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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 40
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Neununddreißigstes Kapitel.

Das Manuskript war in eigenthümlich kleiner Schrift geschrieben, die augenscheinlich von dem Schreiber des Briefes an Strahan herrührte, aber wegen größerer Flüchtigkeit oder schlechter Tinte sich viel schwerer lesen ließ. Die Theile des Memoirs, welche sich auf Experimente oder angebliche Naturgeheimnisse bezogen, und die der Verfasser einer gelehrten wissenschaftlichen Prüfung unterstellt zu sehen wünschte, waren lateinisch – und zwar häufig ein sehr dunkles, wenn schon grammatikalisch korrektes Latein. Doch Alles, was das Auge und die Aufmerksamkeit in höherem Grade an die Blätter fesselte, hatte nothwendig die Wirkung, den Inhalt tiefer dem Gedächtniß einzuprägen.

Der Schreiber begann seinen Bericht mit einer Skizze seiner Kindheit. Seine Eltern waren gestorben, noch eh' er sein siebentes Jahr erreicht hatte. Die Waise wurde von seinen Vormündern in eine Privatschule gethan und die Vacanz in Derval Court verbracht. Seine frühesten Erinnerungen knüpften sich an das wunderliche alte Zimmer, in welchem ich mich eben befand, und an die Inschrift über dem Kaminstück, die er mit kindischer Neugierde zu betrachten pflegte; er hätte gar gerne wissen mögen, wer und was dieser Forman war, der hier gegen Verfolgung hatte Schutz suchen müssen.

Im sechzehnten Jahre begann Philipp Derval die vielen mystischen Bücher zu lesen, welche die Bibliothek enthielt, ohne jedoch ein anderes Resultat als getäuschte Erwartung und Ueberdruß zu erzielen. Die Eindrücke, welche durch diese Lektüre in der leichtgläubigen Einbildungskraft des Knaben hervorgerufen worden waren, verloren sich wieder. Er ging auf die Universität, machte Reisen im Ausland und nahm nach seiner Rückkehr in den Londoner Zirkeln den Platz ein, den man einem jungen Müßiggänger von Geburt und Vermögen so bereitwillig zugesteht. Ueber diesen Abschnitt seines Lebens ging er schnell weg als über eine Zeit thörichter Ausschweifungen, von denen er zuerst durch die in dem Brief an Strahan angedeutete Liebe zu seiner Cousine zurückgehalten wurde. In den Hoffnungen, zu welchen diese Neigung Anlaß gab, getäuscht und in seinem Vermögen zum Theil durch ein Paar Jahre leichtsinniger Verschwendung, zum Theil durch die pekuniären Opfer derangirt, durch welche er die Verbindung seiner Cousine mit einem Andern möglich gemacht hatte, zog er sich nach Derval Court zurück, um daselbst einsam und abgeschieden zu leben. Bei Musterung der alten Titelurkunden, die er zum Zweck einer Geldaufnahme brauchte, stieß er auf eine Sammlung von Manuskripten, die zum Theil durch Spor und Wurmfraß Schaden genommen hatten. Eine nähere Untersuchung ergab, daß sie von Forman herrührten. Einige davon waren astrologische Beobachtungen und Prophezeihungen, andere behandelten das Wesen der Cabala, wieder andere das Citiren von Geistern und die Magie dunkler Jahrhunderte. Sie boten durchgängig ein gewisses Interesse durch die Einmengung von persönlichen Bemerkungen und Anekdoten über hervorragende Persönlichkeiten in aufgeregten Zeiten; auch waren sie nach der Manier des Erasmus in der Form des Zwiegesprächs abgefaßt, wobei Sir Miles Derval, der Beschützer und Zögling, die zweite, Forman, der Philosoph und Ausleger, die erste Person des Dialogs bildete.

Doch unter diesen schattenhaften Nachtstudien befanden sich auch Abhandlungen von ungewöhnlicherem und anregenderem Charakter, Aufsätze über verschiedene geheime Naturkräfte und ausführliche Berichte über analytische Versuche. Diese schlossen Sir Philipp ein neues und, wie er meinte, praktischeres Feld der Forschung auf, ein ächtes Grenzland zwischen Naturwissenschaft und imaginativer Spekulation. Sir Philipp hatte auf der Universität Physik studirt; er nahm dieses Studium wieder auf, um auf Grundlage desselben die Verläßlichkeit der verschiedenen, von Forman angegebenen Experimente zu prüfen. Zu seinem Erstaunen erwiesen sich einige erfolgreich, während dagegen andere völlig fehlschlugen. Diese Blätter gewannen den Verfasser des Memoirs zuerst für die Forschungen, welchen er den Rest seines Lebens widmete; doch bezeichnete er sie nur in sofern als werthvoll, weil sie ihn auf einige Wahrheiten aufmerksam gemacht hatten, auf die Forman zufällig gestoßen war, ohne ihre eigentliche Natur und Bedeutung zu erkennen. Sie waren durch kindische Abgeschmacktheiten verzerrt und durch die eitle, anmaßende Unwissenheit gefälscht, welche ein charakteristischer Zug in der Astrologie des Mittelalters ist. Aus diesem Grunde war der Verfasser, wie er andeutete, Willens, wenn er die Rückkehr nach England erlebte, die Forman'schen Manuskripte zugleich mit verschiedenen anderen Büchern und einigen Abhandlungen von ihm selbst über Gegenstände, die ihn eine Weile irre geleitet hatten – alle diese Schriften waren in den Truhen um mich her aufbewahrt – zu verbrennen.

Nachdem Sir Philipp einige Jahre in der Einsamkeit von Derval Court zugebracht hatte, ergriff ihn eine Reiselust, und der Geschmack, den er an dem Studium verborgener Dinge gewonnen, trieb ihn nach den Ländern des Orients, von dem es seinen Ausgang genommen und wo es noch immer seine Förderer hatte.

