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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 56
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünfundfünfzigstes Kapitel.

Es schien unglaublich, daß Lilian weit kommen konnte, ohne bemerkt zu werden. Es war bald ermittelt, daß sie weder die Eisenbahn noch einen Omnibus benützt, auch keine eigene Kutsche gemiethet hatte; sie mußte sich also noch in der Stadt aufhalten, oder zu Fuß fortgegangen sein. Der größte Theil des Tages verging in fruchtlosen Nachfragen und in der vergeblichen Hoffnung, daß sie zurückkehren würde. In der Zwischenzeit verbreitete sich natürlich die Kunde von ihrem Verschwinden durch die ganze Stadt.

Ein Bekannter von mir begegnete mir unter dem Bogen des Mönchthores. Er drückte mir die Hand und sah mich mit großem Mitleid an.

»Ich fürchte,« sagte er, »daß wir alle uns in dem jungen Margrave getäuscht haben. Er schien ungeachtet seines lebhaften Wesens von so untadeliger Aufführung zu sein; aber –«

»Was meinen Sie mit Ihrem Aber?«

»Frau Ashleigh war vielleicht doch unklug, daß sie ihm einen so vertraulichen Zutritt in ihr Haus gestattete. Ein schöner Mensch war er – dies läßt sich ihm nicht abstreiten. Und junge Damen sind so gerne romantisch.«

»Wie mögen Sie sich unterstehen, Herr,« rief ich, fast erstickt von Zorn, »und noch obendrein ohne alle Färbung eine solche Lästerung auszusprechen? Margrave ist seit vielen Tagen nicht mehr in der Stadt gewesen, und Niemand weiß, wo er sich aufhält.«

»O ja, man weiß dies. Er hat geschrieben und sich seine Effekten nach Penrith nachkommen lassen.«

»Wann?«

»Der Brief ist vorgestern angekommen. Ich war zufällig auf Besuch in dem Haus, in welchem er während der letzten Zeit seines Aufenthalts zu L– – wohnte – ich meine das Haus, das dem Garten der Frau Ashleigh gegenüber liegt. Ohne Zweifel haben die Dienstboten hinüber und herüber davon gesprochen. Fräulein Ashleigh mußte daher wohl Herrn Margraves Adresse durch ihr Mädchen erfahren, und wie Dienstboten sich gern beim Klatsch betheiligen, so lassen sie sich auch zum Ueberbringen von Briefen brauchen. Entschuldigen Sie – aber Sie wissen, ich bin Ihr Freund.«

»Von dem Augenblick an nicht mehr, in welchem Sie nur etwas athmen zum Nachtheil meiner Verlobten,« versetzte ich finster.

Ich entriß dem Mann meine Hand; doch seine Worte klangen in meinen Ohren nach. Ich stieg zu Pferd und durchritt die Vorstädte und die benachbarten Dörfer, ohne jedoch etwas zu erfahren. Erst gegen Einbruch der Nacht sagte mir in einem etwa vier Stunden von L– – entlegenen Dörflein ein Arbeiter, er habe eine in der Kleidung meiner Beschreibung entsprechende junge Dame gesehen, die etwas vor Mittag auf einem Feldweg an ihm vorbei gekommen sei; der Anblick eines so gut gekleideten fremden jungen Frauenzimmers (denn er kenne die wenigen umwohnenden Familien ganz genau), die so allein in dieser Gegend ging, habe ihn überrascht und er deßhalb, als er aus dem Weg trat, um ihr Platz zu machen, ihr scharf ins Gesicht gesehen; sie sei aber, ohne auf ihn zu achten und scheinbar vor sich hin in den Raum hinaus starrend, weiter gezogen. Wenn der Ausdruck ihres Gesichts nicht so sanft und ruhig gewesen wäre, so würde er – er wisse nicht warum – geglaubt haben, daß es in ihrem Kopf nicht recht richtig sein müsse; es habe etwas Stieres in ihren Augen gelegen, wie wenn sie im Schlaf wandle. Gegangen sei sie mit ziemlicher Sicherheit, weder schnell noch langsam. Er habe ihr nachgesehen, bis sie seinen Blicken durch einen Wald entzogen wurde, durch den der Weg nach einem ziemlich entlegenen Dorfe führte.

