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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 36
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Als ich zu Hause anlangte, traf ich meinen Bedienten noch auf; er hatte mich erwartet, um mir zu melden, daß ein alsbaldiger Besuch von mir erwartet werde. Der Knabe, der durch Margraves Sorglosigkeit zu Schaden gekommen und den er so gefühllos im Stich gelassen hatte, war in Folge des ruhigen Liegens, das seine Verletzung nöthig machte, sehr schwach geworden und hatte in den letzten paar Tagen gefiebert. Der Vater war einige Minuten vor meiner Heimkehr in großer Betrübniß mit der Meldung nach meinem Haus gekommen, daß sein Kind irre rede. Die Auskunft, daß ich mich bei dem Bürgermeister befinde, hatte ihn bewogen, mich dort aufzusuchen.

Bei den wirren, spuckhaften Gedanken, die mich quälten, erschien es mir fast als eine Erleichterung, zu einer Berufshandlung aufgeboten zu werden. Ich eilte an das Bett des kleinen Leidenden und vergaß bald alles Andere in dem besorgten Kampf um ein Menschenleben. Meine Bemühungen versprachen guten Erfolg, da den schnell und energisch angewandten einfachen Mitteln die schlimmsten Symptome bald zu weichen begannen. Ich blieb, eher zum Trost und zur Unterstützung der Eltern, als weil meine Anwesenheit absolut nöthig erschien, im Haus, bis die Nacht fast um und jede Ursache zu unmittelbarer Besorgniß verschwunden war. Auf der Straße draußen fand ich, daß auf die schwarzen Wolken der Gewitternacht ein blaßgraues Zwielicht gefolgt war. Da und dort brannte noch eine Straßenlaterne mit bleichem Licht. So ermattet, daß ich kaum meiner eigenen Gedanken bewußt wurde, ging ich langsam meines Weges, als in einer engen Gasse mein Fuß gegen eine menschliche Gestalt anstieß, die ihrer Länge nach mitten in der Straße lag. Der Schatten der benachbarten Häuser hinderte eine deutliche Unterscheidung. »Ein armer Betrunkener,« dachte ich; und die unvermeidlich mit meinem Beruf verbundene Menschenliebe gestattete mir nicht, einen Nebenmenschen in solcher Weise der Gefahr zu überlassen, von dem nächsten besten schläfrigen Fuhrmann, der des Weges kam, überfahren zu werden. Ich beugte mich daher nieder, um den Menschen aufzuheben. Denke man sich aber mein Entsetzen, als mein Blick dem starren Auge einer Leiche begegnete. Ich fuhr zurück, sah wieder hin – es war das Gesicht des Sir Philipp Derval! Er lag auf dem Rücken, das Antlitz aufwärts gerichtet, und ein dunkler Strom schweiste aus der Brust – ermordet, durch zwei schreckliche Wunden – ermordet vor noch nicht langer Zeit, denn das Blut war noch warm. Betäubt und voll Schrecken beugte ich mich zu dem Todten nieder. Da fühlte ich mich plötzlich an der Schulter berührt.

»Hollah, was ist dies?« sagte eine grobe Stimme.

»Ein Mord!« antwortete ich in hohlem Ton, der sogar meinem eigenen Ohr unheimlich vorkam.

»So scheint's allerdings.«

Und der Polizeidiener, der mich so angeredet hatte, lüpfte die Leiche auf.

»Dem Anzug nach ein Gentleman. Wie ging dies zu? Wie kommen Sie hieher?«

Und der Polizeidiener sah mich argwöhnisch an.

In diesem Augenblick kam ein anderer Polizeidiener, in welchem ich den jungen Mann erkannte, dessen Schwester ich behandelt und geheilt hatte.

»Doktor Fenwick,« sagte der Letztere, indem er achtungsvoll seinen Hut lüpfte.

Bei Nennung meines Namens veränderte der Andere sein Benehmen und murmelte eine Entschuldigung.

