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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 51
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünfzigstes Kapitel.

»Was Sie da für einen wunderlich aussehenden Stock haben, Sir,« sagte ein zur Gesellschaft gehöriges kleines Mädchen, das sich an Margrave's Arm fest hielt. »Darf ich ihn betrachten?«

»Ja,« versetzte Strahan, »dieser Stock verdient wohl, daß man ihn ansieht. Margrave hat ihn in Egypten gekauft und versichert, daß er eine seltene Antiquität sei.«

Der Stock schien aus einem Rohr zu bestehen und dem Aussehen nach sehr leicht zu sein, obschon er in der Hand schwer wog; er war blaßgelb von Farbe mit in gleichen Abständen sich wiederholenden schwarzen Ringen; auch sah man darauf halbverwischte Figuren von hieroglyphischem Charakter eingegraben. Ich erinnerte mich, ihn schon früher bei Margrave gesehen zu haben, obschon ich ihm meine Aufmerksamkeit erst jetzt zuwandte, als er von Hand zu Hand ging. In dem Knopf des Stocks befand sich ein großer, unpolirter dunkelblauer Stein.

»Ist dies ein Kiesel oder ein edler Stein?« fragte Jemand aus der Gesellschaft.

»Ich kenne weder seinen Namen noch seine Beschaffenheit,« entgegnete Margrave; »aber er soll die Wirkungen des Schlangenbisses heilen Folgende Schilderung eines auf Corfu befindlichen Steines, der im Ruf steht, das Gift der Schlangen unschädlich zu machen, wurde mir von einem rechtskundigen Beamten auf dieser Insel, einem sehr gelehrten Manne, mitgetheilt:
» Beschreibung des blauen Steines. – Dieser Stein ist von eiförmiger Gestalt 1-3/10 Zoll lang, 7/10 breit, 3/10 dick, und jetzt, als in zwei Stücke zerbrochen, in Gold gefaßt.
Wenn jemand von einer giftigen Schlange gebissen wird, so erweitert man die Wunde der Länge nach mit einem Scalpell oder einem Rasirmesser und läßt den Stein vierundzwanzig Stunden in der Oeffnung liegen. Der Stein klebt zuerst fest in der Wunde: wenn er seine Schuldigkeit gethan hat, fällt er ab, und die Kur ist beendigt. Man bringt dann den Stein in Milch, in welcher er das eingesaugte Gift wieder von sich gibt, so daß dieses als grüne Masse oben schwimmt. Durch dieses Verfahren wird der Stein wieder brauchbar.
Dieses Kabinetstück befindet sich seit unvordenklichen Zeiten in der corfuschen Familie Ventura, die aus Italien stammt, und ist so berühmt, daß die Bauern alsbald zu ihm seine Zuflucht nehmen. Seine Wirksamkeit ging durch das Zerbrechen nicht verloren. Seine Beschaffenheit und Zusammensetzung ist unbekannt.
Es kam einmal der Fall vor, daß zwei Gebissene zu gleicher Zeit bei dem Stein Hülfe suchten. Der Stein konnte nur bei dem Einen in Anwendung kommen, der auch richtig genaß; der Andere starb, eh' es möglich war, auch an ihm die Applikation vorzunehmen.
Die Wirkung versagte nur ein einziges Mal, und bei dieser Gelegenheit hatte man den Stein erst vierundzwanzig Stunden nach dem Biß aufgelegt.
Von Farbe ist er so dunkel, daß er sich kaum von Schwarz unterscheiden läßt.
Corfu, den 7. Nov. 1860.
P. M. Colquhuon.«
Sir Emerson Tennent gibt in seinem bekannten trefflichen Werk über Ceylon seinen Bericht über »Schlangensteine«, die augenscheinlich dem von Corfu ähnlich sind, mit dem Unterschied, daß sie »tief schwarz und auf der Oberfläche wie fein polirt sind;« man wendet sie in gleicher Weise gegen den Biß der Brillenschlange an.
Frage: Wäre es nicht der Mühe werth, die chemischen Eigenschaften dieses Steines zu untersuchen, und wenn sie sich wirksam zeigen zum Ausziehen des Gifts aus Bißwunden, dürften sie sich nicht gegen den Biß eines wüthenden Hundes eben so heilsam erweisen, wie gegen den der Cobra Capella?
und noch andere Tugenden besitzen. Kurz, er ist ein Talisman.«

