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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 41
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Vierzigstes Kapitel.

Das Manuskript des Todten war fort. Aber wie? Ein Phantom konnte mein Auge blenden und, wenn in den Magnetismusgeschichten etwas Wahres lag, ein menschlicher Wille mich der Bewegung und des Bewußtseins berauben; aber sicherlich vermochte weder das eine noch das andere vom Tisch die materielle Substanz des verschwundenen Buches zu entfernen. Hatte ich die Aufklärung in den Zauberkünsten zu suchen, welche von dem Memoir Ludwig Grayle zugeschrieben wurden? Unmöglich konnte ich dieser Vermuthung Raum geben, gegen die sich meine Vernunft halb verächtlich, halb beunruhigt erhob. Es mußte Jemand ins Zimmer gekommen sein und das Buch mit sich fort genommen haben. Ich sah mich um. Die Fenster waren geschlossen und die Vorhänge zum Theil niedergelassen wie zu der Zeit, als ich das Bewußtsein verlor; Alles schien unangetastet zu sein. Ich nahm eines von den niedergebrannten Lichtern von dem Tisch und begab mich in die anstoßende Bibliothek, in die verödeten Prunkgemächer, selbst in die Halle hinaus und untersuchte das Hauptportal. Verschlossen und verriegelt! Der Dieb hatte keine Spur seiner Anwesenheit zurückgelassen.

Ich beschloß, unverweilt nach Strahans Zimmer zu gehen und ihn von dem Verlust zu unterrichten. Es war mir ein Werthgegenstand vertraut worden, und mein Gefühl sagte mir, jeder Moment, welchen ich dem Manne, dem ich mich dafür verantwortlich wußte, den Verlust verheimlichte, hafte als ein Flecken auf meiner Ehre. Ich eilte die große Treppe mit den grimmigen, verblichenen Porträts hinan und gerieth in einen langen Gang, der nach meinem eigenen, wahrscheinlich also auch zu Strahans Schlafgemach führte. Aber welches war es? Ich wußte es nicht. Ich öffnete rasch Thüre um Thüre, schaute in leere Gemächer hinein und tappte weiter, bis ich rechts in einem engen Gang die Zeichen von meines Wirthes Nähe erkannte – gewöhnliche Zeichen, durch welche der Bewohner eines Gemachs in jedem Wirths- oder Logirhaus sich kenntlich macht – ein Stuhl vor der Thüre, nachlässig darüber hingeworfene Kleider und ein Paar Schuhe. Und diese Zeugen von gewöhnlichem Alltagleben und von den Gewohnheiten, die Strahan sich in seinem nicht verwöhnten Junggesellenstand angeeignet haben mußte, erschienen mir in einem so lächerlichen Widerspiel mit den Wundern, von denen ich gelesen, und mit den noch unglaublicheren Dingen, die mir selbst zugestoßen waren, daß ich, als ich in den Gang einbog, das laute Echo meines eigenen unwillkührlichen Lachens vernahm. Der Ton wirkte aber so schreckend auf mich, daß ich im Wahne, er rühre von Jemand anders her, mit der Hand an der Thüre Halt machte und an mich selbst die Frage stellte: »Träume ich oder wache ich? Und wenn ich wache, was soll ich zu dem alltäglichen Menschenkind sagen, das zu wecken ich im Begriff stehe? Kann ich mit ihm von einem Phantom, von einem Bann, der meinen kräftigen Körper gefangen hielt, von einer geheimnißvollen Bewußtlosigkeit sprechen, in welcher mir ohne mein Vorwissen das mir vertraute Manuskript gestohlen wurde? Was wird er sagen? Was würde ich selbst noch vor einer Woche gesagt haben, wenn mir Jemand mit einer solchen Geschichte gekommen wäre? Ich wartete nicht, bis ich über diese Fragen mit mir im Reinen war, sondern trat in das Zimmer. Strahan lag tief schlafend in seinem Bette. Ich schüttelte ihn rauh. Er fuhr auf und rieb sich die Augen aus.

»Sie, Allen – Sie? Ei, zum Henker, was gibt es denn?«

»Strahan, ich bin bestohlen worden! Das Manuskript ist fort, das Sie mir gegeben haben. Ich konnte nicht ruhen, bis Sie davon unterrichtet waren.«

»Bestohlen? bestohlen? Sprechen Sie im Ernst?«

Strahan hatte mittlerweile die Decke zurückgeworfen, sich in seinem Bett aufgerichtet und sah mich jetzt mit großen Augen an.

Und nun drängten sich mir die Fragen, die mir zu schaffen gemacht hatten, als ich vor seiner Thüre stand, aufs Neue und zwar mit doppelter Gewalt auf. Diesem Menschen, diesem phantasielosen, hartköpfigen, rauhknochigen, gelbhaarigen Nordländer sollte ich eine Geschichte erzählen, die das leichtgläubigste Schulmädchen als Fabel verlacht haben würde? Unmöglich!