Ich nahm diese Angaben zur Richtschnur und traf, als es schon Nacht war, in dem mir angedeuteten Dorfe ein. Da die meisten Häuser schon geschlossen waren, so konnte ich von den Bewohnern oder in dem Wirthshaus nicht viel Auskunft erholen. Dagegen hatte hier der Stationscommandant der Polizeiwache seinen Sitz, und diesen versah ich mit Weisungen, welche ich der Polizei von L– – nicht gegeben hatte und nicht hätte geben mögen. Er war ein sehr freundlicher, einsichtsvoller Mann und versprach mir, unter Wahrung aller wünschenswerthen Rücksicht, sich sogleich mit den entfernteren Stationsplätzen ins Einvernehmen zu setzen. Es war nicht wahrscheinlich, daß Lilian in einem Tag viel weiter als nach dem Ort gekommen sein konnte, an welchem ich mich befand, und es schien mir kaum denkbar, daß sie meinem Forschen und der geübten Spürkunst der Polizei entgehen sollte. Nachdem ich ein paar Stunden in einem kleinen Wirthshaus gerastet hatte, warf ich mich wieder zu Pferd. Etwas nach Sonnenaufgang hörte ich wieder von dem Flüchtling. Sie hatte Abends vorher bei einer einsamen Hütte, die neben einer Ziegelbrennerei in Mitte einer weiten Heide lag, gehalten und um ein Glas Milch gebeten. Die Frau, welche ihr den Trunk reichte, fragte sie, ob sie verirrt sei, und erhielt eine verneinende Antwort. Sie verweilte nur einige Minuten und ging dann quer über die Heide weiter. Die Zieglerin hatte sie für einen Gast in dem Haus eines Gentleman gehalten, das am Ende der Heide lag; denn der Weg, den sie einschlug, führte weder nach einer Stadt, noch nach einem Dorfe. Es fiel mir nun auf, daß Lilian alle Landstraßen und selbst die kleinsten von mehreren Menschen bewohnten Plätze vermied. Aber wo konnte sie die Nacht zugebracht haben? Um den Leser nicht mit dem fruchtlosen Ergebniß meiner vielen Nachfragen zu ermüden, will ich bloß bemerken, daß es mir am zweiten Tag gelang, mich zu überzeugen, ich befinde mich noch immer auf der rechten Spur, indem ich, nachdem ich die sechzehn Wegstunden betragende Entfernung von L– – fast doppelt zurückgelegt hatte und öfters nach bereits besuchten Orten wieder zurückgekehrt war, aufs Neue Kunde von ihr erhielt. Sie hatte nur eine Stunde vorher an einem kleinen Bach gesessen. Ein Holzhauer führte mich nach der Stelle; er hatte sie um die Zeit der Dämmerung dort gesehen, wie sie, augenscheinlich in großer Ermüdung, den Kopf auf ihrer Hand ruhen ließ. Auf seine Ansprache gab sie ihm keine Antwort, sondern stand auf und ging an dem Ufer des Baches weiter. Selbige Nacht stellte ich in keinem Wirthshaus ein, sondern folgte etwa eine Stunde lang den Windungen des Bachs; dann aber schlug ich jeden Pfad ein, den sie möglicher Weise gewählt haben konnte, ohne jedoch ein Resultat zu erzielen. Da mein Pferd müde war, so band ich es an einen Baum und setzte die ganze Nacht meine Spähungen zu Fuß fort. Erst um Sonnenaufgang kehrte ich zu meinem Thier zurück. Am Mittag des dritten Tages hörte ich wieder von ihr. Die Züge der Landschaft hatten sich jetzt verändert, und ich befand mich in einem abgelegenen wilden Strich. Wenig Baumwuchs und wenig Kultur; dagegen war der Grund häufig von Aufwürfen und Gruben unterbrochen und mit Heidekraut oder niederem Gesträuch bedeckt. Ein Schäfer hatte sie gesehen und dieselbe Bemerkung gemacht, die mich gleich im Anfang auf ihre Spur leitete – sie kam ihm vor »wie eine Person, die im Schlaf wandelte.« Eine oder zwei Stunden später fand ich in einer Eintiefung eine Bandschleife, die an einem Ginsterbusch hing. Ich erkannte die Farbe, welche Lilian gewöhnlich trug, und fühlte mich überzeugt, daß das Band von ihr herrührte. Wenn ich ihr auch die möglich größte Geschwindigkeit zugestand, so konnte sie doch nicht weit von diesem Platz ab sein; und dennoch gelang es mir nicht, sie zu entdecken. Die Landschaft war nun so einsam wie eine Wildniß; kein Mensch begegnete mir. Endlich etwas nach Sonnenuntergang sah ich das Meer vor mir liegen. Unter die Klippen lag eine kleine Stadt eingebettet, nach der ich jetzt mein erschöpftes Roß führte. Während dieses gefüttert wurde, machte ich mich auf den Weg, um den Platzcommandanten der Polizei aufzusuchen. Ich war nicht wenig erstaunt, mich von ihm mit Namen nennen zu hören, und als ich ihn näher betrachtete, erkannte ich meinen alten Freund Waby. Dieser junge Mann hatte, seit ich seine Schwester behandelt, stets mit großer Dankbarkeit an mir gehangen und sie auch in den von Margrave eingeleiteten Nachforschungen, welche zur Entdeckung von Sir Philipp Dervals Mörder führten, in so hohem Grade bethätigt, daß ich um so weniger einen Anstand nahm, ihm den bisher von mir stets verschwiegenen Namen des Flüchtlings mitzutheilen, da er ja, im Fall unsere Nachforschung mit Erfolg gekrönt wurde, Fräulein Ashleigh von Person kannte. Sein Gesicht wurde sogleich gedankenvoll. Er hielt eine Weile inne und sagte sodann:

»Ich denke, ich habe es; aber ich will lieber darüber schweigen, um Ihnen nicht wehe zu thun.«

»Durch Offenheit gewiß nicht; Ihr Schweigen würde mir schmerzlich fallen.«

Der Mann zögerte noch immer. Ich ermuthigte ihn, und nun rückte er mit seiner Ansicht heraus.

»Ist es Ihnen nie aufgefallen, Doktor,« sagte er, »daß Herr Margrave seine schönen Zimmer in dem Hôtel gegen die ziemlich unbequeme Wohnung vertauschte, von deren Fenster aus er in den Garten der Frau Ashleigh niederschauen konnte? Ich habe ihn oft Nachts auf dem Balkon stehen sehen, und als ich bemerkte, daß er während Ihrer ungerechten Haft so oft in Frau Ashleighs Haus kam – da – ich muß es gestehen – hatte ich Mitleid mit Ihnen –«

»Unsinn! Herr Margrave besuchte Frau Ashleigh als mein Freund und ist schon seit Wochen von L– – abwesend. Was hat alles dies mit – –«

»Geduld, Doktor; lassen Sie mich ausreden. Letzten Freitag waren es vierzehn Tage, daß ich von L– – auf diese Station befördert wurde; es gibt nämlich hier herum viele Verbrecher, eine schlimme Nachbarschaft und Schleichhändler die Fülle. Als ich nun vor einigen Tagen in der Nähe eines einsamen Hauses von verdächtigem Charakter, dessen Eigenthümer ich in meinen Büchern führe, ruhig auf der Spähe lag, sah ich Herrn Margrave herauskommen, und zwar durch eine besondere Thüre in einem Theil des Gebäudes, der von dem Besitzer nicht bewohnt wird, sondern früher, wie das Haus noch eine Herberge war, als Nachtquartier für schlechtes Gesindel diente. Ich folgte ihm; er begab sich nach der Seeküste hinunter, ging dort singend auf und ab und kehrte wieder durch dieselbe Thüre in das Haus zurück. Ich hatte bald heraus, daß er schon mehrere Tage hier wohnte. Am anderen Morgen lief in einer ziemlich bequemen Bucht, etwa eine halbe Stunde von dem Haus entfernt, eine schöne Yacht ein und warf daselbst Anker. Die Matrosen kamen ans Land und auch in die Stadt. Die Yacht gehörte Herrn Margrave, der sie in London hatte ankaufen lassen; sie ist für eine lange Fahrt mit Lebensmitteln versehen. Er hatte sie nach diesem abgelegenen Platz bestellt, an dem nie zuvor die Yacht eines Gentlemans Anker warf, obschon die Bucht für ein solches Fahrzeug nicht passender sein könnte. Ist es nun nicht sonderbar, daß ein reicher junger Herr an diese unbesuchte Seeküste kömmt und sich mit den rohen Bequemlichkeiten eines Hauses behilft, dessen Besitzer im Ruf eines verzweifelten Schwärzers, wo nicht gar einer noch schlimmeren Persönlichkeit steht? Muß es nicht auffallen, daß er dahin eine Yacht bestellt, und kann es Einen noch Wunder nehmen, wenn er bei alledem auch eine junge Dame erwartet? Noch obendrein, wenn diese junge Dame Nachts aus der Heimath entwichen, auf Nebenwegen, die man ihr vorher genau bezeichnet haben muß, weiter gewandert und nun in der Nähe der Wohnung des jungen Gentleman gesehen worden ist, vielleicht gar sich schon in derselben befindet? Ich kann darin nichts so Auffallendes finden. Aber um Vergebung, Doktor.«

»Wo ist dieses Haus? Führen Sie mich hin.«

»Dies kann kaum anders als zu Fuß geschehen. Es ist eine sehr rauhe Gegend und der kürzeste Weg dahin über zwei Stunden.«