Ich hatte mich jetzt hinreichend gesammelt, um über den Namen und den Rang des Ermordeten Auskunft zu geben. Die Polizeidiener brachten die Leiche nach ihrem Wachhaus, und ich begleitete sie. Dann kehrte ich nach meiner Wohnung zurück, warf mich auf mein Bett und verfiel alsbald in Schlaf. Aber in welch einen Schlaf! Nie zuvor hatte ich gewußt, wie schrecklich deutlich Träume werden können. Die Phantasmagorie aus der Naturaliensammlung erneuerte sich. Das Leben erwachte wieder in der Schlange und in dem Tiger; der Skorpion bewegte sich und der Geier schlug mit seinen Flügeln. Auch Margrave war da und Sir Philipp, aber ihre Machtstellung erschien als die umgekehrte; der erstere hatte seinen Fuß auf die Brust der Leiche gesetzt. Ich schlief fort, bis ich durch das Aufgebot geweckt wurde, vor dem Friedensrichter Vigors zu erscheinen, dem die Polizei von dem Mord Meldung gemacht hatte.

Ich kleidete mich hastig an und ging. Auf meinem Weg durch die Straßen bemerkte ich, daß die schreckliche Kunde bereits im Umlauf war. Ich wurde von hundert ängstlichen neugierigen Fragern angeredet.

Das Wenige, was ich wußte, war bald angegeben. Mein Bekanntwerden mit Sir Philipp im Hause des Bürgermeisters, unser zufälliges Zusammentreffen unter dem Bogen, meine Entdeckung der Leiche einige Stunden nachher auf der Rückkehr von meinem Patienten, meine Ueberzeugung als Sachverständiger, daß die That nur sehr kurze Zeit, vielleicht nur einige Minuten vor meinem Auffinden des Opfers stattgefunden haben mußte. Aber wie war in diesem Fall der lange Zwischenraum zwischen der Zeit, als ich Sir Philipp unter dem Bogen verließ, und dem Moment zu erklären, in welchem der Mord begangen wurde? Sir Philipp konnte doch nicht stundenlang in den Straßen herumgewandert sein. Dieses Bedenken war jedoch leicht und bald gehoben. Einer der beschäftigtsten Sachwalter der Stadt, Namens Jeeves, gab an, er sei von der Zeit an, als Sir Philipp majorenn wurde, stets dessen juristischer Agent und Rathgeber und in dieser Eigenschaft mit der ausschließlichen Verwaltung einiger werthvollen Liegenschaften, die der Verstorbene in L– – besaß, betraut gewesen; als Sir Philipp am Tage vorher Nachmittags spät in L– – anlangte, hatte er sogleich Herrn Jeeves rufen lassen und ihm mitgetheilt, daß er im Begriff sei, sich zu verehelichen; er wünsche daher, da die Häuser während seiner Abwesenheit bedeutend im Werth gestiegen seien, volle und ausführliche Auskunft über den diesfallsigen Vermögensstand zu erhalten, da er solcher Nachweise für die Aufsetzung seines Ehevertrags wie überhaupt wegen eines Codicills bedürfe, das er seinem Testament beizufügen wünsche.

Herr Jeeves sei demgemäß aufgefordert worden, alle die Bücher und Angaben, welche auf das gedachte Eigenthum Bezug hätten, für die Nacht zur Einsicht bereit zu halten, da Sir Philipp nach dem Ball, zu welchem ihn der Bürgermeister bei Gelegenheit einer zufälligen Begegnung eingeladen, sich bei dem Sachwalter einfinden wollte. Sir Philipp hatte auch Herrn Jeeves aufgefordert, einen von seinen Schreibern in dem Bureau warten zu lassen, damit derselbe zugleich mit seinem Principal als Zeuge des Codicills dienen könne, das dem Testament beigegeben werden sollte. Sir Philipp war etwas vor Mitternacht nach der Wohnung des Sachwalters gekommen und hatte die bereitgehaltenen Angaben sorgfältig geprüft, dann aber das Codicill zu dem Testament aufgesetzt, das er bei der letzten Besprechung versiegelt Herrn Jeeves in Verwahrung gegeben. Der Letztere gab ferner an, Sir Philipp sei, obschon ein Mann von seltenen Talenten und ausgedehntem Wissen, sehr excentrisch, und sehr gebieterischen Charakters gewesen; daher habe ihn auch die Entschiedenheit, mit welcher der Verstorbene unverweilt einen Akt vollzogen wissen wollte, für den kein dringlicher Anlaß vorhanden zu sein schien, nicht so gewundert, wie wenn ein gewöhnlicher Client dasselbe von ihm verlangt hätte. Sir Philipp habe dabei gesagt, er wolle den anderen Morgen auf Grund der ihm gegebenen Notizen seinen Ehevertrag aufsetzen und nach einem kurzen Besuch in Derval Court die Gegend wieder verlassen, um nach Paris, wo sich seine Braut befinde, zurückzukehren und daselbst der Uebereinkunft gemäß sich trauen zu lassen.

