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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 46
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
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Fünfundvierzigstes Kapitel.

Wie er hieher gekommen, war bald aufgeklärt. Der Neffe, welchem er sein Vermögen zugedacht, hatte die ihm reichlich zugestandenen Unterstützungen weit überschritten und sich tief in Schulden verstrickt, dann, um aus diesen herauszukommen, sich in unglückliche Spekulationen eingelassen. Faber war nach England zurückgekommen, um seinen Erben vor Gefängniß oder Landesflüchtigkeit zu bewahren, zu welchem Zweck er mehr als Dreiviertheile seines Vermögens opfern mußte. Zudem hatte der junge Mann ein Frauenzimmer ohne Mittel geheirathet und der Onkel von dieser Heirath erst nach seiner Ankunft in England Kunde erhalten. Der Verschwender hielt sich in einer der westlichen Counties, im Hause seines Schwiegervaters, vor seinen Gläubigern verborgen. Faber suchte ihn dort auf, versöhnte sich, als er die Frau kennen lernte, mit der Heirath und faßte Plane für die Rettung seines Neffen. Von der jungen Frau sprach er mit großer Achtung; sie war gut und verständig und wollte gern jede Entbehrung über sich ergehen lassen, wenn sie dadurch ihren Gatten in die Lage setzen konnte, die Wirkungen seiner Thorheit wieder gut zu machen. »Ich berieth mich mit diesem vortrefflichen Wesen,« sagte Faber, »denn mein armer Neffe ist von Reue so niedergebeugt, daß Andere für ihn denken und ihm zeigen müssen, wie er die Reue in Besserung umwandeln kann – und so kam ein Entwurf zur Reife. Ich bin willens, meinen verlorenen Sohn von allen Schauplätzen der Versuchung zu entfernen. Er ist jung und kräftig; auch fehlt es ihm nicht an geistiger Energie, die sich leider eben irre leiten ließ. Ich werde ihn aus der alten Welt in die neue mitnehmen und habe mich für Australien entschieden. Das Vermögen, das mir noch bleibt, ist hier freilich klein, wird aber dort für ein großes Kapital gelten, und da es nicht ausreicht, uns gesondert zu ernähren, so müssen wir eine gemeinschaftliche Wirthschaft führen. Dazu fühle ich, daß, wenn ich auch weder die Kraft noch die Erfahrung besitze, durch die man einem jungen Ansiedler bei Urbarmachung eines fremden Bodens Nutzen schaffen kann, der arme Junge unter meinen Augen sich klüger und beharrlicher benehmen wird. Wir gehen in der nächsten Woche unter Segel.«

Faber sprach so wohlgemuth, daß ich nicht wußte, wie ich mein Mitgefühl ausdrücken sollte, obschon es mir als eine traurige Aussicht erschien, wenn er in seinem Alter nach einer Laufbahn ehrenvoller Anstrengung das bequeme Leben in einem wohlgeordneten alten Staat gegen die Mühseligkeiten einer noch in ihrer Kindheit liegenden Kolonie vertauschte. Ich stellte mit möglichstem Zartgefühl dem Mann, den ich wie einen Vater liebte und ehrte, mein Vermögen, das ich großentheils ihm verdankte, zur Verfügung, und drang in ihn, wenigstens so viel davon zu nehmen, als er brauchte, um sich im eigenen Land eine Heimath zu sichern, die seinen Jahren und seiner Stellung angemessen war; aber er wies trotz meiner angelegentlichen Bitten mit seiner gewohnten bescheidenen und edlen Würde meine Erbietungen zurück und versicherte mir, daß er sich auf den Aufenthalt in einem neuen Land freue, das seinen Lieblingsforschungen einen so sehr erweiterten Spielraum gebe. Dann suchte er dem Gespräch rasch eine andere Wendung zu geben.

»Denken Sie sich nur, welch' eine bewundernswürdige Gehülfin das gute Glück meinem Galgenstrick zugeführt hat – eine Tochter des braven Mannes, welcher die Erziehung der Waisen des armen Doktor Lloyd über sich nahm, jener Waisen, für deren Unterhalt Sie so edelmüthig Sorge getragen haben. Und jenes Kind dort, das sich eben von dem Grabe seines Vaters erhebt, ist meine Lieblingsbegleiterin, mein Lämmchen – Doktor Lloyds Tochter Amy.«

Das Kind eilte, als es des alten Mannes ansichtig wurde, auf uns zu, schmiegte sich an seine Seite und warf einen neugierigen Blick auf mich. Ein gewinnendes, offenes, liebenswürdiges Kindergesicht, etwas melancholisch zwar, etwas gedankenvoller, als es bei solcher Jugend gewöhnlich ist, aber ruhig, verständig und unaussprechlich sanft. Sie machte sich bald von dem Greis wieder los und reichte mir ihr Händchen.

»Sind Sie nicht der freundliche Herr, der ihn noch in der Nacht besuchte, als er uns entrissen wurde, und der, wie mir zu Haus alle sagen, so gütig gegen meine Brüder und mich war? Ja, ich erinnere mich jetzt.« Und sie erhob ihr reines Antlitz gegen das meinige, um es zu küssen.

Ich freundlich! Ich gütig! Ich – ich! Ach, sie wußte nichts, ahnete nichts von dem Fluch, welchen ihr Vater in jener verhängnißvollen Nacht mir vermacht hatte!