Mehrere Seiten des Manuskripts verbreiteten sich nun über die getäuschten Erwartungen, die der Verfasser in der ersten Zeit seines seltsamen Forschens erfahren mußte. Die sogenannten Magier, welchen die Neugierde europäischer Reisender beikommen konnte, waren entweder kluge Gaukler oder mechanisch darauf eingeübt, Wirkungen hervorzubringen, die Sir Philipp wohl verwirrten, von ihnen selbst aber eben so wenig vernunftgemäß erklärt werden konnten. Erst nach einem ziemlich langen Aufenthalt im Morgenland, in Folge dessen er die dort geläufigen Sprachen, wie auch die gesellschaftlichen Gewohnheiten der verschiedenen Völkerstämme genau kennen gelernt hatte, kam er auch mit Männern in Berührung, in welchen er eifrige Pfleger der Wissenschaft erkannte, die von der Ueberlieferung den Priesterkasten der alten Welt zugeschrieben wird – mit Männern, die in der Regel abgeschieden von den Menschen lebten und sich selten durch Geld verleiten ließen, ihre Wunderkräfte zu zeigen oder ihre Geheimnisse mitzutheilen. In dem Verkehr mit diesen Weisen erlangte er die Ueberzeugung, daß es eine magische Kunst gebe, die nichts gemein hat mit den Gaukeleien der Beschwörer und, indem sie sich auf gewisse geheime Kräfte und Verhältnisse in der Natur gründet, eine Verwandtschaft mit den physikalischen Wissenschaften unserer Schulen ansprechen kann, so fern ihre Basis gleichfalls in dem Experiment beruht und sie aus bestimmter Ursache ihre bestimmten Resultate ableitet. Auf die Unterstützung dieser auffallenden Behauptung verwendete Sir Philipp mehr als die Hälfte seines Bandes, indem er bei verschiedenen Experimenten auf das Einzelne einging und die Prozesse sowohl als die Resultate beschrieb, für welche er die eigene Erfahrung und Anschauung als Gewähr einlegte. Die meisten der angeführten Versuche kamen mir rein unglaublich vor; alle aber waren meiner praktischen Erfahrung so fremd, daß ihre experimentative Bestätigung oder Verwerfung ein gar mühsames und zeitraubendes Geschäft in Aussicht stellte; ich ging daher nur leicht über die Blätter hin, auf welchen davon die Rede war. Dagegen drängte mich die Begier, jene Partie des Manuskripts aufzufinden, welche ein Licht auf das Geheimniß werfen konnte, das für mich ein so tiefes Interesse in sich schloß. Wo hatte ich die Kettenglieder zu suchen, welche diesen Margrave mit Sir Philipp Dervals Geschichte in Verbindung brachten? So blätterte ich hastig fort, bis ich fast am Ende des Bandes plötzlich auf einen Namen stieß, der meine ganze Aufmerksamkeit fesselte – Harun von Aleppo. Wer sich noch der Worte erinnert, die in meiner Verzückung an mich gerichtet wurden, wird begreifen, welcher Schauer mich überflog, als ich diesem Namen begegnete, und sich nicht wundern, daß der Abschnitt des Memoirs, auf den ich jetzt übergehe, mir in so lebhafter Erinnerung geblieben ist.

»In einer abgelegenen Vorstadt von Aleppo«, schrieb Sir Philipp, »kam ich endlich mit dem wunderbaren Mann zusammen, dem ich weit tiefere Kenntnisse in den geheimen Wissenschaften verdanke, als aus den Experimenten zu erholen sind, welchen ich einen so großen Theil dieser Schrift gewidmet habe. Harun von Aleppo war gründlich eingeweiht in alle jene Naturgeheimnisse, welche die edlere oder theurgische Magie zu erforschen strebt.

»Er hatte das große Prinzip des Lebens entdeckt, das bisher den Bemühungen der sorgfältigsten Anatomen entgangen ist, und wenn nicht die wichtigsten Organe unwiederbringlich zerstört waren, so gab es keine Krankheit, die er nicht heilen, keinen Schwächezustand, den er nicht neu beleben konnte. Dabei gründete sich seine Wissenschaft auf dieselbe Theorie, welche bei den besten medizinischen Praktikern Beifall gefunden hat – daß nämlich die wahre Heilkunst in der Unterstützung der Natur beim Ausstoß der Krankheit, so zu sagen in der Anregung des ganzen Systems bestehe, welches den in irgend einem Theil seßhaft gewordenen Feind auswerfen müsse. Alle seine Heilprozesse kamen deßhalb, obschon in Betreff der anzuwendenden Mittel gelegentliche Abwechslungen stattfanden, darin überein, daß sie auf die Kräftigung und Erneuerung des Lebensprinzips hinarbeiteten.«

Niemand wußte, woher oder wie alt Harun war. Dem Aeußern nach stand er in der vollen Kraft und Blüthe des reiferen Mannesalters; aber nach Zeugnissen, welchen der Verfasser des Memoirs vollen Glauben schenkte, obschon mir dies, wie man sich wohl denken kann, sehr ungereimt vorkam, ließ sich das Vorhandensein Haruns unter demselben Namen und sein Ruf auf mehr als hundert Jahre zurückverfolgen. Er sagte Philipp, er habe sein Leben dreimal erneuert, wolle es aber nicht wieder thun, da er seines Erdenwallens überdrüssig sei. Ungeachtet seiner hohen Begabungen gestand Harun doch, daß ihn eine tiefe Schwermuth verzehre, und beklagte sich, daß es für ihn unter der Sonne nichts Neues mehr gebe; er sagte, obschon ihm unbegrenzte Schätze zur Verfügung ständen, habe doch der Reichthum aufgehört, ihm einen Genuß zu bereiten, und er ziehe es deßhalb vor, so einfach wie ein Landmann zu leben; alle Neigungen und Leidenschaften des menschlichen Herzen hätten sich in ihm erschöpft, und das ganze All erscheine ihm nur wie eine Einöde. Mit einem Wort, Harun pflegte oft mit wehmüthiger Feierlichkeit zu erklären: »Die Seele ist nicht bestimmt, für länger als die den Sterblichen gewöhnlich zugemessene Periode auf der Erde und in der Hülle des Fleisches zu verweilen; und wenn wir durch Kunst die Mauern des Leibes ausbessern und sie in denselben zurückhalten, so härmt sie sich und wird träge und niedergeschlagen.« »Nur Derjenige kann sich stetig der Fortdauer seines Daseins freuen,« sagte Harun, »der den sinnlichen Theil des Menschen noch in seiner Vollkommenheit zu erhalten vermag, während die Seele aus ihm gewichen und der Geist noch in einer Weise vorhanden ist, wie er ohne die Seele bestehen kann – das heißt, ein solcher Mensch ist dann wohl eines der großartigsten Erdgeschöpfe, aber es fehlt ihm jene erhabene Sehnsucht nach dem Unendlichen, welche das Attribut der Seele ist.«

Eines Abends traf Sir Philipp zu seiner großen Ueberraschung in Haruns Haus einen andern Europäer. Diese Erscheinung bewog ihn zu einer Pause in seiner Erzählung, um diesen Mann zu schildern. Er sagte, er habe vor drei oder vier Jahren unter den Pflegern der Magie häufig einen orientalisirten Engländer nennen hören, der sich einem dem seinigen ähnlichen Forschen hingab und in dem Ruf stand, es in jenen Zweigen der Kunst, die selbst im Morgenlande als Eingebungen des Bösen verdammt sind, furchtbar weit gebracht zu haben. Sir Philipp unterschied hier, wie schon früher in seinem Gespräch mit mir, eines Längeren zwischen den zwei Arten der Magie, derjenigen, welche so harmlos war, wie jede andere Experimental-Wissenschaft, und derjenigen, welche zu schlimmen Zwecken Zauberkräfte in Anwendung bringt.

