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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Drittes Kapitel.

Es stund lange an, bis ich den Eindruck abschütteln konnte, den die Worte und der Blick dieses sterbenden Mannes auf mich gemacht hatten.

Nicht, daß mir mein Gewissen etwas vorwarf. Was hatte ich gethan? Eine Sache an den Pranger gestellt, welche den meisten verständigen Menschen, mögen sie nun Aerzte sein oder nicht, als eines von jenen Blendwerken erscheint, durch welche die Marktschreierei aus der Wundersucht der Unwissenheit Vortheil zieht. War ich zu tadeln, wenn ich mich weigerte, die angeblichen Kräfte, welche an die Fabeln aus dem Zauberland erinnern, mit der ernsten Achtung zu behandeln, auf welche die legitimen Entdeckungen der Wissenschaft Anspruch haben? Konnte der Akademiker sich seiner Würde so begeben, daß er sich zu einer Untersuchung herabließ, ob eine schlafende Sibylle im Stande sei, in einem ihr auf den Rücken gelegten Buch zu lesen oder mir in L– – zu sagen, was in diesem Augenblick ein unter den Antipoden verweilender Freund treibe?

Mochte Doktor Lloyd immerhin ein ehrenwerther und ehrlicher Mann sein, welcher aufrichtig an die Ueberspanntheiten glaubte, für die er von anderen den gleichen Glauben forderte – kömmt es nicht jeden Tag vor, daß ehrliche Leute Gegenstände des Spottes werden, wenn sie sich durch einen Verstoß gegen den gesunden Menschenverstand lächerlich machen? Konnte ich voraussehen, daß eine Satire, die so sehr am Platze war, eine so tödtliche Wunde schlagen würde? War ich ein Unmensch, weil mein besiegter Gegner eine krankhafte Empfindlichkeit besaß? Mein Gewissen machte mir daher keine Vorwürfe, und das Publikum erwies sich nicht strenger, als mein Gewissen. Das Publikum hatte sich bei dem Kampfe auf meine Seite gestellt, erfuhr nichts von der Anklage, die mein Gegner auf dem Sterbebette gegen mich erhob, und wußte nur, daß ich ihm in seinen letzten Augenblicken beigestanden hatte; es sah mich hinter der Bahre hergehen, die ihn zu Grabe trug, bewunderte die Achtung, die ich seinem Andenken zollte, indem ich ihm ein einfaches Monument mit einer Inschrift setzen ließ, in welcher ich seiner unbestreitbaren Menschenfreundlichkeit und seinem rechtschaffenen Charakter Gerechtigkeit widerfahren ließ, und rühmte vor Allem den Eifer, mit dem ich eine Collekte für seine Waisen betrieb, und meinen Edelmuth, weil ich als Erster einen Beitrag unterzeichnet hatte, der in Anbetracht meiner Mittel groß genannt werden konnte.

Ich beschränkte allerdings meine Unterstützung nicht auf die unterzeichnete Summe; denn das Schluchzen des armen Mädchens zitterte noch immer in meinem Herzen nach. Da ihr Schmerz größer gewesen war, als der ihrer Brüder, so standen ihr vielleicht auch schwerere Prüfungen als diesen bevor, wenn einmal die Zeit kam, daß sie sich selbst durchs Leben eine Bahn brechen mußte. Ich legte daher mit einer Vorsicht, welche die Gabe nicht bis auf mich zurück verfolgen ließ, eine Summe für sie an, die bis zu ihrem heirathsfähigen Alter anwachsen sollte und ihr dann als eine kleine Mitgift dienen konnte; blieb sie aber ledig, so hatte sie wenigstens ein Einkommen, das sie über die Versuchungen der völligen Armuth erhob und sie vor dem bitteren Joch dienstbarer Abhängigkeit bewahrte.

Daß Doktor Lloyd in solcher Dürftigkeit gestorben war, überraschte anfangs allgemein, denn er hatte in den letzten paar Jahren schöne Einnahmen gehabt und stets ein sehr eingezogenes Leben geführt. Doch unmittelbar vor dem Beginn unseres Streites hatte er sich bewegen lassen, den Bruder seiner verstorbenen Frau, der als untergeordneter Associé bei einem Londoner Bankgeschäft betheiligt war, dadurch zu unterstützen, daß er ihm alle seine Ersparnisse anvertraute. Der Mensch war ein schlechter Bursche, der nicht nur diese, sondern auch noch weitere Summen veruntreute und landesflüchtig wurde. Dasselbe Zartgefühl gegen das Andenken seiner verstorbenen Gattin, welches Doktor Lloyd um sein Vermögen brachte, bewog ihn auch, über die Ursache des Verlustes Stillschweigen zu beobachten, und es war erst den Ordnern seines Nachlasses vorbehalten, den Verrath des Schwagers zu entdecken, welchen der arme Mann großmüthig vor weiterer Schande schützen wollte.

