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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 45
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Vierundvierzigstes Kapitel.

Am andern Tag füllte sich mein Haus mit Besuchen. Nie hätte ich geglaubt, daß ich so viele Freunde besaß. Herr Vigors schrieb mir einen schönen Brief, in welchem er seine Vorurtheile gegen mich, die er mit seiner Theilnahme für den armen Doktor Lloyd entschuldigte, eingestand und mich um Verzeihung bat wegen seiner Härte, die er für Gerechtigkeit gehalten. Was mich aber am meisten ergriff, war der Eintritt Strahans, der mit der Herzlichkeit der alten Universitätsjahre auf mich zustürzte.

»Oh! mein theurer Allen, werden Sie mir je mein Mißtrauen in Ihr Wort und den Argwohn vergeben, daß Sie meines seligen Verwandten Memoir unterschlagen haben könnten?«

»So ist es also aufgefunden?«

»Ja; Sie haben es Margrave zu danken. Sie wissen, der kluge Bursche kam gestern zu mir auf Besuch, und da brachte er mich sogleich auf die rechte Spur. Rathen Sie einmal – aber wie könnten Sie? Jene nichtswürdige alte Haushälterin war es, welche die Schrift entwendet hatte. Sie erinnern sich, daß sie, als Sie darin lasen, ins Zimmer kam. Sie hörte uns davon sprechen. Dies weckte ihre Neugierde, und sie hätte gar zu gern die Geschichte ihres alten Herrn selbst gelesen. Sie konnte nicht schlafen, und als sie mich zu Bett gehen hörte, dachte sie, daß Sie, wenn Sie selbst auch zur Ruhe gingen, das Buch auf dem Tisch liegen lassen würden. Sie schlich die Treppe hinunter, guckte in der Halle durch das Schlüsselloch und sah Sie mit dem Buch vor sich schlafen; nun trat sie ein, nahm das Manuskript leise auf, um den Inhalt einzusehen, und wollte es dann wieder zurückbringen. Sie schliefen so tief, daß sie dachte, Sie würden vor einer Stunde nicht wieder erwachen, weßhalb sie es, die Thüre offen lassend, nach der Bibliothek trug und dort zu lesen begann. Anfangs kam sie auf lateinische Stellen; sie blätterte weiter in der Hoffnung, einen englischen Text zu finden, und brachte dabei, weil sie ein blödes Gesicht hatte, das Buch ganz nahe an das Licht. Auf einmal hörte sie, daß Sie im Schlafe ein Geräusch machten. Erschreckt schaute sie um. Sie bewegten sich unruhig in ihrem Sitz und murmelten vor sich bin. Aber nun wurden ihre Blicke durch die Folgen ihrer eigenen Neugierde und Thorheit von Ihnen abgelenkt. Beim Umsehen hatte sie nämlich, ohne es zu merken, das Manuskript dem Licht zu nahe gebracht; die Blätter fingen Feuer, und erst der Brand ihres Haubenbandes unterrichtete sie von dem Unheil, das sie angestiftet hatte. Sie warf das Buch nieder; da aber auch ihr Aermel brannte, so hatte sie Noth, denselben, der zum Glück nicht angenäht war, abzureißen. Erst jetzt gewann sie Geistesgegenwart genug, nach dem Buche zu sehen, dessen Blätter inzwischen halb in Asche verwandelt worden waren. Sie wagte es nicht, den Ueberrest des Manuskripts wieder auf Ihren Tisch zu legen, und kehrte damit nach ihrem Zimmer zurück, um es daselbst zu verstecken und den Vorgang geheim zu halten. Wer wäre auch auf dies verfallen? Ich hatte nie mit ihr über die Sache gesprochen, und als ich gestern Abend Margrave von dem Verschwinden des Buches und meinem Mißtrauen gegen Ihre Geschichte erzählte, entgegnete er in seiner heitern Weise: ›Aber glauben Sie, Fenwick sei die einzige Person, welche neugierig ist, etwas von den wundersamen Schicksalen Ihres Verwandten zu erfahren? Dasselbe läßt sich jedem Dienstboten dieses Hauses zutrauen. Haben Sie in dieser Richtung Nachforschungen angestellt?‹ ›Nein; an dieses habe ich nicht gedacht.‹ ›So thun Sie's jetzt. Nehmen Sie namentlich die alte Haushälterin ins Verhör. Ich war vor einigen Wochen hier, um das Haus zu betrachten, und bemerke jetzt gegen damals eine große Veränderung in ihrem Benehmen. Ich sehe es ihren Augen an, daß sie etwas auf dem Herzen hat.‹ Auch mir fiel jetzt die Veränderung in dem Wesen des Weibsbildes auf, denn sie schien immer in Angst und Unruhe zu sein. Ich begab mich unverweilt nach ihrem Zimmer und beschuldigte sie ins Gesicht, daß sie das Buch gestohlen habe. Sie fiel auf die Kniee nieder und gestand die Geschichte, wie ich sie Ihnen erzählt habe und wie sie alle erfahren sollen, gegen die ich meinen thörichten Verdacht auf Sie äußerte. Können Sie mir vergeben, alter Freund?«

