, die eine so befremdliche Freude daran hat, einen Ruf zu zerfleischen, und in grausamem Uebermuth auf die harmlosesten Herzen losstürzt! Wenn zwei müßige Zungen über eine dritte Person, die ihnen nie etwas zu Leide gethan hat, einen Klatsch erfahren oder aushecken, so greift er um sich, wie das Feuer eines Präriebrands, ohne daß Jemand weiß, wer es angezündet hat. Und wer soll es löschen?

Welches Recht haben wir, uns in die Geheimnisse anderer Menschen einzudrängen? Mag die Geschichte, die uns zugetragen wird, wahr oder falsch sein, was kümmert sie uns? Ich spreche nicht von Fällen, gegen welche man klagbar werden und den Thatbestand durch den Richter herstellen lassen kann. Aber wie verhält sich's mit dem Urtheil, wo der Richter schweigt? Was ist überhaupt alles Richten, wo keine Zeugenvernehmung, kein Verhör, kein schwurgerichtlicher Wahrspruch stattfindet? Und doch werfen wir jeden Tag den Hermelinmantel um und machen uns selbst zu Richtern, die gleich mit dem Verdammen fertig sind – und auf welche Beweise hin? Auf solche, die vor keinem Gerichtshof Stich halten. Jemand hat zu Jemand etwas gesagt, das dieser Jemand wieder aller Welt mittheilt!

Die Fraubaserei von L– – zog mit aller Macht gegen Lilians guten Namen zu Feld. Keine von den Damen hatte Frau Ashleigh einen Besuch gemacht, um ihr zur Rückkehr ihrer Tochter Glück zu wünschen oder sich nach dem Befinden derselben zu erkundigen, als die Arme mit dem Tode rang.

Wie vermißte ich in diesem kritischen Augenblick die Königin des Berges und wie sehnte ich mich nach ihrem Beistand, um den Lästerzungen, mit denen ich nichts anzufangen wußte, das Handwerk zu legen, während es ihr, wie ich meinte, bei ihrer Weltkenntniß und bei ihrem überlegenen Urtheil leicht werden mußte. Seit ihrer Abwesenheit hatte ich nur ein einziges Mal von ihr gehört. Sie drückte kurz, aber freundschaftlich ihr Erstaunen über die maßlose Dummheit aus, die mich nur einen Augenblick bei dem seltsamen Mord des Sir Philipp Derval betheiligt halten konnte, und wünschte mir herzlich Glück zu meiner vollständigen Rechtfertigung in einer so ungeheuerlichen Anklage. In dem Brief war keine Adresse angegeben. Ich hielt dieses Versäumniß für zufällig; aber als ich in ihrem Hause vorsprach und mich nach ihrem Aufenthalt erkundigte, konnten auch die Dienstboten mir keine Auskunft geben.

Man denke sich daher meine Freude, als ich eben in diesem kritischen Momente von Frau Poyntz ein Billet erhielt, in welchem sie mir anzeigte, daß sie am Abend zuvor zurückgekehrt sei und sich freue, mich wieder zu sehen.

Ich eilte nach ihrem Haus. »Ha!« dachte ich, als ich leichten Fußes den Abhang des Berges hinan eilte, »wie still werden die Klatschmäuler werden bei einem einzigen Wort von ihren königlichen Lippen!« Erst als ich mich ihrer Thüre näherte, fiel mir ein, wie schwierig, ja, wie unmöglich es sei, ihr, dem harten positiven Weib, das weniger öffentlich, aber doch erbarmenloser als ich den Doktor Lloyd vernichtet hatte wegen seines Glaubens an die vergleichungsweise noch vernünftigen Anmaßungen der Hellseherei, alle die mystischen Entschuldigungsgründe für Lilians Flucht aus dem mütterlichen Hause begreiflich zu machen. Wie konnte ich mit ihr – oder überhaupt mit irgend Jemand – von geheimem Zauber und einem magischen Stab sprechen? Nun, gleichviel. Sicherlich reichte es vorderhand aus, ihr zu sagen, Lilian sei unter dem Einfluß eines Fiebers, das nahezu verhängnißvoll geworden, irrsinnig gewesen. Die Jugendfreundin von Anna Ashleigh konnte es nicht so genau nehmen mit einem Mährchen, das die Absicht hatte, den guten Ruf der Tochter ihrer Freundin wieder herzustellen. In dieser Ueberzeugung folgte ich leichten Herzens und fröhlichen Gesichts dem Diener, der mich nach dem freundlichen, aber zugleich prunkhaften Audienzzimmer der hohen Dame führte.

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