»Machen Sie nicht viele Umstände – kommen Sie. Wir müssen dort sein, ehe – ehe –«

»Eh' die junge Dame hinkommen kann. Je nun, das könnte reichen, wenn wir Ort und Zeit, wo und wann sie zum letztenmal gesehen wurde, in Rechnung nehmen. Ich stehe zu Ihren Diensten, Doktor, warne sie aber vor den Eigenthümern des Hauses, Mann und Weib; beide sind vom allerschlechtesten Charakter und lassen durch Geld sich zu Allem bestimmen. Herr Margrave spart dies ohne Zweifel nicht, und wenn die junge Dame mit ihm durchgehen will, so wissen Sie wohl, daß es nicht in meiner Macht steht, es zu hindern.«

»Ueberlassen Sie alles dies mir; ich verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie mir das Haus zeigen.«

Wir hatten bald die Stadt im Rücken. Das Dunkel der Nacht wurde durch die Paar flimmernden Sterne nur wenig aufgehellt. Der Pfad war rauh; abschüssig und führte gelegentlich an dem Rand sehr gefährlicher Klippen hin; bisweilen ging er gegen die Küste abwärts, wurde dann durch einen Fels, einen Welleneinbruch zurückgedrängt und wand sich wieder mühsam in die Höhe.

»Es ist ein garstiger Weg, Doktor; aber er spart uns eine gute Stunde. Der andere ist auch nicht viel besser.«

Wir gelangten endlich zu einigen elenden Fischerhütten. Der Mond war jetzt aufgegangen und enthüllte uns den Unflath der halb verfallenen Köthen. Ein Paar Boote lagen am Ufer festgebunden. Die See ging ziemlich hoch; und in einiger Entfernung sahen wir ein Fahrzeug mit Lichtern an Bord, das vollkommen still in einem geschützten Einschnitt der felsigen Küste vor Anker lag. Der Polizeimann deutete danach hin.

»Dies ist die Yacht,« sagte er. »Sie hat guten Wind, wenn sie heute Nacht unter Segel geht.«

Wir beschleunigten unsere Schritte, so gut es die Beschaffenheit des Weges gestattete, ließen die Köthen hinter uns und erreichten nach einer weiteren Viertelstunde ein einzeln stehendes Haus, das größer war, als ich mir nach Waby's Beschreibung Margraves Wohnung vorgestellt hatte. In den wilderen Theilen Schottlands hätte es als das eines Laird gelten können; doch sah es sogar im Mondlicht sehr baufällig und öde aus. Die meisten Fenster waren geschlossen, die Scheiben zum Theil zerbrochen und mit Strohwischen verstopft. Um das Haus her bemerkte man die Ueberreste einer Mauer, die stellenweise bis auf das Grundgestein abgebrochen war. Beim Näherkommen unterschied ich zwei Thüren, eine nach der Seeseite hin, die andere gegen ein umgebrochenes Stück Boden hinaus, das sich in der Umzäunung der trümmerhaften Mauer befand und früher wohl ein Garten war, jetzt aber nur Merkmale der Verödung zeigte; denn dort stand ein verfallener Schuppen, während an anderen Stellen das Geripp eines morschen Bootes und verschiedene Schutthaufen lagen. Die letztere Thüre war weit offen, die andere geschlossen. Das Haus selbst hatte in seiner Stille und Dunkelheit das Aussehen der Verlassenheit, oder als ob Alles im Schlafe liege.

»Ich glaube, die offene Thüre führt unmittelbar zu den von Herrn Margrave gemietheten Zimmern,« sagte mein Begleiter; »er kann da ein- und ausgehen, ohne die übrigen Bewohner zu stören. Der Eigenthümer hielt in dem vorderen Theil des Hauses eine Bierschenke, die aber von dem Magistrat geschlossen wurde. Gleichwohl ist der Platz ein Zufluchtsort für schlechtes Volk. Was können wir jetzt thun?«

»Wir legen uns getrennt auf die Lauer. Sie warten innerhalb der Mauer und verstecken sich in der Nähe der Thüre hinter einem der Schutthaufen, damit Sie Jedermann bemerken, der eintritt. Sehen Sie Fräulein Ashleigh, so halten Sie sie an und rufen mir; ich werde in Hörweite bleiben. Es scheint mir, sie müsse über jene Höhe herkommen; dort will ich warten und wo möglich sie bewahren vor der Demüthigung, vor der – der Schmach, in den Bann des Hauses zu kommen, das jener Mensch bewohnt. Ich fühle, daß ich mich wie jetzt, so auch später auf Sie verlassen kann. Für das Glück und für die Ehre der armen jungen Dame sowohl als ihrer Mutter ist es von höchster Wichtigkeit, daß ich im Stande bin, zu erklären, ich habe sie nicht diesem Mann oder überhaupt einem Mann abgenommen – nicht aus diesem Hause oder überhaupt aus einem Hause geholt. Sie verstehen mich und werden mir Folge leisten? Ich spreche mit Ihnen als mit einem Vertrauten – einem Freund.«