Ich wagte es nicht, Doktor Lloyds verwaiste Tochter zu küssen; aber meine Thränen fielen auf ihre Hand nieder. Sie betrachtete sie als ein Zeichen des Mitleids und drückte in ihrem kindlichen Dank schweigend ihre Lippen gegen meine Wange.

»Oh, mein Freund,« flüsterte ich Faber zu, »ich habe viel auf dem Herzen, was ich Ihnen mitzutheilen mich sehne – aber allein – allein. Kommen Sie mit mir nach meinem Haus und bleiben Sie wenigstens mein Gast, so lang Sie sich in dieser Stadt aufhalten.«

»Gerne,« versetzte Faber und betrachtete mich aufmerksamer als zuvor: er that es jetzt mit dem ächten Blick des geübten Heilkünstlers, einem Blick, der zugleich sanft und tiefdringend ist.

Er stand auf, nahm meinen Arm und flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr, worauf dieses vorausging, an der Kirchhofthüre aber sich umwandte, um noch einen Blick nach dem Grabe des Vaters zu entsenden. Auf dem Weg nach meiner Wohnung erzählte mir Faber viel von diesem Kind; seine Brüder befanden sich in einer Kostschule, – Amy aber war der Frau des Neffen sehr zugethan und hatte schon nach kurzer Bekanntschaft den alten Doktor so lieb gewonnen, daß die Auswanderer beschlossen, die Kleine mit nach Australien zu nehmen.

»Dort,« sagte er, »wird die Summe, die ein großmüthiger aber unbekannter Freund ihres Vaters für sie angelegt hat, als eine nicht gewöhnliche Morgengabe für eine Kolonistenfrau erscheinen, wenn für sie die Zeit kömmt, auch einem anderen Herd als dem unserigen Segen zu bringen.« Er theilte mir noch weiter mit, daß sie gewünscht habe, ihn nach L– – zu begleiten, um vor dem Antritt der Reise über's Meer noch das Grab ihres Vaters zu besuchen, »und auf dem ganzen Weg,« fügte er bei, »hat sie so liebevoll für mich gesorgt, daß man hätte glauben mögen, von uns Zweien sei ich das Kind. Ich bin hieher gekommen, theilweise um ein Paar Häuschen zu verkaufen, die ich noch in der Stadt besitze, hauptsächlich aber, um Ihnen Lebewohl zu sagen, ehe ich die alte Welt, ohne Zweifel für immer, verlasse. Als ich heute anlangte, ließ ich Amy sogleich nach dem Kirchhof gehen, während ich mich nach Ihrer Wohnung begab, Sie aber nicht zu Haus traf. Und nun muß ich Ihnen zu dem Ruf Glück wünschen, den Sie so rasch errungen haben – in einem höheren Grad sogar, als ich Ihnen voraussagte.«

»Sie wissen doch,« entgegnete ich stotternd, »von der außerordentlichen Beschuldigung, welcher jener Theil meines Rufs, der jedem Menschen am meisten am Herzen liegt, eben erst entronnen ist?«

Er hatte nur einen kurzen Bericht darüber, der nach meiner Befreiung veröffentlicht wurde, in einem Wochenblatt gelesen und wünschte das Nähere zu hören. Ich verschob die Antwort.

Zu Hause angelangt, sorgte ich zuerst für die Bequemlichkeit meiner zwei unerwarteten Gäste; ich suchte mich dabei zu sammeln und heiter zu erscheinen. Erst Abends, als ich und Julius Faber mit einander allein waren, berührte ich den Gegenstand, der mir so schwer auf dem Herzen lastete. Ich rückte an seine Seite und erzählte ihm Alles – Alles, was im Wesentlichen hier aufgezeichnet ist, von der Sterbescene an in Doktor Lloyds Zimmer bis zu der Stunde, als ich Doktor Lloyds Kind an seines Vaters Grab erblickte. Einige von den Vorgängen und Gesprächen, welche den tiefsten Eindruck auf mich gemacht hatten, waren von mir schon zu Papier gebracht worden, weil ich fürchtete, meine Einbildungskraft könnte sonst zu ihrer eigenen Knechtung die Kettenglieder schmieden, die dem Gedächtniß entfielen. Faber hörte mir schweigend zu und unterbrach mich nur durch kurze, sachgemäße Fragen. Als ich fertig war, blieb er eine Weile gedankenvoll sitzen; dann sprach der große Arzt folgendermaßen:

»Ich nehme für ausgemacht an, daß Sie überzeugt sind von der Wirklichkeit alles dessen, was Sie mir sagten – selbst des leuchtenden Schattens und der körperlosen Stimme; aber ehe ich die Realität selbst zugestehe, müssen wir von dem alten Grundsatz ausgehen, Ursachen nicht im Bereich des Wunderbaren zu suchen, so lang sich eine Wirkung mit größerer Wahrscheinlichkeit vernunftgemäß aus natürlichen Ursachen ableiten läßt. Und die letzteren liegen in Ihrem Fall nicht so ferne.«

