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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 52
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Einundfünfzigstes Kapitel.

Als wir uns vor dem Schlafengehen, etwa um elf Uhr, trennten, sagte Margrave:

»Gute Nacht und Adieu. Ich muß Sie morgen verlassen, und zwar zu einer Stunde, in der Sie gewöhnlich noch zu Bette sind. Ich habe mir die Freiheit genommen, einen Ihrer Leute nach L– – zu schicken, um mir einen Wagen zu bestellen. Entschuldigen Sie, daß ich so kurz abbreche; aber ich bin kein Freund langen Abschiednehmens, und ich habe den Tag meiner Abreise fast zu gleicher Zeit, als ich Ihre Einladung annahm, festgestellt.«

»Ich habe kein Recht, mich zu beschweren. Der Platz muß in der That für einen fröhlichen jungen Mann wie Sie sehr langweilig sein. Sogar mir kömmt er so vor, und ich sinne bereits auf eine Flucht. Gehen Sie nach L– – zurück?«

»Nein, nicht einmal um meine Siebensachen abzuholen. Hab' ich mich irgendwo festgemacht und kann ich eine Adresse angeben, so werde ich sie mir nachschicken lassen. Ich höre, es gebe schöne Landschaften im Norden, die nur dem zu Fuß reisenden Touristen zugänglich sind. Ich bin ein rüstiger Läufer und zugleich, wie Sie wissen, Fenwick, ein Naturkind. Leben Sie wohl, beide; und Ihnen, Strahan, tausend Dank für Ihre Gastlichkeit.«

Er verließ das Zimmer.

»Es thut mir nicht leid, daß er geht,« sagte Strahan nach einer Pause, indem er zugleich tief aufathmete, als ob er sich erleichtert fühle. »Kömmt es Ihnen nicht auch vor, als ob er erschöpfend auf Einen wirke? Ein Uebermaß von Sauerstoff, wie der Professor der Chemie sagen würde.«

Ich war in meinem Gemach und fühlte noch keine Lust zum Schlafen, denn die merkwürdige Unterhaltung mit Margrave beschäftigte noch immer meinen Geist. Wir hatten dabei mittelbar die unheimlichen Punkte berührt, die ich frei zu besprechen nicht muthig genug gewesen war, ohne daß in Margrave's Benehmen sich irgend etwas kund that, was eine Kunde von meinem Argwohn verrathen hätte, da im Gegentheil die offene Freimüthigkeit, mit welcher er seine Vorliebe für mystische Spekulation zugestand oder seine so gar nicht gemüthlich klingenden Sätze aussprach, eher dazu diente, den Glauben an düstere Geheimnisse oder finstere Mächte zu entwaffnen, als zu ermuthigen. Und er war im Begriff, die Gegend zu verlassen, wollte Lilian nicht wiedersehen, ja nicht einmal nach L– – zurückkehren. Mußte ich die Befreiung von seiner Gegenwart dem von dem Schatten gegebenen Versprechen zuschreiben, oder hatte ich nicht Recht, wenn ich mit Festigkeit gegen eine ungeheuerliche Selbstverblendung ankämpfte und seine Abreise einfach als einen Beweis nahm, daß meine Eifersucht auch unter die übrigen Hirngespinste gehörte und daß er Lilian wirklich nur aus Theilnahme für einen von Gefahr bedrohten Freund besuchte, während er, sobald er mit dem ihm eigenen Scharfsinn meine Eifersucht errieth, voll Zartgefühl seine Besuche einstellte, ohne den Grund merken lassen zu wollen? Und konnte nicht dieselbe Rücksichtsfülle ihm die Worte in den Mund gelegt haben, welche mir die Versicherung geben sollten, daß L– – für ihn nichts so Anziehendes enthalte, um ihn zur Rückkehr dahin zu bewegen? So wurde der Gang meiner Gedanken, die mich mehrere Stunden beschäftigten, allmählig ruhiger und heiterer, und als ich endlich auf meine Uhr sah, bemerkte ich zu meiner Ueberraschung, daß es schon morgens Zwei war. Ich wollte eben von meinem Stuhl aufstehen und mich auskleiden, um noch ein paar Stunden zu schlafen, als der wohlbekannte kalte Wind wieder durch das Zimmer wehte; mein Haar sträubte sich, und mir gegenüber an der Wand stand abermals der leuchtende Schatten.