»Ich schlief ein,« sagte ich erröthend und stotternd, denn auch die geringste Abweichung von der Wahrheit war mir peinlich, »und – und – als ich erwachte – war kein Manuskript mehr da. Es muß Jemand eingetreten sein und den Diebstahl begangen haben –«

»Was, Jemand zu dieser Stunde der Nacht eingetreten – und bloß um eine Handschrift zu stehlen, die für ihn keinen Werth haben kann? Abgeschmackt! Wenn Diebe eindringen, so geschieht es wegen anderer Gegenstände – wegen des Silbergeschirrs oder des Geldes. Ich will mich anziehen; wir wollen nachsehen.«

Strahan warf sich in seine Kleider und murmelte, meinen Augen ausweichend, etwas vor sich hin. Ich sah ihm seine Verlegenheit an. Er wollte einem alten Freund nicht sagen, was ihm durch den Sinn ging; aber ich bemerkte wohl, daß er argwöhnte, ich habe die Absicht, ihn des Manuskripts zu berauben, und ein ungereimtes Mährchen erfunden, um meine Unehrlichkeit zu bemänteln.

Gleichwohl ging er an's Werk, die Untersuchung vorzunehmen. Gedrückt von meinem Gedanken folgte ich ihm schweigend. Ich sehnte mich nach der Einsamkeit meines Gemachs. Wir fanden Niemand, keine Spur, nichts, was Verdacht erregen konnte. Es waren nur zwei weibliche Dienstboten im Haus – die alte Haushälterin und ein Bauernmädchen, das ihr Handreichung that. Auf keine von diesen beiden Personen konnte man einen Argwohn werfen; aber im Lauf unserer Spähe öffneten wir auch ihre Kammerthüren. Wir sahen, daß sie in ihren Betten lagen und augenscheinlich schliefen. Was half es, wenn wir sie geweckt hätten? Nachdem wir mit unserer vergeblichen Nachforschung zu Ende waren, machte Strahan an der Thüre meines Schlafgemachs Halt, faßte mich zum erstenmal fest ins Auge und sagte:

»Allen Fenwick, ich würde gerne die Hälfte des Vermögens, in dessen Besitz ich gekommen bin, geben, wenn dies nicht vorgefallen wäre. Sie wissen, das Manuskript wurde mir als ein heiliges Pfand anvertraut von meinem Wohlthäter, dessen geringsten Wunsch gewissenhaft zu erfüllen ich verpflichtet bin. Wenn es etwas Werthvolles enthält für einen Mann von Ihrem Wissen und Ihrem Berufe, so stand es Ihnen frei, aus dem Inhalt Nutzen zu ziehen. Wir wollen hoffen, daß die Schrift morgen wieder zum Vorschein kommt.«

Er sprach nicht weiter, vermied die Hand, die ich ihm unwillkührlich darbot und zog sich rasch nach seinem Zimmer zurück.

Auf's Neue allein sank ich auf einen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit meinen Händen und versuchte vergeblich, meine stürmischen und ungeordneten Gedanken in eine bestimmte Form zu bringen. Konnte ich der wunderbaren Erzählung, die ich gelesen hatte, wirklich ernsten Glauben schenken? Waren in der That dem Menschen solche Kräfte verliehen, und lagen solche Einflüsse in dem ruhigen Laufe der Natur verborgen? Ich konnte es nicht glauben. Es war eine krankhafte Aufregung des Gehirns – ich mußte an einer Hallucination leiden. Hallucination? Das Phantom, ja – die Starrsucht, ja. Aber wo war das Buch hingekommen? Dies wenigstens konnte keine Hallucination, kein Sinnentrug sein.

Ich verließ am andern Morgen mein Zimmer mit der unbestimmten Hoffnung, das Manuskript irgendwo in dem Studirzimmer zu finden. Vielleicht hatte ich es in meiner Verzückung dort verborgen, wie ja gelegentlich Nachtwandler gethan haben sollen, ohne daß sie sich beim Erwachen des Geschehenen erinnern konnten.

Ich durchsuchte angelegentlich jeden denkbaren Platz, und Strahan fand mich noch in meinen hoffnungslosen Bemühungen beschäftigt. Er hatte in seinem eigenen Zimmer gefrühstückt, und es war elf Uhr, als er zu mir kam. Sein Benehmen war jetzt hart, kalt und abgemessen, sein Argwohn so deutlich, daß mein Kummer dem Unwillen wich.