Dem Engländer, welchem die Pflege der letzteren schlimmeren Art der Magie zugeschrieben wurde, war Sir Philipp Derval bisher nie in den Weg gekommen. Jetzt traf er denselben in Haruns Haus als einen welken, abgezehrten, von Schmerz gefolterten und Gebresten niedergebeugten Menschen. Obgleich er wenig mehr als Sechzig zählte, hatte er doch das Aussehen eines hinfälligen Greises, und nur auf seinem Gesichte waren noch Ueberreste einer früheren auffallenden Schönheit erkennbar; auch zeigte sein Geist eine Kraft, die sehr gegen den körperlichen Verfall abstach. Sir Philipp war nie ein gewaltigerer, aber auch nie ein sittlich versunkenerer Verstand begegnet. Der Sohn eines verrufenen Wucherers, Erbe eines ungeheuern Vermögens, und mit Talenten begabt, die dem Ehrgeiz Berechtigung verleihen, war er in die Gesellschaft eingetreten, welche ihm den an seines Vaters Namen klebenden Makel nicht nachsah. Ein Duell, zu dem er durch Hohnreden über seine Herkunft gereizt wurde, und in welchem er sich durch sein rachsüchtiges Temperament hinreißen ließ, die für solche Begegnungen herkömmlichen Regeln zu verletzen, hatte ihm eine gerichtliche Untersuchung zugezogen, in welcher er der Ueberführung entweder durch einen Formfehler in dem prozessualischen Verfahren oder durch das Mitleid der Geschworenen entging; Der Leser wird bemerken, daß der Bericht der Frau Poyntz nicht mit Sir Philipp Dervals Erzählung übereinstimmt. Nach der Ersteren fand die Gerichtsverhandlung über Ludwig Grayle in dessen Abwesenheit von England statt, und er wurde zu dreijähriger Gefängnißstrafe verurtheilt, der er sich durch die Flucht entzog. Letzterer sagt, er sei vor Gericht gestanden und freigesprochen worden. Sir Philipps Angabe muß wenigstens der Wahrheit näher liegen, als die der Dame, weil nach dem englischen Gesetz Ludwig Grayle nicht wegen eines Kapitalverbrechens gerichtet werden konnte, ohne anwesend zu sein. Frau Poyntz erzählt ihre Geschichte, wie Frauen in der Regel thun – sie fallen in Irrthümer, so bald sich's um Rechtsfragen handelt; und vielleicht ohne es zu wissen, webt die Weltdame die Thatsachen ihrer Erzählung so ineinander, daß die persönliche Würde ihres Helden, an dem sie ein Interesse genommen hat, geschont bleibt; sie will ihm zwar nicht die Makel eines moralischen Verbrechens, wohl aber die beschimpfende Stellung ersparen, die ein Gefangener vor den Gerichtsschranken einnimmt. Allen Fenwick enthält sich ohne Zweifel mit Vorbedacht, auf diesen Widerspruch zwischen den beiden Angaben aufmerksam zu machen oder den Mißgriff, welcher Frau Poyntz in den Augen von Rechtsgelehrten lächerlich machen könnte, näher zu berühren. Es steht ganz im Einklang mit einigen von den Zwecken, um deren willen er seine seltsame Geschichte veröffentlicht, wenn er es den Lesern überläßt, selbst ihre Folgerungen aus den Abweichungen zu ziehen, durch welche selbst in den gewöhnlichsten Dingen, geschweige denn in einer Wundergeschichte, eine von einer Person berichtete Thatsache eine andere Gestalt gewinnt, sobald sie von einer anderen nacherzählt wird. Die Wahrheit wandelt sich gar schnell in Fabel um, wenn sie von Lippe zu Lippe wandelt, und man kann sich davon aus einer Belustigung überzeugen, die eben jetzt Mode ist. Sie besteht darin, daß in einem Kreis von Acht oder Zehnen Jemand dem Nächsten einen angeblichen Vorfall oder einen erfundenen Klatsch über eine abwesende lebende oder todte Person ins Ohr flüstert. Der Nächste hat das Gehörte in der gleichen Weise weiter zu geben, und so fort, bis die Sache im ganzen Kreis die Runde gemacht hat. Jeder Erzähler schreibt so bald er seine Aufgabe erfüllt hat, das, was er seinem Nachbar zugeflüstert, nieder. Bei diesem Spiel hat Niemand ein Interesse dabei, das Gehörte zu entstellen, sondern Jeder macht sich's im Gegentheil zur Ehrensache, es so treu weiter zu geben, als er kann; gleichwohl stellt sich fast ohne Ausnahme heraus, daß das von der ersten Person Angegebene schon die wesentlichsten Abänderungen erlitten hat, noch ehe es die achte oder zehnte erreichte. Bisweilen bleiben die wichtigsten Züge ganz aus, während gelegentlich ein neuer, ganz ungereimter dazu kömmt. Am Schluß des Experiments fühlt man sich versucht, auszurufen: »Wenn es so hergeht, ist es dann überhaupt möglich, jenen Abschnitten der Geschichte, welche ein Chronist dem Hörensagen entnimmt, Glauben zu schenken?« Aber kömmt namentlich jeder Klatsch über einen vorgefallenen Skandal nicht etwa über zehn, sondern vielleicht über zehntausend Zungen, eh' sie an uns gelangt, und muß er dann nicht für den, welcher der Wahrheit auf den Grund zu gehen wünscht, eben so verwirrend sein, als es die von dem skeptischen Fenwick erzählten Wunder für dessen Verstand waren? aber die moralische Ueberzeugung sprach so laut gegen ihn, daß ein unauslöschliches Brandmal auf seiner Ehre haften blieb und allen früheren Hoffnungen seines Ehrgeizes ein Ziel setzte. Nach der Gerichtsverhandlung verließ er England, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Er lebte fortan großentheils in abgelegenen Gegenden und unter wilden Stämmen, so daß man in der civilisirten Welt nichts mehr von seinem Treiben erfuhr, oder auch nur ahnen konnte. Von Zeit zu Zeit ließ er sich wohl in europäischen Hauptstädten blicken; aber er mied seines Gleichen, die ihrerseits ihm ebenfalls aus dem Wege gingen, und umgab sich nur mit Parasiten, darunter auch mit Männern von bedeutender Gelehrsamkeit, die aus Habsucht oder Armuth sich durch seinen Reichthum ködern ließen. Während der letzten neun oder zehn Jahre hatte er sich in Persien aufgehalten, dort ausgedehnte Ländereien erworben, sich mit einem Hofhalt umgeben und eine größere Macht ausgeübt, als ein morgenländischer Fürst. Dies war der Mann, der, vor der Zeit abgelebt und in einem Zustande, daß die Aerzte ihm kaum noch sechs Wochen Leben schenkten, mit dem prächtigen Gefolge eines orientalischen Satrapen nach Aleppo kam und sich in seinem Palankin vor die Lehmhütte Haruns des Weisen tragen ließ, um von dem Magier, in dessen Kunst er seine letzte Hoffnung setzte, ein Hinausrücken des Grabes zu erbetteln.

