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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 47
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsundvierzigstes Kapitel.

Julius Faber und Amy Lloyd blieben drei Tage in meinem Haus; in ihrer Gegenwart fühlte ich mich wohl, sicher und zufrieden. Amy wünschte die frühere Wohnung ihres Vaters zu besuchen, und ich bat Faber, wenn er sie hinbringe, zugleich die Gelegenheit zu benützen, mit Lilian zu sprechen, damit er mir sagen könne, welchen Eindruck ihr sonderbarer Zustand auf ihn mache. Ich bereitete Frau Ashleigh durch ein Billet auf den Besuch vor. Als der alte Mann mit dem Kind wieder zurück kam, brachten beide mir Trost mit. Amy war bezaubert von Lilian, welche die Kleine mit der ihrem wahren Charakter eigenen Liebenswürdigkeit aufgenommen hatte, und ich freute mich, das Lob meiner früheren Braut von den Lippen der Unschuld zu hören.

Fabers Bericht war noch mehr geeignet, einen beruhigenden Eindruck auf mich zu machen.

»Ich habe sie gesehen und mich mit ihr lange und traulich unterhalten. Sie hatten ganz Recht, in diesem edeln, wenn auch zarten Organismus ist keine Spur von hektischer Anlage vorhanden; auch kann ich keinen Grund für die Besorgnis finden, auf die mich Ihre Angabe vorbereitete. Der Kopf hat eine zu ausgezeichnete Bildung, als daß ich eine konstitutionelle Gehirnstörung befürchte. Die Organe der Idealität, der Gläubigkeit und der Ehrfurcht sind allerdings größer, finden aber ihr Gleichgewicht in andern Organen, die vielleicht zur Zeit noch fast schlummern, aber in Thätigkeit treten werden, sobald das Leben von der Romantik zur ›Pflicht‹ übergeht. Gegenwärtig fühlt sich augenscheinlich ihr Geist von etwas bedrückt. In der Unterhaltung mit ihr bemerkte ich Zerstreutheit, ein unaufmerksames Wesen; aber von ihrer Wahrheitsliebe bin ich so fest überzeugt, daß ich an Ihrer Stelle, nachdem sie mir einmal erklärt hätte, sie erwiedere meine Liebe und verpflichte sich gegen mich zur Treue, vollkommen beruhigt wäre; denn die Wolke, welche jetzt ihre Einbildungskraft trübt und in derselben Ihr Bild verdunkelt, wird sicherlich vorübergehen.«

Faber glaubte im Wesentlichen an die Phrenologie, obschon er nicht alle die Sätze von Gall und Spurzheim annahm, während dagegen ich diese angebliche Wissenschaft als von Sir W. Hamilton in ihren Grundlagen als auf's Glänzendste widerlegt ansah. Der Inbegriff der Gründe, mit welchen dieser ausgezeichnete Autor die Phrenologie bekämpfte, findet sich in dem Anhang zum ersten Band der Vorlesungen über Metaphysik, S. 404 u. f. 1859. Aber als Faber Lilians Ehrenrettung auf phrenologische Beobachtungen gründete, vergaß ich Sir W. Hamilton und wurde ein Gläubiger. Wie die eisernen Gurten und Stützen sich bei der bloßen Veränderung der Temperatur ausdehnen und zusammenziehen, so wechselt die kräftigste Ueberzeugung, auf die der menschliche Geist sein Urtheil baut, je nach den Veränderungen des menschlichen Herzens, und das Gebäude steht nur sicher, wo auf diese Schwankungen Bedacht genommen worden ist und eine weise Selbstkenntniß den erforderlichen Spielraum gelassen hat. Die durch Temperaturwechsel bewirkte Streckung oder Verkürzung eiserner Gurten hat nicht selten die Gebäude, in welchen sie zur Anwendung kamen, zum Einsturz gebracht; gute Ingenieure und Architekten tragen daher diesen Veränderungen Rechnung. In der Röhrenbrücke über die Menaistraße, welche die Insel Anglesea von der nordwestlichen Küste von Wales trennt, ist eine sinnreiche Selbstcorrektion dieser durch den Temperaturwechsel bewirkten Veränderungen angebracht.