»Ist's möglich,« rief ich entrüstet, »daß Sie, der Sie mich so gut gekannt haben, mich einer so schnöden Handlung fähig halten können, und noch dazu in einer Sache, für die gar kein vernünftiger Grund vorliegt? Ich sollte ein Buch verheimlichen und entwenden, das mir vertraut war mit der vollen Erlaubniß, daraus zu copiren, was mir gut dünkte – den Inhalt zu benützen in jeder Weise, die mir für die Wissenschaft förderlich oder für meinen Beruf vortheilhaft schien?«

»Ich habe Sie nicht beschuldigt,« versetzte Strahan störrisch. »Aber was soll ich Mr. Jeeves oder den Andern sagen, die von dem Vorhandensein des Manuskripts wissen? Werden sie das glauben, was Sie mir mitgetheilt haben?«

»Mr. Jeeves kann einen Mitbürger, dessen Ruf so hoch steht, wie der meinige, nicht der Unwahrheit und des Diebstahls verdächtig halten,« erwiederte ich. »Und wem sonst haben Sie etwas gesagt von den Umständen, welche mit dem Memoir und dem dasselbe betreffenden außerordentlichen Verlangen zusammenhängen?«

»Sie wissen es ja – dem jungen Margrave.«

»Richtig, richtig. Wir brauchen nicht weiter zu gehen, um den Dieb aufzufinden. Margrave ist mehr als einmal in diesem Haus gewesen. Er kennt die Lage der Zimmer. Sie haben den Namen des Räubers genannt.«

»Bst! Was auf Erden könnte ein lebensfroher junger Mensch wie Margrave von einem Buch wollen, das so trocken und geheimnißvoll ist, wie mir das Manuskript meines seligen Verwandten zu sein scheint?«

Ich war im Begriff zu antworten, als plötzlich die Thüre aufging und das Dienstmädchen eintrat. Ihr folgten zwei Männer, von denen ich den einen als den L– – er Polizeikommissär, in dem andern den Polizeidiener erkannte, der mich bei Sir Philipps Leiche betroffen hatte.

Der Polizeikommissär trat mit ernstem Gesichte auf mich zu und flüsterte mir in's Ohr. Ich verstand ihn anfangs nicht. »Mit Ihnen kommen,« sagte ich, »und zu dem Friedensrichter Vigors? Ich dachte, mein Protokoll sei geschlossen.«

Der Polizeikommissär schüttelte den Kopf. »Ich habe hier die Vollmacht, Doktor Fenwick.«

»Ich komme natürlich. Hat man eine Entdeckung gemacht?«

Der Kommissär wandte sich an das Dienstmädchen, das mit offenem Munde und glotzenden Augen dastand. »Führe Sie uns nach Doktor Fenwicks Zimmer.« Dann flüsterte er mir wieder zu: »Sie werden gut thun, was Sie mit hergebracht haben, beizustecken. Ich will Sie die Treppe hinauf begleiten. Kommen Sie, Doktor; ich bin hier in Erfüllung meiner Pflicht.«

In dem Benehmen des Mannes lag etwas so Finsteres und Drohendes, daß mir mein Inneres sagte, es habe mich ein neues Unglück betroffen. Ich wandte mich gegen Strahan. Er stand auf der Schwelle und besprach sich leise mit dem Polizeidiener; auch bemerkte ich einen Ausdruck von Staunen und Schrecken auf seinem Gesicht. Als ich mich ihm näherte, schoß er, ohne ein Wort zu sprechen, von mir fort.

Ich ging, den Polizeikommissär dicht hinter mir, die Treppe hinauf nach meinem Schlafgemach. Als ich mechanisch die wenigen Dinge, die ich mitgebracht hatte, zusammenraffte, nahm sie mir der Beamte mit einer Hast, die sich wie Unverschämtheit ausnahm, weg und durchsuchte bedächtig die Taschen des Ueberrocks, den ich am Abend vorher getragen; dann öffnete er die Kommode im Zimmer und visitirte sogar mein Bett.

»Was hat dies zu bedeuten?« fragte ich stolz.

»Entschuldigen Sie, Sir. Dienstpflicht. Sie sind – –«

»Nun, was bin ich?«

»Mein Gefangener. Hier ist der Haftbefehl.«

»Haftbefehl? Auf welchen Grund?«

»Wegen Ermordung des Sir Philipp Derval.«

»Ich – ich? Ermordung!« Ich vermochte nicht weiter hervorzubringen.

Eilen wir über diesen schrecklichen Abschnitt in meiner wunderbaren Geschichte hinweg. Es ist eine Qual, bei den Einzelnheiten zu verweilen, und in der That, ich bin so sehr bemüht gewesen, sie aus meiner Erinnerung zu verscheuchen, daß sie sich jetzt nur noch in häßlichen Bruchstücken mir vergegenwärtigen, wie die abgebrochenen unzusammenhängenden Ueberreste eines schrecklichen Traumes.