Als Sir Philipp in das Zimmer trat, wandte er sich gegen ihn um und rief in englischer Sprache ihm zu:

»Ich bin hier, weil ich Sie hier wußte. Ihre Vertrautheit mit diesem Manne war mir bekannt, und Ihr Charakter ist mir eine Bürgschaft für den seinigen. Geben Sie mir die Versicherung, daß ich mich nicht durch Leichtgläubigkeit bethören ließ? Sie können ihm sagen, ich, Ludwig Grayle, sei kein bettelarmer Bittsteller. Wenn Sie für seine Weisheit einstehen, können Sie ihm auch die Versicherung geben, daß er fürstlich belohnt werden soll.«

Sir Philipp blickte fragend auf Harun, der in tiefem Schweigen auf seinem Teppich saß.

»Was verlangen Sie von Harun?«

»Längeres Leben – längeres Leben. Für jedes Jahr, das er mir geben kann, will ich diese Dielen mit Gold belegen.«

»Mit Gold läßt sich Harun nicht bestechen.«

»Mit was sonst?«

»Fragen Sie ihn selbst; Sie reden seine Sprache.«

»Ich habe ihn bereits gefragt, aber er würdigt mich keiner Antwort.«

Harun raffte sich jetzt plötzlich wie aus einer Träumerei auf. Er zog aus seinem Gewand ein kleines Fläschchen hervor, aus dem er einen einzigen Tropfen in einen Becher mit Wasser fallen ließ und sagte:

»Trink dies. Laß morgen die Arzneien bei mir holen, die ich für Dich zurichten will. Nach drei Tagen kommst Du wieder hierher, früher nicht.«

Nachdem sich Grayle entfernt hatte, fragte Sir Philipp von Mitleid gerührt den Weisen, ob es wirklich noch im Bereiche der Kunst liege, in einem Körper, der so sehr erschöpft zu sein scheine, das Leben zu erhalten. Harun antwortete:

»Ein Fieber vermag das Lebenslicht so zu schwächen, daß ein einziger rauher Windstoß es vollends auslöschen kann, und doch genest der Kranke wieder. Das Dasein dieses Mannes ist ein langes Fieber gewesen; er kann wieder aufkommen.«

»Und Du willst ihm dazu behilflich sein?«

»In drei Tagen sollst Du meine Antwort haben.«

Am dritten Tage erschien Grayle wieder bei Harun, auf dessen Ersuchen sich auch Sir Philipp eingefunden hatte. Grayle versicherte, daß er den gebrauchten Mitteln bereits eine unaussprechliche Erleichterung verdanke, wußte nicht genug Worte des Dankes zu finden, wollte Harun reiche Gaben aufdrängen und schien schmerzlich berührt zu sein, als diese abgelehnt wurden. Harun erwies sich jetzt gesprächiger und sondirte Grayles unregelmäßigen, verkehrten, stürmischen, aber gewaltigen Geist.

Von dem Gespräch, das zwischen Grayle, Harun und Derval stattfand, und dessen wörtliche Wiederholung, wie der Bericht es liefert, eine unerfüllbare Anforderung an mein Gedächtniß wäre, will ich nur einen allgemeinen Begriff geben, indem ich sage, welche Wirkung es auf mich machte. Es schien mir während des Lesens, als finde vor meinen Augen irgend eine Naturerschütterung, ein Gewitter, ein Erdbeben statt. Rufe des Zorns, der Verachtung, der Verzweiflung; der ungestüme Wille eines Despoten, der Hohn eines Rebellen über höhere Autorität. Und doch hin und wieder ein erhabener Gedankenschwung, das Aufblitzen eines leidenschaftlichen Genius, plötzliche Uebergänge von der Ruhmredigkeit stolzen Trotzes zu dem Schmerz tiefer Reue.

Das Ganze hatte – wie soll ich sagen – etwas Ungeschlachtes, aber doch Kolossales, in sich, etwa wie in der alten lyrischen Tragödie der Gesang eines jener sagenhaften Giganten, welche stolz auf ihre Abkunft von der Nacht und dem Chaos Gewalt üben über die noch rohen und mit einander streitenden Elemente, aber zerschmettert wurden von den Felsen, die sie selbst widerspenstisch aufthürmten, als Harmonie und Ordnung eine herrliche Schöpfung den milderen Einflüssen unterwarf, welche sich in dem olympischen Throne personificirten. Erst in den späteren Partieen des Dialogs, welcher mein Interesse so sehr in Anspruch nahm, verlor die Sprache, welche dieser unheimlichen Person in den Mund gelegt war, das düstere Pathos, das um der ihr beigemengten Scheu willen sich nicht weniger eindrucksvoll ausnahm. Bis dahin war mir vorgekommen, als ob aus dieser stürmischen Natur gelegentlich einzelne Blicke des Sternlichtes hervorzuckten; ein wenn auch unregelmäßiger und wilder, aber ursprünglich hoher, Charakter sei durch einen frühbeginnenden und stetig fortgeführten Krieg mit der socialen Welt verbittert und durch diesen Krieg verstümmelt und verzerrt worden; unter glücklicheren Verhältnissen hätte seine ungestüme Kraft sich dem Guten zuwenden mögen, und sogar jetzt bei so tiefem Gewissensschmerz könne das Böse nicht unvertilgbar Wurzel gefaßt haben.

Endlich löste sich all das wehmüthige Mitleid, das er ursprünglich eingeflößt hatte, in Abscheu auf.

Die Gegenstände der Verhandlung, welche, so weit sie sich auf die gewöhnliche Menschenwelt bezogen, im Bereich meiner Vernunft lagen, gingen nun auf andere über, und Harun brachte seinen wilden Gast dahin, daß er mit seinen Zauberkünsten groß that, und trotz meiner Ungläubigkeit konnte ich mich des Schauders nicht erwehren, welchen selbst die ungereimtesten Dichtungen über eine den Hirngespinsten der Poeten anheimgegebene dunkle, unbekannte Welt bei Nacht und Einsamkeit auch wenig für den Schreck empfänglichen Menschen einzuflößen geeignet sind.