In der Liebe, die sich zwischen Julius Faber und Amy Lloyd entwickelt hatte, lag viel, was mein Herz rührte und seinen Sturm beschwichtigte. Dieser Mann, der sich wie ich in der Blüthe des Alters weder durch eheliche noch väterliche Bande fesselte, hatte nunmehr seine Neigung einem weiblichen Wesen zugewandt; aber diese Neigung war frei von Furcht, Eifersucht oder sonstiger Beunruhigung. Mein Sonnenschein traf mich in unsicherer Strahlung durch Wolken, die meinen Mittag verdüsterten, der seine goß sich aus über die ganze Landschaft, geheiligt durch die ihrerseits wieder heiligende Ruhe des scheidenden Tages.

Und Amy war kein gewöhnliches Kind. Sie besaß keine überschwingliche Phantasie und wurde nicht von Lauten aus der Ferne umspukt, sondern war ein Geschöpf, das ganz für die Erde paßte, bereit, die Pflichten derselben auf sich zu nehmen und ihre Sorgen zu mildern. Ihre zarte, ruhige Aufmerksamkeit erstreckte sich auf alle die wichtigen Haushaltungskleinigkeiten, in welchen schon in früherem Alter die Gefährtin des Mannes ihr Vorrecht, zu pflegen und zu trösten, geltend macht. Es war ein lieblicher Anblick, sie so geräuschlos durch die Zimmer gleiten zu sehen, die ich ihrem ehrwürdigen Beschützer zur Benützung angewiesen hatte; sie kannte alle seine einfachen Bedürfnisse und wußte ihnen zuvorzukommen, als sei ihr Herz nur dazu geschaffen, sich in nutzbaren Liebesdiensten kund zu thun. Bisweilen wünschte ich, wenn ich so mit ansah, wie sie, weil sie wußte, wie gern er dem Licht möglichst nahe war, seinen Stuhl ans Fenster rückte, seine etwas ungeordneten Papiere glatt strich, in das Buch, in welchem er gelesen hatte, ein Zeichen legte, fast ohne ihn anzusehen irgend einen Wunsch, der ihm durch den Kopf ging, ahnte, und sich dann meist mit einer Arbeit, welche entweder für ihn oder einen ihrer abwesenden Brüder bestimmt war, gelegentlich aber auch mit dem einzigen kleinen Büchlein, das sie bei sich führte, einer Auswahl biblischer Geschichten für Kinder, zu seinen Füßen niedersetzte – ich sage, wenn ich dies mit ansah, so wünschte ich wohl bisweilen, auch Lilian möchte Zeuge sein von diesem stillen Wirken und eine Vergleichung anstellen zwischen ihren eigenen idealen Phantasien und dieser Entwicklung des natürlich Schönen in einer jugendlichen Weiblichkeit.

Aber lag in diesem Anblicke nichts, woraus ich, der ich selbst in meinem Wirrsale so stolz war auf meinen unfruchtbaren Verstand, eine Lehre hätte ziehen können?

Am zweiten Abend nach Fabers Eintreffen brachte ich ihm die Concepte der Urkunden über den Verkauf seiner Häuser. Er war außer seinem Beruf nie ein Geschäftsmann gewesen, und da er sein Eigenthum so schnell als möglich zu veräußern wünschte, so würde er sich mit Angeboten des halben Werthes begnügt haben. Ich bestand daher darauf, die Sache für ihn abzumachen, und war auch vielleicht in diesem Dienst egoistisch ängstlich, dem großen Arzt den Beweis zu liefern, daß die »Hallucination«, die er bei mir vermuthete, wenigstens in den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens meinen gesunden Verstand nicht beeinträchtigt habe. So erwirkte ich denn binnen weniger Stunden Bedingungen für ihn, die nicht nur billig, sondern auch weit vortheilhafter waren, als er je für möglich gehalten hatte. Doch als ich mich ihm mit den Papieren näherte, legte er den Finger an seine Lippen. Amy stand neben ihm mit ihrem Büchlein in der Hand, und seine eigene Bibel lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Er las ihr aus der letzteren vor und erklärte ihr die Bedeutung und Schönheit eines der Gleichnisse, dessen Nutzanwendung sie nicht recht verstanden hatte. Als er damit fertig war, küßte sie ihn, wünschte ihm gute Nacht und begab sich zur Ruhe. Dann sprach Faber gedankenvoll und mehr für sich hin, als zu mir:

»Was ist doch die Religion für eine köstliche Brücke zwischen dem hohen Alter und der Kindheit! Wenn das Kind ins Leben eintritt, beginnt es gleichsam von einem innern Drang getrieben mit Gebet und Gottesverehrung, und wenn der Greis aus dem Leben zu scheiden im Begriff steht, führt ihn derselbe Drang zum Gebet und zur Gottesverehrung zurück und stellt ihn an die Seite des Kindes.«