Nur Folgendes ist anzuführen nöthig. An dem Frühmorgen des Tages meiner Verhaftung hatte ein Mann, ein Fremdling in der Stadt, Herrn Vigors in seiner Wohnung einen Besuch gemacht und ihm eröffnet, daß er in der Mordnacht gegen den plötzlichen Gewitterregen unter den Vorsprüngen der Strebepfeiler neben dem alten Bogengang Schutz gesucht habe; dort sei er Zeuge eines Gesprächs von zwei unter dem Bogen befindlichen Männern gewesen, von denen der eine sagte: »Sie sind mir noch immer böse,« worauf der andere antwortete: »Ich kann Ihnen nur unter einer Bedingung vergeben.« Von der nun folgenden Unterhaltung, die mit leiserer Stimme geführt wurde, habe er nicht viel, aber immerhin genug verstanden, um daraus zu entnehmen, daß die Bedingung die Auslieferung eines Kästchens betraf, welches der Andere mit sich führte. Ueber diesen Punkt scheine zwischen beiden ein Wortwechsel entstanden zu sein, welcher, der Stimme nach zu urtheilen, von dem, der das Kästchen verlangte, mit großer Heftigkeit geführt wurde; dieser habe nämlich zum Schluß in lautem Tone gerufen: »Sie verweigern es mir noch immer?« und auf die Antwort, welche der Zeuge nicht verstanden, drohend beigefügt: »Sie werden es zu bereuen haben;« dann sei er unter dem Bogen hervor in die Nacht hinausgetreten. Der Regen habe aufgehört gehabt, Zeuge aber bei dem hellen Scheine eines Blitzstrahls deutlich den sich Entfernenden wahrgenommen, einen großen Mann von kräftigem Gliederbau und aufrechter Haltung. Einige Zeit nachher sei ein kleinerer älterer Mann unter dem Bogen hervorgekommen; er habe denselben, da das Blitzen aufgehört, nur an dem Flackerlicht der an der Wand brennenden Gaslampe unterscheiden können, sei aber des festen Glaubens, daß es die nämliche Person gewesen, in welcher er nachher den Sir Philipp Derval erkannte.

Ueber sich selbst gab er an, er sei nur wenige Stunden vorher in die Stadt gekommen – ein Fremder in L– –, wie überhaupt in England, denn er komme aus den vereinigten Staaten Amerikas, wo er von Jugend auf gelebt habe. Er sei zu Fuß nach L– – gekommen, in der Hoffnung, hier einige Verwandte aufzufinden, habe in einem kleinen Wirthshause Quartier genommen und einen Gang durch die Stadt gemacht, als er plötzlich durch das Gewitter überrascht wurde, das ihn bewog, Schutz zu suchen. Da es ihm nicht gelungen, den Rückweg nach seiner Herberge zu finden, habe er nach langem vergeblichem Umherwandern, und weil ihm in der späten Nachtstunde Niemand begegnete, der ihn zurechtweisen konnte, sich unter einem Portikus niedergelegt und zwei oder drei Stunden geschlafen. Als er um die Morgendämmerung erwachte, habe er sich wieder aufgemacht, um den Weg nach seinem Wirthshause zu suchen, jetzt aber in einer engen Straße zwei Männer bemerkt, von denen der eine der größere von den beiden gewesen sei, deren Gespräch unter dem Bogen er belauschte; den andern habe er im Augenblicke nicht erkannt. Der Größere sei ihm sehr aufgeregt und zornig erschienen, und er habe ihn sagen hören: »Das Kästchen; ich will es haben«. Dann sei es zwischen den beiden zu einem Streit gekommen, in welchem der Größere den Kleineren zu Boden streckte und ihm auf die Brust kniete; er habe dabei deutlich das Blitzen eines stählernen Instruments wahrgenommen. Vor Schrecken habe er sich nicht von der Stelle rühren können, und obschon er geschrieen, so glaube er doch nicht, daß seine Stimme gehört worden. Der Größere sei dann aufgestanden, der Kleinere aber regungslos auf der Straße liegen geblieben; Zeuge habe etwa eine Minute später ein Paar Polizeidiener herankommen sehen und sei dann weggegangen. Er habe nicht gewußt, daß ein Mord vorgefallen; es hätte eben so gut ein Raufhandel gewesen sein können, und als Fremder habe er es für das Zweckmäßigste gehalten, sich nicht einzumengen, da ja ohnehin die Polizei eingeschritten sei. Er habe sein Wirthshaus wieder aufgefunden und sei die nächsten paar Tage von L– – abwesend gewesen, um seine Verwandten aufzusuchen, die schon vor vielen Jahren die Stadt verlassen hätten, um sich in benachbarten Dörfern anzusiedeln.

Zu seiner Ueberraschung habe er von seinen Verwandten keinen mehr am Leben getroffen; er sei daher nach L– – zurückgekehrt, und als er von dem Morde hörte, sei er im Zweifel gewesen, was er thun solle, da ein ununterstütztes Zeugniß ihn als Fremden in Ungelegenheiten bringen konnte. Wie er jedoch den Tag vor seiner freiwilligen Zeugnißabgabe in den Straßen umhergegangen, sei er einem Herrn zu Pferd begegnet, in welchem er, wie er glaube, auf der Stelle den Mörder des Sir Philipp Derval erkannt habe. Auf seine Frage an die Umstehenden sei ihm der Herr als »Doktor Fenwick« bezeichnet worden. Die Sache habe ihn den ganzen Tag sehr beunruhigt, weil er keine Lust gehabt, eine solche Anklage gegen einen Mann zu erheben, der augenscheinlich eine so achtbare Stellung einnahm; aber sein Gewissen habe ihn die ganze Nacht nicht schlafen lassen, und so sei er denn am Morgen mit sich einig geworden, zu dem Friedensrichter zu gehen und sein Herz zu erleichtern.