»Von Herzen gerne. Und das Buch ist wirklich verbrannt?«

»Sehen Sie selbst.« Er zog das übel zugerichtete Manuskript aus der Tasche.

Seltsam – der verbrannte oder in unleserliche Blätterkohle umgewandelte Theil war gerade derjenige, der sich auf Harun und Grayle bezog – von dieser Schlußpartie keine Spur mehr vorhanden; die früheren Abschnitte waren versengt und verstümmelt, stellenweise aber noch entzifferbar, obschon ich bei einem hastigen Ueberblick in Beziehung auf die experimentativen Aufgaben, die der Verfasser so sorgfältig ausgearbeitet hatte, nur noch abgerissene Sätze wahrnehmen konnte.

»Wollen Sie das Manuskript in seinem jetzigen Zustand behalten, so lang Ihnen beliebt?« fragte Strahan.

»Nein, nein; ich will nichts mehr damit zu schaffen haben. Sprechen Sie einen anderen Mann der Wissenschaft darum an. Und dies ist die ganze Geschichte des alten Weibes? Kein Mitschuldiger? Hat sich Niemand an ihrer Neugierde und ihrer sauberen Arbeit betheiligt?«

»Nein. Aber sonderbar genug, sie entschuldigte ihre traurige Thorheit fast in derselben Weise, wie der Tollhäusler sein schreckliches Verbrechen. Der Teufel habe es ihr eingegeben, sagte sie. Natürlich, da alle schlimmen Einflüsterungen von ihm ausgehen; aber dies bessert nichts in der Sache.«

»Wie, will auch sie einen Schatten gesehen und eine Stimme gehört haben?«

»Nein, zu einer so verrückten Lüge hat sie sich nicht verstiegen; aber sie sagte, wie sie im Bett lag und über das Buch sich Gedanken machte, habe sie einen unwiderstehlichen Drang gespürt, aufzustehen und nach dem Studirzimmer hinunterzugehen. Sie betheuerte, gefühlt zu haben, daß Etwas sie an der Hand führte, betheuerte ferner, als sie anfangs gemerkt, daß das Buch nicht englisch sei, habe ihr etwas ins Ohr geflüstert, sie solle die Blätter umschlagen und in die Nähe des Lichtes bringen. Ich hatte jedoch keine Geduld, dieses Gewäsche anzuhören, und jagte sie sogleich mit Sack und Pack aus dem Haus. Aber ach, ist dies das Ende aller der großen Entdeckungen meines weisen Verwandten?«

Ja; von den Mühen, welche darauf hinarbeiteten, in die Karte der Wissenschaft neue Welten einzuzeichnen, die selbst in der Ueberlieferung nur wie eine Stimme aus dem Fabelland fortlebten, war nichts übrig geblieben, als da und dort die gestörte Spur eines kühnen Fußtritts! Die Hoffnung auf einen unvergänglichen Namen unter der stolzesten Hierarchie in dem geheimnißvollen Tempel Natur mit all dem Pomp des aufgezeichneten Experiments, das auf die Mysterien Egyptens und Chaldäas die Induktionen eines Baco und die Teste eines Liebig anwandte, sollte nichts hinterlassen, als einige Bruchstücke von Sätzen und zerrissene Probleme, die vielleicht hin und wieder ein wirrköpfiger Stubengelehrter sichtete oder verstümmelt und unverständlich zusammen stellte? O Menschengeist, können die Werke, auf welche du hienieden Unsterblichkeit gründest, in Rauch, in Asche aufgehen durch ein Stümpchen Licht in der Hand eines alten Weibes?

