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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 55
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Vierundfünfzigstes Kapitel.

Ein paar Tage später erhielt ich einige Zeilen von Frau Ashleigh. Ihre Vorbereitungen zur Abreise waren getroffen, und letztere sollte am andern Morgen stattfinden. Sie wollten den Norden von Devonshire besuchen und sich einige Wochen in Ilfracombe oder Lynton aufhalten, wo es eben Lilian am besten gefiele. Sobald sie eine Entscheidung getroffen hatten, wollte mir die Mutter wieder schreiben.

Am andern Tag war ich zu der gewohnten frühen Stunde auf. Ich nahm mir vor, mich in die Nähe der Ashleigh'schen Wohnung zu begeben und unbemerkt Lilian noch einmal zu sehen, wenn sie in dem Wagen, der sie nach der Eisenbahn beförderte, an meinem Versteck vorbei fuhr.

Ich blickte ungeduldig nach der Uhr; es währte noch zwei Stunden, bis der Zug, den Frau Ashleigh zu benützen gedachte, abging. Ein lautes Schellen an der Hausthürglocke! Ich öffnete selbst. Frau Ashleigh stürzte herein und warf sich mir an die Brust.

»Lilian! Lilian!«

»Himmel, was ist vorgefallen?«

»Sie ist nicht mehr da – fort – hinweggegangen! Oh, Allen! wie? – wohin? Rathen Sie mir. Was ist anzufangen?«

»Kommen Sie herein – fassen Sie sich – sagen Sie mir Alles – klar, rasch. Lilian fort? – wohin? Unmöglich! Sie muß irgendwo im Haus, im Garten verborgen sein. Vielleicht hat sie keine Freude an der Reise gehabt. Möglich auch, daß sie sich bei einer Freundin verbarg. Aber ich schwatze, während ich Sie reden lassen sollte. Sagen Sie mir Alles.«

Es war da wenig genug zu erzählen. Lilian hatte dem Anschein nach am Abend zuvor sich sehr heiter benommen und ein großes Vergnügen über den Ausflug an den Tag gelegt. Mutter und Tochter begaben sich früh nach ihren Schlafgemächern, und Frau Ashleigh überzeugte sich noch selbst, ehe sie zu Bette ging, daß Lilian ruhig schlummerte. Sie erwachte am andern Morgen zeitig, kleidete sich an und ging in das Nebenzimmer, um Lilian zu rufen – Lilian aber war nicht da. Natürlich kam der Mutter kein Gedanke an Flucht. Das Mädchen konnte schon auf sein, war vielleicht die Treppe hinunter gegangen, um etwas zu holen, was sie für die Reise mit einzupacken wünschte. In dieser Voraussetzung fühlte sich Frau Ashleigh durch den Umstand bestärkt, daß die Thüre ihres eigenen Zimmers offen gewesen war. Sie ging nach dem Erdgeschoß hinab und traf in der Hausflur das Dienstmädchen, welches ihr mit großem Schrecken mittheilte, daß sie Haus und Gartenthüre unverschlossen gefunden. Niemand hatte Lilian gesehen. Frau Ashleigh wurde jetzt ernstlich unruhig. Als sie wieder nach dem Gemach ihrer Tochter hinaufstieg, vermißte sie den Hut und Mantel derselben. Eine Durchsuchung des Hauses und Gartens führte zu keinem Resultat. Sonach konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß Lilian fort war – daß sie sich bei Nacht leise durch das Zimmer ihrer Mutter geschlichen und sich selbst Haus- und Gartenthüre geöffnet haben mußte.

»Ist es nicht denkbar, daß sie ohne Ihr Vorwissen einen Brief, eine Aufforderung oder einen Besuch erhalten hat?«

»Ich kann mir nichts dergleichen denken. Warum fragen Sie so? Oh, Allen, Sie werden doch nicht glauben, daß diesem Verschwinden ein Complott zu Grunde liegt! Nein, Sie glauben es nicht. Aber die Ehre meines Kindes! Was wird die Welt davon denken?«

In jenem Augenblick kümmerte ich mich nicht um die Welt. Ich hatte nur einen Sinn für Lilian, ohne daß irgend ein Argwohn in mir aufstieg, der ihr zum Nachtheil hätte gereichen können.

»Seien Sie ruhig – still; vielleicht hat sie einen Besuch gemacht und kehrt wieder zurück. Inzwischen überlassen Sie es mir, Nachforschungen anzustellen.«

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