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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 35
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Langsam und mit gesenktem Haupt, in Betrachtungen vertieft, ging ich meines Weges, hatte jedoch kaum den breiten Platz, in welchem die Hauptstraßen zusammenliefen, erreicht, als ich von einem heftigen Regenschauer überfallen wurde. Dies bewog mich, unter dem dunklen Bogen an dem Eingang des Abteibergdistrikts, welcher noch immer das Mönchsthor heißt, Schutz zu suchen. Die Dunkelheit war hier so tief, daß ich erst die Nähe eines Gefährten bemerkte, als dieser dicht an meiner Seite meinen Namen nannte. Ich erkannte Sir Philipp Dervals Stimme, noch eh' ich seine Gestalt unterscheiden konnte.

»Das Unwetter wird bald vorüber sein,« sagte er ruhig. »Ich sah es in rechter Zeit herankommen. Ich fürchte, Sie haben nicht auf die drohenden schwarzen Wolken geachtet und werden wohl jetzt tüchtig durchnäßt sein.«

Ich gab keine Antwort, sondern bewegte mich unwillkührlich nach dem Ausgang des Bogens hin.

»Ich sehe, Sie sind mir noch immer bös,« nahm Sir Philipp wieder auf. »Haben Sie eine so unversöhnliche Natur?«

Etwas milder gestimmt von dem freundlichen Ton seines Vorwurfs entgegnete ich halb im Scherz, halb im Ernst:

»Sie müssen gestehen, Sir Philipp, daß ich einige Berechtigung habe zu dem unchristlichen Aerger, auf den Ihre Frage hinweist; doch kann ich Ihnen unter einer Bedingung verzeihen.«

»Die wäre?«

»Daß Sie mir auf eine halbe Stunde das stählerne Kästchen, welches Sie bei sich führen, überlassen und mir erlauben, seinen Inhalt zu analysiren und Proben damit anzustellen.«

»Die Analyse wird Sie nicht aufklären über die Nutzanwendung, die davon zu machen ist,« versetzte Sir Philipp trocken. »Aber ich will Ihnen offen gestehen, daß es in meiner Absicht liegt, mir unter den Männern der Wissenschaft einen Vertrauten auszulesen, dem ich ohne Gefahr die wundervolle Eigenthümlichkeit einiger der in meinem Kästchen befindlichen Stoffe mittheilen kann. Ich werbe um Ihre Bekanntschaft – will sagen, Freundschaft – in der Hoffnung, daß ich in Ihnen diesen Vertrauten finde. Mein Kästchen enthält übrigens noch andere Compositionen, die, wenn sie nutzlos verbraucht würden, sich nicht wieder ersetzen lassen, wenigstens durch keinen der Prozesse, die mir der große Meister, welchem ich sie verdanke, kund gethan hat. Sie sind in dieser Beziehung dem Diamant zu vergleichen. Der Chemiker hat zwar gefunden, daß er bei der Verbrennung reine Kohlensäure liefert, und daß der einzige chemische Unterschied zwischen dem kostbarsten Brillianten und einem Stückchen reiner Holzkohle in einer Zugabe von Wasserstoffgas besteht, welcher nicht einmal ein Fünfzigtausendstel von dem Gewicht der Substanz erreicht; aber kann der Chemiker einen Diamanten machen?

»Diese also, die mächtigsten, aber auch die gefährlichsten Stoffe unter dem Inhalt meines Kästchens lasse ich keiner wissenschaftlichen Untersuchung, keiner Probe unterwerfen. Sie sind die Schlüssel zu den maskirten Thüren in den Bollwerken der Natur, durch die kein Sterblicher eintreten kann, ohne die furchtbaren Schildwachen zu wecken, welche man nie diesseits der Mauer zu Gesicht bekömmt. Die Kräfte, welche sie verleihen, sind Geheimnisse, die in meiner Brust verschlossen bleiben und mit mir zu Grabe gehen sollen; denn das Kästchen, das auf meiner Brust ruht, wird nur in die Hände eines Anderen übergehen, wenn ich mit meinem letzten Athemzug im Leben und meinem ersten in der Ewigkeit auch meine übrigen irdischen Besitzungen abgebe.«