Jeeves hatte ihm zwar bemerkt, wenn er so bald sich zu verehlichen beabsichtige, so dürfte es zweckmäßig sein, eine Revision seiner Vermächtnisse zu verschieben, da er nach der Hochzeit doch ein neues Testament machen werde, Sir Philipp aber einfach darauf geantwortet:

»Das Leben ist ungewiß. Wer kann auf den anderen Morgen rechnen?«

Sir Philipps Besuch in dem Haus des Sachwalters hatte einige Stunden gedauert, da sie nach den Geschäften auf allerlei andere Gegenstände zu sprechen kamen. Die Stunde, in welcher Sir Philipp sich entfernte, wußte Jeeves nicht anzugeben; er konnte nur sagen, er habe ihn bis an die Hausthüre begleitet und dabei zu seiner großen Ueberraschung wahrgenommen, daß es fast Tagesanbruch gewesen.

Sir Philipps Leiche war nicht weit von dem Gasthaus, in welchem er Quartier genommen, aufgefunden worden; er hatte sich also augenscheinlich auf dem Heimweg von dem Sachwalter befunden. Das Hotel gehörte zu den altmodischen und war zu der Zeit, als Sir Philipp England verließ, das erste in L– – gewesen, seitdem aber von dem neuen, mehr im Inneren der Stadt gelegenen, in welchem Margrave wohnte, ausgestochen worden.

Die erste und natürlichste Annahme lief auf einen Raubmord hinaus und fand ein bestätigendes Moment in den Angaben, welche der Diener des Baronet vor Gericht niederlegte.

Sir Philipp hatte nämlich, als er sich nach dem Haus des Bürgermeisters begab, eine Börse bei sich, welche Banknoten und Goldstücke enthielt; diese wurde vermißt.

Der Diener, welcher geläufig Englisch sprach, obschon er ein Albanier war, beschrieb die Börse als mit einem goldenen Schloß versehen, auf welchem Sir Philipps Wappen und die Anfangsbuchstaben seines Namens eingegraben waren. Die Uhr wurde noch an der Leiche vorgefunden.

Und nun begann mein Herz schneller zu pochen, als ich den Diener erklären hörte, daß auch ein stählernes Kästchen fehle, auf welches Sir Philipp einen außerordentlichen Werth legte und das er stets bei sich führte.

Der Albanier schilderte das Kästchen als ein altes byzantinisches Kunstwerk, das durch eine geheime, nur dem Sir Philipp bekannte Feder sich öffne; sein Herr besitze es, so viel er sich erinnern könne, seit ungefähr drei Jahren; er habe es zum erstenmal in dessen Händen bemerkt nach einem Besuch in Aleppo, auf welchem er Sir Philipp nicht begleitet hatte. Er wurde sodann gefragt, ob das Kästchen Gegenstände enthalte, welche es erklärlich machten, daß Sir Philipp einen so großen Werth darauf legte – vielleicht Juwelen, Banknoten, Kreditbriefe und so weiter. Der Mann erklärte dies für möglich, da ihm nie Gelegenheit geboten worden sei, den Inhalt zu untersuchen; so viel wisse er aber gewiß, daß auch Arzneien darin seien, denn er habe gesehen, wie Sir Philipp einige kleine Fläschchen herausgenommen, mit welchen er im Orient bedeutende Kuren bewirkte, namentlich bei Gelegenheit einer Pest in Damaskus, als Sir Philipp unmittelbar nach seinem Besuch zu Aleppo in dieser Stadt anlangte. Fast jeder europäische Reisende gilt im Morgenland als ein Arzt; Sir Philipp war ein Mann von großem Wohlwollen, und sein Diener glaubte steif und fest an seine medicinische Geschicklichkeit. Nach dieser Angabe kam man sehr natürlich allgemein auf die Vermuthung, Sir Philipp sei ein homöopathischer Dilettant gewesen, und das Kästchen habe die Fläschchen oder Kügelchen enthalten, deren sich die Homöopathen zu bedienen pflegen.