Diese Geschichte war an sich selbst so unwahrscheinlich, daß vielleicht jeder andere Friedensrichter das Zeugniß mit Verachtung abgewiesen haben würde; aber Vigors, der schon vorher einen Groll gegen mich hatte und wohl nicht ungern eine Gelegenheit benützte, mich der Demüthigung einer so schrecklichen Anklage zu unterwerfen, erließ sogleich Befehl, mein Haus zu durchsuchen. Dies geschah, während ich mich in Derval Court befand. Und in dem Schrank meines Laboratoriums, das ich unverschlossen gelassen hatte, wurde nun das stählerne Kästchen und ein großes Küchenmesser entdeckt, an dessen Klinge Blutspuren bemerklich waren. Dieser Erfund führte zu meiner Verhaftung, und auf die Angaben eines landstreicherischen Fremdlings hin wurde ich nicht nur wegen Mords angeklagt, sondern auch ins Gefängniß gesetzt und jede Bürgschaftleistung für mein Erscheinen vor Gericht abgelehnt, auch mein Verhör vertagt, um für weitere Untersuchungen und Zeugenvornahme Zeit zu gewinnen. Ich hatte mir den Rechtsbeistand des Herrn Jeeves erbeten; dieser lehnte aber zu meinem Erstaunen und Schrecken mein Ersuchen ab, weil er, wie er sagte, von Strahan beauftragt sei, zur Entdeckung und Verfolgung von Sir Philipps Mörder alle seine Kräfte aufzubieten, und sich daher nicht in der Lage befinde, einem Mann zu dienen, auf dem die Anklage des Mordes hafte. Aus seinen kurzen Mittheilungen konnte ich entnehmen, daß Strahan schon am Morgen bei ihm gewesen war und ihn von dem fehlenden Manuskript in Kenntniß gesetzt hatte – mit einem Wort, daß ich Strahan nicht mehr unter meine Freunde zählen durfte. Ich nahm daher einen andern Sachwalter an, einen sehr fähigen jungen Mann, der mich persönlich hochzuschätzen versicherte. Herr Stanton (so hieß mein Rechtsfreund) glaubte an meine Unschuld, gab mir aber zu bedenken, daß die Anzeigen schwer seien; er müsse mich daher bitten, vollkommen offen gegen ihn zu sein. Hatte wirklich, wie der Zeuge aussagte, unter dem Bogen eine Unterhaltung zwischen mir und Sir Philipp stattgefunden? Waren von mir die angegebenen oder ähnliche Worte gebraucht worden? Hatte der Hingeschiedene gesagt, ich sei ihm böse? Ob ich das Kästchen verlangt – ob ich ihm wirklich gedroht habe, daß er es bereuen werde? Was bereuen – seine Weigerung?

Ich fühlte, daß ich erblaßte, als ich ihm antwortete, »ja ich glaube, daß solche oder ähnliche Aeußerungen in meinem Gespräch mit Sir Philipp vorgekommen seien.«

Was war der Grund des Böseseins? Welche Bewandtniß hatte es mit dem Kästchen, in dessen Besitz ich zu kommen wünschte?

Man denke sich meine schreckliche Verlegenheit! Was konnte ich dem scharfblickenden Verstandesmenschen, dem weltlichen Mann des Gesetzes antworten? Ihm erzählen von dem Pulver und dem Rauch, von der Scene in dem Museum, von Sir Philipps wunderlichen Mittheilungen, von der angeblichen Identität Margraves mit dem alten Grayle, von dem Lebenselixir und von Zauberkünsten? Ich – ich einen solchen Roman vorbringen? Ich, der allbekannte Gegner aller Anmaßungen des Mysticismus? Ich – ich – der skeptische Arzt? Wäre Sir Philipps Manuskript, dieser substanzielle Bericht eines im Ruf der Einsicht und der Gelehrsamkeit stehenden Mannes über wunderbare Ereignisse, zugänglich gewesen, so hätte ich es vielleicht gewagt, den Sachwalter von L– – durch meine Enthüllungen in Staunen zu versetzen. Aber der einzige Beweis, daß Alles, was der Advokat mich ihm zu vertrauen drängte, nicht eine ungeheuerliche Erdichtung oder die Verblendung des Wahnsinns sei, war verschwunden und eben dieses Verschwinden ein Theil des Geheimnisses, welches das Ganze umhüllte. Ich antwortete daher so gefaßt als möglich, daß ich nicht im Ernst Sir Philipp habe böse sein können, da ich ihn vor jenem Abend nie gesehen; die Worte seien von Sir Philipp nur leicht hingeworfen worden in Beziehung auf einen physiologischen Streit über angebliche lebensmagnetische Thatsachen; der Verstorbene habe versichert, sein Kästchen, das er mir im Hause des Bürgermeisters zeigte, enthalte Stoffe von großen arzneilichen Kräften, und ihn deßhalb um die Erlaubniß gebeten, selbst damit eine Probe machen zu dürfen; und wenn ich davon gesprochen, daß er seine Weigerung bereuen werde, so habe ich damit gemeint, er werde sein Vertrauen auf Stoffe bereuen, welche das Experiment des wissenschaftlichen Fachmanns zu scheuen hätten.