Ich erwiederte nichts darauf, sondern begann nach einer Pause von Kauffall und Freigütern, von Uebertragungsurkunden und Geld zu reden. Nachdem das vorliegende Geschäft bereinigt war, fragte ich meinen geehrten Gast, ob er wohl vor seiner Abreise mein ehrgeiziges physiologisches Werk einer Einsichtnahme würdigen wolle; es enthalte Abschnitte, über die ich seine Ansicht zu hören wünsche, da sie Gegenstände behandelten, zu deren Beurtheilung er wegen seiner Spezialstudien mehr als irgend ein Fachmann des Landes befähigt sei. Er hieß mich das Manuskript bringen und verwandte den größten Theil der Nacht wie auch den ganzen anderen Tag zu dessen Lektüre.

Als er es mir wieder zurückgab – dies geschah erst am Morgen seiner Abreise – begann er mit Lobsprüchen über den Zweck der Arbeit und die Art der Ausführung, welche meiner Eitelkeit so sehr schmeichelten, daß ich mich des Ausrufs nicht erwehren konnte: »Also hier ist wenigstens keine Spur von ›Hallucination‹!«

»Ach, mein armer Allen, vielleicht tritt hier die Hallucination oder Selbsttäuschung sogar noch deutlicher hervor, als in allen den sonderbaren Geschichten, die Sie mir vertraut haben. Denn hier ist die Hallucination des Mannes, der an den Gestaden der Natur sitzt und ihrem endlosen Meer zuruft: ›So weit darfst du gehen, weiter nicht!‹ Hier ist die Hallucination des Geschöpfs, das sich nicht begnügt mit dem Erforschen der Gesetze des Schöpfers, sondern damit endigt, daß es die Kräfte und den freien Willen des Gesetzgebers selbst den Paar willkührlich gedeuteten Gesetzen unterordnet, die es herausgreift aus einem Codex, in welchem die übrigen in einer für es unbekannten Sprache verzeichnet sind. Hier ist die Hallucination, welche die Natur ihres Gottes beraubt, weil sie den Menschen ohne Seele läßt. Welchen Werth hätte all unser Forschen über eine Gottheit, die für uns zu existiren aufhört, so bald wir im Grabe liegen? Warum wie Archytas die Erde und das Meer ausmessen und die Zahl der Sandkörner an den Ufern zählen, die sie trennen, wenn das Ende dieser Weisheit eine Hand voll Staub ist, gestreut über einen Todtenschädel?

›Nec Quidquam tibi prodest
Aerias tentasse domos, animoque rotundum
Percurisse polum morituro.‹
Es nützt dich nichts, in die Luft strebende Paläste zu bauen oder den ganzen Erdball umwandelt zu haben, wenn dein Geist sterben soll.

Ihr Buch ist eben ein Beweis für die Seele, die Sie nicht entdecken können. Ohne Seele wird kein Mensch für eine Zukunft arbeiten, die für seinen Ruf erst beginnt, wenn dem Körper der Athem entwichen ist. Erinnern Sie sich noch des Kindes, wie es an dem Grab seines Vaters betete? Muß ich Ihnen erst sagen, daß in ihre einfachen Worte sich auch das Gebet für den Wohlthäter mischte, der für die Waise Sorge trug und über dem Staub das Denkmal errichtete, welches in Mitte eines christlichen Kirchhofs Zeugniß ablegt von den Hoffnungen des Christen? Jenes Kind hat für Sie gebetet, stolzer Mann. Und Sie saßen dabei und wußten nichts davon – saßen dabei unter den Gräbern, geängstigt und gequält von unheimlichen Zweifeln, eitel auf einen Verstand, der die Ewigkeit in Frage stellt und doch hin und her gejagt wird wie ein Schilfrohr unter dem Lufthauch des Wunderbaren. Soll ich zu dem Kinde sagen, es brauche nicht mehr für Sie zu beten – Sie glauben an keine Seele und sein Gebet sei unnütz? Soll ich ihm dies sagen? Soll das Kind nicht mehr für Sie beten?«

Meine Zunge versagte mir den Dienst; ich war erschüttert.