Ob Vigors einen rachsüchtigen Triumph darin fand, daß er mich das Gewicht seiner Würde fühlen lassen konnte, oder ob er nur überhaupt in Folge der Aufregung durch einen so ernsten Fall nicht in guter Stimmung war, weiß ich nicht zu sagen; genug, er richtete seine Fragen in einem strengen und unhöflichen Ton an mich und ließ sich dabei auf Dinge ein, die dem Gegenstand der Untersuchung fern zu liegen schienen.

»Doktor Fenwick,« sagte er, indem er seine Stirne runzelte und mich roh fixirte, »hat Sir Philipp Derval in seinem Gespräch mit Ihnen des stählernen Kästchens erwähnt, das er bei sich geführt zu haben scheint?«

Ich fühlte, daß mein Gesicht sich veränderte, als ich mit »Ja« antwortete.

»Theilte er Ihnen etwas über den Inhalt mit?«

»Er sagte, es enthalte Geheimnisse.«

»Was für Geheimnisse, medicinische oder chemische? Geheimnisse, die etwa ein Arzt zu erfahren oder zu besitzen wünschen kann?«

Diese Frage schien mir so beleidigend anzüglich zu sein, daß ich mit stolzer Entrüstung darauf antwortete: ein Arzt, der sich nur einigermaßen eines verdienten Rufs erfreue, glaube nicht an die Kunstgeheimnisse, deren sich die Quacksalber und Charlatane rühmen, und wünsche noch viel weniger in deren Besitz zu kommen.

»Ich wollte Sie mit meiner Frage nicht kränken, Doktor Fenwick, und kann sie daher in einer andern Form stellen. Hat Sir Philipp sich der Geheimnisse seines Kästchens in einer Weise gerühmt, daß dadurch ein Quacksalber oder Charlatan auf den Gedanken kommen könnte, diese Geheimnisse dürften ihm von Nutzen werden?«

»Möglich, wenn er einer solchen Großsprecherei Glauben schenkte.«

»Hum – es wäre also möglich, wenn er daran glaubte. Ich habe vorderhand keine weitere Frage an Sie zu richten.«

Im Lauf der Untersuchung und der Verhöre, welche den ganzen Tag fortgesetzt wurde, kam wenig Erhebliches in Beziehung auf den Ermordeten oder die That zum Vorschein.

Am andern Tag traf ein entfernter Verwandter der jungen Dame, mit welcher Sir Philipp verlobt war, ein Gentleman, mit dem der Ermordete schon seit einiger Zeit in Correspondenz gestanden, in L– – ein. Er war beschieden worden auf eine Andeutung des albanischen Dieners hier, welcher sagte, Sir Philipp habe sich auf dem Weg von Dover nach L– – einen Tag zu London und zwar in dem Hause dieses Herrn aufgehalten.

Der neue Ankömmling, welcher Danvers hieß, verlieh dem Schrecken, welchen der Mord erregt hatte, ein noch rührenderes Pathos. Es schien sich herauszustellen, daß die Beweggründe, welche Sir Philipp in der Wahl seiner Braut leiteten, eigenthümlich rein und edel waren. Den Vater der jungen Dame, einen werthen Universitätsfreund, hatten in Beziehung auf sein Vermögen Unglücksfälle betroffen, die ein mit seinem Tode endigendes Fieber nach sich zogen. Er war vor einigen Jahren gestorben und hatte sein einziges Kind ohne alle Mittel der Sorgfalt und Vormundschaft des Sir Philipp vermacht.

Die Waise wurde in einem unfern von Paris gelegenen Kloster erzogen, und als Sir Philipp vor einigen Wochen aus dem Orient in dieser Stadt anlangte, bot er ihr seine Hand und sein Vermögen an. »Ich weiß aus seinem eigenen Munde, als er in London mit mir von der Sache sprach,« sagte Danvers, »daß er zu diesem Erbieten nur durch das gewissenhafte Verlangen bestimmt wurde, dem Vertrauen, das sein verstorbener Freund in ihn setzte, Ehre zu machen. Sir Philipp war noch zu jung, um eine weibliche Mündel von noch nicht achtzehn Jahren ohne Schaden für ihren Ruf unter sein Dach aufnehmen zu können; um über diese Schwierigkeit wegzukommen, beschloß er, sie zu seiner Frau zu machen. ›Sie wird glücklicher und sicherer sein bei dem Mann, der sie um ihres Vaters willen liebt und ehrt, als in jedem anderen Haus, das ich für sie aufzufinden wüßte,‹ sagte der wackere Mann.«

Dann langte in L– – noch ein anderer Fremder an, den der Sachwalter Jeeves herbeigerufen hatte – ein Fremder für L– – zwar, aber nicht für mich, meine alte Edinburger Bekanntschaft, Richard Strahan.