»Die wären?«

»Hören Sie mich an. Sie sind einer von den Menschen, welche ihre Einbildungskraft zu ersticken suchen. Aber jede vollkommene Intelligenz hat auch Imagination, die ihre Rechte geltend macht; gestattet man ihr keinen gesunden Erguß, so sucht sie durch krankhafte Kanäle Luft zu gewinnen. Doktor Lloyds Sterbebett hat auf ihr Herz einen weit tieferen Eindruck gemacht, als Ihr Stolz einzugestehen geneigt ist. Dies geht klar hervor aus der Mühe, die Sie sich gaben, Ihr Gewissen zu erleichtern – aus Ihrer Großmuth gegen die Waisen. Wo das Herz gerührt ist, gewinnt die Einbildungskraft Spielraum, und ohne Ihr Wissen war sie vorbereitet, auf Berufungen an Sie anzusprechen. Ihre plötzliche Liebe, die in dem Zubehör desselben Hauses aufschoß, an das sich vornweg so seltsame und romanhafte Erinnerungen knüpften; das eigenthümliche Temperament und Wesen des Mädchens, das Ihre Liebe fesselte; ihr Glaube an die eigenen Visionen und die ängstliche Sorge, welche Ihrer Liebe die tiefere Poesie der Sentimentalität eingoß – Alles dies wirkte unmerklich zusammen, um die Einbildungskraft in den Bann des Wunderbaren zu ziehen; und während Sie Ihre Kräfte übermäßig anstrengten, jedes seltenere Phänomen mit den positivsten Naturgesetzen in Einklang zu bringen, konnte Ihr Verstand zuletzt keine andere Lösung mehr finden als im Uebernatürlichen.

»Sie besuchen einen Mann, der Ihnen sagt, er habe Sir Philipp Dervals Geist gesehen. Am nämlichen Abend hören Sie eine seltsame Geschichte, in welcher Sir Philipps Name in Verbindung gebracht wird mit einem Mord, bei dem zwei geheimnißvolle angebliche Magier eine Rolle spielen – Ludwig Grayle und der Weise von Aleppo. Die Erzählung spricht Ihre Phantasie in so hohem Grade an, daß sogar die schreiendste Unwahrscheinlichkeit in Betreff eines nicht unwichtigen Punktes Ihrer Beachtung entgeht – ich meine den Bericht über die Gerichtsverhandlung, in welcher der Indizienbeweis sich viel leichter erzielen ließ, als in der ganzen übrigen Geschichte, und die jedenfalls nicht in der Weise stattgefunden haben konnte, wie sie erzählt wurde. Aber so geht's, sobald der Geist, wenn auch ohne Vorwissen, anfängt, dem Schatten des Uebernatürlichen Zugeständnisse zu machen; was zunächst liegt, wird von dem Auge übersehen, das einmal im Dunkeln sich zurecht finden will. Fast unmittelbar nachher werden Sie mit einem jungen Fremden bekannt, dessen Charakter Sie interessirt und verwirrt – der Sie anzieht und zugleich empört. Während dieser Zeit sind Sie mit einem physiologischen Werk beschäftigt, das Ihr Gehirn sehr in Anspruch nimmt und in dem Sie die verwickelte Frage behandeln, ob die Seele etwas vom Geist verschiedenes sei.

»Und hier nehme ich, tief verborgen unter dem, was die Metaphysiker latente Associationen nennen, eine Ursache für meine Gedankenkette wahr, welche Sie darauf vorbereitete, die phantastischen Eindrücke aufzunehmen, die nachher durch die Scene in dem Museum und durch die visionären Reden des Sir Philipp Derval auf Sie gemacht wurden. Ohne Zweifel sind Sie auf der Universität, als Sie Metaphysik studirten, bekannt geworden mit Beattie's Abhandlung über die Wahrheit, in welcher dieser Autor Ihren Liebling, David Hume, zu widerlegen sucht.«

»Ja, ich habe diese Schrift gelesen; doch ist seine Beweisführung längst meiner Erinnerung entfallen.«

»In dieser Abhandlung citirt Beattie Beattie's Abhandlung über die Wahrheit, 1. Theil, Kap. II. 3. Die Geschichte von Simon Browne befindet sich in dem Adventurer. das außerordentliche Beispiel Simon Browne's, eines gelehrten und frommen Geistlichen, der sich einbildete, durch Einwirkung göttlicher Gewalt sei seine Seele vernichtet worden und an ihrer Statt nichts zurückgeblieben, als ein Lebensprinzip, das er mit den Thieren gemein habe. Wenn Sie vor Jahren als ein denkender, imaginativer Student zu diesem Abschnitt kamen, haben Sie wahrscheinlich dabei inne gehalten und in ihrem Geist oder in ihrer Einbildungskraft erwogen, wie sich etwa ein Mensch gestalten dürfte, der zwar menschliches Leben und bloßen menschlichen Verstand besäße, aber der Vermögen und Eigenschaften beraubt wäre, welche die Philosophen mit dem Vorhandensein der Seele in Verbindung bringen. Könnte nun nicht etwas in diesem jungen Mann, ohne daß Sie selbst es wissen, die vergessene Kette meditativer Ideen geweckt haben? Seine Furcht vor dem Tod als dem endlichen Aufhören des Seins, der thierartige Mangel an Sympathie für sein Geschlecht, seine Unfähigkeit, die Beweggründe zu begreifen, welche den Menschen veranlassen, Entwürfe zu machen und zu bauen für eine Zukunft, die sich über sein Grab hinaus erstreckt – Alles dies tritt vor Sie hin in einem Augenblick, in welchem Ihr Geist durch Anstrengung überreizt ist und Ihre Einbildungskraft sich in fieberischer Aufregung befindet in Folge Ihres Forschens nach der Lösung von Problemen, die eine auf Ihr System gebaute Philosophie nie zu lösen vermag. Die Reden des jungen Mannes wirken nicht nur auf Ihre Phantasie, sondern beunruhigen auch Ihre Neigung. Er spricht von Arzneistoffen, welche die Jugend erneuern, von Zaubern, welche Liebe sichern. Während Sie dies hören, zittern Sie für Lilian! Und mit so in Anspruch genommenem Gehirn, mit so entflammter Imagination und so erregtem Herzen begegnen Sie dem Sir Philipp Derval, dessen Geist einige Wochen früher Ihr Patient gesehen zu haben glaubte.

