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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Viertes Kapitel.

Ich hatte nun das Alter erreicht, in welchem der ehrgeizige Mann, wohlgefällig hinblickend auf seine Erfolge in der äußeren Welt, die unbefriedigte Sehnsucht des Herzens fühlt, die ihm die Heimath als öde erscheinen läßt. Ich beschloß zu heirathen, und sah mich nach einer Frau um. Bisher hatte ich der Leidenschaft der Liebe keinen Zutritt gestattet, ja von früher Jugend an auf sie sogar mit einer Art stolzer Verachtung als auf eine Krankheit niedergeschaut, die aus weibischem Müßiggang sproßt und aus einer überreizten Einbildungskraft ihre Nahrung zieht.

Ich dachte mir meine künftige Frau als eine vernünftige Gefährtin, als eine liebevolle, zuverlässige Freundin. Keine Heirathspläne konnten weniger romantisch und mehr nüchtern verständig sein als die, mit welchen ich mich trug. Meine Ansprüche waren durchaus nicht anmaßend, da ich weder auf Vermögen noch auf hohe Familienverbindungen sehen wollte. Mein Ehrgeiz galt ausschließlich meinem Beruf und konnte in keiner titelreichen Verwandtschaft, in keiner reichen Mitgift einen Vorschub finden. In der Schönheit sah ich gleichfalls kein Haupterforderniß; auch verlangte ich von einer Frau nicht die vielseitige Bildung, die an der Vorsteherin einer höheren Mädchenschule wünschenswerth sein mag.

Sobald ich mit mir darüber einig war, daß es Zeit sei, eine Gefährtin zu suchen, meinte ich, es werde nicht schwer halten, eine Wahl zu treffen, die meine Vernunft billigen könne. Aber es verging Tag um Tag, Woche um Woche, und obgleich es in den Familien, die ich besuchte, viele junge Damen gab, deren Eigenschaften meinen Anforderungen mehr als entsprachen und von denen ich mir schmeichelte, daß sie meine Bewerbung nicht zurückweisen würden, so fand ich doch keine darunter, deren lebenslänglicher Gesellschaft ich nicht die Einsamkeit, die mir so lästig erschien, bei Weitem vorgezogen hätte.

Eines Abends kehrte ich von dem Besuch eines armen kranken Mädchens zurück, das ich unentgeldlich behandelte und deren Zustand mehr Nachdenken erforderte, als der irgend eines anderen Patienten auf meiner Liste; denn obgleich man sie in dem Spital aufgegeben hatte und sie heimgekommen war, um bei den Ihrigen zu sterben, so fühlte ich doch die Ueberzeugung, daß ich sie werde retten können, wie sie denn auch unter meiner Pflege sich zu bessern schien. An jenem Abend, es war am fünfzehnten Mai, machte ich unwillkürlich vor dem Thore des Hauses Halt, das Doktor Lloyd bewohnt hatte. Es war seit dem Tode desselben nicht wieder vermiethet worden, da der Eigenthümer seine Ansprüche zu hoch stellte und Scheu oder Stolz die reichern Gewerbsleute das Heiligthum des Berges zu meiden bewog. Das Gartenthor stand weit offen, gerade so wie in jener Winternacht, als ich dem Sterbenden den letzten Besuch machte. Die Erinnerung an jenes Sterbebette trat lebhaft vor meine Seele, und die phantastische Drohung des Hinscheidenden dröhnte aufs Neue in meinen Ohren. Ein unwiderstehlicher Drang, den ich mir nicht erklären konnte und auch jetzt noch nicht zu erklären weiß – gerade das Widerspiel von dem, der uns gewöhnlich veranlaßt, von einer Stelle fortzueilen, welche peinliche Erinnerungen in uns weckt – bewog mich, durch das offene Thor hineinzutreten auf den vernachlässigten, mit Gras bewachsenen Weg und das Haus, das ich nur im Düstern jener Winternacht und im melancholischen Licht des Mondes näher gesehen, jetzt in der Beleuchtung der untergehenden Frühlingssonne zu betrachten. Als ich des Hauses mit seinen dunkelrothen Backsteinen und seiner theilweisen Epheuüberkleidung ansichtig wurde, bemerkte ich, daß es nicht länger unbewohnt war. Ich sah hinter den offenen Fenstern Gestalten sich hin und her bewegen; ein beladener Möbelwagen stand vor der Hausthüre, und ein Diener in Livrée überwachte das Abladen der Geräthschaften. Augenscheinlich war eine Familie eben im Einzug begriffen. Ich fühlte mich etwas beschämt über meine Aufdringlichkeit und wollte mich rasch wieder entfernen, hatte jedoch kaum einige Schritte zurückgelegt, als ich Vigors an der Seite einer Dame von mittlerem Alter in der Nähe des Gartenthors bemerkte, während ich zugleich eines Pfads durch das Gesträuch und an dessen Ende eines aus dem Garten führenden Pförtchens ansichtig wurde. Ich mochte der Dame, die ich für die neue Miethsfrau hielt, nicht begegnen, um nicht eine linkische Entschuldigung wegen Betretung fremden Grundes anbringen zu müssen, noch weniger aber dem Herrn Vigors, dessen verächtlichem Blick ich mich nicht aussetzen wollte, wenn er mich in einer Lage sah, die meinem Stolz als schief und würdelos erschien. So schlug ich denn unwillkürlich den Seitenpfad ein, auf dem ich unbemerkt zu entkommen hoffte. Ich hatte ungefähr die Hälfte des Wegs zwischen dem Haus und dem Pförtchen zurückgelegt, als nach der linken Seite hin das Gesträuch plötzlich aufhörte und mich einen von unregelmäßigen Trümmern eines alten Backsteinbaus umgebenen kreisförmigen freien Platz überschauen ließ, der theilweise mit Farnen, Schlingpflanzen, Unkraut und wilden Blumen überwachsen war; und in der Mitte des Kreises befand sich ein Brunnen, oder vielmehr eine Cysterne, über der aus schwarzen verwitterten normännischen Säulen ein gothisches Schutzdach aufwärts strebte. Eine hohe Thränenweide überhing diese unverkennbare Reliquie der alten Abtei. Der Platz, der so plötzlich zwischen dem zarten Grün des jungen Gesträuchs auftauchte, hatte in seinem alterthümlichen Aussehen einen gewissen romantischen, sagenhaften Charakter. Doch war es nicht das verfallene Gemäuer oder das gothische Brunnendach, was meinen Fußtritt fesselte und mein Auge bannte.