»Steh auf und folge mir,« sagte die Stimme, die jetzt viel näher klang, als je zuvor.

Dieser Aufforderung entsprechend erhob ich mich mechanisch wie ein Nachtwandler.

»Nimm das Licht.«

Ich gehorchte.

Die Scin-Läca glitt an der Wand dahin zur Thüre und winkte mir, sie zu öffnen. Ich that es. Der Schatten schwebte durch den Corridor weiter. Ich folgte ihm gedämpften Schritts die kleine Treppe hinunter nach Formans Studirzimmer. In Allem, was ich jetzt zu erzählen im Begriff bin, leitete mich das Phantom bald durch seine Stimme, bald durch Zeichen. Ich folgte dieser Führung nicht nur ohne Widerstreben, sondern auch ohne den Wunsch eines Widerstandes. Ich war mir weder einer Neugierde, noch einer Furcht, sondern bloß einer ruhigen, passiven Gleichgültigkeit bewußt, die nicht angenehm und nicht unangenehm genannt werden konnte. In Gemäßheit dieses Gehorsams, bei dem der eigene Wille nicht mit in Thätigkeit kam, nahm ich den Stock, den ich Tags zuvor untersucht und den Margrave bei der Zurückkehr ins Haus auf den Tisch geworfen hatte, in die Hand, öffnete den Laden des Fensters, zog die Schubthüre auf und trat, in der Linken das Licht, in der Rechten den Stock tragend, nach dem Garten hinaus. Die Nacht war so still, daß die Flamme der Kerze sich kaum in der Luft bewegte. Der Schatten schwebte vor mir her nach dem in einem früheren Kapitel dieser Geschichte beschriebenen Pavillon, dessen morsche Thüren weit offen standen. Ich folgte dem Gespenst in den Pavillon und die gebrechliche Treppe hinan in das obere Zimmer mit den vier scheibenlosen, nach Nord, Ost, Süd und West gerichteten Fensterbogen. In der Mitte des viereckigen Raumes machte ich Halt, so daß ich unmittelbar vor mir in der durch die regungslosen Baumzweige gebildeten Vista das melancholisch vom Mondlicht erhellte Mausoleum vor mir hatte. Dann stellte ich auf einen mir zugegangenen Befehl das Licht auf eine hölzerne Bank, drückte an einer Feder an dem Knopf des Stockes, von dem ein Deckel aufsprang, und nahm aus der Höhlung zuerst eine schwarze, erdpechartige Substanz, dann einen feinen Stab von polirtem Stahl, dessen Spitze in eine durchsichtige krystallartige Masse getaucht zu sein schien. Noch immer den mir zugeführten Weisungen gehorchend, beugte ich mich nieder und beschrieb mit dem Stückchen Pech (wenn ich es so nennen darf) auf dem Boden die Figur des Pentagramms mit den sich verschlingenden Dreiecken in einem Kreis von neun Fußen Durchmesser, gerade so wie ich es Tags zuvor für Margrave angefertigt hatte. Das benützte Material färbte deutlich ab und ließ die Linien in dunkler, schwarzrother Farbe erscheinen. Dann brachte ich die Flamme des Lichts an den Kreis, auf dem sofort ein stetiger, ungefähr um einen Zoll über den Boden sich erhebender phosphoriger Schein weiter leckte; von dem leuchtenden Kreis stieg ein leichter durchsichtiger Nebel auf, der einen schwachen, aber äußerst feinen Geruch verbreitete. Ich stand in der Mitte des Zirkels, und gleichfalls innerhalb desselben, dicht an meiner Seite, befand sich die Scin-Läca, die sich nicht länger an der Wand abmalte, sondern eine abgerundete, körperhafte, wenn schon ungreifbare Gestalt zeigte und jene eisige Luft ausströmte. Dann erhob ich den Stab, dessen dickeres Ende ich mit der Hand umschlossen hielt, während ich die zwei Vorderfinger leicht darüber in einer parallelen Linie mit der Spitze erhob, und richtete ihn gegen die Bogenöffnung vor mir, die dem Mausoleum gegenüber lag. Ich sprach laut einige in einer mir unbekannten Sprache zugeflüsterte Worte nach, die ich nicht zu Papier bringen möchte, wenn ich mich ihrer auch erinnern könnte. Kaum war ich damit zu Ende, als ich den Hund im Hof draußen laut heulen hörte – ein unheimliches, klägliches Geheul, in das die Hunde des benachbarten Dorfs, einen ebenso winselnden Chor bildend, einstimmten, so daß der Lärm immer lauter und lauter wurde. Abermals hörte ich fremde Worte mir zuflüstern, die ich in mechanischer Unterwürfigkeit wiederholte, und als ich auch hiemit fertig war, fühlte ich den Boden unter mir erbeben. Meine Augen waren gerade aus auf die Vista gerichtet, in deren Hintergrund sich das Mausoleum befand, und ich sah da in dem mondhellen Raum unbestimmte formlose Schatten vorüber schweben – unten den Rasen entlang und oben in der Luft. Und nun faßte mich plötzlich ein Schrecken, wie ich nie zuvor einen ähnlichen gefühlt hatte.