Grayle sprach von der Macht, die er unter der Mitwirkung böser Geister zu üben vermöge – von der Macht, zu bezaubern und zu zerstören. Er sprach von der jetzt zu spät ihm geoffenbarten Hülfe, welche solche spuckhafte Verbündete nicht nur bei Uebung persönlicher Rache, sondern auch für die Zwecke eines königlichen Ehrgeizes zu leisten vermögen. Wäre ihm die Kenntniß, die zu besitzen er sich rühmte, zugegangen, eh' die Schwäche seines hinfälligen Körpers sie werthlos machte, welche Triumphe hätte er feiern können über die Welt, die ihn schon als Jüngling aus ihrem Banne vertrieben! Er sprach von Mitteln, die es ihm möglich machten, seinen Einfluß unbemerkt zu üben auf den Geist anderer Personen, Hebel in Bewegung zu setzen, die sich nie verriethen, und unentdeckbar den Gesetzen zu trotzen. Er sprach in unbestimmten Ausdrücken von einem Vermögen, einen gespenstischen Reflex des materiellen Körpers wie einen Schatten in die Ferne zu werfen, durch Gefängnißmauern hindurch zu gehen, die Schildwachen eines Lagers mit Blindheit zu schlagen – von einem Vermögen, das seiner Versicherung nach fast unfehlbar verführend oder schreckend wirkte, wenn es mit der Kraft des festen Willens in Anwendung kam gegen die schwachen Seiten des menschlichen Geistes, die in jedem Individuum vorhanden seien und es der Verführung zugänglich machen. Und er schloß diese und ähnliche Prahlereien in Betreff seiner dämonischen Künste, deren ich mich zu unklar erinnere, um sie wiederholen zu können, mit ungestümen Verwünschungen über ihre Nichtigkeit und Unwirksamkeit gegen die kalte Hand des Todes. All sein Wissen wollte er Harun mittheilen zum Dank – für was? Für eine Gabe, die er mit dem niedrigsten Bauern theilen mußte – für das Leben, das gemeine Leben – noch für eine Weile die Luft zu athmen und den warmen Strahl der Sonne zu fühlen.

Dann antwortete Harun. Er sagte mit ruhiger Verachtung, die dunkle Kunst, von der Grayle so viel Aufhebens mache, sei der gemeinste von allen Mißbräuchen der Wissenschaft und mit Recht zu allen Zeiten nur den niederträchtigsten Naturen überlassen worden. Und nun änderte er plötzlich seinen Ton und sprach, wenn ich mich der Worte, wie sie in dem Manuscript standen, noch recht erinnere, ungefähr Folgendes:

»Gesunkener, unglücklicher Elender, und Du flehst mich an um Verlängerung Deines Lebens – um eine Verlängerung des Fluchs, der Du für die Welt und für Dich selbst bist? Soll ich Zauber anwenden, um die Periode der Pest zu dehnen, oder die Geheimnisse der Natur entweihen, um dem erlahmenden Verbrechen wieder Kraft und Jugend zu geben?«

Von diesem Vorwurf betäubt sank Grayle aus die Kniee nieder und ergoß sich in verzweifelnden Bitten, die einen seltsamen Gegensatz bildeten zu seiner früheren Anmaßung. Er fürchte den Tod, sagte er, weil sein Leben ein schlimmes gewesen sei. Könne er sein Leben behalten, so wolle er bereuen und sich ändern. Er wiederrufe seine Ruhmredigkeit, wolle die Künste vergessen, mit denen er groß gethan, und mit seinem Wiedereintritt in die Welt ihr Wohlthäter werden.

»So belügt immer der Schlechte sich selbst, wenn ihn der Schatten des Todes erschreckt,« entgegnete Harun. »Aber aus dem Schmerz, der Deine Seele gefangen hält, magst Du entnehmen, daß nicht sie es ist, welche diese Bitte an mich richtet. Könntest Du durch die Stürme des Geistes das wehmüthige Flüstern der Seele vernehmen, so würdest Du von dem Verlangen fortzuleben abstehen. Während ich spreche, schaue ich diese Seele! Sie trauert über die Flecken, mit denen sie entstellt ist, hat Scheu vor der Rechenschaft, die sie geben soll, fürchtet aber als das größte Unglück eine Erneuerung der Jahre ihrer Erdenlaufbahn – fürchtet noch dunklere Flecken und schwerere Verantwortlichkeit. Welch ein Gericht ihr auch jetzt bevorstehen mag, so ist doch Hoffnung auf Gnade für sie vorhanden in der Reue, welche der Geist vergeblich niederzukämpfen sucht. Dagegen harrt ihrer ein weit schwereres Gericht, wenn sie länger zurückgehalten wird auf der Erde und in dem Joch des Geistes, der sie verderbt und zur Sklavin der Sinne macht, welchen ich auf Deine Bitte ihre tyrannischen Kräfte zurückgeben soll.«

Und Grayle beugte das Haupt und bedeckte stumm und zitternd sein Gesicht mit den Händen.

Dann nahm Sir Philipp mitleidig für ihn das Wort. »Sollte der Seele nicht wenigstens Frist gestattet werden zu ihrer Buße auf Erden?« Und während Sir Philipp Fürsprache einlegte, sank Grayle wie in einer Todesohnmacht zu Boden. Als er wieder zu sich kam, ruhte sein Haupt auf Haruns Knie, und seine sich aufschließenden Augen blieben an der glänzenden Phiole haften, die Harun in der Hand hielt, nachdem er die Lippen des Ohnmächtigen mit einigen Tropfen ihres Inhalts befeuchtet hatte.

»Wunderbar!« murmelte er. »Ich fühle, wie das Leben in meine Adern zurückkehrt. Dies ist also das Elixir – es ist keine Fabel!«

Seine Hände streckten sich gierig nach dem Fläschchen aus, und er rief flehentlich: »Mehr! mehr!« Harun aber verwahrte das Gefäß wieder in den Falten seines Gewandes und entgegnete:

»Ich will Dir nicht Deine Jugend zurückgeben, sondern Dich nur von Deinen körperlichen Leiden befreien, damit der Geist und die Seele, ungetrübt von den Schmerzen des Fleisches, wo möglich ihren langen Krieg friedlich beendigen können. Meine Kunst gewährt Dir noch Monate für die Reue; suche in dieser Frist das Böse von sechzig Jahren wieder gut zu machen. Benütze Deinen Reichthum, um Ersatz zu leisten für geübtes Unrecht, und vor Allem spring dem Armen bei und dem Tugendhaften. Schenke der Stimme Deines Gewissens Gehör und demüthige Dich im Gebet.«

Grayle entfernte sich mit einem schweren Seufzer und murmelte Einiges vor sich hin.