»Dieser Mann, der sich mit dem Studium verborgener Wissenschaften abgegeben und dabei vielleicht manche Naturgeheimnisse kennen gelernt hat, die außer dem Bereich unserer conventionellen Erfahrung liegen, obschon eine Analyse derselben vielleicht den Beweis liefert, daß sie sich wohl mit einer nüchternen Wissenschaft vertragen, erschreckt sie mit einer unbestimmten geheimnißvollen Anklage gegen den jungen Menschen, der Ihnen schon vorher eine Ausnahme von den gewöhnlichen Sterblichen zu machen schien. In einem Zimmer, in welchem die todten Ueberreste einer seelenlosen Thierwelt aufgehäuft waren, wird Ihr Gehirn durch die Dämpfe irgend einer Drogue berauscht, welche die in den abergläubischen Bräuchen des Orients nicht ungewöhnlichen Wirkungen hervorbringt, und nun werden Ihnen die früher schon vorhandenen unbestimmten Eindrücke deutlich. Margrave identificirt sich Ihnen mit dem Ludwig Grayle, von dem Sie einmal eine dunkle Sage vernommen hatten, und alle Anomalien in seinem Charakter finden darin eine Erklärung, daß er zu dem wird, was etwa Ihrem physiologischen Werk zufolge der Mensch sein könnte, wenn er nur aus Körper und Geist, nicht aber auch aus Seele bestünde. Sie erschrecken vor dem Ungeheuer, zu dem der Mensch würde, wenn Ihre Theorie möglich wäre, und um auch in diesem Ungeheuer die Widersprüche zu versöhnen, erklären Sie sich die Kenntnisse und die Vermögen, die ein Geist ohne Seele nicht hätte erlangen können, damit, daß Sie ihnen trümmerhafte Erinnerungen aus einem früheren Dasein, dämonische Eigenschaften, geschöpft aus einer früheren Vertrautheit mit der schwarzen Magie, beilegen. Mein Freund, hier ist nichts, was Sie nicht selbst befriedigend zu lösen vermöchten, wenn Sie über die krankhaften Idiosyncrasieen nachdenken.«

»Sie halten demnach Alles, was meine Sinne als Wirklichkeit angesprochen hat, für Selbsttäuschung,« versetzte ich. »Aber,« fügte ich mit einem Flüstern, und fast über meine eigene Frage erschrocken, bei, »sind nicht die Physiologen in dem Punkt einverstanden, daß trügerische Phantasmen zwar den Gesunden wie den Kranken umspuken können, der Gesunde aber sie als Illusionen erkenne, was bei dem Geistesirren nicht der Fall sei?«