»Ich bin Ihnen dafür aus vollem Herzen dankbar. Sie haben meiner Schwester das Leben gerettet, und von meiner Seite wenigstens soll Alles geschehen, um das Geheimniß zu bewahren, das, wenn es weiter geplaudert würde, Ihnen für Ihr ganzes Leben Kummer bereiten würde: denn ich weiß ja, was boshafte Zungen aus solchen Dingen machen. Seien Sie unbekümmert: ich will bei der Thüre wachen und lieber meinen Dienst verlieren, als nicht all das Ansehen brauchen, das mir mein Amt verleiht, um die junge Dame vor Schaden zu bewahren.«

Dieses Zwiegespräch fand in hastigem Geflüster hinter der Mauer statt und konnte von Niemand gehört werden. Waby schlich nun durch eine Mauerlücke nach den Trümmern des Boots hin, in welchem er sich keine sechs Schritte von der Thüre, so ziemlich in gleichem Abstand von Haus und Mauer, versteckte. Ich ging etwa dreißig Schritte auf dem Weg wieder zurück und die von mir bezeichnete Höhe hinan. Meinen Berechnungen nach, wenn ich die Geschwindigkeit meiner eigenen Reise mit der Entfernung des Platzes und der Zeit, zu welcher Lilian zum letztenmal gesehen worden, verglich, konnte sie unmöglich schon in dem Haus angelangt sein, und es mußte bis dahin wohl noch eine halbe Stunde anstehen. Ich hoffte, in der Zwischenzeit Margraves selbst ansichtig zu werden, sei es an der Thüre oder am Fenster, oder zeigte mir vielleicht ein Licht an einem der letzteren, in welchem Zimmer er zu finden war. Wenn Lilian nach einer bestimmten Zeit nicht erschien, hatte ich mir nämlich einen besonderen Operationsplan entworfen, für dessen Gelingen aber unerläßlich nothwendig war, daß ich in dem fremden Hause nicht fehlging und Margrave unversehens überfallen konnte, ohne daß er Zeit gewann, die übrigen Bewohner zu Hülfe zu rufen. So entschwand eine halbe, dreiviertel, eine ganze Stunde – keine Spur von der armen Wandrerin, wohl aber Anzeichen von der Anwesenheit des Feindes, von dem ich auf jede Gefahr hin sie zu befreien entschlossen war. Ein Fenster im Erdgeschoß links von der Thüre, das schon seit einiger Zeit meine Aufmerksamkeit gefesselt hatte, weil durch die Spalten des Ladens Licht hervorblinkte, that sich langsam auf, und ich konnte in dem Rahmen desselben Margraves Gestalt deutlich unterscheiden. Er hielt einen Gegenstand, der im Mondlicht blitzte, in der Hand und richtete ihn nicht auf die Anhöhe, auf welcher ich stand, oder auf den von mir zurückgelegten Pfad, sondern auf einen freien Platz, der jenseits der verfallenen Mauer nach rechts lag. Durch eine Gruppe niederen Gebüsches verborgen beobachtete ich ihn, und mein Herz klopfte vor Wuth, nicht vor Schrecken. Sein Blick war so starr auf einen bestimmten Gegenstand geheftet, daß er sonst nichts zu beachten schien. Ich schlich mich von meinem Posten fort, bald von dem Gesträuch, bald von der Mauer, bald von am Weg liegenden Felsblöcken gedeckt, bis ich die Seite des Hauses selbst erreichte, und stieg nun, gegen seine Beobachtung gesichert, über die an dieser Stelle kaum zwei Fuß hohe, abgebrochene Mauer, um der Thüre zuzueilen. Ich kam dabei an der Stelle vorbei, wo mein Begleiter sich versteckt hatte; er saß da, den Rücken gegen die Wand des morschen Boots gelehnt. Ich legte meine Hand auf seinen Mund, damit er in der Ueberraschung nicht schreie, und flüsterte ihm ins Ohr; aber er rührte sich nicht und gab eben so wenig ein Zeichen von sich, als ich ihn am Arm rüttelte. Ein auf sein Gesicht fallender Mondstrahl zeigte mir, daß er in tiefen Schlummer versunken war. Ueberzeugt, daß dies kein natürlicher Schlaf und der Polizeimann mir unnütz geworden sei, ging ich weiter. Ich stand auf der Schwelle der offenen Thüre. Das Licht aus dem Fenster neben an fiel auf den Boden. Ich war in der Flur. Ein Lichtschimmer drang durch die Spalten einer Thüre zur Linken. Lautlos drückte ich die Klinke nieder, und im nächsten Augenblick hatte meine Hand Margraves Kehle umkrallt.

