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Eine seltsame Geschichte

Edward Bulwer-Lytton: Eine seltsame Geschichte - Kapitel 34
Quellenangabe
authorEdward Bulwer-Lytton
titleEine seltsame Geschichte
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
year1861
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170620
projectidf7a86070
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Ich erinnerte mich alles dessen, was ich eben zu beschreiben versucht habe, deutlich und lebhaft; nur in Beziehung auf die Zeit kam es mir vor, es müßten viele Stunden verstrichen sein, seit ich mit Margrave das Museum betreten. Als jedoch meine Augen, die ich gedankenvoll durch das Gemach gleiten ließ, der Uhr auf dem Kaminsims begegneten, machte ich zu meinem großen Staunen die Wahrnehmung, daß zu den Erscheinungen, deren Erzählung mich so viele Zeit kostete und die in ihrem Verlauf mir wie im Flug so viele meiner früheren Erfahrung fremde Ideen und Empfindungen vorführten, fünf Minuten ausgereicht hatten.

Auf das Staunen folgte Scham und Unwillen – Scham, daß ich, der ich die Möglichkeit und Glaubwürdigkeit des sogenannten mesmerischen Einflusses so bitter verspottet hatte, unter der Hand des schmächtigen Menschen an meiner Seite zur hülflosen Puppe und von einem phantasmagorischen Blendwerk so krankhaft aufgeregt werden konnte; Unwillen, daß einige Räucherharze, die specifisch auf das Gehirn wirkten, mich solchergestalt aus meinen Sinnen hinauszuzaubern vermochten. Als ich daher voll zu dem ruhigen Antlitz neben mir aufblickte, sagte ich mit einem Lächeln, in das ich den Ausdruck der Verachtung zu legen suchte:

»Ich gratulire Ihnen, Sir Philipp Derval, daß Sie auf Ihren Reisen im Orient sich eine solche Geschicklichkeit in den Kunststücken der Gaukler angeeignet haben.«

»Der Orient hat ein Sprüchwort,« versetzte Sir Philipp gelassen, »der Gaukler könne von dem Derwisch, nicht aber der Derwisch von dem Gaukler lernen. Sie werden mir übrigens die Wirkung, welcher ich Sie einige Minuten aussetzte, was auch die Ursache derselben sein mag, zu gute halten, da sie dazu dienen dürfte, Ihr ganzes Leben vor Unglücksfällen zu bewahren, die Ihnen sonst zustoßen könnten. Mögen Sie nun das, was Sie eben erfahren haben, für eine bloße optische Täuschung, oder für die Ausgeburt eines durch das Räucherwerk überreizten Gehirns halten – gleichviel, ich bitte Sie, einen Blick in Ihr Inneres zu thun und mir zu sagen, ob Ihnen da nicht, ohne daß Sie sich einen Grund dafür angeben können, die Ueberzeugung begegnet, es sei mehr Grund vorhanden, das Geschöpf, das Sie unter dem Rachen der todten Riesenschlange verließen, zu meiden und zu fürchten, als der Fall wäre, wenn der Schlange selbst ihr giftiger Hauch zurückgegeben würde.«

Ich schwieg, denn ich konnte nicht in Abrede ziehen, daß ich wirklich diese Ueberzeugung hegte.

»Sie werden, wenn Sie sich erst von der Verwirrung oder dem Aerger erholt haben, der vorläufig noch Ihre Eindrücke stört, vorbereitet sein, meine Berichte und Erklärungen mit einem ganz anderen Geist anzuhören, als ich dies von Ihnen erwarten durfte, eh' ich mit Ihnen dieses Experiment vornahm, zu dem Sie mich, wie Sie sich erinnern werden, eingeladen und herausgefordert haben. Jetzt sind Sie, wie ich hoffe, geeignet, mein Vertrauter und mein Gehülfe zu werden, und in der Lage, mich mit Ihrem Rath zu unterstützen, wo sich's im Interesse der Menschheit um ein gemeinsames Operiren handelt gegen die eingefleischte Lüge, das dem gewöhnlichen Naturgesetz Trotz bietende Ungeheuer, das in dem Bilde frohherziger Jugend sich unter den Leuten umtreibt. Vorderhand verlasse ich Sie. Ich habe noch heute Nacht in dieser Stadt ein weltliches Geschäft abzumachen und bleibe bis morgen Abend in L– –, um dann nach Derval Court aufzubrechen. Suchen Sie mich übermorgen zu einer beliebigen Stunde dort auf. Adieu.«

Sir Philipp stand auf und verließ das Zimmer, ohne daß ich den Versuch machte, ihn zurückzuhalten. Mein Geist hatte zu sehr mit sich selbst zu schaffen, um wieder zur Ruhe zu kommen und sich so wohl die Erscheinungen, die ihn aufgestört, als die Kraft der Eindrücke erklären zu können, die ihn noch immer gefesselt hielten.

Ich suchte natürliche und vernunftmäßige Ursachen für die regelwidrigen Wirkungen aufzufinden.

Lord Baco stellt die Vermuthung auf, die Salben, mit welchen die Hexen sich einrieben, dürften eine Verstopfung der Poren und einen Blutandrang zum Gehirn bewirkt haben; in Folge davon träumten die unglücklichen, von ihrer eigenen Einbildungskraft bethörten Geschöpfe so lebhaft, daß sie beim Erwachen die Ueberzeugung festhielten, sie seien durch die Luft zu dem Sabbath geführt worden.

Auch erinnere ich mich aus dem Mund eines vielgereisten berühmten Franzosen, dessen Glaubwürdigkeit über allen Zweifel erhaben ist, gehört zu haben, er sei selbst Zeuge der außerordentlichen Wirkungen gewesen, welche ein sogenannter afrikanischer Zauberer durch gewisse Räucherungen auf das Gemeingefühl hervorzubringen vermochte. Unter dem Einfluß derselben glaubte Jedermann, wie gesund auch sein Hirn sein mochte, die schrecklichsten Erscheinungen zu sehen.