Am anderen Tag ließ Harun Sir Philipp zu sich rufen und sagte zu ihm:

»Mache Dich auf den Weg nach Damaskus. In dieser Stadt ist die Pest ausgebrochen. Geh hin, um zu heilen und zu retten. In diesem Kästchen befinden sich die sichersten Gegenmittel gegen das Gift der Seuche. Von der unverdünnten und reinen Essenz, welche zu einer ungebührlichen Zurückhaltung der Seele in der Gefangenschaft des Fleisches verlocken könnte, enthält das Kästchen keinen Tropfen. Ich möchte meinen Freund nicht dem Fluch eines so traurigen Geschenks aussetzen. Du hast genug von meiner Kunst gelernt, um zu wissen, durch welche Heilmittel die Gesundheit des mäßigen Menschen auf leichte Weise wieder ins Gleichgewicht gebracht und der Pfad zum Grab schmerzfrei gemacht wird. Mehr sollte der Mensch zu seinem Trost und zum Wohl seines Leibes nicht von der Natur verlangen. Doch edlere Gaben, als Alles, was dem Körper dienen kann, sind in diesem Kästchen enthalten. Du findest darin die Essenzen, welche das Leben jener doppelten Sinne wecken, die in ihrem Puppengewebe schlummernd ruhen und des Aufschwungs in einer künftigen Entwicklung harren – der Sinne, vermittelst derer wir sehen können ohne das leibliche Auge und hören ohne das leibliche Ohr. Diese Essenzen sind die Bindeglieder zwischen dem Menschengeist und der Natur.

»Aber Du wirst auch noch kostbarere Geheimnisse in dem Kästchen finden – die Lichtextrakte, welche die Seele befähigen, sich selbst vom Geist zu unterscheiden und das seelische Leben in seiner Sonderung von dem fleischlichen sowohl als von dem intellektuellen zu erkennen. Wenn Du irgend einem edlen, dem Naturstudium obliegenden Geist begegnest, der nach der Wahrheit ringt und gleichwohl keine Kenntniß von der Thatsache hat, daß Geist mit allem Thierleben verbunden ist und auf Erden allein der Mensch von der Stunde seines Eintritts in die irdische Pilgerschaft an, als sein Auge den Himmel suchte, die Frage stellte und stets stellen wird: ›Habe ich nicht eine Seele – kann sie zu Grunde gehen‹ – ich sage, wenn Du einem solchen Geist begegnest, so magst Du von dem Extrakt mit Fug und Recht Gebrauch machen, um im innersten Gesicht das Schauen der Seele ihm aufzuschließen. Aber die Schätze des Kästchens sind wie Alles, was ein Sterblicher aus den von ihm geöffneten Schachten erbeuten kann, gut oder bös in ihren Wirkungen, je nachdem ein guter oder böser Mensch sich ihrer bedient. Du wirst sie daher nur Personen vertrauen, welche keinen Mißbrauch von ihnen machen, und selbst dann bist Du zu eingeweiht in die Mysterien der Natur, um nicht zu unterscheiden zwischen den Kräften, welche dem Guten zu edlen Zwecken dienen, und denen, welche selbst dem Guten, der nicht durch die Schule der Erfahrung weise geworden ist, wie Du und ich, in Versuchung bringen können, unter ihrer Vermittlung ein unlauteres Ziel anzustreben. Ja nicht einmal Deinem Freunde, und wenn er der tugendhafteste Mensch wäre, sollst Du, wofern er nicht so erhaben ist über die Leidenschaften, wie wir beide, diejenigen Bestandtheile des Kästchens überlassen, welche in einer Weise auf die Einbildungskraft zu wirken vermögen, daß sie das Gewissen betäuben und die Seele in Gefahr bringen.«

Sir Philipp nahm das Kästchen an sich sammt der Gebrauchsanweisung, über die er sich jedoch nicht näher ausließ. Dann sprach er mit Harun von Ludwig Grayle, welcher ihm das gemischte Gefühl von Bewunderung und Abscheu, von Mitleid und Schrecken eingeflößt hatte. Ich wiederhole Haruns Entgegnung, so weit ich in dieser Beziehung, wie überhaupt in dieser ganzen wunderbaren Erzählung einem Gedächtniß trauen kann, das sich mir sonst schon in gewöhnlichen Dingen sehr treu erweist, hier aber ganz gesondert angeregt wurde durch die Seltsamkeit der ausgesprochenen Ideen und den hohen Grad persönlichen Interesses für Alles, was einen Lichtstrahl werfen konnte in das meine Vernunft umziehende Gewölk, das nun auch mein Herz mit einem Ungewitter bedrohte.

»Wenn der Sterbliche aus freier Wahl einen Bund eingeht mit den bösen Geistern, so übergibt er die Festung seiner Existenz der Bewachung seiner Feinde, und wer nun von außen zusieht, kann nur unbestimmt errathen, was innerhalb der Mauern vorgeht, in welchen Gewalten hausen, vor deren Anblick wir zurückschaudern, weil schon der Blick eine Art Einladung in sich faßt. Dieser Mensch, den Du bemitleidest, ist noch nicht für immer den Dämonen überliefert, weil seine Seele noch gegen sie ankämpft. Sein Leben ist ein langer Krieg seines gewaltigen Verstands mit seiner schwachen Seele gewesen. Der erstere, durch die Leidenschaften bewaffnet und beschwingt, hat die letztere belagert und unterdrückt, die Seele aber nie aufgehört, sich zu grämen und zu bereuen. Auf Augenblicke gewann sie sogar das ihr gebührende Uebergewicht, indem sie die Rachsucht beredete, die gefaßte Beute fahren zu lassen, und den Geist vom Haß und Zorn ablenkte auf die ungewohnten Pfade der Liebe und des Erbarmens. In der weiten Wüste der Schuld erkenne ich immer noch einige grünende Oasen und Quellen des Guten. Die Dämonen haben sich zwar des Geistes, der sie heraufbeschworen, bemächtigt, sind aber nie völlig Herr geworden über die Seele, die vor ihnen zurückschreckt. In dem Kampf, der jetzt mitten unter dem Aufflackern der hinwelkenden Sterblichkeit in dieser Brust vorgeht, kann nur Allah, dessen Auge nie schlummert, Hülfe bringen.«

Dann fuhr Harun in Worten fort, die noch seltsamer klangen und sich deßhalb um so tiefer in mein Gedächtniß eingruben:

»Es hat Menschen gegeben (Du hast vielleicht auch solche gekannt), die in einer Krankheit, in welcher das Leben selbst aufgehört zu haben schien, sich wie aus einem Schlaf wieder aufrafften und nun einen ganz anderen Charakter zeigten. Vorher waren sie vielleicht sanft, gut und treu, nachher aber hart, boshaft und falsch. Personen und Dinge, die sie früher liebten, sind ihnen verhaßt und zum Ekel geworden. Bisweilen ist diese Veränderung so auffallend und widersinnig, daß die Verwandten sie auf Rechnung des Wahnsinns schreiben – nicht eines Wahnsinns, der störend auf das gewöhnliche Geschäftsleben einwirkt, sondern eines solchen, der die sittliche Harmonie, dieses Resultat einer ungebrochenen, gesunden Natur, in Härte und Mißklang verkehrt. Manche Derwische sind der Ansicht, daß in jener Krankheit, die sich zeitweilig wie Tod ausnahm, die Seele entwichen sei und an ihrer Statt ein böser Geist von dem Leib und dem Gehirn Besitz ergriffen habe; dieser belebe jetzt die von seiner früheren Bewohnerin verlassene Behausung und sei Ursache des unerklärlichen Wechsels. Solche Geheimnisse haben keinen Theil meiner Studien gebildet, und ich theile Dir diese aus dem Morgenland stammende Ansicht mit, ohne mich darüber auszulassen, ob sie glaubhaft oder unglaubwürdig ist. Aber Du hattest in jenem Reisenden ein Bild des Kampfes eines von den Dämonen besessenen Geistes und einer bei Allah um Hülfe flehenden Seele vor Dir. Wenn nun, während der Geist sich nach Verlängerung des Erdenlebens sehnt, um bei seiner verkehrten Richtung die Lust nur in der Sünde zu suchen, und dies mit einer Begier thut, daß er im Trachten nach seinem Ziel vor keinem ihm dazu behülflichen Verbrechen oder Dämon zurückbebt, die Seele schaudernd um Bewahrung vor neuer Schuld fleht und lieber das Gericht Allahs für die begangenen Sünden über sich ergehen lassen, als für immer und rettungslos den Teufeln anheim fallen will – nehmen wir diesen Fall und den weiteren an, das Gebet der Seele werde erhört und ihr gestattet, aus den sie umgebenden Trümmern zu entweichen – wie dann, wenn es die Zauberei versuchte, die verlassenen Ruinen wieder aufzubauen? Wenn die Dämonen eindringen, so finden sie, daß die Beute, welche sie suchten, ihnen entwischt und das, was sie wirklich antreffen, bei seiner Unvollkommenheit selbst im Bösen ein eigentlicher Spottfund ist. Vergebens wird dann die Fleischmaschine selbst von dem vollkommensten thierischen Leben belebt; vergebens schweift der von dem Zügel der Seele befreite Geist willkührlich in einem Gehirn umher, das angefüllt ist mit den Erinnerungen des Wissens und geschickt seine Vermögen zu brauchen weiß; vergeblich würden neben all dem, was Leib und Gehirn dem normalen Zustand des Menschen verleihen können, unheilige Erinnerungen alle die Künste der Zauberei zusammenraffen, vermittelst welcher die Dämonen sie vor ihrer Flucht durch die Leidenschaften des Fleisches und das Trachten des Geistes versuchten. Das Wesen, das solchergestalt seiner Seele verlustig ging, könnte ohne Zweifel ein Werkzeug des Bösen werden, aber ein Werkzeug, das für sich nicht im Stande wäre, einen Plan zu entwerfen, etwas zu erfinden oder zu vollenden. Sogar die Dämonen könnten keinen bleibenden Halt gewinnen an der vergänglichen Materie, vielleicht in sie eindringen zu irgend einem dunklen Zweck, den Allah in seiner unerforschlichen Weisheit zuläßt, aber keine Spur zurücklassen nach ihrem Entweichen, weil kein Gewissen da ist, wenn die Seele fehlt. Das menschliche Thier ohne Seele, das in seiner bloßen vitalen Organisation vielleicht alle Vollkommenheit vereinigt, mag im Stande sein, zu toben und zu zerstören, wie der Tiger oder die Schlange, wird aber im nächsten Augenblick froh und harmlos im Sonnenlicht spielen, weil es, wie der Tiger oder die Schlange, keine Gewissensbisse kennt.«

»Warum erregst Du mein Staunen mit einem so phantastischen Bild?« fragte Derval.

»Weil das Bild möglicherweise eine greifbare Gestalt gewinnen kann! Ich weiß, daß dieser elende Mann, während ich mit Dir spreche, seine Zuflucht zu den schlimmen Zaubern nimmt, die zu kennen er sich gerühmt hat. Um das Spiel seiner Wünsche zu erreichen, muß er ein Verbrechen begehen, und seine Magie flüstert ihm zu, wie er dies thun kann, ohne die Entdeckung der Menschen befürchten zu müssen. Die Seele leistet zwar Widerstand; aber sie ist machtlos gegen die Tyrannei des Geistes, der sie so lang unterworfen war. Frage mich nicht weiter. Doch wenn ich aus Deinen Augen entschwinde und Du hörst, daß der Tod, den ich leider in meiner Thorheit nicht als einen erbarmenvollen Diener des Himmels erkannte, mich endlich abgerufen hat von der Erde, so glaube, daß mir der bleiche Gast willkommen war und ich das gemeinsame Loos der Menschheit als eine segenreiche Erlösung begrüßte.«

Sir Philipp begab sich nach Damaskus. Er fand, daß dort die Pest furchtbar wüthete, und weihte sich dort dem Dienst der Kranken, an denen, wie er versicherte, die Gegenmittel, die er in seinem Kästchen mitbrachte, nie ihre Wirkung verfehlten. Die Seuche war vorüber und sein Heilmittelvorrath erschöpft, als ihn die Kunde erreichte, daß Harun nicht mehr sei. Man hatte den Weisen eines Morgens leblos in seinem einsamen Haus gefunden, und nach dem allgemeinen Gerücht bekundeten Merkmale an seinem Hals, daß er erdrosselt worden war. Zu gleicher Zeit war auch Ludwig Grayle aus der Stadt verschwunden. Man glaubte, er habe das Schicksal Haruns getheilt, und die Meuchler, die ihn seines Lebens beraubten, hätten ihn heimlich begraben. Sir Philipp eilte nach Aleppo zurück. Dort erkundete er, daß in der Nacht von Haruns Tod Grayle nicht allein verschwunden sei, sondern daß man auch zwei Personen seines zahlreichen Gefolges vermisse – die eine, eine Araberin Namens Ajesha, die seit einigen Jahren seine beständige Begleiterin, Schülerin und Gehülfin in seinen herabwürdigenden Praktiken gewesen und der Sage nach theilweise durch ihre Schönheit, theilweise durch ihre zärtliche Pflege während der langen Periode seiner Hinfälligkeit einen besonderen Einfluß über ihn gewonnen hatte; die andere ein hauptsächlich für ihren Dienst bestimmter Hindu, von dem das ganze wilde Gefolge Grayle's nur mit Schrecken und Abscheu sprach. Er galt bei ihnen als Anhänger der mordlustigen Sekte von Fanatikern, deren Communalverband erst neuerer Zeit in Europa bekannt geworden ist; wir meinen die Thugs, welche ihre arglosen Opfer in dem festen Glauben erwürgen, daß sie dadurch der Göttin, welcher sie dienen, wohlgefällig werden. Die in Aleppo herrschende Meinung lief darauf hinaus, wenn diese zwei Personen sich verschworen hätten, Harun vielleicht um seiner angeblichen Schätze willen zu ermorden, so dürfe man eine gleiche Unthat gegen ihren Herrn annehmen, sei es wegen der Juwelen, die er stets bei sich trug, oder wegen seines wirklich unzweifelhaften Reichthums, dessen Versteck ihnen wahrscheinlich weit besser bekannt war. »Ich theilte diese Ansicht nicht,« schrieb der Erzähler, »denn ich wußte gewiß, daß Ajesha ihren furchtbaren Gebieter aufrichtig liebte. Auch durfte diese Liebe Niemand Wunder nehmen; denn wenn ein Weib, namentlich eine Morgenländerin, einen Mann wie Grayle in einer Zeit geliebt hatte, eh' ihn die Hinfälligkeit des Alters beschlich, so war anzunehmen, daß sie noch inniger und aufopfernder liebte, sobald es ihre Aufgabe wurde, das Wesen zu schützen, das in den Tagen seiner Macht und Herrschaft die Sklavin zu dem Rang einer Schülerin und Gehülfin erhoben. Und dem Hindu, welchen Grayle zu ihrem Diener bestellt hatte, wurde jene rohe Art von Treue zugestanden, welche vielleicht vor keinem Verbrechen für, aber jedenfalls vor jedem Anschlag gegen den Gebieter zurückschrickt.