»Sir Philipp Derval,« sagte ich, denn ich wollte den Berufungen an meine Phantasie oder an meine Scheu, die in so befremdlichen Worten und im Tone ernster Ueberzeugung mitten unter dem Leuchten des Blitzes, dem Geheul des Sturms und dem Krachen des Donners gegen mich versucht wurden, keinen Einfluß gestatten, »Sir Philipp Derval, Sie bedienen sich gegen mich einer Sprache, die ich, hätte ich die Kräfte, die Ihnen zu Gebot stehen, nicht selbst erfahren, mit der Verachtung, welche den Prahlereien eines Marktschreiers gebührt, oder mit dem Mitleiden behandeln müßte, welches wir der krankhaften Leichtgläubigkeit eines Bethörten zu Theil werden lassen. Wie übrigens die Sachen stehen, danke ich für das Vertrauen, mit dem Sie mich zu beehren gedenken, da Sie, wie es scheint, Bedingungen daran zu knüpfen willens sind. Mein Beruf überläßt alle Droguen, die nicht analysirt werden dürfen, alle Geheimnisse, welche die Veröffentlichung scheuen, den Quacksalbern. Ich kann Sie in Derval-Court nicht besuchen und bin nicht geneigt, mich freiwillig wieder in die Gewalt eines Mannes zu begeben, der sich im Besitz von Künsten befindet, welche ich ihrem Wesen nach nicht soll untersuchen dürfen und die es ihm möglich machen, meiner Einbildungskraft zu imponiren und mir meinen Verstand wegzustehlen.«

»Ueberlegen Sie wohl, eh' Sie einen Entschluß fassen,« versetzte Philipp mit feierlichem Ernste. »Wenn Sie es ablehnen, sich von mir warnen und bewaffnen zu lassen, so dürfte Ihr Verstand und Ihre Einbildungskraft Einflüssen unterliegen, die ich nur durch die Versicherung erklären kann, daß wirklich etwas Wahres an den uralten Sagen ist, welche Zeugniß ablegen von dem Bestehen der Magie.«

»Magie?«

»Es gibt eine doppelte Magie – die schwarze oder böse, welche in das Bereich der Zauberkunst oder Hexerei gehört, und die reine, wohlthätige, welche nur Naturwissenschaft ist, angewendet auf gewisse Geheimnisse, die nicht auf dem vielbetretenen Pfade der gewöhnlichen Erkenntniß liegen, wohl aber den Weisen des Alterthums bekannt waren und noch jetzt die Mythen hingeschwundner Rassen zu enträthseln vermögen.«

»Sir Philipp,« unterbrach ich ihn mit ärgerlicher Ungeduld, »glauben Sie wirklich, daß ein solches Kauderwelsch eines Mannes von Ihren Kenntnissen und Ihrer Stellung würdig sei, so verschwenden Sie jedenfalls Ihre Zeit, wenn Sie sich damit an mich wenden. Ich muß wohl schließen, daß Sie mich für irgend einen Zweck zu benützen wünschen, den ich für einen ehrlichen und aufrichtigen zu halten berechtigt bin, sofern Sie von mir nur wissen, daß ich Ihrem Verwandten einen Dienst geleistet habe, der meinen Charakter in Ihren Augen nicht herabwürdigen kann. Wenn es, wie Sie angedeutet haben, in Ihrer Absicht liegt, einen Mann zu entlarven und unschädlich zu machen, der sich mit Verbrechen beladen und von dem die ihn aufnehmende Gesellschaft mit Gefahr bedroht ist, so müssen Sie mir andere Beweise liefern, als solche, die aus der Magie geschöpft sind. Wollen Sie mich gegen die Person, die Sie anschuldigen, einnehmen, so darf dies nicht durch Pulver und Räuchereien geschehen, die das Gehirn in Verwirrung bringen, sondern durch wesenhafte Angaben, die dem Menschen ein Recht verleihen, einen andern zu verdammen. Und da Sie es für passend gehalten haben, mich zu überzeugen, daß chemische Mittel zu Ihrer Verfügung stehen, welche so auf die Einbildungskraft wirken, daß man vorübergehend Blendwerke für Wirklichkeiten hält, so muß ich wiederholt und noch entschiedener als vorher verlangen, daß Sie alle solche unerlaubte und betrügliche Mittel bei Seite lassen und sich bloß an meinen nüchternen Verstand wenden, wenn es Ihnen darum zu thun ist, Ihren Zweck klar zu machen oder Ihre Anschuldigungen gegen einen Mann zu vertheidigen, den ich unter meine Bekannten zähle. Lassen Sie das Kästchen mit seinem ganzen Inhalt in meine Hände übergehen und geben Sie mir dabei Ihr Wort, daß Sie sich keine anderen Mittel vorbehalten, durch welche die Chemie zu Einflüssen über den physischen Organismus mißbraucht werden kann, welche Unwissenheit oder Betrug auf Rechnung der Magie schreiben könnte.«