»Ruf nur,« zischte ich ihm ins Ohr, »und ich erdroßle Dich, eh' Dir jemand zu Hülfe kommen kann.«

Er schrie nicht, denn wahrscheinlich erkannte sein Auge, das fest auf dem meinen haftete, während er selbst sich mir zu entwinden trachtete, die Gefahr eines solchen Versuches. Sein Gesicht verrieth Furcht; aber als ich meine Faust fester zusammenschloß, nahm es den Ausdruck wilder Wuth an, und wie ich nun auch meinerseits den Griff seiner Hand fühlte, erkannte ich wohl, daß ein Kampf bevorstand, in welchem zwei starke Männer mit gleicher Entschlossenheit um den Sieg rangen.

Wie ich schon früher bemerkt habe, war ich mit nicht gewöhnlicher physischer Kraft begabt, die ich von früher Jugend an durch Turnen und athletische Uebungen geschult hatte. An Größe und Muskulatur stand mir mein Gegner weit nach; aber die elastische Energie seines unvergleichlichen Körperbaus, in weichem die Sehnen Stahlfedern zu sein schienen, war von der Art, daß ich vielleicht gegen ihn eben so wenig als gegen einen Büffel oder eine Riesenschlange hätte ausrichten können, wenn nicht meine Kraft durch die Wuth so sehr erhöht gewesen wäre; doch unter dem Einfluß dieser Leidenschaft, welche auch den Schwachen zum ebenbürtigen Gegner des Gewaltigen macht, fühlte ich eine dreifältige Stärke. Mein Inneres sagte mir, daß, wenn ich erlag, Lilian ihren einzigen Beschützer verlor; auch stand auf meiner Seite der Vortheil, daß ich meinen Feind unversehens gefaßt hatte – ein Moment, das selbst den wildesten und grimmigsten Raubthieren die Hälfte ihrer Kraft raubt. Während wir mit einander rangen und hin und hertaumelten, bemerkte ich, daß sein Auge sich einem Gegenstand zuwandte, den er bei meinem ersten Angriff unwillkührlich hatte fallen lassen; er suchte mich nach demselben hinzuzerren, und als er in dessen Nähe war, bückte er sich, um ihn aufzunehmen. Es war ein kurzer, dünner, blanker Stahlstab. Ich erinnerte mich, wann und wo ich ihn, sei es im wachen Zustande oder im Gesicht, gesehen hatte, und wie sich seine Hand abwärts stahl, um ihn vom Boden aufzunehmen, setzte ich meinen kräftigen Fuß darauf. Ich kann nicht sagen, durch welchen raschen Denk- oder Imaginationsprozeß ich auf den Glauben kam, der Besitz eines kleinen Stückchen stumpfen Stahls werde dem Kampf zu Gunsten des Inhabers den Ausschlag geben; kurz, er drehte sich jetzt vornehmlich um das Gewinnen dieser scheinbar nutzlosen Waffe. Ich wurde nachgerade athemlos und erschöpft, während Margrave mit jedem Augenblick neue Stärke und Kraft zu gewinnen schien; da nahm ich mit einemmal alle meine Kräfte zu einer Schlußanstrengung zusammen, hob meinen Feind plötzlich in die Luft und schleuderte ihn nach dem fernsten Ende des engen Kampfplatzes. Er fiel mit einer Gewalt nieder, welche die meisten Menschen besinnungslos hingestreckt haben würde; kaum aber hatte er den Boden berührt, als er mit voller Schwungkraft wieder aufsprang und mit einem Aeußeren auf mich losstürzte, in dem zugleich etwas Großartiges und Schreckliches lag. Seine Augen flammten buchstäblich wie die eines Tigers; sein reiches Haar, das von der gefurchten Stirne aus rückwärts flatterte, schien sich wie die Mähne eines zornigen Löwen aufzurichten; seine halb offenen Lippen zeigten das blendende Weiß seiner Zähne, und in der Spannung der Muskeln schien seine ganze Gestalt größer geworden zu sein. Dann ließ seine erste trotzige, stolze Haltung allmählig nach, und er duckte sich wie der Panther vor dem tödtlichen Sprung; es war mir, als renne ein Raubthier der Wildniß gegen mich an – ein wildes Thier, aber doch ein Mensch, der König der Thiere, nicht gebildet aus einer Mischung niederer Klassen durch die langsamen Revolutionen der Zeit, sondern mit dem Stempel seiner königlichen Würde eingetreten in die Welt, als diese für seine Ankunft vorbereitet war. »Und selbst wenn wir die Seele, dieses immaterielle und unsterbliche Prinzip, das eine Zeit lang an den Körper gebunden ist, außer Betracht lassen und den Menschen nur in seinem rein thierischen Charakter auffassen, ist er doch das vollkommenste unter den Thieren.« – Dr. Kidd über die Anpassung der äußeren Natur an die physikalischen Verhältnisse des Menschen ( Lect. III, S. 18).