»Wenn Sie alle angeborenen Vorstellungen und Ideen läugnen, so kommen Sie auf Folgerungen, von denen sich der arme Locke, der noch ein demüthiger Christ war, mit Entsetzen abgewendet haben würde. Und ist Ihnen dabei nie als wunderbare Thatsache aufgefallen, daß es nichts Leichteres auf der Welt gibt, als ein Kind das zu lehren, was den metaphysischen Schulmännern als das schwierigste von allen Problemen erscheint? Lesen Sie all das Gezänk der Philosophen über eine erste Ursache und ihre Entscheide über das Wesen der Wunder, und daß es keine Wunder geben könne. Wenn nun Einer dem Anderen geantwortet hat und in der Retorte ihrer Weisheit nichts zurückgeblieben ist als ein Caput mortuum von Unwissenheit, so betrachten Sie das Kind, das auf dem Schoß der Mutter zu dem unsichtbaren Gott betet. Diese so wunderbar abstrakte Idee von einer Macht, die das Kind nie gesehen hat und die ihm von dem weisesten Gelehrten nicht versinnlicht und erklärt werden kann – von einer Macht, die über ihm wacht, es im Auge behält, es über das Grab hinüber geleitet und es befähigt, für immer fort zu leben; dieses doppelte Geheimniß von einer Gottheit und einer Seele lernt das Kind mit aller Leichtigkeit, so bald seine intellektuellen Vermögen sich zu entwickeln beginnen. Eh' man ihm noch eine Additionsregel beibringen oder sein ABCbuch eindrillen kann, geht es mit einem einzigen intuitiven Sprung aller seiner Ideen zum Erfassen der Wahrheiten über, die nur dem in der Irre umhertastenden Gelehrten unbegreiflich sind. Und Sie, wie Sie so vor mir stehen, wagen es nicht zu sagen: ›Das Kind braucht nicht mehr für mich zu beten!‹ Aber wird der Schöpfer hören auf das Gebet des Kindes für den Mann, der für sich selbst nicht beten mag? Drum lassen Sie sich rathen – beten Sie. In diesem Rath überschreite ich nicht das mir zuständige Bereich. Ich spreche nicht als Prediger, sondern als Arzt. Denn Gesundheit ist ein Wort, das unsere ganze Organisation umfaßt, und das Gleichgewicht aller Vermögen und Funktionen ist die Bedingung der Gesundheit. Wie in Ihrer Lilian das Gleichgewicht eine Störung erlitten hat durch das Hingeben an einen spirituellen Mysticismus, welcher dem Nährstoff der Pflicht das wesentliche Element eines nüchternen Sinnes entzieht, so beraubt in Ihnen die entschlossene Verneinung eines geordneten geistigen Verkehrs zwischen Denken und Gottheit die Einbildungskraft ihres edelsten Sicherheitsventils. Von entgegengesetzten Extremen also ausgehend, begegnen Sie und Ihre Lilian sich in demselben Gebiet von Nebel und Wolken, so daß ihr darin weder einander selbst, noch das wahre Lebensziel erkennt, indem ihre Augen bloß einen Sinn für die Sterne, die Ihrigen bloß für die Erde haben. Dürfte ich ihr rathen, so würde ich sagen: Dein Schöpfer hat dir deinen Prüfungsschauplatz hienieden und nicht über den Sternen angewiesen. Ihnen aber sage ich: ›In der Prüfung hienieden soll der Mensch eine Schule für den Himmel erkennen.‹ Mit einem Wort, ich möchte Ihre Phantasie mehr erdwärts, Ihren Verstand dagegen mehr nach oben lenken. Folgen Sie mir – beten Sie. Ihr Geist bedarf der Stütze des Gebets, um im Gleichgewicht zu bleiben. In der Verlegenheit und Verwirrung Ihrer Sinne kommen Sie nur dadurch zur Klarheit, daß Sie sich hineinfinden in ein ruhiges Vertrauen auf den, der das All regiert und in den Herzen liest. Ich spreche hier nur aus, was schon vor mir weit besser von einem Denker gesagt worden ist, den jeder redliche Naturforscher zum Führer nehmen kann. Ich sehe auf Ihrem Tisch denselben Band von Baco, welcher die Stelle enthält, die ich Ihrem Nachdenken empfehlen möchte. Hier ist sie – hören Sie: ›Nimm das Beispiel des Hundes und sieh, welchen edeln Sinn und Muth er entwickelt, wenn er eine Stütze findet in dem Menschen, der ihm die Stelle eines Gottes oder einer melior natura vertritt: dieser Muth ist augenscheinlich ein solcher, wie ihn dieses Geschöpf ohne sein Vertrauen auf eine bessere Natur als seine eigene nie erringen würde. So gewinnt der Mensch, der mit Zuversicht auf die göttliche Huld und Hilfe baut, eine Kraft und einen Glauben, wie die menschliche Natur sie nicht von selbst gewinnen könnte.