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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 50
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Neunundvierzigstes Kapitel.

Es war kein Grund für mich vorhanden, schon am andern Tag nach L– – zurückzukehren, weßhalb ich die Morgenstunden Strahan und seinen Bauplanen widmete. Margrave ging ab und zu, flüchtig wie ein April-Sonnenstrahl, wobei er sich gelegentlich auf das Sopha warf, um einige Minuten in einem der mystischen Bücher zu blättern, die in Sir Philipps Bibliothek die Mehrzahl bildeten. Ich erinnere mich, daß es ein Band von Proclus war. Er las das geschraubte und schwierige Griechisch mit einer Geläufigkeit, die mich überraschte. »Ich habe mir vor Jahren, als ich Neugriechisch lernte, auch das alte angeeignet,« sagte er. Das Buch ermüdete ihn übrigens bald; er kam dann, um uns zu stören, und belustigte sich schalkhaft über Strahans Aerger, oder riß das Fenster auf, sprang hinaus und sang eine von seinen wilden Weisen vor sich hin, wenn er es nicht etwa vorzog, unter den Linden mit den Hirschen zu spielen, die zahm sich um ihn hersammelten. Nachmittags wurde unser Wirth abberufen, um einige Besuche von Bedeutung zu empfangen, und ich befand mich, Angesichts des Mausoleums, auf dem Rasen vor dem Haus mit Margrave allein.

Ich wandte meine Blicke ab von dem stummen Hause des Todes, in welchem die Leiche des kürzlich so geheimnißvoll ermordeten Grundherrn ruhte, voll des lebhaften Dranges, gegen Margrave die Zweifel auszusprechen, die mich in Betreff seiner quälten. Aber wenn ich auch von dem gegentheiligen Versprechen, das ich dem leuchtenden Schatten gegeben oder gegeben zu haben geträumt hatte, hätte Umgang nehmen wollen, so wäre doch die Erfüllung dieses Wunsches unmöglich gewesen – gewiß Jedem unmöglich, der in das strahlende, jugendliche Antlitz schaute. Ich meine ihn noch vor mir zu sehen, wie er damals war; ein weißes Reh, das selbst meine Nähe nicht zu verscheuchen vermochte, schmiegte sich liebkosend an seine Seite und blickte mit seinen sanften Augen zu ihm auf. Da stand er wie das fleischgewordene Prinzip eines mythologischen sinnlichen Lebens. Ich habe schon früher dieses Bild auf ihn angewendet und muß daher um Verzeihung bitten, daß ich auf dasselbe zurückkomme. Unmöglich, ich wiederhole es, konnte ich diesem Geschöpf ins Gesicht sagen: »Bist Du Meister in teuflischen Künsten und hast Du im Geheim jenen Mord angestiftet?« Wie in überströmender innerer Seligkeit summte oder vielmehr girrte er eine Melodie, die so süß, so zauberisch lieblich klang, gar nicht wie der Gesang, den man von kunstfertigen Lippen in überfüllten Sälen zu hören kriegt. Voll Verwirrung und innerer Scheu fuhr ich mit der Hand über die Stirne.

»Gibt es wirklich« – sagte ich unwillkührlich – »gibt es wirklich solche Wunder der Natur?«

»Natur?« rief er, das Wort aufgreifend. »Ja, sprechen Sie mit mir von der Natur! Sprechen Sie von ihr, von dieser wunderbaren, segensreichen Mutter! Wohl darf ich sie Mutter nennen. Ich bin ihr verderbtes Kind, ihr Liebling – – aber ach, sterben zu müssen, ja sterben zu müssen, die Natur nicht mehr schauen zu sollen – besinnungslos zu vermodern, sei es unter dem Rasen hier oder dort zwischen den todten Mauern – –«

Ich konnte mich nicht enthalten, ihm ins Wort zu fallen:

»Wie jener ermordete Mann! ermordet, und von wem?«

»Von wem? Ich meine, dies sei aufs Klarste nachgewiesen worden.«

»Die Hand war sichtbar; aber welcher Einfluß hat die Hand geleitet?«

»Bst! der arme Elende sprach von einem Dämon! Wer kann dies wissen? Die Natur selbst ist eine großartige Zerstörerin. Sehen Sie jenes hübsche Vögelchen, in dessen Schnabel sich ein Wurm krümmt? Alle Kinder der Natur leben um zu tödten, Da Allen Fenwick den verbrauchten Trugschluß, der in Margraves Bemerkungen über die zerstörende Thätigkeit in der Natur liegt, in seiner Antwort unangefochten läßt, so möge mir der Leser verzeihen, wenn ich ihm eine sorgfältige Lektüre des dreizehnten Kapitels von Dr. Bucklands Geologie und Mineralogie (Bridgewaterbücher): Ueber den Nutzen der fleischfressenden Thiergattungen« angelegentlichst empfehle. Nichts kann die Gediegenheit und Einfachheit übertreffen, womit der Autor dieses Thema zur Rechtfertigung des großen Dramas, welches im Gesammtleben spielt, behandelt. und kein anderes Geschöpf thut dies in so ausgedehnter Weise, wie der Mensch. Wie viele Hecatomben sind geschlachtet worden, nicht etwa, um den unwiderstehlichen Stachel des Hungers zu befriedigen, sondern zu üppiger Schaustellung eines Festmahls, von dem er kaum etwas kostet, oder in wilder Zerstörungslust. Wir sprechen mit Furcht von den Raubthieren; aber welches Raubthier ist grausamer und tückischer, als der Mensch? Betrachten Sie jene Schafheerde, welche gezüchtet und gemästet wird für die Schlachtbank; und dieses Reh, das ich liebkose – wenn ich der Parkjäger wäre und es käme an das Thierchen seine Zeit, glauben Sie, daß sein Leben sicherer sein würde, weil ich in müßiger Laune es zähmte und an die Hand gewöhnte, die sich erheben wird, es zu tödten?«

»Es ist wahr,« sagte ich – »eine herbe Wahrheit. Die Natur, die sich auf ihrer Oberfläche so sanft und liebevoll ausnimmt, ist voll Schrecken in ihren Tiefen, sobald unser Gedanke niedersteigt in ihren Abgrund.«

Strahan schloß sich uns jetzt mit den Besuchen aus der Umgegend an.

»Margrave ist der geeignetste Mann, um Ihnen die Schönheiten des Parks zu zeigen,« sagte er. »Margrave kennt jedes Bosket und jede Schlucht, ja sogar jeden alten Dornbusch und jede Lichtung in dem Gestrüpp des wellenförmigen Grundes.«

Margrave schien mit Freuden auf diesen Vorschlag einzugehen. Er führte uns durch den Park, und obschon der Weg lang und der Tag sehr heiß war, fühlte doch Niemand eine Ermüdung, da die Lust, mit welcher er auf die verschiedenen Schönheiten aufmerksam machte, die einem gewöhnlichen Auge nicht aufgefallen waren, eigentlich ansteckend wirkte. Er sprach nicht etwa wie ein Dichter oder Maler, sondern machte, wenn wir auf einen besonders lieblichen Lichteffekt unter den zitternden Baumschatten, oder auf den plötzlich hervortretenden Anblick eines in der Tiefe rinnenden Bächleins stießen, Halt und deutete schweigend darauf hin mit einer Art kindlichen Entzückens in seinem schönen Gesicht, welches das Leben und die Wonne des heitern Sommertages wiederzuspiegeln schien.

Von diesem Anblick schwanden alle meine Bedenken gegen seine dunkle geheimnißvolle Wesenheit dahin, und mit ihnen mein Entsetzen, mein Haß. Es war unmöglich, dem Zauber zu widerstehen, der um ihn athmete – sich nicht von ihm angezogen zu fühlen, wie von einem schönen glücklichen Kinde. Wohl konnte er sich selbst einen Liebling der Natur nennen. War er nicht das geheimnißvolle Abbild dieser erhabenen Mutter, schön wie Apollo von dem einen, schrecklich wie Typhon von dem andern Gesichtspunkte aus?

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