Nachdem Strahan sich entfernt hatte, ging ich aus, aber nicht um Kranke zu besuchen. Ich schlich mich auf Nebenwegen ins Feld hinaus, denn ich bedurfte der Einsamkeit, um meine Gedanken in Form und Ordnung zu bringen. Was war Blendwerk und was nicht? Hatte ich Recht, oder die öffentliche Meinung? War Margrave wirklich das unschuldigste und dienstwilligste menschliche Wesen, freundlich, wohlwollend und seinen wunderbaren Scharfsinn zu edeln Zwecken benützend? Oder hatte er durch dämonischen Zauber die Hand des Mörders gegen das Leben der Person gelenkt, die allein das seinige mit Gefahr bedrohte? War es ihm durch höllische Künste gelungen, auf das Weib so einzuwirken, daß sie das einzige Zeugniß von seiner ungeheuerlichen Wesenheit, den einzigen Beweis vernichtete, daß ich in dem Entsetzen, welches er mir einflößte, nicht das Spiel einer Sinnenverblendung gewesen sei?

Aber wenn die letztere Annahme zulässig schien, hatte er nicht seine Werkzeuge bloß benützt, um sie hintendrein zu verrathen, und zwar in einer Weise, daß kein Zurückschluß auf den Anstifter möglich war? Dann bemächtigten sich meiner wirre Erinnerungen an mittelalterliche Hexengeschichten, die ich als Knabe gelesen hatte. Fanden sich da nicht gerichtlich beglaubigte, feierlich und umständlich mit Zeugen belegte Berichte über Kräfte, ähnlich denen, welche dieser Margrave übte? Von Zauberern, die durch dämonische Einflüsse zur Sünde verleiteten, durch bewachte Mauern eindrangen und in der Einsamkeit der Kerker- oder Klosterzellen aus der Ferne ihre Stimmen vernehmlich werden ließen – welche die Opfer ihrem Willen durch Mittel unterwarfen, die keine Wachsamkeit entdeckt haben würde, wenn die Opfer selbst nicht Bekenntnisse abgelegt hätten, weil sie den sicheren schmählichen Tod, der einem solchen Geständniß folgte, einem so qualvollen Leben vorzogen? Konnten Geschichten, die in einer verhältnißmäßig neuen Zeit so gravitätisch im Pomp des richterlichen Zeugnisses auftraten, nur so bunt durcheinander als eine unverdaute Masse sinnlosen Aberglaubens, alle die Zeugen einfach als Lügner, die Opfer und Werkzeuge der Zauberer als Wahnsinnige betrachtet werden? Waren die Untersuchenden oder Richter in ihren feierlichen Abstufungen – Laien und Geistliche – von den niederen Gerichten an bis zu dem höchsten Appellationshof nur grausame und um ihrer Leichtgläubigkeit willen verächtliche Geschöpfe, oder lagen nicht vielleicht in den so zahlreichen und nachdrücklich beglaubigten Belegen die Bruchstücke einer schrecklichen Wahrheit? Handelten wir gerecht, wenn wir in den nun als barbarisch verschrieenen Gesetzen, durch welche unsere Vorfahren sich einer Geisel zu erwehren suchten, die furchtbarer und gewaltiger war, als der ehrliche Dolch des Mörders, nur einen Erguß finsterer Unwissenheit sehen wollten? Wenn es nun wirklich Personen gäbe, die schnöde in den geheimen Schlupfwinkeln des Herzens das Böse entzündeten, das unbestimmte, halb gebildete Verlangen zur That spornten und mit unsichtbaren und ungreifbaren Einwirkungen die unter ihrem zauberischen Einfluß stehenden Werkzeuge des Unglücks und des Todes leiteten?

Dies waren die düsteren Fragen, die sich mir aufwarfen – mir, der ich im Rufe stand, der strengste Verfechter des gesunden Menschenverstands gegen phantastische Irrthümer zu sein – mir, den sein Beruf darauf hinwies, im Blut und in den Geweben, in Muskel, Nerv, Knochen und Sehnen die Ursachen aller Krankheiten des menschlichen Organismus zu suchen – mir, der ich mich rühmte, ein skeptischer, philosophischer, materialistischer Arzt zu sein. Und dies geschah nicht etwa in unheimlichem Waldesschatten und unter einem unheimlichen Winterhimmel, sondern während ich mich langsam erging auf lachenden Wiesen, an den Ufern eines fröhlich dahin strömenden Flusses und in dem goldenen Licht einer Augustsonne – um mich her das Summen der Insekten in dem duftigen Gras, das Flattern der Vögel in dem zarten Grün der abwechselnd von Licht und Schatten belebten Zweige und in nicht großer Ferne die geschäftige Alltagswelt der Menschen mit ihren Mauern, Dachgiebeln und hoch aufstrebenden Kirchthurmspitzen. Dort weiß und modern die Handschrift unseres Geschlechts im praktischen neunzehnten Jahrhundert – das einfache Quadergemäuer mit den dorischen Säulen in dem Stadthaus mit seiner centralen Lage auf dem belebten Marktplatz. Und ich – ich – spähend in den lang vernachlässigten Ecken und Staubwinkeln der Erinnerung nach Dingen, die mein Verstand längst als werthlosen Unrath bei Seite geworfen hatte – mir neu vergegenwärtigend das Kauderwelsch des französischen Gesetzes in dem procès verbal gegen einen Gille de Retz oder einen Urbain Grandier und die Gerechtigkeit der Richtersprüche über Zauberei prüfend!