»Diese Unterscheidung,« antwortete Faber, »ist viel zu willkührlich und schroff, als daß sie in ihrer Allgemeinheit und ohne Verklausulirung angenommen werden könnte. Müller, der über diesen Gegenstand vielleicht die beste Autorität ist, sagt mit klugem Vorbehalt: »Wenn eine geistig gesunde Person Gespenster sieht und sie für wirklich hält, so muß sie eben einen unvollkommenen Gebrauch von ihrem Verstand machen.« Müllers Physiologie der Sinne Es wäre sehr kühn von einem Arzt, wenn er behaupten wollte, jeder Mensch, der einen Geist gesehen zu haben glaubt, sei wahnsinnig. In einer interessanten Abhandlung über gespenstische Illusionen erzählt uns Doktor Abercrombie von einem Dienstmädchen, welches glaubte, sie sehe zu den Füßen ihres Bettes die Erscheinung Currans in einer Matrosenjacke und in einem ungeheuern Backenbart. Abercrombie, über die intellektuellen Vermögen, 15. Auflage. Ohne Zweifel war das Gespenst eine Illusion, und Abercrombie erklärt sehr sinnreich, die Ideenverknüpfung, durch welche die Erscheinung hervorgerufen wurde, aus den schauerlichen Beigaben der Jacke und des Backenbarts; aber das Dienstmädchen, das an die Wirklichkeit des Geschehenen glaubte, war sicherlich nicht geisteskrank. Wenn ich in den amerikanischen öffentlichen Blättern Zur Zeit der Besprechung Fabers mit Allen Fenwick hatten sich die sogenannten Geisterkundgebungen noch nicht von Amerika nach Europa verpflanzt; wenn es aber auch der Fall gewesen wäre, so dürfte dieser Umstand kaum etwas in Fabers Ansichten geändert haben. von »Geisterkundgebungen« lese, und dabei finde, daß eine große Anzahl Personen von wenigstens mittlerem Bildungsgrad erklärte, sie haben unterschiedliche Phantasmen mit angesehen, die vielleicht noch außerordentlicher sind, als Alles, was Sie mir vertraut haben, und daraus den Schluß ziehen, sie hätten direkt mit den Seelen hingeschiedener Personen verkehrt, so kann ich zwar annehmen, daß sie sich in einer Illusion befanden, bin aber durchaus nicht berechtigt, sie als wahnsinnig zu bezeichnen, weil sie an die Realität der Illusion glaubten. Es steht mir nur zu, mit Müller zu sagen, daß sie bei der Beurtheilung der Phänomene einen unvollkommenen Gebrauch von ihrem Verstand gemacht haben. Wenn auf unsere Sinne ein Eindruck geschieht, der an sich selten genug ist, um Verwunderung zu erregen, so kann er bis zu einem Grad verstärkt werden, daß er die Form einer positiven Thatsache annimmt, sobald allerlei Umstände dazu treten, die als bekräftigende Zeugnisse sich deuten lassen, obschon sie beim Licht betrachtet eben Ereignisse sind, wie sie alle Tage im gewöhnlichen Leben verkommen, und man nur ausdrücklicher auf sie hingewiesen wird, wenn wir rufen können: »Wie erstaunlich!« In Ihrem Fall kommt in der That manches merkwürdige Zusammentreffen vor, und es ist begreiflich, daß dadurch die Verwirrung, in die Ihr Verstand gerieth, erhöht wurde. Sir Philipp Dervals Ermordung, das fehlende Kästchen, der aufregende Inhalt des Manuskripts, an das sich bereits ein abergläubisches Interesse heftet in Ihrer Erwartung, darin den Schlüssel zu den Kräften, deren der Erzähler sich rühmte, und seine Gründe für die erstaunliche Anklage gegen den Mann zu finden, welchen Sie des Mordes verdächtig hielten. In alle dem liegt viel, was eine Illusion verstärken, ja sogar veranlassen kann, aber eben deßhalb ergibt sich auch, wenn man die strengen Gesetze des Beweises darauf anwendet, zugäblich daraus, daß es eine Illusion und nur eine Illusion war. Ihre Liebe trägt dazu bei, Ihre Phantasie in dem Kampf gegen den Verstand zu unterstützen. Das Mädchen Ihrer leidenschaftlichen Neigung entwickelt zu Ihrer Unruhe und Ihrem Schrecken das träumerische Temperament, das in ihrem Alter gern von phantastischen Launen begleitet auftritt. Sie hört Margraves Gesang, der Ihrer eigenen Aeußerung zufolge einen so wilden Zauber in sich hat, daß er sogar Sie ergreift und Ihre Nerven durchbebt. Wer kennt nicht die Gewalt der Musik? und von aller Musik ist keine so mächtig, als die der menschlichen Stimme. In manchen Sprachen sind Gesang und Zauber gleichbedeutende Ausdrücke, und wenn in unsern nüchternen Tagblättern ein Kritiker die Leistungen einer Malibran oder Grisi herausstreichen will, so darf man sicher darauf zählen, daß er von einer Zauberstimme sprechen wird. Diese Dame also, Ihre Verlobte, deren Nervensystem besonders empfänglich ist, hört eine nach Ihrem eigenen Zeugniß wunderbar melodische Stimme und sieht eine Gestalt und ein Gesicht, die Sie selbst für auffallend schön erklären müssen. Das Gehörte und Gesehene macht auf sie einen um so tiefern Eindruck, weil es sie an einen Traum oder an ein Gesicht erinnert. In dem Edelsinn einer ächten, vertrauensvollen ehrerbietigen Liebe greifen Sie, um ja nicht die Geliebte eines leichtfertigen Wankelmuths zeihen zu müssen, da Ihnen dies als Verrath erschienen wäre, lieber zu dem Hirngespinst einer ›magischen Bezauberung‹. So ist Ihre Gemüthsstimmung in dem Moment, in welchem sie niedersitzen, um die Denkschrift eines mystischen Schwärmers zu lesen. Geht Ihnen nun nicht ein Licht auf in Betreff des phosphorescirenden Schattens? Ein Traum! Und nicht weniger ein Traum, weil Ihre Augen offen waren und Sie zu wachen glaubten. Die kranke Einbildungskraft gleicht jenen Spiegeln, die, weil sie selbst verzerrt sind, statt der richtigen Bilder nur verzerrte wiedergeben.

»Und selbst diese Denkschrift des Sir Philipp Derval – wissen Sie auch gewiß, daß Sie wirklich den Theil gelesen haben, der sich auf Harun und Ludwig Grayle bezieht? Sie sagen, Sie hätten während des Lesens den leuchtenden Schatten gesehen und seien bewußtlos geworden. Das alte Weib dagegen gibt an, Sie hätten fest geschlafen. Könnten Sie nicht wirklich in Schlummer verfallen und in diesem den Abschnitt der Erzählung, welcher den Grayle betrifft, geträumt haben – auch geträumt, daß Sie den Schatten sehen? Ich erinnere Sie daran, was Abercrombie so richtig bemerkt, um die von mir versuchte Erklärung zu unterstützen: ›Eine Person kann unter dem Einfluß eines mächtigen geistigen Eindrucks auf einige Sekunden in Schlaf verfallen, vielleicht ohne daß sie es selbst gewahr wird; im Traum vergegenwärtigt sich ihr eine Scene oder ein Mensch, und sie fährt mit der Ueberzeugung auf, eine gespenstische Erscheinung gesehen zu haben.‹« Abercrombie, über die intellektuellen Vermögen, 15. Aufl. S. 278. – Dieser Autor, der eben so sehr wegen seiner Geistestiefe als wegen seiner Aufrichtigkeit Bewunderung verdient und ein weit originellerer Denker ist, als er in seiner Bescheidenheit zugestehen will, berichtet als Beleg für die Analogie zwischen Traum und gespenstischer Illusion eine interessante Anekdote, welche ihm ein befreundeter ausgezeichneter Arzt als eigenes Erlebniß mittheilte. ›Er war eines Abends in großer Sorge wegen eines seiner Kinder, das krank lag, lang aufgeblieben und endlich in seinem Stuhl eingeschlafen; da hatte er einen schrecklichen Traum, in welchem ein ungeheurer Pavian die Hauptrolle spielte. Vor Schrecken erwachte er, stand sogleich auf und ging nach dem Tisch, der sich in der Mitte des Zimmers befand. Er war jetzt vollkommen wach und erkannte die Gegenstände um sich her genau; aber dicht an der Wand, am Ende des Zimmers, sah er noch deutlich den Pavian, der die nämlichen Grimassen machte, wie in seinem Traum; und dieses Spektrum hielt ungefähr eine halbe Minute an.‹ Nun wird ein Mensch, der einen Pavian sieht, bereitwillig zugeben, daß es nur eine optische Täuschung ist; hätte ihm der Traum aber in ähnlich nachhaltiger Weise einen abwesenden Freund vorgeführt, der zufällig um dieselbe Zeit gestorben wäre, so würde schon ein klarer Geist dazu gehören, um der Erscheinung des Freundes dieselbe natürliche Lösung unterzustellen, wie der des Affen.