»Ich kam zu dem Schluß, daß Harun wegen des Lebenselixirs auf den Befehl Ludwig Grayles ermordet wurde, und zwar durch Dschjuma, den Würger, ferner, daß Grayle selbst während der Einwirkung der so verbrecherisch errungenen lebengebenden Arznei das liebende arabische Weib zur Pflegerin hatte, welche ihm zugleich zur Flucht verhalf. Natürlich durfte ich von dem Elixir nicht sprechen, wenn ich nicht als abenteuerlicher Thor verlacht werden wollte; ich konnte daher weder die morgenländischen Gerichte, noch einen Landsmann, mit dem ich zufällig in Aleppo zusammentraf, für meine Ueberzeugung gewinnen. Sie theilten die allgemeine Ansicht – Harun sei entweder erdrosselt worden oder an einem Schlaganfall gestorben (die Leiche, welche man nicht näher untersucht hatte, war bei meiner Ankunft in Aleppo längst beerdigt), Ludwig Grayle aber als Opfer des Verraths seiner treulosen Diener gefallen, welche sich flüchtig gemacht hätten, ohne daß eine Spur von ihnen aufgefunden werden konnte.

»Und nun will ich angeben,« schrieb Sir Philipp, »durch welche Mittel es mir gelang, zu erfahren, daß Ludwig Grayle noch lebte, umgewandelt vom Alter zur Jugend, eine neue Gestalt, ein neues Wesen und, wie ich in der That glaube, das Bild verwirklichend, das Haruns Worte mir vorgeführt hatten, obschon es mir damals nur als eine metaphysische Phantasterei erschien – ein Verbrecher, ohne sich des Verbrechens bewußt zu sein, das schrecklichste Geschöpf in der bloßen Thierwelt, eine Verkörperung der blinden Naturkräfte – schön und fröhlich, übermüthig, schrecklich, zerstörungslustig! So, wie die alten Mythen die Götzen der orientalischen Glaubensbekenntnisse personificirten – so, wie die Natur aus sich selbst in einer dazu geeigneten Stimmung den Menschen bilden würde, wenn der Mensch nur Thier wäre und nicht die Seele den wesentlichen Unterschied bedingte zwischen ihm und den Ordnungen lebender Geschöpfe, über die er auch so noch durch die überlegene Organisation und das schärfere Auffassungsvermögen der König sein würde.

»Aber dieses Wesen ist noch grausenvoller und ungeheuerlicher als der bloße thierische Mensch; denn es vereint in sich nicht nur die fragmentarischen Erinnerungen an ein früheres Wissen, wie es kein Geist ohne die Mitwirkung der Seele hätte sammeln können, sondern auch jene Geheimnisse der Magie, welche nur aus dem Verkehr mit Geistern gewonnen wird, die unserem Geschlecht aufs feindseligste gegenüberstehen. Und wer weiß, ob die Dämonen nicht willkührlich eindringen in diesen leeren, von der Seele verlassenen Tempel, um alle die in Zauberkünsten gewandte Vermögen, welche ihrer Bosheit noch immer einen Geist zur Verfügung stellen, als geduldige, bewußtseinlose Werkzeuge zu benützen?

»Das Interesse an dem seltsamen und schrecklichen Schicksal, das eine mit mir leicht bekannte armenische Familie betroffen hatte, führte mich darauf, in dem Geschöpf, das ich jetzt beschreiben will, und dessen fortan stetig von mir verfolgte Laufbahn ich zum Abschluß zu bringen hoffe, denjenigen zu erkennen, welcher um des Lebenselixirs willen Harun ermordet hatte.

»In dieser armenischen Familie waren drei Töchter. Eine davon – –«

So weit war ich in meinem Lesen gekommen, als ein düsterer Schatten auf das Blatt fiel und eine kalte Luft mich anzuwehen schien. Kalt – so kalt, daß mein Blut wie plötzlich gefroren in meinen Adern erstarrte! Unwillkührlich schrack ich zusammen und blickte mit dem Gefühl auf, daß irgend ein gespenstisches Wesen sich im Zimmer befinden müsse. Und nun unterschied ich an der Wand gegenüber das schattenhafte Abbild einer menschlichen Gestalt. Ich nenne es schattenhaft, obschon dieser Ausdruck nicht streng richtig ist; denn es leuchtete mit einem blassen Schein. In einer Londoner Ausstellung zeigt man ein interessantes Beispiel von optischer Täuschung; man bemerkt an dem Ende eines Ganges, scheinbar in starker Beleuchtung, einen Todtenkopf. Tritt man näher, so meint man immer noch, er sei vorhanden, obschon er weiter nichts ist, als der Reflex eines entfernten menschlichen Schädels. Das Bild vor mir war weniger lebhaft, weniger körperhaft in seiner Erscheinung, als das eben erwähnte Blendwerk. Ich konnte mich nicht täuschen. Ich fühlte, daß es ein Spektrum, ein Phantasma war, gewann aber zugleich die Ueberzeugung, es sei der Reflex einer belebten Gestalt – deutlich und unverkennbar der Gestalt und des Gesichts von Margrave. In der Meinung, er müsse hinter mir stehen, suchte ich mich zu erheben und rückwärts zu schauen. Aber ich vermochte mich nicht zu rühren; meine Glieder und Muskeln standen unter dem lähmenden Einfluß eines unbegreiflichen Bannes. Allmählig verließen mich auch meine Sinne, und ich wurde bewußtlos. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich die Uhr drei schlagen. Ich mußte fast zwei Stunden in meiner Ohnmacht gelegen haben. Die Lichter vor mir waren weit niedergebrannt. Ich schaute nach dem Tisch hin – das Manuskript des Verstorbenen war fort!

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