Meine Antworten schienen den Rechtsgelehrten so weit zu befriedigen; aber wie erklärte ich es, daß man das Kästchen und das Messer in meinem Zimmer gefunden hatte? »Einfach so – das Fenster in jenem Zimmer sei eine Fensterthüre und gehe in die Gasse hinaus, von der Jedermann eintreten könne. Ich sei gewöhnt, nicht nur dieses Weges mich selbst zu bedienen, sondern auch jeden vertrauten Bekannten durch jene Thüre einzulassen.«

»Wen zum Beispiel?«

Ich zögerte einen Augenblick und sagte dann mit einer Bedeutsamkeit, die ich nicht zu unterdrücken vermochte: »Herrn Margrave! Er kenne die Oertlichkeiten vollkommen und wisse, daß die Thüre unter Tags selten verriegelt sei. Er habe zu jeder Stunde eintreten können und sei deßhalb im Stande gewesen, das Messer und das Kästchen in den Schrank zu bringen oder durch einen Anderen dahin zu schaffen, denn er wisse, daß derselbe nie abgeschlossen werde; er enthalte keine Geheimnisse, keine Privatcorrespondenz, hauptsächlich chirurgische Instrumente und Geräthschaften, die ich zu meinen physiologischen Versuchen brauche.«

»Herr Margrave? Unmöglich können Sie auf diesen lebhaften, entzückenden jungen Mann, gegen dessen Ruf nie das mindeste verlautete, den Argwohn werfen, daß er bei dieser Anklage gegen Sie die Hand im Spiel habe. Eine solche That von seiner Seite würde ihn selbst in die Hände des Gerichts liefern; denn wenn Sie mit Unrecht angeschuldigt sind, so ist derjenige, welcher Sie verklagt, entweder der Verbrecher selbst oder dessen Gehülfe – der Anstifter oder das Werkzeug.«

»Herr Stanton,« sagte ich nach einer kurzen Pause mit Festigkeit, »ich hege allerdings den Verdacht, daß Margrave bei diesem Verbrechen betheiligt ist. Als Sir Philipp in dem Hause des Bürgermeisters seiner ansichtig wurde, drückte er den lebhaftesten Abscheu gegen ihn aus und wies ziemlich deutlich auf von ihm begangene Verbrechen hin: auch forderte er mich auf, ihn am anderen Tag nach dem Mord zu besuchen. Sir Philipp hat von diesem Margrave im Orient allerlei erfahren – Margrave mochte eine Bloßstellung, Enthüllungen – was weiß ich? – fürchten. Und so befremdlich es auch Ihnen vorkommen mag, trage ich doch die Ueberzeugung in mir, daß dieser scheinbar so frohherzige und gedankenlose junge Mann der wahre Mörder ist, und daß er in irgend einer Weise, die ich mir nicht denken kann, diesen lügenhaften Vagabunden bestimmt hat, gegen mich als Kläger aufzutreten. Bedenken Sie doch – wir wissen nichts von Margraves früherem Leben; auch der junge Herr, welcher ihn zuerst in die Gesellschaft von L– – einführte, weiß keine Auskunft darüber zu geben. Wenn Sie mir wirklich einen Dienst leisten und mich retten wollen, müssen Sie unermüdlich und mit der größten Sorgfalt Ihre Nachforschungen in diese Richtung ausdehnen.«

Ich hatte dies kaum gesprochen, als ich schon meine Offenheit bereute: denn ich bemerkte an Herrn Stanton eine plötzliche Umwandlung – einen Widerwillen, meiner Anklage Glauben zu schenken, und zum erstenmal auch einen Zweifel an meiner Unschuld. Der Zauber, den Margrave übte, war allgemein – kein Wunder, denn abgesehen von seinem heiteren Wesen konnte man ihm auch nicht das Mindeste von den Verirrungen, welche bei jungen Leuten gewöhnlich sind, zur Last legen. Ein fröhlicher Gesellschafter und doch kein Freund des Weins; eine ungemein gewinnende Außenseite, schön, umschwärmt und vergöttert von den Frauen, und nicht einmal der Hauch einer üblen Nachrede im Punkt der Verführung oder Sittenlosigkeit! In Betreff seines früheren Lebens hatte er offen zugestanden, daß er ein natürlicher Sohn, ein Niemand, ein Reisefreund, ein Müßiggänger sei; sein Aufwand war zwar bedeutend, aber nicht anspruchsvoll, und es fehlte ihm nie an den dafür erforderlichen Mitteln. Kurz, er schien so ganz das Widerspiel von dem Charakter zu sein, den man bei Verbrechern sucht, daß man es für ebenso ungereimt gehalten haben würde, einen Schmetterling oder einen Zeisig, als diesen scheinbar unschuldigen, frohherzigen Liebling der Menschheit und der Natur wegen Mords zu verklagen.

