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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 53
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Zweiundfünfzigstes Kapitel.

Gegen Tagesanbruch verfiel ich in einen schweren Schlaf, obschon ich mich nicht auskleidete und zu Bette legte. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich bei meinem Erwachen den Diener, der mir aufwartete, sich im Zimmer umtreiben sah.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir, wenn ich Sie gestört habe; aber ich bin schon dreimal dagewesen, um zu sehen, ob Sie nicht hinunter kämen, und fand Sie stets in so tiefem Schlaf, daß ich Sie nicht zu wecken wagte. Mr. Strahan hat bereits gefrühstückt und einen Ausritt gemacht. Auch Mr. Margrave ist fort – schon vor sechs Uhr abgereist.«

»Richtig; er sagte, er wolle früh aufbrechen.«

»Ja, Sir; und er schien sehr verdrießlich zu sein, als er sich entfernte. Ich hätte nie geglaubt, daß ein so angenehmer Herr in eine solche Leidenschaft gerathen könnte.«

»Was hat's gegeben?«

»Man konnte seinen Spazierstock nicht finden; er war nicht in der Halle. Er sagte, er habe ihn in dem Studirzimmer gelassen, aber wir konnten ihn da nicht finden. Endlich fand er ihn selbst in dem alten Sommerhaus und sagte – ich bitt' um Verzeihung, er sagte, ›er wisse gewiß, Sie hätten ihn hingenommen; jedenfalls habe Jemand etwas mit ihm gemacht.‹ Ich bin übrigens sehr froh, daß er zum Vorschein kam, denn er scheint große Stücke auf den Stock zu halten.«

»Ist Mr. Margrave selbst nach dem Sommerhaus gegangen, um danach zu sehen?«

»Ja, Sir; denn Niemand sonst würde ihn an diesem Platz gesucht haben. Man geht selbst bei hellem Tag nicht gerne hin.«

»Warum?«

»Man sagt, es spuke dort seit dem Tod des seligen Sir Philipp, und in der That, man hört durch alle Theile des Hauses gar sonderbares Geräusch. Ich fürchte, Sie haben eine schlechte Nacht gehabt,« fügte der Bediente mit einem verwunderten Blick auf das unbenützte Bett und auf den Abendanzug bei, den ich während seines Sprechens hastig gegen den umtauschte, welchen ich morgens zu tragen pflegte. »Sie sind doch hoffentlich nicht unwohl?«

»Nein; aber es scheint, ich bin in meinem Sessel eingeschlafen.«

»Haben Sie nicht gehört, wie morgens gegen zwei Uhr die Hunde heulten? Ich bin daran aufgewacht. Schrecklich!«

»Wir haben Vollmond. Um diese Zeit bellen die Hunde gern den Mond an.«

Es gereichte mir zur Erleichterung, daß ich nicht mit Strahan frühstücken mußte. Ueberhaupt machte ich die Ceremonie dieses Mahls in aller Hast ab, indem ich kaum etwas genoß, eilte dann unbemerkt in den Park und schlich durch das Gestrüpp des vernachlässigten Gartens nach dem Sommerhaus hin. Ich stieg die Treppe hinan und betrachtete den Boden des oberen Gelasses – richtig, da war noch die schwarze Figur des Pentagramms – der Kreis. Also kein Traum! Bisher hatte ich immer noch gezweifelt. Oder träumte ich vielleicht doch in einer Ausdehnung, daß ich sogar nachtwandelte? Hatten nicht vielleicht die Unterhaltung mit Margrave, die hieroglyphischen Zeichen auf dem Stock, den ich in der Hand gehabt, und sogar das angebliche Zaubersigel, das ich aus dem Buch über schwarze Kunst für ihn abzeichnete, dermaßen meine Einbildungskraft aufgeregt, daß ich in einem somnambulen Zustand den Stock nach dem Pavillon trug und das Pentagramm auf dem Boden machte, alles Uebrige aber träumerisches Blendwerk war? Sicherlich würde so der gesunde Menschenverstand und Julius Faber die Räthsel gedeutet haben, die mich verwirrten. Sei dem übrigens wie ihm wolle, mein erster Gedanke war, die Zeichnung auf dem Boden auszutilgen. Dies ging leichter, als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich rieb den Kreis und das Pentagramm mit der Sohle meines Fußes von den Brettern weg, so daß nur eine nicht unterscheidbare verwischte Schmutzspur zurückblieb. Ohne mir eines klaren Grundes bewußt zu sein, war ich um so ängstlicher bemüht, alle Merkmale meines nächtlichen Besuchs im Pavillon zu vertilgen, weil Margrave so offen dahin gegangen war, um seinen Stock zu suchen, und gegen den Bedienten so roh die Andeutung hingeworfen hatte, ich werde etwas mit demselben gemacht haben. Lag es vielleicht in seiner Absicht, einen Argwohn gegen mich zu wecken? Argwohn – in welcher Richtung? Ich wußte es nicht, fürchtete aber doch etwas der Art.