»Aber die Erscheinung zeigte sich mir später wieder,« entgegnete ich, »und damals schlief ich sicherlich nicht.«

»Richtig; aber wer weiß besser, als ein so belesener Arzt wie Sie, daß eine Spektralillusion, wenn sie einmal vorgekommen ist, stets in derselben Gestalt wiederzukehren pflegt? So wurde Göthe lang von einem Bild verfolgt, dem Phantom einer sich entfaltenden Blume, die stets neue Blüthen trieb. Vergleiche Müllers Bemerkungen über diese Erscheinung in dessen Physiologie der Sinne. Einer unserer ausgezeichnetsten Physiker erzählt uns von einer ihm bekannten Dame, die ihren Gatten sah und ihn umhergehen und sprechen hörte, wenn er auch nicht im Hause war. Sir David Brewsters Briefe über natürliche Magie, S. 39. Ich könnte Ihnen eine Menge von Beispielen aufführen, in welchen Phantasmen, denen man einmal Zutritt gestattete, sich wiederholten. Zahlreiche Aufzeichnungen finden Sie bei Hilbert und Abercrombie, und jeder Arzt von ausgedehnter Praxis ist in der Lage, die Liste zu vergrößern. Angestrengtes Sichinsichselbstzurückziehen übt an sich schon eine bedeutende magische Wirkung. Die Magier des Morgenlandes bezeichnen Fasten, Einsamkeit und Nachdenken als unerläßliche Erfordernisse zu gehöriger Entwicklung ihrer eingebildeten Kräfte. Und ich zweifle auch ganz und gar nicht an der Wirkung; denn Fasten, Einsamkeit und Nachdenken – mit andern Worten, der Gedanke und die Phantasie, mit Nachdruck concentrirt, sind geeignet, Erscheinungen hervorzurufen und in dem Beschwörer den Glauben daran zu erzeugen. Als Spinello für sein Gemälde, die gefallenen Engel, sich das Bild Lucifers zu vergegenwärtigen suchte, sah er sich zuletzt wirklich von dem Schatten des Teufels verfolgt. Selbst Newton war einem Phantom unterworfen, obschon sich diesem Sohn des Lichts das Spektrum als das der Sonne vergegenwärtigte. Sie erinnern sich, wie er diese Erscheinung in einem Brief an Locke schildert. Er sagt, obschon er nur mit seinem rechten, und nicht mit dem linken Auge in die Sonne geschaut, habe doch seine Phantasie angefangen, sich einen Eindruck auch in dem letztern zu bilden; denn wenn er sein rechtes Auge schloß und mit dem linken auf die Wolken, auf ein Buch oder sonst einen hellen Gegenstand schaute, so konnte er, wenn er nur seine Einbildungskraft eine kurze Zeit dabei verweilen lassen wollte, die Sonne fast eben so deutlich sehen, wie mit dem rechten; ja, selbst Monate nachher, wenn er über die Erscheinung nachzudenken begann, pflegte sogar, wenn er um Mitternacht bei niedergelassenen Vorhängen im Bette lag, das Sonnenspektrum zurückzukehren. Wir sehen daraus, daß ein einmal gemachter lebhafter Eindruck gern wiederkehrt; dürfen wir uns daher wundern, wenn Sie auch in Ihrem Gefängniß den lichten Schatten wieder schauten, der Sie in dem Gemach des Zauberers erschreckte, als Sie über dem Bericht des ermordeten Visionärs brüteten? Je genauer Sie Ihre eigenen Hallucinationen – entschuldigen Sie dieses Wort – zergliedern, desto mehr nehmen sie die gewöhnlichen Merkmale des Traumes an – unlogisch und widerspruchsvoll selbst in den Wundern, die sie darstellen. Können zwei Personen mehr von einander verschieden sein – nicht bloß in Beziehung auf Gestalt und Jahre, sondern auch auf alle Charakter-Elemente – als der Grayle, von dem Sie gelesen haben oder gelesen zu haben glauben, und der Margrave, von dem Sie augenscheinlich annehmen, daß in ihm jener Grayle noch fortlebe? Der Eine erscheint, wie Sie sagen, als ein finsterer Mensch mit heftigen Leidenschaften, aber ursprünglich als denk- und willenskräftiger Mann, der von innerlichen Gewissensbissen verzehrt wird; den Andern schildern Sie mir als einen leichtherzigen, launischen Liebling der Natur, verständig, aber doch ohne Tiefe, frei selbst von den gewöhnlichen Leidenschaften der Jugend, glücklich in unschuldigen Vergnügungen, zu nachhaltigem Studium unfähig und ohne Spur von Reue über die Verbrechen, die Sie ihm zur Last legen. Ihr so romanhaft zusammengetragener Argwohn wird widerlegt durch positive Thatsachen; es hat sich klar herausgestellt, daß Margrave weder Sir Philipp Derval ermordete, noch das Memoir entwendete. Gleichwohl spinnt Ihre Phantasie unwillkührlich an dem alten Faden fort, und um den Verdacht zu entschuldigen, den Ihr geistiger Stolz zu verbannen sich sträubt, nehmen Sie an, dieser junge Zauberer habe den Tollhäusler zum Mord, jenes alte Weib zum Diebstahl verleitet – –«