Stanton sagte übrigens wenig oder nichts und verließ mich bald nachher mit der dürren Phrase, er hoffe, meine Unschuld werde sich herausstellen trotz den Anzeigen, die, wie er freilich gestehen müsse, von der allerernstesten Beschaffenheit seien.

Ich war erschöpft. Jenen Abend verfiel ich früh in einen tiefen Schlaf. Es mochte etwas nach zwölf sein, als ich wieder erwachte. Ich wachte vollständig, so vollständig wie nur je am Morgen, wenn die Ruhe der Nacht neues Leben in meine Glieder gegossen und meinen Geist aufgefrischt hatte. Da sah ich plötzlich an der meinem Bett gegenüberliegenden Wand dasselbe phosphorescirende Phantom, das mir schon zu Derval-Court in dem Studirzimmer des Astrologen erschienen war. Ich habe in scandinavischen Sagen von einer Erscheinung gelesen, welche man Scin-Läca oder Scheinleiche nennt; dem nordischen Aberglauben zufolge soll sie bisweilen die Gräber umspuken, bisweilen auch Unheil voraussagen. Sie ist das Spektrum einer in matten Lichtumrissen sichtbaren menschlichen Gestalt. Und so sehr entsprach jenes Phantom der Beschreibung einer solchen Erscheinung aus den skandinavischen Mythen, daß ich es nicht besser, als mit dem Namen der Scin-Läca oder Scheinleiche zu bezeichnen weiß.

Da stand sie vor mir, leichenhaft aber nicht todt, gerade so, wie in dem spukhaften Studirzimmer des Zauberers Forman – die Gestalt und das Gesicht Margraves! Meine Nerven sind von Natur aus stark, und da sich mein Muth nicht leicht einschüchtern ließ, so nahm ich mir vor, mit aller Macht anzukämpfen gegen jeden Einfluß, den ein Spiel meiner Phantasie auf meinen Verstand üben könnte. Dinge, die uns beim ersten Anblick schrecken, verlieren beim zweiten Begegnen diese Eigenschaft. Ich erhob mich daher kühn von meinem Bette und näherte mich festen Tritts dem Phantom; aber als ich demselben auf zwei Schritte nahe gekommen war und nun meine Hand ausstreckte, um es zu berühren, erstarrte mein Arm in der Luft, und meine Füße schienen am Boden festgebannt zu sein. Ich fürchtete mich nicht; ich fühlte, daß mein Herz regelmäßig schlug, aber ein unüberwindliches Etwas setzte sich mir entgegen. Ich stand da, wie in Stein verwandelt, und dann erscholl von den Lippen des Phantoms eine Stimme, aber eine Stimme, wie wenn sie aus weiter Ferne käme – sehr leise, verhüllt und doch deutlich; ich war nicht einmal überzeugt, ob mein Ohr es wirklich hörte, oder ob mir der Laut durch eine innere Stimme zugeführt wurde.

»Ich, und ich allein, kann dich retten und befreien,« sagte die Stimme. »Ich will es thun auf eine Bedingung hin, die sehr einfach und leicht zu erfüllen ist.«

»Teufel, Gespenst, oder bloße Ausgeburt meines eigenen Gehirns!« rief ich; »es kann keinen Bund geben zwischen dir und mir. Ich verachte deine Bosheit und verschmähe deine Dienste, also nichts von Bedingungen, um der einen zu entgehen, oder die anderen zu gewinnen.«

»Du wirst mir eine ganz andere Antwort geben, wenn ich dich wieder frage.«

Die Scin-Läca wurde allmählig blasser und schattenhafter, bis sie endlich verschwand. Ich freute mich der Antwort, die ich ihr gegeben hatte. Zwei Tage vergingen, bis Stanton mich wieder besuchte. In dieser Zeit war die Scin-Läca nicht erschienen. Ich hatte allen meinen Muth und meinen ganzen Verstand zusammengenommen, die schwachen Punkte in dem gegen mich abgelegten falschen Zeugniß aufgezeichnet und fühlte mich ruhig in dem Bewußtsein meiner Unschuld.

Doch schon die ersten Worte aus dem Munde meines Sachwalters schmetterten meine Mannhaftigkeit darnieder. Ich war ängstlich, etwas von Lilian zu hören, ängstlich, von ihr eine Botschaft zu erhalten, die mich erfreute und stärkte, und stellte daher sogleich die Frage an ihn:

»Herr Stanton, Sie wissen, daß ich mit Fräulein Ashleigh verlobt bin. Ihre Familie ist nicht unbekannt mit ihr. Was sagt, was denkt sie von dieser ungeheuerlichen Anklage gegen ihren Bräutigam?«