Das Testament, das Herr Jeeves in Verwahrung hatte, wurde geöffnet und verlesen. Die Urkunde war etwa sechs Jahre vor dem tragischen Tode des Testators gefertigt worden, sehr kurz gefaßt und verfügte mit Ausnahme einiger Legate, von denen das bedeutendste zehntausend Pfund seiner Mündel zuwies, über das ganze Vermögen zu Gunsten Richard Strahans unter der Bedingung, daß er binnen Jahresfrist, von Sir Philipps Ableben an gerechnet, den Namen und das Wappen der Dervale annehme. Das Codicill, welches in der Nacht vor dem Mord dem Testament beigefügt worden, erhöhte das Legat der jungen Dame auf dreißigtausend Pfund und warf dem albanischen Diener einen Jahrgehalt von hundert Pfunden aus. In denselben Umschlag, welcher das Testament enthielt, war auch ein Brief an Richard Strahan, zwei Wochen vor Sir Philipps Ableben von Paris aus datirt, eingesiegelt. Strahan theilte mir das Schreiben mit; es lautete folgendermaßen:

»Richard Strahan, ich rathe Ihnen, das Haus, Derval Court genannt, niederreißen und ein anderes in günstigerer Lage aufbauen zu lassen. Plane dazu, welche Sie nach Ihrem Geschmack oder nach Ihren Bedürfnissen abändern mögen, finden Sie unter meinen Papieren. Dies ist ein Rath, kein Befehl. Dagegen ertheile ich Ihnen die gemessene Weisung, den älteren Theil des Gebäudes, der hauptsächlich von mir bewohnt wurde, abzubrechen und alle die Bücher und Manuscripte, welche Sie in den Truhen meines Studirzimmers finden, ungelesen dem Feuer zu übergeben. Ich ernannte Sie sowohl zum Vollstrecker meines letzten Willens, als zu meinem Erben, weil ich keine persönliche Freunde habe, denen ich so vertrauen könnte, wie ich dem Mann vertraue, der meinen Namen tragen und der Vertreter meiner Familie sein wird, obschon er mir persönlich unbekannt ist. In meinem Schreibpult, das ich auf meinen Reisen immer mit mir führte, befindet sich ein autobiographisches Werk, eine Geschichte meines Lebens mit wissenschaftlichen Entdeckungen oder Winken zu Entdeckungen durch Mittel, die in unseren Tagen wenig gepflegt werden. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen sage, daß ich, ehe ich Sie aus der Menge von mir nicht ferner stehenden Verwandten zu meinem Erben und Testamentsvollstrecker auslas, Nachfragen anstellte, um vor mir selbst meine Wahl zu rechtfertigen. Das Resultat dieser Erkundigungen ist, daß Sie nicht die besonderen Kenntnisse, wie überhaupt auch nicht die geistige Richtung besitzen, wodurch Sie befähigt würden, über Dinge zu urtheilen, die ein specielles Wissen und praktische Uebung darin fordern; dagegen habe ich in Erfahrung gebracht, daß Ihr Charakter treu und ehrenhaft ist, und daß Sie den letzten Willen eines Wohlthäters als heilig achten werden. Ich verlange daher von Ihnen, daß Sie das besagte Manuskript einem Manne mittheilen, in dessen Ehrenhaftigkeit und Menschenliebe Sie volles Vertrauen setzen können, und der vertraut ist mit dem Studium der positiven Wissenschaften, namentlich mit der Chemie und den dazu gehörigen Zweigen, Elektricität und Magnetismus. Mein Wunsch ist, daß er diese Denkschrift ordne und für die Veröffentlichung herrichte; wo er aber einen