Der Bürgermeister von L– –, ein reicher, von Gemeingeist beseelter Kaufmann, brachte das Kabinet an sich, das Doktor Lloyd in seinem Eifer für die Naturgeschichte gesammelt hatte, und die daraus erlöste Summe nebst dem Ertrag der Kollekte reichte nicht nur zu, alle Schulden des Hingeschiedenen zu tilgen, sondern auch seinen Waisen die Wohlthat einer Erziehung zu sichern, damit die Knaben wenigstens gehörig ausgerüstet sich betheiligen konnten an dem Spiel, in welchem die Geschicklichkeit eine höhere Bedeutung hat als der Zufall und Fortuna sich so wenig blind erweist, daß wir bei jeder Umwälzung des Rads die Wahrnehmung machen, wie Reichthum und Ehre fortfliegen aus den Fingern der Unwissenheit und Trägheit, um von der entschlossenen Faust der Arbeit und des Wissens aufgegriffen zu werden.

Inzwischen nahm ein entfernter Verwandter auf dem Land die Obhut über die Waisen auf sich: sie verschwanden von dem Schauplatz, und die Fluten des Geschäftslebens wogten bald über den Platz hin, welchen der Verstorbene eingenommen hatte in den Gedanken seiner Mitbürger.

Eine Person in L– –, und nur diese einzige, schien den Groll zu theilen und geerbt zu haben, den der arme Arzt auf seinem Sterbebette gegen mich ausströmen ließ. Sie hieß Vigors und war ein entfernter Verwandter des Hingeschiedenen, ein Mann von wenig wissenschaftlicher Bildung, aber schätzbaren Fähigkeiten, welcher in meinem Streit mit Doktor Lloyd die hervorragendste Rolle unter dessen Parteigängern gespielt hatte. Er besaß jenen Einfluß, welchen die Welt bereitwillig einem tüchtigen Mann einräumt, wenn er mit seinen Fähigkeiten einen ernsten Charakter und eine strenge Moralität verbindet. Seine Hauptliebhaberei war, über Andere zu richten, und er konnte dieselbe um so mehr bethätigen, da er Friedensrichter war, wohl einer der eifrigsten und strengsten, die L– – je gehabt hatte.

Vigors zog anfangs mit großer Bitterkeit gegen mich los, indem er mich beschuldigte, ich habe durch die lieblose und unedle Härte, mit welcher ich, wie er sagte, die vorurtheilsfreie Prüfung einer einfachen Thatsache behandelte, seinen Freund nicht nur zu Grunde gerichtet, sondern auch unter den Boden gebracht. Da er jedoch für seine Anklagen keine Sympathieen fand, so ließ er klüglicherweise davon ab, indem er sich, wenn er meinen Namen rühmlich nennen hörte, damit begnügte, feierlich den Kopf zu schütteln und einen oder den anderen orakelhaften Satz, zum Beispiel: »Die Zeit wird's lehren;« »Ende gut, Alles gut« u. s. w. hinzuwerfen. Vigors unterhielt übrigens nur wenigen geselligen Verkehr mit der Bürgerschaft. Er nannte sich selbst einen eingezogen lebenden Mann, war aber in Wirklichkeit eine sehr unumgängliche steife Person, die sehr viel auf sich selber hielt. Seiner Meinung nach fand die Würde seiner Stellung bei den Kaufleuten der unteren Stadt und seine geistige Ueberlegenheit bei den Ausschließlichen des Berges nicht die gebührende Anerkennung. Seine Besuche beschränkten sich daher hauptsächlich auf die Häuser der benachbarten Squire, denen er wegen seiner amtlichen Stellung und seines förmlichen Aeußeren als eines von jenen Orakeln imponirte, durch die man sich gern in Respekt erhalten läßt, wenn derselbe nicht allzu oft beansprucht wird. Und obgleich er dreimal in der Woche sein Haus öffnete, war es doch nur wenigen Auserlesenen zugänglich, die er zuerst abfütterte, dann aber mit Vorträgen über die Lehre vom Leben traktirte. Die Elektrobiologie war natürlich eine Hauptunterhaltung für einen Mann, der an keinem Gespräch Gefallen fand, wenn er nicht Andere mit seinem Willen beherrschen konnte. Er lud daher nur solche Personen zu Tisch, die sein Blick zu einer völligen Verläugnung ihrer Sinne zu zwingen vermochte, so daß sie ihm dienstwillig gehorchten, wenn er von ihnen verlangte, sie sollen Ochsenfleisch für Lammfleisch, oder Branntwein für Kaffee erklären; auch konnten sie sich diese Illusion wohl gefallen lassen, so lang wenigstens nicht nur in der Idee, sondern auch in Wirklichkeit das Ochsenfleisch und der Branntwein, das Lammfleisch und der Kaffee vorhanden war. Ich kam also in den Häusern, in denen ich gelegentlich meine Abende zubrachte, nicht oft mit Vigors zusammen, und seine gehässigen Reden wirkten auf mich nur wie der Wind, den man von dem geborgenen Stübchen aus auf dem Feld draußen sausen hört. Wenn wir uns zufällig auf der Straße begegneten, so blickte er mit der Miene des Grolls zu mir auf (er war nämlich ein kleiner Mann, der auf den Zehen einherging), während ich meinerseits von der Höhe meiner Statur auf das unwirsche Männlein ein leutseliges Lächeln erhabener Gleichgültigkeit niederfallen ließ.

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