»Ich war gestern Abend zwei Stunden in dem Hause der Frau Ashleigh,« versetzte der Rechtsgelehrte. »Sie hatte mich sehr angelegentlich zu sich eingeladen, weil sie wußte, daß ich mit Ihrer Vertheidigung betraut bin. Aber errathen Sie wohl, wen ich dort traf? Einen Mann, der mit dem größten Eifer für Sie das Wort nahm, seinen Glauben an Ihre Unschuld offen bekannte und die Ueberzeugung aussprach, daß der wahre Verbrecher bald entdeckt sein werde – kurz, Niemand anders, als denselben Herrn Margrave, den Sie – verzeihen Sie mir meine Freimüthigkeit – so vorschnell und grundlos beargwohnen.«

»Himmel! Sie wollen mir doch nicht sagen, daß er in diesem Hause empfangen werde? – daß er – er vertrauten Zutritt hat zu ihr

»Mein guter Herr, warum auch diese ungerechten Vorurtheile gegen einen treuen Freund? Sobald die Anklage gegen Sie die Stadt in Schrecken und Erstaunen setzte, ließ sich Herr Margrave durch Fräulein Brabazon als Ihren Freund bei Frau Ashleigh einführen, und er ist so wohlgemuth und guter Hoffnung, daß – –«

»Genug!« rief ich, »genug!«

In einem Zustand von an Wuth grenzender Aufregung, die der Advokat vergeblich zu beschwichtigen suchte, schritt ich in meinem Gemach auf und ab, bis ich endlich plötzlich Halt machte.

»Gut – und Sie haben Fräulein Ashleigh gesehen? Was läßt sie durch Sie mir – ihrem Verlobten – sagen?«

Stanton machte eine verwirrte Miene. »Sagen? Bedenken Sie doch – Fräulein Ashleighs Lage – die Delikatesse – und – und – –«

»Ich verstehe! Also nichts, nicht einmal einen Gruß von einer so achtbaren jungen Dame an einen Mann, der des Mordes angeklagt ist!«

Stanton blieb einige Augenblicke stumm; dann sagte er ruhig:

»Sprechen wir von etwas Anderem – von dem, was zunächst am Dringlichsten wird. Ich sehe, Sie haben sich einige Notizen gemacht. Darf ich davon Einsicht nehmen?«

Ich faßte mich und nahm Platz. »Dieser Ankläger – hatte man wirklich Nachforschungen angestellt über seine Person und über das, was er von seinem Treiben angab? Er kömmt, wie er sagt, aus Amerika – auf welchem Schiff? In welchem Hafen stieg er an's Land? Konnte er das beweisen, was er in Betreff der Verwandten, die er suchte, zu Protokoll gab? – Wie stand es mit dem Wirthshaus, in dem er Quartier gemacht, und das er nicht auffinden konnte?«

»Ihre Andeutungen sind sehr sachgemäß, Dr. Fenwick, und ich habe von Anfang an meine Aufmerksamkeit derselben Richtung zugewendet. Es hat seine Richtigkeit, daß der Mann in einem kleinen Wirthshause, der aufgehenden Sonne, wohnte, wie auch, daß er Nachfrage hielt nach einigen Verwandten, Namens Walls, die früher in L– – seßhaft waren, später aber nach einem zehn Meilen entfernten Dorf zogen – zwei Brüder, Handwerksleute von geringen Mitteln, aber achtbarem Charakter. Er wollte im Anfang keine Auskunft geben über das Schiff, das ihn nach England brachte, und über den Seehafen, in welchem er landete, und was er später darüber sagte, ist vermuthlich eine Unwahrheit. Ich habe meinen Schreiber nach Southampton geschickt, wo er gelandet haben will; wir werden sehen. Der Mann selbst ist in engem Gewahrsam. Ich höre, er sei von sehr seltsamem und reizbarem Wesen; doch soll er mit Reden sehr an sich halten. Man hält ihn allgemein für einen schlechten Burschen – ein zurückgekehrter Deportirter vielleicht – und dies für den wahren Grund, warum er so lange zögerte, Zeugniß abzulegen, und warum er über sich selbst keine Auskunft geben wollte. Aber selbst wenn sich sein Zeugniß anfechten und als unglaubwürdig darstellen läßt, so haben wir noch immer die Thatsache zu erklären, daß das Kästchen und das Messer in Ihrem Schrank gefunden wurden. Denn wenn man auch zugibt, daß Jemand während Ihrer Abwesenheit in Ihr Studirzimmer gelangen und die Gegenstände in den Schrank bringen konnte, so ist doch klar, daß eine solche Person mit Ihrem Haus wohl bekannt sein mußte, was von diesem Menschen, der in L– – fremd ist, nicht angenommen werden kann.«

»Natürlich nicht, aber Margrave besitzt diese Kenntniß.«

»Wieder Margrave! – Oh, Herr!«

Ich erhob mich und trat mit ungeduldiger Geberde von ihm weg, denn ich konnte es nicht wagen, meiner Zunge den Zügel zu lassen. Selbige Nacht floh der Schlaf mein Lager. Ich wachte ungeduldig und verwandte kaum einen Blick von der entgegengesetzten Wand, ob die Scin-Läca nicht erscheine. Aber die Nacht verschwand, und das Spektrum blieb aus.

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