‹ Baco's Abhandlung über den Atheismus. Dieses Citat ist mit wundervollem Glück und Nachdruck von Dr. Whewell Seite 378 in seiner Bridgewaterabhandlung: »Die Astronomie und allgemeine Naturlehre, in ihrer Beziehung auf natürliche Theologie betrachtet,« benützt worden. Sie schweigen, aber Ihre Miene verräth mir Ihren Zweifel – einen Zweifel, den Ihr frauenhaft zartes Herz nicht laut auszusprechen wagt, weil Sie dem alten Mann nicht eine Hoffnung rauben wollen, die Sie im Gefühl Ihrer Manneskraft von sich weisen – Sie zweifeln an der Wirksamkeit des Gebets! Kühner, aber ehrlicher Forscher in den Gesetzen jenes Führers, den Sie Natur nennen, halten Sie inne und denken Sie nach. Wenn keine Wirksamkeit im Gebet läge – wenn das Beten nur die Selbsttäuschung einer abergläubischen Phantasie wäre, gegen welche die Vernunft mit Recht ankämpft – glauben Sie, daß die Natur selbst es zu einem von ihren allgemeinsten und am leichtesten zu erfüllenden Geboten gemacht hätte? Meinen Sie, wenn nicht in Wahrheit ein Band bestünde zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer – wenn nicht das, was wir Seelen nennen, das Bindeglied bildete zwischen dem Leben hienieden und dem Leben jenseits – man würde irgendwo ein betendes Kind sehen? Die Natur prägt nichts Ueberflüssiges ein. Sie drängt nicht den Leviathan, den Löwen, den Adler oder die Motte zum Gebet, wohl aber den Menschen. Warum? Weil nur der Mensch eine Seele hat, und die Seele sucht den Verkehr mit dem Ewigen, wie das Wasser der Quelle nach der Oberfläche strebt. Verbrennen Sie Ihr Buch. Ich gebe zu, Sie kommen dadurch in den Ruf der Gelehrsamkeit, der Einsicht und des Muthes; aber Gelehrsamkeit, Einsicht und Muth sind unnütz vergeudet der Wahrheit gegenüber und wirken auf sie nur wie die Sprüh auf den Felsen. Die Welt wird sich eine Wahrheit, die ihr nützlich ist, nicht nehmen lassen. Der Wahrheit selbst können Sie freilich keinen Abtrag thun; aber Sie werden Viele irreleiten und zu Grunde richten, die am sichersten führen mit der Wahrheit, welche sie mit einem solchen Aufwand von Gelehrsamkeit als Fabel hinzustellen sich mühen. Die Seele und ein Jenseits sind die Erbgüter aller Menschen; dem ärmsten Handwerksbursch, der von Stadt zu Stadt zieht, dem kleinsten Krämer hinter seinem Ladentisch verleiht der Glaube daran eine königliche Würde. Ihre Theorien werfen die Herren der Erde von ihrem Thron und erniedrigen sie zum Thier. Ich für meine Person, der ich den größten Theil meines Lebens dem Studium und der Zergliederung von Thatsachen gewidmet habe, möchte lieber der Verfasser der abgedroschensten Predigt oder des kahlsten Gedichts sein, welches die unvergängliche Wesenheit der Seele, über die mir weder Sonde noch Scalpell einen Aufschluß gibt, zum Vorwurf nimmt, als der Gründer einer gelehrten Schule oder der Dichter der glühendsten Verse, welche sich's zur Aufgabe machen, dem Nebenmenschen seinen Glauben an eine Substanz zu rauben, auf die der Todtengräber keinen Einfluß hat, obschon sie das Messer des Anatomen nicht finden kann. Verbrennen Sie Ihr Manuskript und nehmen Sie dafür dieses Buch – lesen und beten Sie.«

Er legte mir seine Bibel in die Hand, umarmte mich, und eine Stunde später war der alte Mann mit dem Kinde fort – mein Herd aber wieder so einsam, wie zuvor.

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