gewissenhaften Zweifel fühlt, ob eine Entdeckung oder ein darauf abzielender Wink der Menschheit nicht vielmehr zum Schaden, als zum Nutzen gereichen könnte, da möge er mit andern drei Männern der Wissenschaft, deren Namen eine Bürgschaft bietet für ihre Rechtschaffenheit und ihre Kenntnisse, sich berathen, um sodann nach vereintem bestem Urtheil die beanstandete Stelle zu veröffentlichen oder zu verwerfen. Ich gestehe meinen Ehrgeiz, der mich ursprünglich Studien von sehr ungewöhnlichem Charakter zugeführt und veranlaßt hat, ihnen vermittelst einer vieljährigen freiwilligen Verbannung in Ländern nachzugehen, in welchen ich den besten Vorschub finden konnte – den Ehrgeiz, den Ruf eines kühnen Entdeckers in jenen verborgenen Winkeln der Natur zu hinterlassen, welche die Philosophie bisher dem Aberglauben preisgegeben hat. Aber ich fühle in dem Augenblicke, in welchem ich diese Zeilen niederschreibe, oder fürchte wenigstens, ich könnte in dem einseitigen Interesse für Untersuchungen, welche dazu dienen, die wunderbare Gewalt des Menschen über alle Materie, belebte sowohl als leblose, mein eigenes moralisches Auffassungsvermögen abgestumpft haben, so daß vielleicht in dem, was ich aus reinem Drang, verborgene Wahrheiten zu erforschen, mir eigen zu machen suchte, viel liegt, das mehr geeignet ist, zu schlimmen Zwecken mißbraucht, als zu wohlthätigen benützt zu werden. Hiefür nun wünsche ich mir einen an strenges logisches Denken gewöhnten Geist, der sich nicht beeinflussen läßt durch die Begeisterung, welche vielleicht mein eigenes Urtheil verdunkelt hat, zum vorurtheilsfreien Schiedsrichter. So sehr mir der Ruhm, welcher das Andenken eines Menschen zum gemeinsamen Erbtheil Aller macht, am Herzen lag und noch liegt, so wäre es mir doch unendlich lieber, wenn mein Name mit meinem letzten Athemzug erlösche, als daß ich meinen Nebenmenschen ein Stück Wissen hinterließe, das vielleicht der Gute zu nützen verschmäht, der Böse aber gewissenlos mißbraucht. Auf allen meinen Wanderungen führe ich ein stählernes Kästchen mit mir; ich erhielt es mit seinem Inhalt von einem Mann, dessen Andenken ich hoch verehre. Sollte ich während meines Lebens Jemand finden, den ich nach sorgfältiger Charakterprüfung meines Vertrauens würdig halten kann, so beabsichtige ich, ihm das Geheimniß mitzutheilen, wie die Pulver und Essenzen meines Kästchens, die ich selbst anzuwenden wagte, bereitet und gebraucht werden müssen. Mit andern habe ich nie einen Versuch gemacht; auch weiß ich nicht, wie sie zu ersetzen wären, wenn sie verloren oder vergeudet würden. Der Inhalt des Kästchens wäre jedoch in den Händen eines Jeden, der über die Verwendungsweise nicht gehörig unterrichtet ist, entweder nutzlos oder könnte durch achtlosen oder unwissenden Gebrauch die gefährlichsten Folgen nach sich ziehen. Wenn ich also sterben sollte, ohne den Vertrauten, den ich suche, gefunden und namentlich bezeichnet zu haben, so befehle ich Ihnen, alle die Pulver und Essenzen, welche sich in dem Kästchen vorfinden, in laufendes Wasser auszuleeren, in dem sie sich unschädlich auflösen werden. Unter keinen Umständen dürfen sie ins Feuer kommen!