»Aber Sie vergessen, daß der Wahnsinnige erklärte, er sei durch den Schatten eines schönen Jünglings geführt worden, und daß das Weib gleichfalls ihr Handeln auf einen geheimnißvollen Antrieb bezog.«

»Ich lasse dieses Zusammentreffen nicht außer Acht, und Ihre Gelehrsamkeit müßte es als nichtig verwerfen, wenn Ihre Einbildungskraft nicht geneigt wäre, es allzu hoch anzuschlagen. Wenn Sie die authentischen Berichte über eine in den Volksglauben übergegangene Illusion lesen, zum Beispiel über die falschen Inspirationen der Jansenistischen Verzückungen, die Spukgeschichten in den Klöstern, welche in den Untersuchungsakten des Urban Grandier niedergelegt sind, über die Bekenntnisse der Hexen und Zauberer an weit von einander entlegenen Plätzen, oder in unsern Tagen die Erzählungen von ›Geisterkundgebung‹, wie sie in der Hälfte der Städte und Dörfer von Nordamerika veröffentlicht werden – müssen Sie sich dann nicht selbst sagen, daß alle die abergläubischen Eindrücke einer besonderen Zeit eine gemeinsame Familienähnlichkeit haben? Was der Eine sieht, sieht auch der Andere, obschon zwischen Ihnen keine Beziehung stattgefunden hat. Ich kann zwar den Grund nicht angeben, warum diese Phantasmen sich so häufig gewissermassen epidemisch zeigen, aber die Thatsache steht einmal fest. Und so wunderbar auch das Zusammentreffen solcher vermeintlichen mystischen Eindrücke auf verschiedene nichts von einander wissende Gehirne scheinen mag, so ist es doch eine philosophischere Behandlung des Gegenstands, wenn man, statt den Schlüssel im Ueberirdischen zu suchen, einfach sagt: ›Dieses Zusammentreffen verhält sich gerade so, wie die gleichmäßigen Behauptungen der Hexen, welche auf Besen zum Sabbath geritten zu sein und zum Aufspielen des Teufels getanzt zu haben glauben,‹ das Uebrige aber bewenden läßt, wie wir in der Wissenschaft so viele von den gewöhnlichsten und alltäglichsten Erscheinungen, die wir nicht auf ihre Ursachen zurückbeziehen können, unerklärt lassen müssen.«

»Wie Sie sprechen,« sagte ich, das gesenkte Haupt auf meine Hand stützend, »würde auch ich mit jedem Patienten gesprochen haben, der mir eine Geschichte, wie ich sie Ihnen erzählte, anvertraut hätte.«