Inmitten der melancholischen Trümmer saß eine einsame menschliche Gestalt.

Die Gestalt war so schmächtig, das Antlitz so jugendlich, daß ich bei dem ersten Blick vor mich hinmurmelte: »Welch ein liebliches Kind!« Aber als mein Auge länger auf ihr haftete, erkannte ich in der aufwärts gekehrten gedankenvollen Stirne, in dem holden ernsten Ausdruck des Gesichts und in den runden Formen des feinen Bau's die unbeschreibliche Würde der Jungfrau.

Auf ihrem Schoß lag ein Buch und zu ihren Füßen ein Körbchen, gefüllt mit Veilchen und Blumen, die augenscheinlich von den die Trümmer überwuchernden Pflanzen herrührten. Hinter ihr fielen wie ein grüner Wasserfall in Bogen die Zweige der Weide bis zu dem Rasen nieder, an dem Gipfel im freundlichen Wiederschein der untergehenden Sonne helle Tinten zeigend, die immer tiefer wurden, je mehr sie sich der Erde näherten.

Sie beachtete mich nicht, sah mich nicht. Ihre Augen hafteten an dem Horizont, wo er die Scheidelinie bildete zwischen den Baumwipfeln, den Ruinen und dem endlosen Blau des Himmels – so angelegentlich, daß ich mechanisch mich umwandte, um der Richtung ihres Blickes zu folgen. Es war, als warte sie darauf, daß irgend ein vertrautes Zeichen aus den Tiefen des Aethers auftauche, oder als wolle sie vor jeder anderen Person das erste Blinken eines Sternes auffassen.

Die Vögel ließen aus den Zweigen so furchtlos auf den Rasen sich neben ihr nieder, daß einer davon sogar an den Blumen in dem Körbchen zu ihren Füßen pickte. Es gibt ein herrliches deutsches Gedicht, das ich in meiner Jugend gelesen habe, »das Mädchen aus der Fremde« betitelt, welches einige Ausleger als eine Allegorie auf den Frühling, andere als eine solche auf die Dichtkunst deuten; mir kam es aber vor, als ob jene schönen Verse auf sie gedichtet worden seien. In der That hätte ein Dichter oder Maler in ihr ein treues Bild dieser beiden die Erde verschönernden Genien erkennen können, welche äußerlich die Sinne bezaubern, zugleich aber in uns Gedanken, wenn nicht gerade der Trauer, aber doch der Trauer verwandt, erwecken.

Ich hörte jetzt hinter mir einen Tritt und eine Stimme, in welcher ich die des Herrn Vigors erkannte. Der Zauber, der mich gebannt hatte, war gebrochen, und ich eilte verwirrt fort und auf das Pförtchen zu, das mich vermittelst einer kleinen abwärtsgehenden Treppe auf die Straße hinaus führte. Und da lag das Alltagsleben wieder vor mir. Auf der anderen Seite Häuser, Läden, Kirchthürme, und nach einigen weiteren Schritten das Straßengewühl! Wie unendlich fern und doch wie nah liegt der Welt, in der wir sind und uns bewegen, das Feenland der Romantik, das selbst aus der harten Scholle vor uns auftaucht, wenn sich die Liebe an unsere Seite stiehlt, und wieder in demselben harten Schooß versinkt, sobald lächelnd oder seufzend die Liebe von uns Abschied nimmt!

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