Die Kette dieses unheimlichen Selbstgesprächs durch ein Lachen über meine Thorheit sprengend, schlug ich einen schmalen Pfad ein, der durch eine stille, ländliche Vorstadt nach der Stadt zurückführte. Der Weg ging durch einen weiten, einsamen, am Fuße des Abteibergs gelegenen Kirchhof. Viele von den früheren Bewohnern jener Höhe thaten hier unten in der Niedrigkeit ihren letzten Schlaf. Der Platz in seiner traurigen Verzierung mit Grabsteinen, welche noch eifersüchtig nach Auszeichnungen rangen mitten in der gleichmachenden Demokratie des Todes, war mit der Sorgfalt gepflegt, welche halb dem Stolz, halb der frommen Erinnerung entstammt.

Ich setzte mich auf eine Bank zwischen den beschnittenen Eibenbäumen nieder, welche den Weg von dem Eingang bis zum Kirchenportal säumten, in der unbestimmten Hoffnung, meine wirren Gedanken könnten an dem ruhigen Ort selbst auch zur Ruhe kommen.

»Ach, daß ich einen einzigen Freund hätte,« murmelte ich vor mich hin, »dem ich unverholen alle die quälenden Räthsel vertrauen dürfte, welche ich nicht lösen kann – einen Busenfreund, der in meinem Herzen zu lesen vermöchte, versichert von dessen Wahrhaftigkeit und weise genug, mich in meinen Nöthen zu erleuchten.«

Und während ich so vor mich hinsprach, fiel mein Auge auf die Gestalt eines knieenden Kindes – dort in der fernsten Ecke des Kirchhofs neben einem Grabhügel, dessen neuer Stein in klarem Weiß gegen die älteren bemoosten Denkmäler der Sterblichkeit abstach. Es war ein Mädchen, welches den Kopf zu den gefalteten Händen niedergebeugt hatte. Ich konnte nur den Umriß der dunkelgekleideten kleinen Gestalt unterscheiden – ein Kind mitten unter Todten.

Meine Augen und Gedanken wandten sich wieder ab von der stummen Figur, denn ich war zu sehr in Anspruch genommen von meinen eigenen ruhelosen Zweifeln und Besorgnissen, als daß ich hätte Theilnahme fühlen können für ein knieendes trostbedürftiges Kind. Und doch hätte ich mich jenes Grabes erinnern sollen! Wieder murmelte ich vor mich hin: »Oh, wo ist der Freund, dem ich vertrauen kann!«

Ich hörte Schritte von dem Weg unter den Eibenbäumen. Und ein alter Mann kam mir zu Gesicht, leicht gebeugt und mit langem grauem Haar, aber noch kräftig genug für manches kommende Jahr, wie sich aus seinem festen, wenn auch langsamen Tritt, aus der starken Muskulatur seiner Glieder und aus dem stetigen Licht seines klaren blauen Auges entnehmen ließ. Ich fuhr auf. War es möglich? Dieses Gesicht, gefurcht von dem Ernst eines angestrengten Denkens, aber doch gewinnend durch seinen menschenfreundlichen Ausdruck und die ruhige Heiterkeit, welche den Frieden des Gewissens bekundete! – ich konnte mich nicht täuschen. Julius Faber stand vor mir. Der gründliche Patholog, dem gegenüber meine eigene stolze Selbstachtung ihre Unterordnung wohl anerkennen konnte, ohne sich gedemüthigt zu fühlen, der edle Wohlthäter, dem ich meinen geebneten Weg in der rauhen Rennbahn nach Ruhm und Vermögen verdankte. Ich hatte mich nach einem vertrauten Freunde gesehnt; was ich suchte, stand mir mit einemmal zur Seite.

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