In demselben Augenblick hob ich den Stab auf, richtete ihn gegen ihn, schritt furchtlos auf ihn zu und rief:

»Nieder zu meinen Füßen, elender Zauberer!«

Zu meinem eigenen Erstaunen zeigte sich die Wirkung auf der Stelle. Mein furchtbarer Gegner legte sich zu Boden, wie ein Hund auf das Geheiß seines Herrn. Die Muskel seines zornigen Gesichts erschlafften und das wilde Blitzen seiner Augen erstarb in einer glanzlosen Trübe; seine Beine streckten sich kraftlos aus, sein Kopf stützte sich gegen die Wand, und seine Arme hingen schlaff an den Seiten nieder. Ich näherte mich ihm langsam und vorsichtig; er schien in einen tiefen Schlummer verfallen zu sein.

»Du bist jetzt in meiner Gewalt!« sagte ich.

Sein Kopf bewegte sich zum Zeichen bittender Unterwürfigkeit.

»Du hörst und verstehst mich? Sprich!«

Seine Lippen bewegten sich zu einem matten Ja.

»Ich befehle Dir, der Wahrheit gemäß auf die Fragen zu antworten, die ich an Dich stellen werde.«

»Ich muß, da Du weißt, welche Kraft in Deine Hand übergegangen ist.«

»Hast Du kraft einer verborgenen magnetischen Eigenschaft dieses Stabes Deinen dämonischen Einfluß geübt über das reine Wesen der Lilian Ashleigh?«

»Vermittelst dieses Stabes und durch andere Künste, die Du nicht verstehst.«

»Und in welcher schändlichen Absicht? Sie zu verführen, zu entehren?«

»Nein! Ich suchte bei ihr die Hülfe einer Gabe, die in ihr erlischt, so bald sie aufhört, rein zu sein. Anfangs übte ich meinen Einfluß auf sie bloß in der Absicht, durch sie auf Dich zu wirken. Ich bedurfte Deines Beistandes zu Entdeckung eines Geheimnisses. Die Umstände hatten Deinen Sinn gegen mich verhärtet, und ich konnte nicht länger hoffen, daß Du aus freien Stücken meinem Willen dienstbar werden würdest. Inzwischen hatte ich in ihr das Licht eines höheren Wissens, als Deine Kenntnisse zu bieten vermögen, entdeckt, und hoffte, durch geeignete Pflege desselben das zu erringen, was ich selbst nicht entdecken konnte. Darum goß ich über ihren Geist die mir zu Gebot stehenden Zauber aus und zog sie hieher, wie der Magnet Eisen anzieht; deßhalb würde ich sie mit mir nach der fernen Küste genommen haben, nach der ich in dieser Nacht abzusegeln im Begriff war. Ich hatte die Insassen dieses Hauses und aller in der Nähe Befindlichen in Schlaf versenkt, damit Niemand Zeuge ihrer Abreise sei; wäre dies nicht der Fall gewesen, so würde ich trotz Deiner Drohung Andere um Hülfe angerufen haben.«

»Und Du glaubst, Lilian Ashleigh wäre zu ihrer eigenen unauslöschlichen Schande Dir gutwillig gefolgt?«

»Sie hätte nicht anders können, denn sie befindet sich in der Verzückung und wäre nicht zum Bewußtsein ihres Thuns gekommen. Auch würde ich sie, wenn sie mit mir gegangen wäre, während ihres Lebens, das nicht mehr lange angehalten hätte, nicht geweckt haben.«

»Elender! Und zu welchem Zweck folgst Du dieser unheiligen Neugier und brauchst einen Einfluß, der das Leben seines Opfers zum Versiegen bringt?«

»Es geschah nicht aus Neugierde, sondern der Instinkt der Selbsterhaltung war die Triebfeder. Ich rechne auf kein Leben jenseits des Grabes. Ich möchte dem Grabe trotzen und fortleben.«

»Du wolltest wohl auch durch die Anwendung von unheimlichen Künsten das Geheimniß erkunden, wie das Dasein erneuert wird, als Du in der Nacht unserer letzten Zusammenkunft mich durch den Schatten Deines Bildes verlocktest?«

Als Margrave mir hierauf antwortete, war seine Stimme sehr schwach geworden, und sein Gesicht begann den Ausdruck einer fast tödtlichen Erschöpfung zu zeigen.