»Ich lasse mir für mein Vertrauen keine Bedingungen vorschreiben, obschon der Umstand, daß Sie dieselben stellen, meine gute Meinung von Ihnen nur erhöht. Wenn ich am Leben bleibe, werden Sie mich selbst aufsuchen und meine Hülfe anflehen. Inzwischen hören Sie mich an und –«

»Nein. Ich ziehe den Regen und den Donner den Einflüsterungen vor, die mir in der Dunkelheit ein Mann zugehen läßt, vor welchem ich mich in Acht zu nehmen Ursache habe.«

Mit diesen Worten machte ich einen Schritt vorwärts. Im nämlichen Augenblick erhellte ein Blitzstrahl die Nacht und das Gesicht des an meiner Seite stehenden Mannes. Es sah bleich aus wie das einer Leiche, hatte aber dabei den Ausdruck der Ruhe und des Mitleids.

Ich zögerte, denn dieses farblose Antlitz rührte mich; es lag nichts darin, was Mißtrauen oder Furcht hätte einflößen können.

»Entsprechen Sie meinem Verlangen,« sagte ich sanft. »Das Kästchen –«

»Es ist nicht das Bedenken des Mißtrauens, das Sie jetzt zu dieser Forderung veranlaßt, sondern die Neugierde – eine an sich furchtbare Versucherin. Besäßen Sie aber in diesem Augenblick, was Sie wünschen, so würden Sie es bitter bereuen.«

»Sie gehen also nicht ein auf mein Begehren?«

»Nein.«

»So werden wohl Sie es zu bereuen haben, wenn anders Sie meiner wirklich bedürfen.«

Ich trat unter dem Bogen hervor ins Freie hinaus. Der Regen hatte aufgehört, und der Donner rollte aus größerer Entfernung. Nachdem ich die andere Seite des Weges erreicht hatte, blickte ich nach der Ecke einer Straße zurück, welche nach meinem Haus führte. Da blitzte es wieder auf, aber die Helle war verhältnißmäßig schwach und rasch vorübergehend, so daß sie nicht in das Dunkel des Bogens eindrang und mich Sir Philipps Gestalt unterscheiden ließ; dagegen bemerkte ich unter der Basis des an das Thor sich anlegenden äußeren Strebepfeilers einen Körper, der wie um Schutz zu suchen sich zusammengekauert zu haben schien. Die Umrisse waren jedoch so unbestimmt und verloren sich so schnell wieder in der flüchtigen Helle, daß ich nicht unterscheiden konnte, ob es ein Mensch oder ein Thier war. Hatte ein zufällig Vorübergehender hier ein Unterkommen vor dem Regen gefunden und einen Theil unseres seltsamen Gespräches mit angehört, so mochte er sich wohl, dachte ich mit einem halben Lächeln, wunderliche Vorstellungen von uns machen.

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