So außerordentlich auch solche Wirkungen erscheinen mögen, stehen sie doch nicht im Widerspruch mit unseren Vorstellungen von anerkannten Naturgesetzen. Ich war daher geneigt, dem Dunst oder den Gerüchen, welche durch das in die Lampenflamme gestreute Pulver erzeugt worden, ähnliche Eigenthümlichkeiten beizulegen, wie sie Baco der Hexensalbe und der französische Reisende den Räucherungen des afrikanischen Zauberers zuschreibt.

Aber während ich zu diesem Schluß kam, bemächtigte sich meiner eine lebhafte Neugierde in Betreff der chemischen Stoffe, mit denen Sir Philipp Derval augenscheinlich so vertraut war; ich hätte gar zu gerne mit dem Inhalt des stählernen Kästchens Proben angestellt. Nicht weniger brannte ich vor Begier, obschon sich unwillkührlich eine Art Furcht darein mischte, Alles zu erfahren, was mir Sir Philipp von Margrave's früherer Geschichte mitzutheilen wußte. Ich konnte mir den Gedanken nicht aus dem Sinn schlagen, der junge Mann müsse wirklich ein schwerer Verbrecher sein, denn von einer Person in Sir Philipps Jahren und hoher Stellung ließ sich nicht wohl annehmen, daß sie Anschuldigungen nur ins Blaue hineinschleudere und so außerordentliche Mittel aufbiete, um nicht so fast meine Vernunft, sondern meine Einbildungskraft gegen einen Jüngling zu stimmen, an welchem keine von den Zeichen zu bemerken waren, die der Argwohn als Schuld zu deuten geneigt ist.

In solche Gedanken vertieft, erhob ich meine Augen und sah Margrave selbst dort unter der Thüre des Ballsaals, an derselben Stelle, wo Sir Philipp mir zuerst ihn als den Verbrecher bezeichnet hatte, den aufzusuchen und zu entwaffnen er nach L– – gekommen war. Und jetzt wie damals erschien Margrave als der strahlende Mittelpunkt einer fröhlichen Gruppe, so daß selbst der göttliche Knabe Bacchus, wie ihn etwa ein griechisches Basrelief oder Gemälde in Mitte seiner Nymphen darstellt, kaum einen treueren Typus des spielend heiteren Lebensmuthes einer sinnlichen Natur hätte abgeben können. Er mußte, während ich meinen Gedanken nachhing, von mir unbemerkt aus dem Museum durch das Gemach, in welchem ich saß, gekommen sein; auch war in dem lebhaften Gesicht so wenig von dem Schrecken zu bemerken, welchen ihm Sir Philipps Annäherung eingeflößt, wie von der Veränderung, die es in meiner Ekstase oder Phantasie durchgemacht hatte.

Als er meiner ansichtig wurde, verließ er seine jugendlichen Gefährtinnen und kam fröhlich an meine Seite.

»Haben Sie mich nicht vor einer halben Stunde aufgefordert, mit Ihnen nach dem Museum zu gehen, oder träumte mir, daß ich Sie dahin begleitete?«

»Ja, Sie gingen mit mir in das Museum.«

»Dann bitte ich – welches langweilige Thema haben Sie gewählt, daß ich darüber einschlief?«

Ich sah ihn scharf an und gab keine Antwort. Einigermaßen zu meiner Erleichterung hörte ich jetzt die Stimme meines Wirths.

»Ei, Fenwick, was ist aus Sir Philipp Derval geworden?«

»Er ist fortgegangen, hat noch ein Geschäft abzumachen.«

Und während ich sprach, faßte ich Margrave wieder scharf ins Auge.

Sein Gesicht zeigte jetzt eine Veränderung – keinen Zug der Ueberraschung oder des Schreckens, sondern vielmehr ein Lippenspiel, ein Blitzen des Auges, das Freude, sogar Triumph andeutete.

»So, Sir Derval? Er befindet sich in L– –, ist heute Abend hier gewesen? So! Wie ich erwartete.«

»Sie haben es erwartet?« entgegnete unser Wirth. »Das wird sonst Niemand von sich behaupten können. Wer hat Ihnen von ihm Mittheilung gemacht?«

»Die Bewegungen so ausgezeichneter Menschen dürfen uns nie überraschen. Ich wußte, daß er jüngst noch in Paris war. Natürlich kam er dann auch hieher. Ich war auf seine Ankunft gefaßt.«

Margrave trat nun an das Fenster, öffnete es und schaute hinaus.

»Es ist ein Sturm im Anzug,« sagte er und fuhr fort, in die Nacht hinaus zu sehen.

War's möglich, daß Margrave so gar nichts wußte von dem, was in dem Museum vorgefallen, und daß er sich nicht einmal der Anwesenheit Sir Philipp Dervals, eh' er besinnungslos wurde oder in Schlaf verfiel, erinnern konnte? Hatte er jetzt zum erstenmal Kunde von Sir Philipps Aufenthalt in L– – und seinem Besuch im Haus erhalten? Mußte man seine Worte und seine Mienen als eine Drohung deuten?

Ich fühlte, daß die Unruhe meiner Gedanken sich in meinem Gesicht und in meinem Benehmen ausdrückte, und da ich mich nach Einsamkeit und frischer Luft sehnte, so verließ ich das Haus. Auf der Straße draußen wandte ich mich um und sah Margrave noch immer am offenen Fenster stehen. Doch schien er mich nicht zu bemerken; er starrte gedankenvoll in den Raum hinaus.

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