Die gesunde Luft des Tages stärkte meine Nerven und verscheuchte die aufreibenden Gedanken; der Platz aber war mir verhaßt geworden. Ich beschloß, Strahans Rückkehr nicht abzuwarten, sondern zu Fuß nach L– – zurückzukehren und meinem Wirth meine Empfehlung melden zu lassen. Ein hinreichender Entschuldigungsgrund lag in dem Vorgeben, daß ich nicht länger von meinen Patienten abwesend sein könne; ich traf daher Vorsorge, daß meine mitgebrachten Effekten von einem Diener, wenn dieser nach L– – komme, nach meinem Haus geschafft würden, und fühlte mich glücklich, als ich endlich den Park im Rücken hatte und auf der Landstraße dahin ging.

Nachdem ich etwa eine Viertelstunde Wegs zurückgelegt hatte, begegnete mir Strahan zu Pferd. Er nahm meine Entschuldigung, daß ich seine Rückkehr nicht abwarten und in Derval Court mich von ihm verabschieden wollte, ohne Bemerkung dahin und führte, nachdem er abgestiegen, sein Pferd an der Hand, während er auf der Straße neben mir herging. Ich sah, daß er etwas auf dem Herzen hatte. Endlich begann er mit zu Boden gesenkten Blicken:

»Haben Sie in der letzten Nacht auch das Hundegeheul gehört?«

»Ja. Der Vollmond.«

»Sie sind also damals wach gewesen? Haben Sie nicht auch andere Töne gehört – nichts gesehen?«

»Was hätte ich hören oder sehen sollen?«

Strahan blieb eine Weile stumm und fuhr dann mit großem Ernst fort:

»Als ich gestern Nacht zu Bette ging, konnte ich vor Unruhe und fieberischer Aufregung nicht schlafen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber Margrave ging mir im Kopf herum, und es war mir, als stehe er auf irgend eine wunderliche Weise in Beziehung zu Sir Philipp Derval. Ich hörte das Hundegeheul und fühlte zu gleicher Zeit, oder vielmehr einige Minuten später, daß das ganze Haus erzitterte, wie etwa ein leichtes Londoner Eckhaus, wenn Nachts ein Wagen daran vorbei fährt. Das Heulen hatte eben so plötzlich wieder aufgehört, wie angefangen. Eine abergläubische Angst bemächtigte sich meiner. Ich stand auf und trat an das offene Fenster (ich pflege die Fenster in meinem Schlafgemach nicht zu schließen). Der Mond schien mit seinem hellsten Licht – und nun sah ich wahrhaftig die grüne Allee entlang, die von dem alten Theil des Hauses nach dem Mausoleum führt – doch nein, ich will nicht sagen, was ich sah oder zu sehen glaubte – Sie würden mich auslachen, und mit Recht. Aber was es auch gewesen sein mag – auf der Erde draußen oder innerlich in meinem Gehirn – ich wurde von einem solchen Schrecken erfaßt, daß ich in mein Bett zurückeilte und das Gesicht in den Kissen begrub. Ich hatte im Sinn, Sie aufzusuchen, mochte Sie aber nicht stören. Diesen Morgen nun habe ich durch einen scharfen Ritt meine Nerven wieder ins Gleichgewicht zu bringen gesucht; aber ich scheue mich, wieder unter diesem Dach zu schlafen, und nun Sie und Margrave mich verlassen, will ich auch fort und noch heute nach London gehen. Ich hoffe, was ich Ihnen erzählt habe, ist kein Vorzeichen einer Krankheit, einer Gehirncongestion, he?«

»Nein! aber eine überreizte Einbildungskraft kann wunderbare Wirkungen hervorbringen. Sie haben Recht, daß Sie einen Ortwechsel vornehmen. Gehen Sie unverweilt nach London, unterhalten Sie sich gut und – –«

»Ich kehre nicht wieder zurück, bis das alte Haus vom Grund aus abgebrochen ist. Dies habe ich mir fest vorgenommen. Sind Sie damit einverstanden? Gut. Möge das Glück Sie begleiten, Fenwick. Ich reite jetzt zurück, packe meinen Mantelsack und lasse den Wagen richten, daß ich mit dem Fünfuhrzug abreisen kann.«

Also auch er hatte etwas gesehen – was? Ich wagte es nicht und trug auch kein Verlangen danach, ihn zu fragen. Er wenigstens hatte nicht im Schlaf gewandelt! War es bei uns beiden ein Traum gewesen, oder bei keinem?

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