Dieser Brief, Richard Strahan, kömmt Ihnen nur zu Gesicht, wenn die Plane und Hoffnungen, die ich auf meine irdische Zukunft baute, durch den Tod vereitelt sind. Ich erwarte zwar nicht, daß dies geschieht, aber ich muß mich für die Möglichkeit durch mein Testament und dieses Schreiben vorsehen. Ich bin im Begriff, England wieder zu besuchen, trotz der Warnung, daß mir daselbst eine Gefahr bevorstehe, die näher zu kennen ich verschmähte, weil ich nicht wünschte, daß die niedrige Furcht vor einer persönlichen Gefahr meine Kraft bei Erfüllung einer ernsten, feierlichen Pflicht lähme. Ueberstehe ich sie, so werden Sie nicht mein Erbe sein; mein Testament wird dann abgeändert, dieser Brief aber vernichtet werden. Ich stehe im Begriff, einen Bund einzugehen, der mir ein bisher nie gekostetes Glück in Aussicht stellt, obschon es für die Menschen so gewöhnlich ist, die traulichen Gefühle einer Heimath und die Liebkosungen von Kindern, unter denen ich vielleicht eines finde, dem ich seiner Zeit in meinem Wissen ein edleres Erbe hinterlassen kann, als meinen Grundbesitz. Doch auch in diesem Fall beabsichtige ich, für Ihre zeitliche Stellung zu sorgen, und die Summe, welche das Codicill meiner Verlobten bestimmt, soll an dem Tage meiner Trauung Ihnen überwiesen werden. Wissen Sie, warum der Mann, der Sie nie gesehen hat, Ihnen diesen Vorzug vor allen seinen anderen Verwandten zu Theil werden läßt – warum mein Herz bei Ihrem Bild erwarmt, während ich dieses schreibe? Richard Strahan, Ihre einzige Schwester, viele Jahre älter als Sie, der damals noch ein Knabe – war der Gegenstand meiner ersten Liebe. Wir sollten uns heirathen, denn Ihre Eltern unterhielten in mir den trüglichen Glauben, daß sie meine Neigung erwiedere. Mit seltener und edler Offenherzigkeit gestand sie mir, daß ihr Herz einem Anderen gehöre, der nicht die weltlichen Vortheile des Reichthums und der Stellung besaß. Ich verzichtete auf ihre Hand, und es gelang mir, ihre Eltern mit ihrer Wahl zu versöhnen. Für ihren Mann gewann ich einen Posten, der ihn nährte, und Ihrer Schwester wies ich die Mitgift an, welche bei ihrem Tod auf Sie als auf den Bruder überging, den sie mit mütterlicher Liebe gepflegt hatte; es wurde Ihnen dadurch wenigstens eine bescheidene Unabhängigkeit gesichert.

Wenn diese Zeilen an Sie gelangen, so werden Sie daraus ersehen, daß ich Anspruch habe auf ehrerbietigen Gehorsam gegen meine Befehle, die Ihnen vielleicht abenteuerlich oder wohl gar unvernünftig erscheinen. Erkennen Sie darin eine Schuld an Ihre heimgegangene Schwester und vergelten Sie mir die Liebe, die ich um ihrerwillen gegen Sie im Herzen getragen habe.«

Während ich dieses lange und seltsame Schreiben durchlas, saß Strahan, das Antlitz mit seinen Händen bedeckt, an meiner Seite und vergoß ehrliche Thränen um den Mann, der ihn mächtig und reich gemacht hatte.

»Sie werden sich wohl dem Auftrag unterziehen, der mir in diesem Brief gegeben wurde,« sagte er, indem er sich zu fassen suchte. »Sie werden diese Denkschrift lesen und herausgeben, denn Sie sind ganz der Mann, den er selbst gewählt haben würde. Ihre Ehrenhaftigkeit und Menschenliebe kann keinem Zweifel unterliegen; auch haben Sie mit Erfolg die Wissenschaften studirt, welche er als Erfordernisse für das von ihm gewünschte Werk verlangt.«

Dieses Ansinnen erfüllte mich, obschon es mich nicht ganz unvorbereitet traf, anfangs mit einem unbestimmten Schrecken. Es war mir, als würde ich mehr und mehr in ein geheimniß- und unheilvolles Gewebe verstrickt. Doch ging dieser Impuls bald in dem Drang einer glühenden, unwiderstehlichen Neugierde unter.

Ich versprach, das Manuskript zu lesen und bat, um meinem Geist den Zweck und die Wünsche des Hingeschiedenen stets vorhalten zu können, um die Erlaubniß, von dem eben gelesenen Brief eine Abschrift nehmen zu dürfen. Strahan ging bereitwillig hierauf ein, und ich habe in den vorstehenden Zeilen den treuen Inhalt dieser Copie gegeben.

Als ich Strahan fragte, ob er das Manuscript gefunden habe, antwortete er mit Nein; er habe noch nicht den Muth gehabt, die Papiere des Hingeschiedenen zu untersuchen, wolle es aber jetzt thun. Er gedenke, in einem oder zwei Tagen nach Derval Court zu gehen und dort zu bleiben, bis der Mörder entdeckt sei, da dies ohne Zweifel der Wachsamkeit der Polizei bald gelingen werde. Erst dann beabsichtige er Sir Philipps Ueberreste, obschon sie bereits im Sarg lägen, in dem Familiengewölbe beizusetzen.

Strahan schien der abergläubischen Meinung Raum zu geben, daß der Mörder der Hand der Gerechtigkeit eher entrinnen könne, wenn das Opfer ungerächt dem Grab überantwortet werde.

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