Er hatte jetzt mir den Stock in die Hand gegeben und sagte mir, ich solle ihn nur recht ansehen. Dann kam er auf etwas Anderes zu sprechen und machte wieder den Führer, indem er den Stock mir zurückließ. Ich konnte mir die Sache nicht erklären, aber wie der Knopf in meiner Hand warm wurde, fühlte ich mich durch den ganzen Körper eigentümlich durchschauert, und es war mir, als ob ich mein eigenes Körpergewicht nicht mehr fühle – als ob ich in der Luft gehe.

Unser Spaziergang nahm ein Ende. Die Gäste entfernten sich, und ich kehrte durch die Schiebfensterthüre von Formans Studirzimmer wieder in das Haus zurück. Margrave warf seinen Hut und Stock auf den Tisch und unterhielt sich mit einer sorgfältigen Musterung des Schnörkelwerks an dem Kaminstück. Strahan und ich, wir überließen ihm diese Beschäftigung und begaben uns in die anstoßende Bibliothek, wo wir die Risse zu dem neuen Haus wieder aufnahmen. Ich machte an den Skizzen zu den verschiedenen Abänderungen fort, welche Sir Philipps ursprünglichen Plan vereinfachen und in einen engeren Rahmen fassen sollten. Margrave kam uns bald nach und nahm diesmal geduldig neben uns Platz, indem er mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zusah, wie ich Zirkel und Lineal handhabte.

»Ich wünschte, ich könnte zeichnen,« sagte er. »Aber ich bin zu nichts Nützlichem zu brauchen.«

»Reiche Leute, wie Sie,« versetzte Strahan mürrisch, »können Andere in Thätigkeit setzen und sind besser beschäftigt, wenn sie gute Künstler bezahlen, als wenn sie selbst schlechte Zeichnungen anfertigen.«

»Ja, ich kann Andere beschäftigen; und – Fenwick, wenn Sie mit Strahan fertig sind, so möchte ich um die Erlaubniß bitten, Ihre Kunst in Anspruch zu nehmen, freilich ohne Entgelt. Die Aufgabe, mit der ich Sie zu behelligen wünsche, wird Sie keine Minute beschäftigen.«

Er warf sich sodann in seinen Sessel zurück und schien in einen Schlummer zu verfallen.

Die Anrichtklingel schellte, und Strahan schob die Plane bei Seite, mit denen wir überhaupt jetzt im Reinen waren.

Nachdem unser Wirth das Zimmer verlassen hatte, um sich anzukleiden, erwachte Margrave; er zog mich nach einem andern Tisch, legte mir eines von seinen Lieblingsbüchern über Mystik vor und sagte, indem er auf einen alten Holzschnitt deutete:

»Ich bitte Sie, mir dies abzuzeichnen; es soll ein Fac-simile von dem berühmten Siegel Salomonis sein. Sie sehen, es sind zwei in einander gesteckte Dreiecke, die von einem Kreis umgeben werden – kurz, das Zaubersiegel. Ja so ist's recht. Sie brauchen die astrologischen Zeichen nicht beizufügen; sie sind sinnlose überflüssige Zugaben des Träumers, der das Buch geschrieben hat. Aber das Pentagramm selbst hat eine verständliche Bedeutung; es gehört der einzigen universellen Sprache, der symbolischen, an, in welcher alle denkfähigen Rassen – um, über und unter uns – eine Gedankenverbindung herstellen können. Wenn in dem äußerlichen Universum irgend ein construktives Prinzip sich entdecken läßt, so ist es das geometrische, und in jedem Theil der Welt, wo die Magie schriftliche Charaktere hat, finde ich, daß ihre Hieroglyphen aus geometrischen Figuren bestehen. Ist es nicht zum Lachen, daß die positivste von allen Wissenschaften in solcher Weise ihre Winkel und Kreise der – wie soll ich's nennen? – der Unwissenheit? – ja, dies ist das rechte Wort – der Unwissenheit der Adepten borgen muß?«

Er nahm das Papier, auf das ich die Dreiecke und den Kreis gezeichnet hatte, an sich, verließ das Zimmer und sang das Lied des Schlangenzauberers.

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