Zum dritten Mal wurden mir Worte zugeflüstert; aber obgleich ich von ihrer Bedeutung eben so wenig verstand, wie von den früheren, so fühlte ich doch ein innerliches Widerstreben, sie laut nachzusprechen. Ich wandte mich stumm gegen die Scin-Läca; der Ausdruck ihres Gesichtes war jetzt drohend und schrecklich. Mein Wille fühlte sich noch gebundener durch den mir aufgelegten Zwang, und meine Lippen begannen aufs Neue die mir ins Ohr geflüsterte Formel zu sprechen, als ich auf einmal deutlich eine ängstliche, warnende Stimme mir leise zurufen hörte: »Halt inne!« Ich erkannte die Stimme Lilians und folgte dem Geheiß. Wie ich mich in die Richtung wandte, aus welcher der Ton zu kommen schien, sah ich auch ihr Gesicht, ihre Gestalt. Ihre Arme waren flehend gegen mich ausgestreckt und auf ihrem leichenblassen Antlitz zeigte sich der Ausdruck unaussprechlichen Kummers. Das ganze Bild stand im Einklang mit der Stimme – Blick, Haltung, Geberde waren die eines Wesens, das ein anderes in Todesgefahr erblickt und ihm zuruft: »Nimm Dich in Acht!«

Diese Erscheinung war im Nu wieder verschwunden; aber schon dieser Augenblick reichte zu, meinen Geist von dem Bann zu befreien, der ihn bisher gefangen gehalten hatte. Ich warf den Stab auf den Boden, sprang aus dem Kreis und eilte fort von dem Platz. Wie ich nach meinem Zimmer zurückkam, weiß ich nicht: es schwebt mir nur noch unbestimmt vor, daß mir unterschiedliche Gestalten in den Weg traten, riesige Bäume, eine mondhelle Fläche, der leuchtende Schatten mit seinem zornigen Gesicht, die fensterlosen Mauern und die Eisenthüre an dem Haus des Todes, gespenstische Bilder, kurz eine verwirrte, unheimliche Phantasmagorie. Deutlich entsinne ich mich nur noch meines eigenen leichenhaften Gesichts in dem Spiegel meines stillen Zimmers, auf das der blasse Strahl des Mondes niederfiel; und als ich in meinen Stuhl sank, sagte ich zu mir selbst: »Dies wenigstens ist eine Hallucination oder ein Traum!«

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