»Mach hurtig,« murmelte er, »oder ich sterbe. Die Flüssigkeit, welche diesem Stab in der Hand eines Menschen entströmt, der sie mit seinem Haß und seinem Zorn vergiftet, wird für mein Leben verhängnißvoll werden. Entferne ihn von meiner Stirne – tiefer – tiefer – noch tiefer!«

»Von welcher Beschaffenheit war die Beschwörung, an der Du mich Theil zu nehmen zwangst?«

»Ich kann's nicht sagen. Du tödtest mich. Genug, daß Du vor einer großen Gefahr bewahrt bliebest durch das schützende Bild, das Du schauen durftest, sonst würdest Du – würdest Du – – Oh, laß ab von mir! Hinweg – hinweg!«

Der Schaum trat vor seine Lippen, und seine Glieder verzerrten sich in furchtbarem Krampfe.

»Nur noch eine Frage – beantworte mir diese, und ich entlasse Dich. Wo ist Lilian in diesem Augenblick?«

»Dort. Folge in gerader Linie jener Klippe. Du findest sie neben einem Dornbusch, neben dem sie stehen blieb, als der Stab meiner Hand entsank. Aber – aber – nimm Dich in Acht! Ha! Du wirst mir noch dienen, und zwar durch sie! Es ist mir in jener Nacht mitgetheilt worden, obschon Du es nicht hörtest. Sie sagten es mir!«

Sein Gesicht wurde jetzt leichenartig; er drückte die Hand in die Gegend des Herzens und rief: »Hinweg – hinweg! oder Du bist mein Mörder!«

Ich trat, den Stab sinken lassend, an das andere Ende des Zimmers zurück und schaute, als ich die Thüre erreichte, wieder nach ihm hin. Die Krämpfe hatten aufgehört, und er schien in tiefer Ohnmacht da zu liegen. Ich verließ das Zimmer, das Haus und kam an Waby vorbei. Er schlief noch immer. »Erwache!« sagte ich, ihn mit dem Stab berührend. Er fuhr plötzlich auf, rieb sich die Augen und begann Entschuldigungen zu stammeln. Ich unterbrach ihn und hieß ihn mir folgen. Dann schlug ich die Richtung ein, nach welcher Margrave den Stab ausgestreckt hatte, und fand dort richtig Lilian, welche regungslos neben einem phantastisch verkrüppelten Dornstrauch stand. Ihre Arme waren über ihrer Brust gekreuzt, und im Mondlicht nahm sich ihr Gesicht so unschuldig und kindlich aus, daß ich keines weiteren Beweises bedurfte, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß sie durchaus nichts wußte von der Gefahr, welcher ihre Schritte sie entgegengeführt hatten. Ich nahm sie sanft bei der Hand. »Kommen Sie mit mir,« flüsterte ich ihr zu. Sie gehorchte mir schweigend und mit einem holden Lächeln.

So rauh auch der Weg war, schien sie keine Ermüdung zu fühlen. Ich legte ihren Arm in den meinigen, aber sie stützte sich nicht auf denselben. Wir gelangten nach der Stadt zurück, wo ich eine alte Kutsche und ein Paar Pferde auftrieb. Am nächsten Morgen befand sich Lilian wieder unter dem Dach ihrer Mutter. Gegen Mittag des nämlichen Tages wurde sie von einem Fieber ergriffen, das sich rasch verschlimmerte und einen höchst gefährlichen Charakter annahm. Sie delirirte. Ich wachte Tag und Nacht bei ihr, gestützt durch die Hoffnung auf ihre Wiedergenesung, obschon ihre Leiden mir ein quälender Anblick waren. Am dritten Tage trat ein Umschlag zum Besseren ein; ihr Schlaf wurde ruhig und ihr Athem regelmäßig.

Kurz nachher erwachte sie und befand sich außer Gefahr. Als ihre Augen auf mich fielen, strahlte mir daraus wieder die frühere unaussprechliche Anmuth und Innigkeit entgegen.

»Ach, Allen, mein Geliebter, bin ich nicht sehr krank gewesen? Aber jetzt fühle ich mich fast wieder ganz wohl. Weinen Sie nicht; ich werde leben für Sie – um Ihrer willen.«

Und sie beugte sich vorwärts, zog mir die Hand von den überströmenden Augen und küßte mich mit der Arglosigkeit eines Kindes auf die glühende Stirne.

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