»Und doch befriedigt Sie die Erklärung nicht ganz? Wohl möglich; denn für manche Phänomene haben wir zur Zeit noch keine Erklärung. Vielleicht konnte Newton selbst mit sich nicht befriedigend ins Klare kommen über die Frage, warum er um Mitternacht von dem Spektrum einer Sonne heimgesucht wurde, obschon ich nicht daran zweifle, daß inzwischen ein späterer Philosoph, der durch Newtons Bericht zum Nachdenken gespornt wurde, die rationelle Lösung des Räthsels gefunden hat. Newton erklärt die Sache in folgenden Worten: »Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, um Ihnen begreiflich zu machen, daß in der Beobachtung von Boyle die Phantasie des Mannes wahrscheinlich mit dem vom Sonnenlicht gemachten Eindruck zusammenwirkte, um das Phantasma der Sonne, das er stets auf hellen Gegenständen sah, hervorzurufen; es faßt daher Ihre Frage über die Ursache dieser Erscheinung eine andere über die Macht der Phantasie in sich, in deren Beantwortung ich, wie ich gestehen muß, einen allzuschweren Knoten finde. Man kann sie nicht wohl in einer constanten Thätigkeit suchen, weil sonst das Sonnenbild immer vorhanden sein müßte. Eher scheint sie in einer Disposition des Sensoriums zu liegen, die Einbildungskraft mächtig anzuregen, zugleich aber selbst leicht angeregt zu werden durch die Einbildungskraft sowohl, als durch das Licht, wenn immer helle Gegenstände vor das Auge treten. – Brief Sir I. Newtons an Locke, in Lord Kings Leben von Locke I. S. 405-8.
Dr. Roget (Thier- und Pflanzenphysiologie, in ihrer Beziehung zur natürlichen Theologie betrachtet, zur Serie der Bridgewaterbücher gehörig) spricht über diese Erscheinung, die, wie er sagt, wir alle an uns erfahren können, in folgenden Worten:
»Wenn die Eindrücke sehr lebhaft sind« (Roget spricht von den Gesichtseindrücken), »so tritt oft eine andere Erscheinung ein, ihr späteres Wiederkehren nämlich nach einem gewissen Zeitraum, während dessen sie nicht gefühlt werden, ohne daß die Ursache, welche sie ursprünglich erregte, aufs Neue einwirkte.« (Ich lasse die Worte, welche genauer mit der Erklärung des Julius Faber zusammenfallen, mit gesperrter Schrift abdrucken.) »Wenn wir zum Beispiel eine oder zwei Sekunden fest auf die Sonne blicken und dann plötzlich die Augen schließen, so bleibt das Bild oder Spektrum der Sonne noch geraume Zeit der Seele gegenwärtig, als wirke das Licht noch immer auf die Netzhaut ein. Dann wird es allmählig matter und verschwindet; lassen wir aber die Augen geschlossen, so wird nach einer gewissen Zeit derselbe Eindruck zurückkehren und wieder verschwinden, und diese Erscheinung kann sich öfter wiederholen, nur daß bei jeder späteren Erneuung die Empfindung schwächer wird«. Wahrscheinlich beruht dieses wiederholte Wiedererscheinen des Bilds nach Beseitigung des ursprünglich erregenden Lichtreizes auf spontanen Affektionen der Netzhaut, die dem Sensorium zugeleitet werden. In anderen Fällen, in welchen die Eindrücke weniger stark sind, beschränken sich vielleicht die physikalischen Veränderungen, welche diesem Wechsel zu Grunde liegen, auf das Sensorium!
Man kann sagen, zwischen dem Spektrum der Sonne und einem Phantom, wie es Allen Fenwick erschienen ist, bestehe doch ein Unterschied – die Sonne sei nämlich wirklich vorher geschaut worden, eh' ihre Nachbilder auftreten; Allen Fenwick aber habe sich bloß eingebildet, die Erscheinung gesehen zu haben, die sich seiner Phantasie wiederholt zeigte. »Aber es gibt Gründe, zu vermuthen (sagt Doktor Hilbert in seiner Theorie der Erscheinungen S. 250), daß bei sehr lebhaften Gesichtsvorstellungen eine entsprechende Affektion des Sehnerven die Illusion begleitet.« Müller gibt in seiner Physiologie der Sinne dieser Ansicht einen noch kräftigeren Ausdruck, und Sir David Brewster sagt in dem von Hilbert S. 251 aufgeführten Citat: »Bei Untersuchung dieser Eindrücke auf das Vorstellungsvermögen habe ich gefunden, daß sie den Bewegungen des Augapfels gerade so folgen, wie die Spektraleindrücke leuchtender Gegenstände, und daß sie ihnen in ihrer augenscheinlichen Unbeweglichkeit gleichen, wenn das Auge durch äußere Gewalt dislocirt ist. Wenn dieses Resultat als ein allgemeines erfunden werden sollte (ich spreche mit Mißtrauen, da ich nur meine eigene Erfahrung als Gewähr einlegen kann), so würde daraus folgen, daß die Objekte eines geistigen Schauens dem Vorstellungsvermögen eben so deutlich werden können, wie die äußerlichen, und daß sie dieselbe örtliche Stellung in der Gesichtsachse einnehmen, als wenn sie eine wirkliche Lichtwirkung wären.« Deßhalb ist der Eindruck eines dem Sensorium zugeführten Bildes, gleichviel ob wirklich oder nur in der Vision geschaut, der Erinnerung zugänglich, »ohne daß die erregende Ursache neu einzuwirken braucht,« und man kann diese erneuerten Bilder eben so deutlich sehen, wie äußere Gegenstände, »da in der That die Rückkehr der phantastischen Gestalt auf eine Affektion derselben Netzhautpunkte beruht, auf welche der frühere Eindruck gewirkt hat.«
Um auf Ihren eigenen Fall zurückzukommen – ich habe die Geheimnisse, welche Sie verwirren, in einer Weise zu deuten gesucht, die in der wissenschaftlichen Physiologie ihre Berechtigung findet. Sollten Sie andere Thatsachen herbeiziehen wollen, bei denen es der Physiologie an Daten fehlt, um ihren natürlichen Hergang zu erklären – dies mag in seltenen Fällen vorkommen – so verweise ich Sie einfach auf den Ausspruch von Göthe: ›Geheimnisse sind nicht nothwendig Wunder.‹ Erst wenn uns die ganze Erfahrung der Physiologie im Stich läßt, können wir unter Anerkennung unserer Unwissenheit zu gewissen Muthmaßungen in Betreff des Wunderbaren unsere Zuflucht nehmen; denn wo die Wissenschaft auftritt, weicht das Wunderbare, wie umgekehrt das Letztere vorrückt, wo die Wissenschaft sich zurückzieht. Aber selbst bei solchen Muthmaßungen muß ich stets das Wunderbare unterscheiden von dem Uebernatürlichen. Im gegenwärtigen Fall rathe ich Ihnen, sich an die Deutung zu halten, welche am besten geeignet ist, die aufgeregte Einbildungskraft zu beruhigen, da jede gewagtere Vermuthung sie nur noch mehr aufreizen würde.«

»Sie haben Recht,« sagte ich, stolz mich zu meiner ganzen Leibeshöhe aufrichtend, den Kopf hoch getragen und das Herz trotzig. »Dieser Gegenstand soll nicht wieder zwischen uns erneut werden. Ich will mir ihn aus dem Sinn schlagen. So gewinne ich wieder die unumwölkte Herrschaft über meinen Verstand, der mich befähigen wird, des Zauberers zu spotten und das Gespenst zu verachten.«

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