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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 37
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Sechsunddreißigstes Kapitel.

In der Stadt herrschte allgemein der Glaube, daß Sir Philipps Ermordung von einem gemeinen Räuber, der wahrscheinlich nicht der Stadt angehöre, herrühre. Herr Vigors legte kein Gewicht auf diese Vermuthung, sondern war eher zu der ungereimt scheinenden Annahme geneigt, Sir Philipp sei nicht so fast wegen der vermißten Börse, als wegen des fehlenden Kästchens erschlagen worden. Man sagte dem wohlweisen Richter allgemein nach, er habe sich bei einer von seinen angeblichen Hellseherinnen Raths erholt und diese ihn mit Versicherungen bethört, denen er ein so unbedingtes Vertrauen schenkte, daß er seinen Eifer und seine Thätigkeit in den abgeschmacktesten Maßregeln erschöpfte.

Wie dem nun sein mochte, die Untersuchung des Leichenschaugerichts schloß mit einem Spruch, der keinerlei Licht auf die geheimnißvolle Tragödie warf.

Meine eigenen Vermuthungen wagte ich kaum mir selbst zu gestehen, geschweige denn eine Aeußerung darüber laut werden zu lassen; aber all mein Argwohn concentrirte sich auf Margrave. Es war sogar meinem Verstand klar, daß er einen oder den anderen Grund haben mußte, Sir Philipps Anwesenheit in L– – zu fürchten. Und wie wäre mir möglich gewesen, alle die Einflüsse wegzuräsoniren, die in der Museumscene oder während meiner Gespräche mit dem Verschiedenen auf meine Einbildungskraft gewirkt hatten? Doch auf einen solchen Verdacht konnte man kein Handeln gründen; ja ich durfte seinen Einflüsterungen nicht einmal Vertrauen schenken. Hätte ich Jemand gesagt, was ich in dem Museum erlebte, so wäre ich als Lügner oder als Wahnsinniger betrachtet worden. Auch lag in Sir Philipps Anklagen gegen Margrave nichts Faßbares, nichts, was man ihm nachsagen konnte; denn wenn man sie zergliederte, so zerflossen sie in Luft. Auf was liefen sie hinaus? – daß Margrave ein Zauberer, eine ungeheuerliche Wundererscheinung, ein Geschöpf sei, das zu den gewöhnlichen Verhältnissen menschlichen Seins eine Ausnahme bildete. Würde der gedankenloseste Sterbliche es gewagt haben, selbst gegen den schlechtesten Charakter auf die Autorität eines verstorbenen Zeugen hin eine solche Anklage vorzubringen und auf sie die phantastische Beschuldigung des Mordes zu gründen? Mir als einem nüchternen praktischen Arzt würde man einen solchen Schritt am allermeisten verargt haben; auch wäre ich in dieser meiner Eigenschaft sicherlich der letzte gewesen, welcher den Verdacht eines so schweren Verbrechens auf den leichtherzigen Jüngling hätte werfen können, in welchem eine sonnige Lebensanschauung und das Gewissen in gleicher Weise stetig einen unbekümmerten Feiertag zu halten schienen. Gleichwohl konnte ich – und ich suchte nicht einmal mit Vernunftgründen dagegen anzukämpfen – das an Abscheu grenzende Entsetzen nicht überwinden, das der bezaubernden Anziehung gefolgt war, mit welcher Margrave sich eher meine bewundernde, als meine achtungsvolle Zuneigung gewonnen hatte.

Um seinen Besuchen auszuweichen, mied ich mein Studirzimmer, in welchem ich sonst die frühen Morgenstunden zuzubringen pflegte und zu dem er freien Zutritt gehabt hatte. Auch war mein Diener angewiesen, ihm, wenn er am Haus vorn läute, zu sagen, daß ich entweder nicht zu Haus oder beschäftigt sei. Er wollte noch ein paar Tage wie sonst seine Besuche fortsetzen, stand aber davon ab, als ihm meine Absicht, nicht mehr mit ihm in Berührung kommen zu wollen, so augenfällig kundgegeben wurde; natürlich, denn jeder andere Mensch würde unter gleichen Umständen das Nämliche gethan haben.

Ich blieb auch den Häusern fern, in welchen ich ihm begegnen zu können fürchtete, und machte meine Krankenbesuche im geschlossenen Wagen, so daß er mich, wenn er auf seinen Spaziergängen mir in den Weg kam, nicht anreden konnte.

Eines Morgens, einige Tage, nachdem Richard Strahan mir Sir Philipp Dervals Brief gezeigt hatte, erhielt ich von meinem Universitätsbekannten ein Billet, in welchem er mir mittheilte, daß er am Nachmittag nach Derval Court gehe; er werde das Manuscript, das sich vorgefunden, dahin mitnehmen und ersuche mich, am anderen Tag zu ihm nach seiner neuen Heimath zu kommen und daselbst mit der Einsichtnahme des Memoirs den Anfang zu machen. Ich gab ihm bereitwillig meine Zusage.

Als ich am nämlichen Morgen meine Runde machte, begegnete mein Wagen in der Straße einem andern, und ich bemerkte, daß neben dem letzteren Margrave stand und sich mit Jemand, der drinnen saß, unterhielt. Ich schaute im raschen Vorbeifahren zurück und erkannte mit großer Unruhe, daß es Richard Strahan war, der sich so vertraulich mit dem verdächtigen Menschen besprach. Wie waren diese Zwei miteinander bekannt geworden? War es nicht eine Versündigung an Sir Philipp Dervals Andenken, daß der Erbe, welchen er sich ausgelesen, so familiär mit dem Manne that, welchen er so schwer angeklagt hatte? Um so mehr drängte es mich, das Memoir zu lesen, da es wahrscheinlich Aufschlüsse über Margraves früheres Leben enthielt, und wenn diese auch nicht zureichten, ihn juridisch eines Verbrechens zu überführen, so machten sie doch vielleicht seiner Bekanntschaft mit Sir Philipps Nachfolger ein Ende.

Alle meine Gedanken wurden indeß jetzt durch einen Gegenstand von weit tieferem Interesse in Anspruch genommen, als die waren, die mich in letzter Zeit so stürmisch beschäftigt hatten; als ich nämlich nach Haus zurückkam, fand ich ein Billet von Frau Ashleigh vor. Sie war mit Lilian eben erst, demnach früher, als sie ursprünglich willens gewesen, nach L– – zurückgekommen. Lilian hatte sich während der letzten paar Tage nicht recht wohl gefühlt und deßhalb auf Beschleunigung der Abreise gedrungen.

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